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Ausgabe:

1910 Nr. 26

Spalte:

825-826

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bavinck, H.

Titel/Untertitel:

Philosophie der Offenbarung 1910

Rezensent:

Wendland, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 26.

826

Material im Einzelnen, aber es ifl m. E. nicht in dem
Sinne epochemachend, daß es uns den Jefuitismus in
einem völlig neuen Lichte zeigte. Es verteilt einige neue
Lichter und fetzt der und jener Erfcheinung einen anderen
Akzent auf. Es ebnet uns den Weg zu den Quellen und
macht uns auf zahlreiche Schleichwege der Jefuiten erneut
aufmerkfam. Aber es ift doch nicht fo, daß die prote-
ftantifche Wiffenfchaft erft von Hoensbroech lernen müßte,
daß auch der Jefuitenorden und der in ihm fich am be-
wußteften verkörpernde Ultramontanismus ein Gegenftand
der wiffenfchafthchen Forfchung ift, den man bloß durch
Eindringen in fein Wefen, durch fich Einarbeiten in die
einfchlägige Literatur völlig verftehen kann. Und darum
ift auch das Licht das er über den Jefuitismus verbreitet,
in feinem Wefen nicht fo völlig neu und eigenartig, wie
er vielleicht erwartet.

Bremgarten. Alb. Bruckner.

Bavinck, Prof. Dr. H., Philofophie der Offenbarung. Vor-
lefungen {Stonc-lcctures) für das Jahr 1908, gehalten in
Princeton N. J. Autorifierte Überfetzung aus dem
Holländifchen von Hermann Cuntz. Heidelberg, Carl
Winter 1909. (V, 275 S.) gr. 8° M. 5.40; geb. M. 6.50

Bavinck bietet das, was er in feiner Rektoratsrede
über ,Chriftliche Weltanfchauung' (deutfeh 1907) kurz
dargelegt hat, zu allgemeinverftändlichen Vorlefungen
erweitert, einem größeren Leferkreife an: eine Natur-,
Gefchichts- und Kulturphilofophie, die von dem Offenbarungsglauben
aus das löfende Wort findet. Er kämpft
gegen die Tendenzen der Modernen, ein rein immanentes
Weltverftändnis zu gewinnen; er tritt mit Recht für den
Gedanken der Transzendenz, für den Supranaturalismus
in die Schranken und wehrt energifch jede Verkürzung
der chriftlichen Weltanfchauung ab. Aber als einen
Mangel empfinde ich, daß Bavinck S. 259 erklärt: ,Fur
den Begriff der Offenbarung, der in dielen Vorlefungen
nicht entwickelt werden kann, verweife ich auf meine
»Gereformeerde Dogmatiek« I2, 291 f.' Man möchte auch
in diefem Buch genauere Auskunft haben: wie verhält
fich die allgemeine Offenbarung zu der befonderen, die
B. ftreng unterfcheidet, wenn er die letztere auf die
erftere aufbaut und wie Schöpfung und Erlöfung aufeinander
bezieht? Wenn der Urfprung der Religion nach
Bavinck nur in der Offenbarung liegen kann, fo möchte
man wifien: in welchem Sinne ift dies gemeint? Ferner
wie verhält fich die befondere Offenbarung zur Bibel?
B. identifiziert einfach beide, ohne die hier vorliegenden
Probleme zu behandeln.

Ferner wird man B. zuftimmen müffen, wenn er
energifch durchführt: Weder Naturwiffenfchaft noch
empirifche Gefchichtsforfchung noch Psychologie können
das letzte Wort über Welt, Leben, Sinn und Ziel des
Dafeins fprechen. Aber es ift doch durchaus nicht
immer Offenbarungsleugnung fondern richtige metho-
difche Befchränkung, wenn diefe Disziplinen die Begriffe
Gott und Offenbarung aus ihren Gebieten hinausweifen.
Nach Bavinck dagegen foll der Offenbarungsbegriff das
erlöfende Wort in den Rätfein der Erkenntnistheorie
fprechen. Die Ubereinftimmung von Denken und Sein,
Subjekt und Objekt foll fich nur erklären, ,wenn die
Denk- und Seinsformen miteinander korrefpondieren und
alfo einer fchöpferifchen Weisheit ihren Urfprung verdanken
' (S. 62). In dem Kap. über Offenbarung und
Natur (S. 64—88) beftreitet es B., daß die Naturwiffenfchaft
,in keinerlei Weife mit Gott zu tun habe'. Ich
ftimme B. nur zu, fofern er fagt, daß die Probleme der
Phyfik, in der Tiefe weiter verfolgt, zur Metaphyfik
führen, und diefe wieder ohne Berückfichtigung der
Religion unvollendet bleibt. Aber B. erklärt: ,Ohne
Metaphyfik, ohne Theologie, ohne Glauben, ohne Gott
kommt die Phyfik nicht aus' (S. 75). Hier ift überfehen,

daß der Phyfiker gerade die letzten Weltanfchauungs-
fragen aus der Phyfik entfernen und der Metaphyfik und
Religionsphilofophie zufchieben muß. Sofern er fie
felbft löft, ift er nicht mehr Phyfiker fondern Meta-
phyfiker und Religionsphilofoph.

Das Buch behandelt in 9 Kapiteln 1. die Idee einer
Philofophie der Offenbarung (B. knüpft den Titel des
Buches abfichtlich an den gleichlautenden von Schelling
an); 2. Off. u. Philofophie; 3. Off. u. Natur; 4. Off. u.
Gefchichte; 5. Off. u. Religion; 6. Off. u. Chriftentum;
7. Off. u. religiöfe Erfahrung; 8. Off. u. Kultur; 9. Off. u.
Zukunft. Richtiger wäre es gewefen, wenn zuerft der
Begriff der Offenbarung auf Grund der Tatfachen der
Religion entwickelt würde. Es müßte alfo Kap. 5—7
voranftehen. Dann müßte gezeigt werden, inwiefern
die Probleme der Gefchichtsphilofophie fich von dem
Offenbarungsglauben aus löfen (Kap. 4); erft dann kann
die Frage auftauchen, ob die Natur Zeichen enthält, die
über fich hinaus auf ein Transfcendentes hinweifen (Kap. 3).
Schließlich hätte in einer umfaffenden Philofophie die
Welt- und Lebensbetrachtung B.s entwickelt werden
müffen (Kap. 1, 8, 9). Hiermit würde das Buch methodifch
gewonnen haben.

Falfch fcheint mir der Kampf des Verf. gegen den
Entwicklungsgedanken überhaupt und gegen die Deszendenztheorie
zu fein. Eine viel zu apodiktifche Behauptung
auf einem umftrittenen Gebiet ift es, wenn B.
erklärt, ,daß das erfte Menfchenpaar entweder unmittelbar
von Gott erfchaffen wurde, oder daß es durch einen
Riefenfprung plötzlich die Höhe der menfehlichen Natur
erreichte, und ferner noch, daß die älteften Menfchen
lange Zeit als ein Hausgefinde und eine Familie zu-
fammengelebt haben' (S. 145). Wenn mehrere weniger
riefenhafte Sprünge dem Menfchengefchlechte zu feinem
Dafein verholfen haben follten und die erften Menfchen
kürzere Zeit als eine Familie zufammengelebt haben,
würde unfere Weltauffaffung nicht im mindeften anders
fein. Ähnliche gewagte Behauptungen finden fich noch
mehrere. — Sehr ungerecht ift es und flicht von der fonft
vornehmen Kampfesart B.s ab, wenn S. 201 f. und
j Anm. 368 aus den fo verfchieden gerichteten Aus-
1 führungen von Kalthoff, Pfleiderer, Wernle, W. B. Smith,
O. Holtzmann, J. Weiß, de Looften, Rasmuffen ein einheitliches
, natürlich als Zerrbild auftretendes Jefusbild
; gezeichnet und an den Pranger geftellt wird.

Das Buch ift flüffig gefchrieben und leicht ver-
ftändlich. 456 Anmerkungen bezeugen die Belefenheit
des Verfaffers in deutfeher, englifcher, franzöfifcher,
holländifcher Literatur.

Bafel. Johannes Wendland.

Weinrtein, Prof. Dr. Max B., Welt- und Lebenanfchauungen.

Hervorgegangen aus Religion, Philofophie und Naturerkenntnis
. Leipzig, J. A. Barth 1910. (XII, 495 S.)
gr. 8° M. 10.50; geb. M. 11.50

Ein fchwer zu charakterifierendes Buch! Einem
reichhaltigen, mit Fleiß zufammengetragenen Material
werden fchließlich doch nur dürftige Ergebniffe abgewonnen
. Wer über Wefen und Bildungsgefetz einer
Welt- oder Lebensanfchauung Auffchlüffe erwartet, wird
fich gänzlich getäufcht fehen. Methodifch-kritifche Fragen
haben für den Verfaffer wenig Intereffe. Welt- und
Lebensanfchauung ift einfach die Summe der Meinungen,
die fich der Menfch von fich felbft und feiner Umgebung
bildet (S. 1). Es folgt dann noch auf S. 8 eine Aufzählung
der Hauptfragen, die dabei in Betracht kommen. Bei
1 ihrer Beantwortung kann man fehr verfchieden zu Werke
I gehen; man kann fich an Sage und Religion anfchließen,
oder fich auf eigenes Nachdenken und naturwiffenfehaft-
liche Einficht ftützen. Was das Richtige ift, erfahren
| wir nur indirekt. Die maßgebende Stimme hat, wie das