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Ausgabe:

1910 Nr. 26

Spalte:

820-821

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braun, Joseph

Titel/Untertitel:

Die Kirchenbauten der deutschen Jesuiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Kunstgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. 2 Teile 1910

Rezensent:

Bergner, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 26.

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ift gradezu eine Reaktion (auch den vulgären Autoritätsglauben
überwindet Alexander durch die Infufions-
lehre) gegen den mehr oder weniger latenten Semipela-
gianismus der vorangegangenen, das liberum arbitrium
fchlechtweg vorausfetzenden und die willenspfychologi-
fchen Elemente der auguftinifchen und kirchlich anerkannten
lateinifchen Theologie verarbeitenden, die Energie
aber der auguftinifchen Gnadenlehre verleugnenden Entwicklung
. Denn das Rückgrat hatte man ihr ausgebrochen
(unbedingte partikulare Gnadenwahl, Unwider-
ftehlichkeit der Gnade und donum perseverantiae). Indem
nun durch die Habituslehre der Heilsprozeß kon-
fequent entpfychologifiert und fupranaturaliftert wurde,
wurde das Bekenntnis zum freien Willen und zur ,Dis-
pofition', die von Alexander doch auch der neuen
Gnadenlehre angepaßt wurde, weniger gefährlich für die
Gnadentheologie als bei der vorangegangenen Frage-
ftellung. Der neue Ariftotehsmus hat alfo die Wirkung
gehabt, der Gnade konfequenter und fyftematifcher, als
bisher möglich war, unter felbftverftändlicher Beibehaltung
der üblichen Annahme von der Wahlfreiheit
des Willens und vom Verdienft Geltung zu verfchaffen.
Der Semipelagianismus der Prädeftinationslehre kann
dann nicht vornehmlich dem neuen Ariftotelismus aufs
Konto gefchrieben werden. Er ift nicht in erfter Linie
als Neubildung, fondern als Rückftand der femipelagiani-
fchen Denkgewohnheit aus der vorangegangenen Entwicklung
, für die der Lombarde doch keineswegs der typifche
Zeuge ift, aufzufaffen. Diefer Denkgewohnheit hat ja auch
Alexander nach Heims eigenem Zugeftändnis in der Fixierung
des Umfangs der Gnadenwirkungen feinen Tribut gezollt
. Der wichtigften dogmengefchichtlichen Bedeutung
der ariftotelifchen Informationstheorie wird nicht ihr
Recht, wenn nicht in erfter Linie ihrer Reaktion gegen
den — von Heim in bezug auf die Verbreitung unter-
fchätzten — ,Semipelagianismus' gedacht wird. Bezeichnend
ift doch auch, daß erft feit der kritifchen Zerfetzung
der Habituslehre in der fpäteren Entwicklung der pela-
gianifierende Moralismus fich durchfetzen konnte. Die
Habituslehre war und ift auch heute (vgl. Denifle) ein
Schutz gegen ,Werkgerechtigkeit' und ,Gefetzesgerechtig-
keit'. Zu der Skizze der Entwicklung vor Alexander
von Haies, die die wichtige Epoche zwifchen Auguftin
und Anfelm überfpringt, ließe lieh manches fagen. Die
Darftellung Auguftins verträgt Korrekturen. Die Differenzen
zwifchen Auguftin und Pelagius find nicht in
prinzipiell verfchiedenen Auffaffungen vom Willen begründet
, fondern in der Stellung zum empirifchen Willen.
Und daß Auguftin den wahlfreien Willen des Urftandes
prinzipiell auch für den Status corruptionis brauchbar
machen möchte, zeigt feine Begründung der erbfündigen
Schuld im Enchiridion. Heims Unterfuchung
wird fchwerlich das letzte Wort behalten, aber fie bedeutet
eine treffliche Förderung unferer Erkenntnis
und wird des Einfluffes auf die dogmengefchichtliche
Forfchung nicht ermangeln.

Tübingen. Scheel.

Dr. Martin Luthers Deutlche Bibel. Zweiter Band. Weimar
, H. Böhlaus Nachf. 1909. (XXVIII, 727 S.) gr.
Lex.-8° M. 20—; geb. M. 23 —

Den erften Teil diefes Bandes füllen die eigenhändigen
Niederfchriften Luthers, foweit fie nicht
fchon im Bd. 1 des großen Bibelwerks veröffentlicht
worden find; im zweiten Teil bekommen wir eine auf
33 Bogen von Prof. Pietfch verfaßte Bibliographie
der Lutherbibel (1522—1546). Sie ift fehr reichhaltig
ausgefallen, fehr fauber gearbeitet und geeignet und berufen
, alle älteren Hilfsmittel zu verdrängen und zu er-
fetzen (vgl. S. XX ff). Zweifelhaft will mir nur erfcheinen,
ob die Herausgeber wohl daran getan haben, fie gerade
an diefem Orte in folcher Ausführlichkeit zu publizieren.

Wenn ihnen unbefchränkter Raum zur Verfügung fleht,
möchten wir nun auch empfehlen, den quellenmäßigen
Vorlagen der Lutherbibel die gebührende Aufmerk-
famkeit zu fchenken. Denn für die in den allererften
Anfängen flehende literarhiftorifche Bearbeitung des gewaltigen
Werkes ift ein fubtiler Vergleich mit der
hebräifchen bezw. griechifchen (und lateinifchen) Vorlage
der beiden Teftamente die allererfte Vorausfetzung, und
jeder Sachkenner wird mir beftätigen, daß, ehe diefe
quellenkritifchen Vorfragen gelöft find1, das fchrift-
ftellerifche Verdienft des Überfetzers nicht abgefchätzt
werden kann. Die Aufnahme der von Luther verdeutschten
Originale in die Weimarifche Bibelausgabe
würde der wiffenfehaftlichen Forfchung fehr zu gut
kommen und fcheint außerdem für die im 3. Band
mit größter Spannung erwarteten Protokolle der unter
Luthers Vorfitz veranftalteten Bibelrevifionen unentbehrlich
zu fein. Wir erfahren, daß erft ,mit Bd. 4, fpä-
teftens aber mit Bd. 5 die eigentliche Herausgabe der
deutfehen Bibeltexte beginnen wird'. Möge fie zugleich
den Wunfeh nach ernfter Berückuchtigung der Quellenvorlagen
erfüllen! Schon jetzt befitzen wir in dem, was
an eigenhändigen Niederfchriften der Erftlinge des Alten
Teftaments im 1. und 2. Band veröffentlicht worden ift,
nur etwas halbes, das in feiner ganzen grundlegenden
Bedeutung für die Überfetzungstechnik Luthers bloß
in Verbindung mit den entfprechenden fremdfprach-
lichen Unterlagen gewürdigt werden kann. Ich bin der
Meinung, daß auch die Editionstechnik des Herausgebers
(Prediger Ernft Thiele in Magdeburg) durch das Verhältnis
des deutfehen Textes zum hebräifchen (bezw.
lateinifchen) beftimmt werden mußte, denn eingeftan-
denermaßen follte die genaue Wiedergabe von Luthers
Handfchrift,allein dem Studium derEntftehung und allmählichen
Umbildung des Lutherfchen Bibeltextes dienen'
(Vorwort S. VI). Aus der Heidelberger Hf. Pal. Germ.
731 (a. 1527/28), die den Eindruck als Reinfchrift einer
korrigierten, jetzt verlorenen Urfchrift macht, hat Thiele
die Uberfetzung von Jefaia 1—33, 1 veröffentlicht. Die
Hs. der herzogl. Bibliothek zu Gotha Ch. B. 142 (a. 1530)
enthält das Druckmanufkript Luthers zur Uberfetzung
des Jeremias Kap. 1—51, 28; es ift in unferm Band
S. 40 fr. reproduziert. Der Kopenhagener cod. Ny Kongel.
Saml. 2399. 4 enthält drei von Luther befchriebene
Blätter, eins davon mit Hefekiel 16, 53— 58 (den Abdruck
S. 148 hat Pietfch beforgt). Es folgt Hefekiel
38- 39 aus der Nürnberger Hf. Solg. Ms. Qu. 8 (a. 1530).
Das Druckmanufkript zu Hofea 9, 12—13, 1 und Arnos
1, 1—4, 3 liegt in Zerbft (ed. Thiele S. 154 ff). Das
Buch der Weisheit ift von Luthers Hand vollftändig
in dem cod. Pal. 732 erhalten (a. 1529) und von Thiele
S. 163 ff. herausgegeben worden. Die Niederfchrift
Luthers von Jefus Sirach 13, 30—14, 23 ift im Befitz des
Magiftrats von Lauban, Kap. 33, 13—34, 4 und 36, 9—37, 5
fleht in dem cod. Gotk. A. Nr. 121 (a. 1531) und bildet
in unferer Ausgabe S. 196 ff. den Schluß.

Kiel. Fr. Kauffmann.

Braun, Jofeph, S. J., Die belgilchen Jeluitenkirchen. Ein Beitrag
zur Gefchichte des Kampfes zwifchen Gotik und
Renaiffance. Mit 73 Abbildungen. (Ergänzungshefte
zu den „Stimmen aus Maria-Laach". 95.) Freiburg i. B.,
Herder 1907. (XII, 208 S.) gr. 8° M. 4 —

— Die Kirchenbauten der deutlchen lehnten. Ein Beitrag zur
Kultur- und Kunftgefchichte des 17. und 18. Jahrhunderts
. 2 Teile. (Ergänzungshefte zu den „Stimmen
aus Maria-Laach". 99. 100. 103. 104.) Ebd. M. 12.40

1. Wir wiffen z. 13. noch nicht einmal, welche Ausgabe des griechifchen
Neuen Teftaments (von Erasmus) für die Septemberbibel von
1522 benützt worden ift.