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Ausgabe:

1910

Spalte:

814-815

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steinmann, Alphons

Titel/Untertitel:

Die Sklavenfrage in der alten Kirche. Eine historisch-exegetische Betrachtung über die soziale Frage im Urchristentum 1910

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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auseinanderfetzen, wird es aber doch lohnen, die Zuge- [
ftändniffe zu verzeichnen, die auch hier Cl. feinen Geg- j
nern macht. So foll nach ihm I. Johannes 5, 6 zwar l
nicht felbft fakramental gemeint fein, aber fich an Kreife |
wenden, welche die Taufe als Sakrament anfallen (S. 177).
Über Lukas und feine Schriften urteilt Cl. S. 176: ,Ünd
das wird die Anfchauung des Autor ad Tkcopliilum
fein. Er betrachtet alfo allerdings die Taufe durchaus
als Sakrament'. Das avco&ev ytvvijO/jvai Joh. III, 3, 7
ifl Cl. ferner geneigt, aus der Myfterienfprache zu deuten
(S. 179), ebenfo die Form der Paulinifchen Ausdrücke
,Chtiltus anziehen', ,mit Chriftus zufammen gewachfen
fein'. Bei einem Teil der Korinther-Gemeinde gefleht j
er magifche Auffaffung des Sakraments zu, 1. Kor. 15, 29.
Cl. muß alfo felbft bis mitten hinein ins N. T. die Ein-
flüffe fakramentalermyfteriöferGrundanfchauung zugeben.
Aus welchem Grunde möchte er fie dann vor allem dem
Paulus abfprechen? Sehr lebhaft wendet fich Cl. dagegen, j
daß man aus der I. Kor. 15, 29 erwähnten Taufe für
Töte Kapital für die Anfchauung des Paulus felbft |
fchlage, aber immerhin muß doch hervorgehoben werden, I
daß Paulus hier eine magifche Anfchauung von der Taufe
nicht nur nicht mißbilligt, fondern fogar als Beweis für
feine Lehre von der Auferltehung benutzt. Wenn Cl. dem- i
gegenüber erwägt: ,Sagt er (Paulus) nicht auch 1. ThefT. 1
5, 7, um den Kindern des Tages die Nüchternheit zu |
empfehlen: „die trunken find, find bei Nacht trunken",
hält er das aber deshalb für das normaler', fo erübrigt
fich wohl, auf diefes Sophisma des Verfaffers weittr
einzugehen. Befonders konzentriert Cl. feinen Angriff
naturlich auf die üblich gewordene Auffaffung von Rom. 6.
Er muß allerdings zugeben, daß, wenn dort davon die j
Rede fei, daß die Chriften durch die Taufe mit Chriftus
in den Tod begraben werden, das gewiß fo verftanden
werden könne, als ob diefe Wirkung durch die Taufe
felbft hervorgebracht werden könne. Weshalb aber will
Cl. das nicht fo verftanden wiffen? Nach einigen exe-
getifchen Quhquilien argumentiert er wefentlich aus
dem allerdings aus einer anderen Begriffsfphäre flammenden
Satz, Rom. 6, 7, der aber im ganzen des Zu-
fammenhanges fichtlich nur eine Nebenbemerkung ift. i
Als wenn fich bei Paulus nicht verfchiedene Gedanken
kreuzen könnten! Überhaupt wird Cl. fich mit dem Gedanken
vertraut machen muffen, daß bei der Heruber-
nahme einer dem Judentum fo fremden Gedankenwelt
wie der fakramentalen für Paulus Inkonfequenzen und
in der Schwebe bleibende Begriffe und Vorftellungen
unumgänglich waren. Und wenn Cl. fagt: .Heitmüller 1
macht felbft darauf aufmerkfam, daß Paulus fonft eine
rein geiftige perfönliche Auffaffung des religiöfen Ver-
hältniffes habe — ift dann daneben eine folch naturhafte
wahrfcheinlich' — fo kann man nur darauf antworten:
Ja, allerdings ift ein folches Nebeneinander wahrfcheinlich
. Wie Cl. endlich, um auch dem Johannes-Evangelium j
fakramentale Anfchauung abzufprechen, die Stellen Joh.
3>5; 19,34; und Jon- 5>6 vergewaltigt, mag man
S. 176 erfehen.

Ähnliches ift gegen die Ausführungen Clemens über
das Abendmahl zu fagen. Auch hier mögen wieder die
Zugeftändniffe des Verfaffers gegenüber der religionsge-
fchichtlichen Forfchung vorangeftellt werden. Joh. 6
foll wiederum nicht fakramental gedacht fein, aber doch j
eine magifche Auffaffung des Sakraments in der Umgebung
des Johannes vorausfetzen. Die korinthifche
Form der Abendmahlsfeier foll durch heidnifche Opfermahlzeiten
beeinflußt fein, der Ausdruck xoivoivia rov
diuaxoc xal rov acofiarot; foll zum minderten auf einen |
Sprachgebrauch deuten, der fich von der Zeit her, da j
man durch das Opfer mit der Gottheit in Verbindung
zu treten glaubte, erhalten hätte. Ja vielleicht habe die |
Anfchauung felbft in manchen Kreifen noch weiter ge- j
lebt ,und fo nicht nur Paulus unmittelbar jenen Ausdruck,
fondern auch den Korinthern ihren Glauben an eine I

durch die Opfer hergeftellte Verbindung mit den heid-
nifchen Göttern oder Dämonen nahegelegt' (S. 201).
Da wären wir alfo wieder mitten in der Welt fakramen-
taler Anfchauungen. Weshalb wird diefe dennoch dem
Paulus an diefem Punkt abgefprochen? Nur aus ziemlich
nichtsfagenden und fragwürdigen exegetifchen Einzelerwägungen
heraus. Es handelt fich hier bekanntlich
namentlich um die Würdigung des zehnten Kapitels des
erften Korinther-Briefes. Cl. gibt, wie wir fchon fahen,
unbedingt zu, daß der Ausdruck ,Gemeinfchaft des Leibes
und des Blutes Chrifti' fakramental verftanden werden
könne. Er nimmt auch hinfichtlich der Beziehung auf
den erhöhten Chriftus nicht unbedingt Anftoß an der
Erwähnung des Blutes, auch hält er die Heranziehung
der Gemeinfchaft israelitifchen Prieftertums mit dem
Altar (Vers 18) nicht für einen unbedingt geltenden
Grund gegen die fakramentale Auffaffung, er klammert
fich fchließlich nur an den einen Ausdruck V. 23: ,oder
wollen wir den Herrn herausfordern'. Er meint, wenn
die bloße Teilnahme an den heidnifchen Opfermahlzeiten
die Chriften bereits nach fakramentaler Auffaffung zu
Genoffen der Dämonen mache, fo bedürfe es nicht erft
eines befonderen göttlichen Eingreifens. Als wenn diefe
verfchiedenen Betrachtungsweifen, die fakramentale und
die mehr juriftifche oder moralifche, nicht unbedingt
nebeneinander beliehen könnten! Ebenfo wenig hat
man es für unmöglich zu halten, daß Paulus I. Kor.
II, 27 ff. Krankheit oder leiblichen Tod halb als eine
einfach naturgemäße Folge des unwürdigen Effens und
Trinkens der fakramentalen Speife, halb als eine Strafe
Gottes auffaßt. Wer ein derartiges in der Schwebe-
Bleiben von Gedanken für unmöglich hält, hat fich
wirklich noch nicht genügend in die Eigentümlichkeit
religionsgefchichtlicher Übergänge und in die pfycho-
logifche Lage eines Mannes, der auf der Grenzfeheide
zweier religiöfer Welten fleht, hineingedacht.

Diefe ganze Argumentation mit ihrem Hängen und
Kleben am einzelnen gleicht doch nur einem Rückzugsgefecht
nach verlorener Schlacht und fleht überdies in
leltfamem Kontraft zu der weiteren und freieren Auffaffung
, der fich der Verfaffer in dem vorhergehenden
Abfchnitt feines Werkes fähig erwiefen hat.

So müffen wir im großen und ganzen die freundlichen
pädagogifchen Ratfchläge, die der Verfaffer am
Schluß feines Buches der religionsgefchichtlichen Forfchung
gibt, ablehnen, freuen uns aber doch an der
weitgehenden Übereinftimmung und mancher gefchickten
Widerlegung allzu voreiliger und turbulenter Behauptungen
auf religionsgefchichtlicher Seite. Unbedingt anzuerkennen
aber ift der Fleiß, mit dem fich der Verfaffer
in das weitfehichtige Material eingearbeitet hat.

Göttingen. Bouffet.

St ein mann, Prof. Dr. Alphons, Die Sklavenfrage in der
alten Kirche. Eine hiftorifch-exegetifche Betrachtung
über die foziale Frage im Urchriftentum. Sonderabdruck
aus der Wiffenfchaftlichen Beilage zur Germania
(Berlin) 1910 Nr. 8—12. Berlin, Germania. (55 S.)
gr. 8°

Diefer Sonderabdruck aus der wiffenfchaftlichen Beilage
der ,Germania' bringt uns eine volkstümlich und
warmherzig gefchriebene Darlegung des Verhältniffes von
Sklaverei und Chriftentum. Wenn der Titel des Auffatzes
freilich von der ,alten Kirche' redet, fo ift zuviel ver-
fprochen, denn der Verf. befchränkt fich, wie auch im
Untertitel angegeben, auf ,hiftorifch-exegetifche Betrachtungen
über die foziale Frage im Urchriftentum'. Das
Urteil ift überall von ruhig abwägender Befonnenheit
und hält fich fowohl in der Charakteriftik der antiken
Sklaverei, als auch in der Darftellung der Stellungnahme
der Chriften fern von Generalifierungen und Über-