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Ausgabe:

1910

Spalte:

90-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bonus, Arthur

Titel/Untertitel:

Die Kirche 1910

Rezensent:

Vorbrodt, Gustav

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bei einer langfamen fchwierigen Syftembildung andauert, in einen andern, befriedigenderen Zufammenhang einHerder
bat fie nach der Bückeburger religiöfen Siedezeit ! fügen müffen. — Da, wie fchon früher Wehrung, fo jetzt
allmählich verloren; auch bei Schleiermacher hält fie der , S. darauf hinweift, daß von mir eine Unterfuchung über
Ernüchterung und'dem zugleich beginnenden Drängen i das Verhältnis Schleiermachers zu Herder zu erwarten
auf begriffliche Schärfe nicht ftand. Zugleich wirkt (was : fei, fo geftatte ich mir die Bemerkung, daß ich noch
allerdings S. nicht zugibt) der veränderte Gottesbegriff lange gehindert fein werde, diefen Plan auszuführen; es
und die allmähliche Ausbildung des eigentümlichen Ge- wäre daher nur im Intereffe der Sache, wenn ein anderer
fühlsbegriffs ein, der im Gefühl den einheitlichen Grund die wichtige Aufgabe übernähme,
des Denkens und Wollens, d. h. den Zufammenhang mit Marburg a. d. L. Horft Stephan

dem Abfoluten, findet. So ändern fich die drei De- |___ J__

finitionsbegriffe der Religion — eine neue Definition wird

nötig. EsÄff von vornherein wahrfcheinlich, daß dabei Bonus, Arthur, Die Kirche. (Die Gefellfchaft, Sammlung
auch der Religionsbegriff felbft Änderungen erleidet. Aber fozialpfychologifcher Monographien. Herausgegeben
fie verlaufen fo allmählich, daß Schleiermacher fie noch von Martin Buber. 26.) Frankfurt a. M., Literarifche
in Reden2 nicht als folche empfindet. S. kann einen Anftalt (1909). (91 S.) 8° Kart. M. I.CO; geb. M. 2 —
Bruch nur gegen die ausdrückliche Erklärung Schleier- a a ■

machers und unter ffarken Preffungen einiger Stellen i N,achdem ^d. 2 die Religion (liehe Anzeige diefer
behaupten. Es handelt fich überall mehr um ver- Zeitfchr. 1908 Nr 5) m.t deni fozialpfychologifchen Orga-
änderte Betonung der in beiden Auflagen vorhandenen nismus der Menfchheit in Zufammenhang gefetzt hat,
Elemente der Religion. Immerhin liegt hier ein Haupt- ; will diefes Heft die Kirche als fozialpfychologifches Ge-
verdienft S.s: er weift kräftig auf einzelne Punkte hin, bilde yerftehen lehren und zwar mit dem Vorgeben
an denen die vielbeklagte, aber noch nicht im einzelnen , fozialpfychologifcher Methoden So verdienftlich und
aufgewiefene Einfeitigkeit der Glaubenslehre (gegenüber ! förderlich diefe Art der Behandlung ift, in der die Vörden
reicheren Anfätzen der urfprünglichen Reden) ein- 1 liegende Publikation die Priorität hat und Anregung
fetzt. Schleiermacher muß bei der Weiterbildung des bieten kann, fo durfte dem Autor doch der Einblick
Religionsbegriffs die Anfchauung fallen laffen, vermag 1 m die modern-empirifche Völkerkunde, Soziologie und
aber nicht, ihren vollen Gehalt in die neue Theorie | Religionspfychologte zu fehr fehlen, um mit einem an
hinüberzuretten. Am verhängnisvollften ift dabei viel- ; foziologifchen Elementarorganismen gefchärften Auge
leicht eine Folge, die S. merkwürdigerweife nicht heraus- die komplexen und fchwierigen Gebilde der Kirche, die
arbeitet. Die Anfchauung läßt naturgemäß die Bedeutung | er nicht immer als chriftliche fcharf faßt, zu überblicken
des Einzelnen, Individuellen, damit aber auch gefchicht- und darzulegen. In der feuilletoniftifch-geiftreichelnden,
licher Perfönlichkeiten für die Religion klarer hervor- ! mit ffiliftifchen Härten durchfetzten Weife, die den ernften
treten als das Gefühl. Indem fie allmählich eliminiert Forfcher jedoch hier nicht fo unfympathifch als bei anwird
, fchwindet darum eine in der i. Auflage der Reden deren Arbeiten von Bonus abflößt, erörtert die einem
noch vorhandene Möglichkeit, der Gefchichte und der i Rade und Göhre zugeeignete Arbeit religionsgefchichts-
Offenbarung in der Religion gerecht zu werden. Es ift j komparativer Betrachtung in lofem Zufammenhang eine
bezeichnend, wie Schleiermacher fich an einem befonders | Reihe von Gefichtspunkten über den Wert näherer Bewichtigen
Punkt dagegen fträubt. S. erwähnt Stellen aus 1 trachtung der Kirche, den Charakter der Religion in
der Chriftlichen Sittenlehre von 1809. Es hätte dort ! ihrer .heroifchen und individualiftifchen' Anfangser-
(I 12, Beilage A 75. 80) auch folche finden können, die fcheinung, über das Fortwachfen derfelben zur Gemeinden
Begriff der Anfchauung auf Umwegen dem Gebiet fchaft fowie der religiöfen Grupp eneinheit profaner Art
der Religion zu erhalten fuchen — und zwar bei der zur kirchlichen Wahlgemeinde, über den Anfpruch der
Bedeutung der Perfon Jefu für die Vertiefung des reli- Kirche, übernatürlich zu fein und uranfängliche und
giöfen Lebens. Später tilgt Schleiermacher auch noch ewige Wahrheit zu befitzen, über die Bedeutung von
diefe Spur feiner ehemaligen Definition; fo viel ich fehe, Inftitution für das Ideal der Kirche und die biologifche
erhält fich nur in dem kiichengefchichtlichen Abfchnitt <. .Bedeutung ihres Inftitutionswerdens', über das Ideal ihrer
der .Kurzen Darfteilung des theologifchen Studiums' : Verformung mit der Kultur, ihre .Stellvertretung' seil, im
etwas Ähnliches. Intereffe der menfehheitlichen Höherbildung, endlich

Bei aller Gründlichkeit, Sachkenntnis und Denkfchärfe 1 u°er das Ende der Staatskirche und die Zukunft der
S.s kann alfo feine Behandlung des Themas nicht durch- ' Idealkirche.

aus befriedigen. Er weiß, wie vielfältig das Gewebe der ^ verdient zunachft Anerkennung, daß Verf. im

Entwicklung Schleiermachers ift; er ift überzeugt, daß ; •3inm2 .von Vierkandt, Simmel u. A. (vergl. die feit kurzem
ihr beftimmte innere Erlebniffe und Wandlungen des erlcheinende Monatsfchrift f. Soziologie), die die Gefell-
Lebensgefühls zugrunde liegen (S. 19), daß die Romantik mnattslehre nicht nach Inhalten, fondern nach Funktionen
(18 f.), Herder (S. 114) und Plato (181. 225) ftark auf ihn der Kultur behandeln, fich auf die Darftellung foziologifcher
wirkten. Aber er rechnet ebenfowenig damit, wie mit jenen , V organge möglichft befchränkt, die bisher oft zu theo-
Faktoren, die er nicht erwähnt: mit der Ernüchterung, loglichen Inhalten umgebogen wurden. Dagegen dürfte
die nach dem Zerfall der romantifchen Schule eintrat, dem Autor bei feinem durchgehenden Widerfpruch gegen
und mit den Veränderungen, die unwillkürlich die Ver- die Staatskirche, die die kirchliche Hauptfunktion der
dichtung einer Weltanfchauung' zum Syftem mit fich ; K""k an der beftehenden Kultur lähme, die Einficht
bringt. Dadurch gewinnt feine Darfteilung mehr den 1 teDIen, daß auch die freiefte Freikirche irgendwie in
Charakter einer bloßen begriffsgefchichtlichen Kette von das ltaatliche Gebilde eingebettet ist; ferner genügen
Abhängigkeitsbefprechungen als den einer lebendigen ; n,cnt einzelne Floskeln mit dem Anfchein moderner
Entwicklung wie er gerade für Schleiermacher nötig |j-mP>ne, um die ineinandergreifenden Komponenten kirchwäre
. Darin könnte S. — um von Männern wie Dilthey I,cnen Verbands zu umfehreiben.

und Haym zu fchweigen — gerade auch aus der Art j Um die vom Autor empfangene Anregung zu fkiz-
lernen, wie Eck, Fuchs und der von ihm fo fcharf be- ! zieren, fowie um eine pfychologifche Verftändigung auf
kämpfte Wehrung Schleiermacher behandeln. Die Vor- , diefem Neuland zu ermöglichen, möchte ich mir erlauben
läufigkeit, die an fich jeder heutigen Arbeit über den die Varietäten foziopfychologifcher Gruppen kurz zu
nachromantifchen Schleiermacher anhaftet, muß alfo auch ; charaktenfieren: das Geficht der katholifchen Kirchen-
in anderer Beziehung feftgeftellt werden. Man wird an gemeinfchaft ift doch wefentlich anders als das von
der Schrift nicht ungeftraft vorbeigehen dürfen und wird Luther oder Calvin herausgearbeitete. Eine wiffen-
fie mit großem Gewinn lefen, aber ihre Einzelfeftftellungen fchaftliche Fundamentierung der Kirche ift vielleicht