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Ausgabe:

1910

Spalte:

72-74

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kunze, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Übergabe der Evangelien beim Taufunterricht 1910

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Die Methode der Unterfuchung ift bei diefer Studie | an, daß fie erlaube, in den Irrlehrern eine in fich ge-
begreiflicherweife keine andere als bei der früheren, fchloffene Größe zu fehen (S. 22. 37 b), während man
Überall fucht und findet Lütgert Beziehung auf die Irr- > bisher oft darauf verzichtet hat, aus den erkennbaren
lehrer. Ich vermag mich aber auch jetzt noch nicht von j Zügen ein einheitliches Bild zu komponieren. Aber ich
der Notwendigkeit zu überzeugen, daß man zur Erklärung muß geliehen, daß für mich der Verfuch, die asketifche
des in den chriftlichen Gemeinden auflebenden Dranges Lebensführung als notwendige Folge des Antinomismus
der Sklaven nach Freiheit, der Emanzipationsgelüfte der zu begreifen (S. 19 32 37b 64 b 92), nichts Beitechendes
Frauen, der mangelnden Geneigtheit, den Gemeinde- hat, trotzdem L. gerade hier an dem Verf. der Paftoral-
beamten zu folgen oder gar dem heidnifchen Staat und briefe, auf den er feine Erklärung etwas gezwungen zufeinen
Organen Gehorfam zu leibten, der fich bemerkbar rückführt, ,mächtigen pfychologifchen Scharfblick' be-
machendenLeidensfcheu, derGeldgier einzelnerGemeinde- wundert. Ich halte vielmehr diefen Teil der Ausführungen
glieder eine beftimmte Ketzerei in Anfpruch nehmen für den am wenigften gelungenen. Dagegen möchte ich
müffe. Ganz diefelben Dinge bekämpft der erbte Petrus- 1 nicht verbchweigen, daß der Verf., wenn es ihm auch
brief, ohne mit einer Silbe Irrlehrer verantwortlich zu I nicht gelungen ift, die webentliche Gleichheit der korin-
machen. Und nun gar die ganz außerordentlich zweifei- thibchen Irrlehre mit der von den Paftoralbriefen be-
hafte Größe des jüdifchen Antinomismus! Lütgert, der I kämpften nachzuweiben, doch — namentlich im zweiten und
fich von den Feffeln veralteter Auffabbungen durchaus 1 dritten Teil — viel Richtiges zur Charakteribtik der Irrfrei
fühlt (S. 18 47 80 86), deutet die ablehnende Haltung I lehrer der Paftoralbriefe lagt, vorab über ihren Gnobtizis-
ihr gegenüber als Befangenheit in ein Vorurteil. Leider mus, der fie den im I. Johannesbrief befehdeten Ketzern
tut er nichts, dasfelbe zu zerftreuen. Was er auf S. 20—22 zur Seite fetze.

nach der Wendung: ,Zur Vorgefchichte des judenchrift- j Marburg/Heffen. -Walter Bauer

liehen Antinomismus bemerke ich vorlaufig nur dies' I &l
vorbringt, find teils Behauptungen, die des Beweifes ent-

behren, teils Sätze, die niemand beftreitet. Ich wenigltens Kunze, Prof. D. Dr. Johannes, Die Übergabe der Evangelien
habe wirklich nicht die Belehrung nötig: ,Man darf fich beim Taufunterricht. Ein Beitrag zur ältebten Ge-
nicht einbilden, daß das Judentum einheitlich pharifäifch I fchichte des Katechumenates, des Neuen Tebtamentes
gerichtet gewefen wäre' Aber ich glaube allerdings daß und der Glaubens p Lej ; A Deichert>fche
fich ,antipharifaifch'und ,liberal'nicht mit ,antinomiftifch' | & ,.j J"„, „„

deckt, und daß fich immerhin einige Zwifchenftufen denken Verlagsbuchh. Nachf. 1909. (III, 64 S.) gr. 8« M. 1 —
laffen zwifchen einem ftrengen Pharibäer und einem Men- I Ein intereffantes, inhaltreiches Schriftchen, mag nun
fchen, der das Gefetz im ganzen Umfang, ja die Beugung fein Refultat richtig oder falfch fein. Kunze glaubt, die
unter jegliche Autorität ablehnt. Daß es Juden der traditio evangeliomm, die nach dem Sacramentarium
letzteren Art, für die — um mit Lütgert (68) zu reden — Gelasianum im 7. Jahrhundert zu den Akten des als
keine ,Autorität der Vergangenheit, der Tradition und apertio aurium bezeichneten Skrutiniums. alfo zu den
der Eltern' mehr exiftierte, und die trotzdem btolz waren liturgifchen Handlungen gehörte, unter denen die Täuf-
auf ihr Judentum, gegeben habe, nicht nur in vereinzelten I linge zur Taufe vorbereitet wurden, als uralt nachExemplaren
, fondern überall in der Diabpora, das muß weifen zu können. Die ,traditiol der Evangelien (analog
ich folange beftreiten, bis es beffer gefiützt ift als durch dem Akte einer ^traditio' des Symbols und des Vater-
den Hinweis auf die bekannten Bücher von M. Friedländer, ! unfers) verläuft nach dem genannten Sakramentar in
ein Zitat aus Hemans Gefchichte des jüdifchen Volkes einer Anfprache, in der auseinandergefetzt wird, was das
und einige Konftruktionsverfuche, die ihre Exibtenz im Evangelium fei, weßhalb es in vier Formen geGrunde
weniger nachweifen als vorausfetzen. L. ftellt fchrieben fei und welches die Bedeutung der von dem
den erforderlichen Beweis, wenn ich ihn recht verftehe j Propheten Ezechiel (1,10) bezeichneten Sinnbilder der
(S. 20f.), für die Zukunft in Ausficht. Er hätte dann | einzelnen Evangelilten fei, nämlich warum Matthäus
Gelegenheit, auch die Behauptung von S. 75, die Leidens- j unter der Geftalt eines Menfchen, Markus unter der
fcheu fei ein für die Judenfchaft charakteriftifcher Zug eines Löwen, Lukas eines Rindes, Johannes eines Adlers
gewefen, quellenmäßig zu belegen. vorgeführt werde. Schon Th. Zahn hat der Gefchichte

Übrigens kann L. feine Theorie m. E. auch gar nicht der ,Tierfymbole der Evangeliften', d. h. der Entttehung
ohne Gewaltfamkeit durchführen. Nicht nur, daß er Miß- ; und Ausbreitung der Idee, daß die vier ,Gefichter' der
bfände, die ganz von felbft in den Gemeinden entftanden Cherubim (die der Apokalyptiker Johannes [4,7] in vier
find, beftimmten Ketzern auf Rechnung fetzt und zu ihrer felbbtändige Geflalten, vier ,Tiere' umfetzt) auf die unterSchilderung
verwertet. Er fieht auch über Differenzen fchiedliche Art der vier Evangelien und ihrer Verfaffer
hinweg und nennt (S. 93) gleich, was nur ähnlich ift, z. B. ! zu beziehen feien, eine beiner gelehrten Studien ge-
die Vergeibtigung des Auferbtehungsgedankens durch widmet (Forfchungen zur Gefchichte des neuteft.
Hymenäus und Philetus (2. Tim. 2, 17. 18) und feine Kanons II, 1883 S. 257 ff.). Er glaubt, daß ein unbe-
radikale Verneinung durch die Korinther. kannter Exeget oder Homilet des zweiten Jahrhunderts

Auch Einzelheiten fordern zum Widerfpruch heraus. ; der erbte fei, der diefen Gedanken gefaßt habe. Kunze
Es kann unmöglich berechtigt heißen, wenn L. (S. 42) glaubt noch weiter zurückgehen und die Hypothefe
aus r. Tim 5,3—16 herausliebt, die Irrlehrer hätten — wagen zu können, daß der Apokalyptiker Johannes
häufig mit Glück — die jungen Witwen zur Ehelofigkeit felbbt diefer Mann gewefen fei, ferner auch, daß er die
verpflichten wollen. Mir fcheint aus der Stelle hervor- ' Sitte einer feierlichen traditio der ,vier' Evangelien an
zugehen, daß die Witwen nicht von den Ketzern verführt, . die Täuflinge gefchaffen habe. An diefe Idee knüpft
fondern in dem Wunfeh, dem angefehenen Stande der ' Kunze noch allgemeine Reflexionen über die Entwick-
Gemeindewitwen anzugehören, auf eine zweite Ehe zu lung des neuteflamentlichen Kanons, der in der Zu-
verzichten erklären. Noch weniger annehmbar ift der fammenbtellung und Proklamierung der Evangelien bezw.
Sinn, den L. im Intereffe feiner Beweisführung dem Ge- des ,viergeftaltigen Evangeliums' als .Glaubensregel'
bot an den Bifchof, eines Weibes Mann zu fein, abgewinnt feinen Urfprung habe. Mit gründlicher Gelehrbamkeit
(S. 87 b). Damit foll im Gegenfatz zu libertinibtifchen '< und vielem Scharfbinn hat Kunze die Literatur der erbten
Irrlehrern die Polygamie verboten fein. Aber 1. Tim. 3,2 Jahrhunderte durchforfcht, um Spuren der traditio tvan-
kann zubammengehalten mit 5,9. II nur bedeuten, daß geliorum gerade auch unter Verwendung der ezechielifch-
eine zweite Ehe den Menfchen zur Führung des Bifchof- johanneifchen .Sinnbilder der Evangeliften' nachzuweifen.
amtes untauglich macht. Er findet gar nicht wenige folcher ,Spuren', und die Vor-

L. fieht es als einen Hauptvorzug feiner Auffaffung btellung, die er fich gebildet hat, ift durchaus diskutabel.