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Ausgabe:

1910

Spalte:

74-76

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Patin, Wilhelm August

Titel/Untertitel:

Niceta, Bischof von Remesiana als Schriftsteller und Theologe 1910

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Ich felbft habe gelegentlich den Eindruck empfangen
, als ob wohl fchon Irenaeus ein Zeuge für die
traditio evangeliorutn fein könne (Apoft. Symbol II, 27),
aber ich habe ihm nicht Raum gewählt. Kunze widmet
dem Irenaeus (dem erden Schriftfteller, bei dem die
Belehnung der Evangeliften mit den Tierfymbolen nach-
zuweifen ift) natürlich auch befondere Aufmerkfamkeit
und glaubt hier untrügliche Zeichen dafür zu gewinnen,
daß die traditio evangeliorutn bereits eine feflftehende
und alte Sitte fei. Denn er zweifelt nicht, daß eine Erwägung
der Stelle, wo von dem xavmv rrjq aXiJ&eläc; die
Rede ift, den man ,durch die Taufe' erhalte (cd. Har-
vey I, 1,20; vol. I, S. 87 f.), darauf führe, daß es fich um
die Evangelien handele. Ich kann ihm zunächft dabei
fogar noch zu Hilfe kommen. An der zitierten Stelle
ift u. a. von dem ,veritatis corpusculum' die Rede, das
auch Kunze auf das Symbol beziehen zu müffen glaubt
und fich damit feine Beweisführung erfchwert. In Wirklichkeit
bezeichnet diefer Ausdruck gerade ficher nicht [
das Symbol. Zahn hat da zuerft ein Mißverftändnis
begangen und feither wagt anfcheinend keiner mehr die j
Stelle erft darauf anzufehen, was der Ausdruck befage,
ja auch nur wie er wirklich laute. Er lautet in der j
lateinifchen Überfetzung, wie foeben angegeben, aber in
dem glücklicherweife hier erhalten gebliebenen grie-
chifchen Original nicht, wie gewöhnlich (auch von Kunze)
zitiert wird, rö omudziov Trq äXriQ-Etaq, fondern ro rqq
aZq-fhelaq omuartov, und das heißt deutfch nicht ,das |
Körperchen der Wahrheit', fondern ,das wahre Körper- I
chen' bezw., da auf das Deminutiv in dem Griechifch i
der Zeit nichts ankommt und ,Körper' auch nicht ganz
finngemäß ilt: ,die wahre Geftalt'. Gemeint ift das
richtige Mofaikbild, gegenüber dem Zerrbild (die
,Königsgeftalt', ftatt der .Fuchsgeftalt'), das die Häretiker 1
aus Schriftworten bilden. Ich habe das fchon in meinem
Werke über das Apoftolikum II, 30 und 982 (hier gerade
fchon einmal gegen Kunze!) nachgewiefen, aber Kunze
nimmt nicht gern etwas von mir an. In einem Auf-
fatze von H. Windifch, der fich mit K.'s vorliegender |
Studie kritifch befchäftigt, finde ich die gleiche Unacht-
famkeit auf den Zufammenhang und eigentlichen Wortlaut
bei Irenaeus. So habe ich den Sachverhalt in einem
kurzen Auffatz in Preufchens Zeitfchr. f. neuteft. Wiffenfch. j
(1909) noch einmal eigens dargelegt, da es nicht angeht, j
daß hier alle unter der Zahn'fchen Suggeftion bleiben.
Aber fachlich hilft das nun Kunze für feine Gedanken
über die traditio evangeliorutn doch wohl nichts. Denn,
wenn auch nicht ,-rb r?yc d?.nd-eiaq Omudviov', fo ift doch j
,0 xavmv rijq dXrjd-Etaq' nach der Wahrfcheinlichkeit |
das Symbol. Es handelt fich in dem Zufammenhang
um den richtigen Sinn der heiligen Schriften und das
Mittel, diefen zutreffen. Der x. x7jq älrid:, den man
,durch die Taufe' erhält, ift diefes Mittel, er muß alfo 1
von den Schriften zu unterfcheiden fein. Nun j
könnte es fich darum handeln, daß Irenaeus an einen :
befonders verbürgten Kern der Schriften, an etwas was
in nuce den rechten Schriftinhalt darfteile, und alles in
den Schriften zu beleuchten geeignet fei, denke. Man
erinnert fich, wie von felbft, an das Symbol, als etwaigen
.Auszug' aus den Schriften. Aber es könnte fich
immerhin auch, in einem gewiffen Unterfchiede von den
.Evangelien', in einheitlicher Intuition um ,das Evangelium
' handeln. Kunze meint, daß die traditio evan-
geliorum in der Tat ideell vorgeftellt gewefen fei wie
eine Verpflichtung auf ,das Evangelium'. Irenaeus könnte
a. a. O. daran denken, daß, wer fleh erft darauf befinne
und ,unerfchütterlich' fefthalte, was ihm bei der Taufe
auf die Seele gelegt und auch verftändlich gemacht fei
als ,das Evangelium', natürlich bei den Häretikern auch
die einzelnen Sätze, Ausdrücke usw., die ,den Evangelien
' entlehnt feien, als folche gelten laffen werde,
doch aber gefeit fei gegen das ,Bild', das die Häretiker
daraus machten. Es ist, wie gerade auch ich (Apoft. II,

25 fr.) gezeigt habe, nicht ganz einfach fefizuftellen,
welchen Sinn Irenaeus mit dem Ausdruck xavmv rrjq
dXrjd: verbinde. Aber Irenaeus kennt unzweifelnaft ein
Symbol und eine traditio symboli! Daß er die Sitte
einer traditio evangeliorutn (evangelii in evangeliis) kenne,
ift nur allenfalls aus der in Frage flehenden Stelle zu
konjizieren! Drum bleibt das Wahrfcheinliche,
daß er auch dort an das Symbol denkt, obwohl er den
Begriff des xavmv zijq dXnif. nachweislich nicht auf das
Symbol befchränkt.

Die befprochene Stelle bei Irenaeus ift das Haupt-
beweisftück in Kunzes Erörterungen. Wäre es ftichhaltig,
fo wäre zuzugeben, daß Kunze recht habe mit dem Gedanken
, daß Hie traditio evangeliorutn fehr alt fei, und ich
würde dann glauben, daß er recht haben könne felbft
mit feiner Hypothefe bezüglich des Apokalyptikers.
(Freilich, ob die kanonsgefchichtliche Perfpektive fich
bewähren ließer) Da die Stelle bei Irenaeus doch nur
eine unfichere Stütze für Kunzes Konftruktion ift, laffe
ich das weitere hier dahingeftellt.

Von Dom P. de Puniet erfchien in der Revue
d'Bist. ecclesiast. 1904 u. 05 eine fehr eindringliche Unter-
fuchung aller drei Akte, die das scrutiniitm in apertionc
aurium nach dem Sacr. Gelasium bildeten. Kunze hat
diefe Arbeit erft nachträglich kennen gelernt und ihr
nur im .Anhange' kritifche Bemerkungen gewidmet. Man
erfieht bei ihm nicht ganz, wie wichtig das ift, was
Puniet beibringt. Es wird dadurch wohl bewiefen,
daß gerade diefes scrutinium neu geftaltet ift, vielleicht
(wahrfcheinlich) durch Leo I. Immerhin bleibt die
Frage offen, ob dabei auch ganz neue ,Stücke' eingefügt
worden. Hat die traditio symboli damals nur einen
neuen Rahmen bekommen, fo wäre es möglich, daß
das gleiche von der traditio evangeliorutn gälte. Gerade
hier hat de Puniet doch weitere gute Gegenargumente
geltend gemacht. Andererfeits ift oben nicht alles er-
fchöpft, was Kunze beibringt.

Halle a. S. F. Kattenbufch.

Patin, Hofftiftsvikar Wilhelm Auguft, Niceta, Bifchof von
Remefiana als Schriftfteller und Theologe. Diff.
München, J. Lindauer 19C9. (XII, 137 S.) gr. 8"

M. 2 —

Noch einmal eine Monographie über Niceta und
noch immer eine folche, die willkommen geheißen werden
darf. Zwar in allen Hauptfachen dürfte die Arbeit in
Hinficht des intereffanten, fo lange überfehenen Mannes
zum Abfchluffe gediehen fein. Aber in den ,Nebenfachen'
ift noch keineswegs alles erledigt. Und es ift doch auch
noch nicht gleichgültig, wenn eine fo fleißige und fcharf-
finnige Unterfuchung, wie die von Patin (eine Prager
theologifche Doktordiffertation), die Hauptfachen, fpeziell
das Werk von A. E. Burn, noch einmal durch Nachprüfung
der Argumente beftätigt. Patin hat die Literatur
über Niceta faft vollftändig berückfichtigt. Überfehen
hat er die eingehende Rezenfion, die ich in diefer Zeit-
fchrift 1896 (21. Jahrgang), Nr. 11 der Schrift von Hümpel
widmete. Das Werk von Dom Cagin, Tc Deum ou
Illatio? 1906, welches die durch Dom Morin zuerft behauptete
Autorfchaft des Niceta für das Tc Deum in
fehr gelehrter liturgiologifcher Unterfuchung beanftandet,
hat Patin nur noch in der Vorrede kritifch kurz beleuchtet
, da die Arbeit, die er felbft vorlegt, fchon ab-
gefchloffen war, als Cagins Buch erfchien. Mir fcheint
es doch für die Frage fchwerer zu wiegen, als Patin zugeben
will. Aber letzterer bringt auch wieder neue
Gründe, die für Niceta als den Dichter fprechen, bei.

In fünf Kapiteln behandelt P. feinen Stoff. Das e'rfte
gilt dem Leben und den Schriften Nicetas. Ich habe
noch in meiner Rezenfion von Burns Werk (in diefer
Zeitfchrift 1906, Nr. 13) Zweifel angedeutet, ob Gennadius

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