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Ausgabe:

1910 Nr. 3

Spalte:

84-86

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pont, J. W. (Ed.)

Titel/Untertitel:

Nieuwe Bijdragen tot kennis van de Geschiedenis en het Wezen van het Lutheranisme in de Nederlanden. Deel II 1910

Rezensent:

Bossert, Gustav

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83 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 3. 84

Streben, der Bote Gottes, der unterem evangelifchen
Glauben Länder erobert hat. Wenn je auf einen Men-
fchen, fo paßt auf ihn das Wort Hebräer 13,7' (19).

Bei allem Ernft und aller Gewiffenhaftigkeit, mit
welcher Eck die Aufgabe des Hiftorikers faßt, bei aller
Objektivität, mit welcher er Calvins Perfönlichkeit und
Lebenswerk fchildert und beurteilt, blicken doch die
Intereffen des Syftematikers fowohl in manchen Äußerungen
feiner Rede als in der Anlage derfelben durch.
Die Herausarbeitung der Grundgedanken des Reformators,
feiner Lehre vom Gefetz, von der Heilsgewißheit, von der
Vorherbeftimmung, die feine Analyfe der Lutherfchen
und der Calvin'fchen Frömmigkeit, noch andere Züge
verraten den mit den Problemen der religiöfen Pfychologie
und des dogmatifchen und ethifchen Denkens wohl vertrauten
Theologen.

Arnold hat es verbanden, die Geftalt und die Schick-
fale Calvins dadurch in ihrer Bedeutung zu würdigen,
daß er fie in das Licht der an ihn anknüpfenden und z. T.
von ihnen beherrfchten Gefchichte ftellte. Die Zitate aus
Goethe, die Hinweife auf das Urteil des Thukydides über
Perikles nehmen fich in den an charakteriftifchen und
fcharfpointierten Beziehungen auch fonft reichen Vortrag
etwas befremdend aus.

Den Inhalt des erften Teils der Rede Wernle's haben
wir bereits oben angedeutet. Von der Bedeutung Calvin's
für Bafel führt W. feine Zuhörer zur Bedeutung Calvins für
den Gefamtproteftantismus. Calvin hat von Luther und
Melanchthon, von den Straßburgern und Schweizern her
das ihm gemäße Gut neuer Erkenntniffe gefchöpft. Von
fich aus hat er zwei dem Luthertum fehlende, den Geift
des Calvinismus charakterifierende Dinge hinzugebracht:
die Forderung des offenen radikalen Bruchs mit Rom
und die Forderung ftrenger Disziplin in den Gemeinden.
Ein dritter Zug, den Calvin ebenfalls vor dem Luthertum
voraus hat, ift der Miffions- und Welteroberungsdrang.
Zum Schluß handelt W. von den Verdienften Calvins um
die theologifche Wiffenfchaft. ,Das Größte aber ift mir
dies, daß man auch allen feinen gelehrten Werken es
anfpürt, daß diefer Mann das aus Erfahrung kennt, wovon
er fchreibt, und daß ihm fein Gott noch etwas anders
ift als ein Objekt des theologifchen Denkens. . . Er hat
der Welt in Perfon gezeigt, was Glauben ift' (34).

Von Schuberts durch wertvolle Anmerkungen und
reichliche Quellenbelege ausgeftattete Rede geht von den
Vorausfetzungen aus, in denen Calvin's Leben wurzelt
(5—15); er verfucht feine Perfönlichkeit auf dem Grunde
der Reformation zu verftehn, und fucht nachzuweifen, was
aus den ihm gegebenen Anregungen in feiner Hand geworden
ift (15—26); er erklärt hieraus die ungeheuren
und eigenartigen Wirkungen, die fich nun doch an das
Auftreten diefes Nachgeborenen knüpften (26—33). Durch
eine gefchickte und ergiebige Verwertung des weltum-
fpannenden Briefwechfels Calvins ift es ihm gelungen, das
längft Bekannte in glücklicher, oft überrafchender Weife
zu beleuchten und zu beleben.

Holl's Rede ift eine Ehrenrettung und Apologie
Calvin's in großem Stil. Nicht als Anwalt, der des
Reformators Schwächen und Fehler zu entfchuldigen oder
zu verdecken ftrebt, fondern als Hiftoriker, der die Per-
fonen und die Ereigniffe fprechen läßt, verfteht er es, das
landläufige Urteil über Calvin zurechtzurücken. ,Wäre
Calvin der herrfchfüchtige, kalte, graufame, heimtückifche
Menfch gewefen, für den man ihn ausgibt, fo hätten nach
feinem Tod die Dinge in Genf ganz anders laufen müffen,
als es tatfächlich der Fall war. Nach allen Erfahrungen
der Gefchichte mußte dann eine wilde Reaktion kommen,
die alles wegfegte, was er gefchaffen hatte. Aber diefer
Umfchwung ift nicht eingetreten. Der Bau, den Calvin
gegründet hatte, ftand über 150 Jahre aufrecht, ohne daß
ein Stein fich löfte (17—18)'. Die Anmerkungen, die nicht
weniger als 22 Seiten umfaffen, behandeln wichtige z. T.
umftrittene Einzelpunkte. Während von Schubert gegenüber
dem Selbftzeugnis Calvins über feine Bekehrung
i ein non liquet (8—9, 23) ausfpricht, macht Holl den Ver-
fuch, das religionspfychologifche Problem feiner Löfung
i näher zu führen. Im Gegenfatz zu A. Lang ift er mit
K. Müller der Anficht, daß Calvin fchon während feiner
erften Parifer Periode mit den evangelifchen Ideen in
Berührung kam; Müllers Beweisführung weiß er durch
einige unbeachtet gebliebene Tatfachen zu unterftützen.
Auch fonft bieten die Anmerkungen Holls eine Fülle
I wertvoller Notizen und fördernder Anregungen. Die
ungerechte Voreingenommenheit der Herausgeber des
[ Corpus Refortnatorum gegen Calvin weilt er an charakte-
I riftifchen Beifpielen nach. Auch das Urteil über Kamp-
1 fchulte's Buch, das in Deutfchland als Hauptquelle dient,
ift in feiner Schärfe wohl begründet.

Die im Vorhergehenden charakterifierten Reden ftellen
in der Beurteilung Calvin's einen höchft lehrreichen Kon-
fenfus dar. Zweifellos werden fie zu einer gerechteren
Würdigung der Perfönlichkeit des Reformators und der
von ihm ausgegangenen Wirkungen verhelfen. Damit
wird auch der von den Verfaffern beabfichtigte Zweck
erreicht fein.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Nieuwe Bijdragen tot kennis van de Geschiedenis en het Wezen
van het Lutheranisme in de Nederlanden. Deel II. Jaarboek
der Vereeniging voor nederlandsch-luthersche Kerk-
geschiedenis uitgegeven door Hoogl. Dr. J. W. Pont.
Amsterdam, ten Brink en de Vries 1909. (V, 183 blz.
m. Afbild. en 1 Tab.) gr. 8°

Die Fortfetzung der ThLZ. 1908 Nr. 6. befprochenen
,Nieuwe Bijdragen tot kennis van de geschiedenis en hei
wezen van het Lutheranisme in de Nederlanden' erfcheint
nunmehr als Jahrbuch des neugegründeten Vereins für
niederländifch-lutherifche Kirchengefchichte unter der
| Leitung von Dr. J. W. Pont, Profeffor an der Univerfität
| Amfterdam, der den Katechismus von Franz Alardus neu
veröffentlicht und eine Biographie des Verfaffers voraus-
fchickt. Pont weift nach, daß der in Brüffel geborne
Franz Alardus eine völlig andere und jüngere Perfönlichkeit
ift, als der mit ihm verwechfelte in Brügge geborne
Oldenburger Hauptprediger Matthias Alardus oder beffer
Alerdus. Franz Ä. hat ein bewegtes Leben. Er trat mit
16 Jahren in ein Klofter, legte mit 22 Jahren das Gelübde
als Dominikaner ab, blieb aber nur 3 Jahre im Klofter,
nachdem ihn ein Hamburger Kaufmann mit Luthers
Schriften bekannt gemacht hatte. Da feine Predigten
j bald feine neue Überzeugung verrieten, wurde ihm das
J Predigen vom Bifchof von Cambray verboten. Die In-
quifition unter der Führung des Renegaten Morillon
| drohte ihm. Er floh nach Flamburg und fchrieb wahr-
; fcheinlich dort feine 1556 wohl in einer der geheimen
Druckereien Antwerpens gedruckte Konverfionsfchrift
,Een cort vervat van alle menfchelijcke infettinghen der
Roomfche Kercke, beginnende van Chriftus tyden af tot
nu ton, ghenomen meer dan vt 22 Authoren', die fpäter
noch öfters gedruckt wurde.

Am I. Jan. 1560 wurde er in Jena infkribiert, da er
auf Kotten des Hamburger Kaufmanns ftudieren follte.
Flacius ftand hier noch auf der Höhe feines dominierenden
Einfluffes. Alardus wurde in feiner lutherifchen . ber-
zeugung, die er von Anfang an und lebenslang fefthielt,
tiefer gegründet; aber er erwies fich fpäter als Gegner
der Flacianifchen Erbfündenlehre, fodaß Cyriacus Spangenberg
gegen ihn fchrieb. Da fein Hamburger Mäcenas
früh ftarb, mußte er feine Studien abbrechen. Er kehrte
nach Brüffel zurück. Seine eigene Mutter, eine ,fanatifche'
Anhängerin Roms, lieferte ihn nach der Familientradition
I der Inquifition aus, die ihn erft durch Gift zu befeitigen
: fuchte, dann ihn zum Scheiterhaufen verdammte, wozu feine
j Mutter felbft drei Wagen Holz lieferte; aber in der Nacht