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Ausgabe:

1910 Nr. 26

Spalte:

809

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bertholet, Alfred

Titel/Untertitel:

Das Ende des jüdischen Staatswesens 1910

Rezensent:

Staerk, Willy

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8o9

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 26.

810

(in der Zeitfchrift der deutfchen morgenländifchen Ge-
fellfchaft 1911, Heft 13).

Bonn. Ed. König.

Bertholet. Prof. D.Alfred, Das Ende des jüdifchen Staats-
welens. Sechs populäre Vorträge. Tubingen, J. C. B.
Mohr 1910. (V, 165 S.) 8° M. 2—; geb. M. 3.20

Das Buch ift aus einem populären Vortragszyklus
hervorgegangen, den B. Anfang diefes Jahres in Bafel
auf Wunfeh des Erziehungsdepartements gehalten hat.
Es beanfprucht alfo nicht eigentlich wiffenfehaftlichen
Charakter, und man darf demgemäß von ihm keine Förderung
in der hiftorifchen Erkenntnis erwarten. Was es
bietet, ift eine in gewählter Sprache gut erzählte Gefchichte
des Judentums von der helleniftifchen Zeit an bis zum
Fall Jerufalems ohne gelehrtes Beiwerk. Nur ab und zu
wird auf das Neue Teftament Bezug genommen, um zeit-
gefchichtliche Anfpielungen darin zum Verftändnis zu
bringen. Soweit die äußere und innere Gefchichte des
Judentums in der angegebenen Epoche überhaupt auf
allgemeines Intereffe Anfpruch erheben und darum zum
Gegenftand populärer Darfteilung werden kann, darf B.s
Verfuch, fie gebildeten Nichttheologen vorzuführen, als
wohlgelungen angefehen werden.

Der reiche Stoff ift auf die 6 Vorträge fo verteilt,
daß 1 die Vorgefchichte des weltgefchichtlichen Konflikts
zwifchen Theokratie und Weltmacht behandelt bis I
zum erften Zufammenftoß mit den Römern; II—IV erzählen
die Gefchichte der Jahre 60 v. Chr. bis 40 n. Chr.
und V und VI die der zwei Jahrzehnte vor Ausbruch
des Krieges und diefen felbft.

Den hiftorifchen und literarifchen Problemen gegen- 1
über zeigt B. maßvolle Kritik, fo z. B. in der Beurteilung
der diplomatifchen Beziehungen zwifchen den Makka-
bäern und Rom. I. Makk. 8, iff. und 12, if. (S. Ii), oder
des Berichtes Ant. XV, 7, 1 ff. im Vergleich mit XV, 3, 5!/. [
(S. 64). Dagegen halte ich die Beziehung von Teil, Juda
21 auf Hyrkan (II.) S. 20 für fehr anfechtbar und bedaure,
daß Bertholet Duhm's Hypothefe über das Buch |
Habakkuk, die freilich neuerdings Prockfch (Die kleinen [
proph. Schriften vor dem Exil S. 158) für einen bleibenden
Ertrag der Gefchichtserklärung ausgegeben hat, in
einem populären Werk auch nur zu erwähnen fich ent-
fchloffen hat (S. 5). S. 117 I.Petrus ftatt Paulus.
Jena. W. Staerk.

Vernon, Ambrose White, The religious value of the Old
Testament in the light of modern scholarship. New York,
Th. Y. Crowell & Co. 1910. (81 p.) 8°
Der Verf. diefer lefenswerten kleinen Schrift, welche
Francis Brown, dem Herausgeber des Hebrew and Hng-
lisli Lcxicon of tlie Old Testament, gewidmet ift, unternimmt
es, feinen amenkanifchen Lefern darzulegen, daß
durch die neuere wiffenfehaftliche Auffaffung des Alten
Teftaments fowenig der religiöfe Wert desfelben für uns
zerftört ift, daß wir vielmehr erft durch diefelbe zu einer
rechten Würdigung desfelben kommen. Die Arbeit verläuft
im wefentlichen in vier Abfchnitten. Nach einem
kurzen Hinweis auf die veränderte Stellung, welche wir
dem A. T. gegenüber vom Boden der modernen Wiffen-
fchaft aus einnehmen, zeichnet er in fcharfen knappen
Zügen die ältere Auffaffung von dem religiöfen Wert des
A. T., hebt ihre Mängel heraus, welche in der Unfähigkeit
, die Altteftamentliche Religion recht zu begreifen,
in einer Veräußerlichung der Religion und in einer
trivialen- Gottesvorftcllung beftehen, und zeigt die ganze
Unhaltbarkeit diefer Pofition. Ihr gegenüber betont V.,
wie wir nur vom Boden der hiftorifch-kritifchen Auffaffung
aus zur rechten Bewunderung der religiöfen Charaktere,
die das A. T. uns fchildert, kommen, wie fie uns ermöglicht
, den Enthufiasmus der Männer zu teilen, welche
die Grundwahrheiten der Religion und den Charakter
Gottes entdeckten, und wie fie endlich unerläßlich ift,
um zu einem richtigen Verftändnis Jefu Chrifti zu gelangen
.

Es find keine neuen Gedanken, welche hier dargelegt
werden, aber fie find das Refultat eingehender
Studien und zeugen von gefundem Urteil und feinem
religiöfen Verftändnis, fo daß fie wohl geeignet find, zur
Verftändigung in dem entbrannten Kampf beizutragen.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Clernen, Prof. Lic. Dr. Carl, Religionsgefchichtliche Erklärung
des Neuen Teftaments. Die Abhängigkeit des
älteften Chriftentums von nichtjüdifchen Religionen
und philofophifchen Syftemen zufammenfaffend unter-
fucht. Mit 12 Abbildungen auf zwei Tafeln. Gießen,
A. Töpelmann 1909. (VIII, 301 S.) gr. 8° M. 10—;

geb. M. 11 —

Was der Verfaffer bietet ift eigentlich keine zufam-
menfaffende Unterfuchung der Abhängigkeit des Chriftentums
von nicht-jüdifchen Religionen (wie follte auch ein
einzelner diefes Thema bewältigen können!), fondern
eine kritifche Zufammenftellung der neuerdings auf die-
fem Gebiet geleifteten Arbeiten und Verfuche. Clemen
hat wie immer in feinen Arbeiten merkwürdig viel ge-
lefen und zufammengetragen, und er hat vielfach gut zu-
fammengefaßt, fo daß feinem Buch eine gewiffe Brauchbarkeit
als einem Nachfchlagebuch nicht abgefprochen
werden kann.

Allerdings erheben fich gleich hier einige Bedenken.
Die Anorduung und Durchdringung des Stoffes ift Clemen
nicht überall gleich gut gelungen. Bei einzelnen
Partien erhält man den Eindruck, als würde ein Zettel-
kaften voll gelehrter Bemerkungen vor uns umgeftürzt.
Auch die Zerteilung und Zerfchneidung des Stoffes nach
einem fehr künftlich disponierten Schema bereitet einem
Gefamtüberblick Schwierigkeiten. Befonders unglücklich
fcheint mir der Teil I: Das Chriftentum im allgemeinen
(S. 30—58) geraten zu fein. Clemen geht hier auf die Widerlegung
von Bruno Bauers Ableitung des ganzen Chriftentums
aus der römifch-griechifchen Kultur und Philofophie
aus. Er bringt aber zu diefem Zweck nur eine ganze Menge
von einzelnen Punkten, an denen von verfchiedenen For-
fchern Abhängigkeit des N. T. namentlich von griechi-
fcher Philofophie behauptet ift. Was hier gebracht wird
ift im einzelnen ganz intereffant, was aber die Hauptfrage
betrifft, auf die es eigentlich ankommt, fo ift man
darüber nach dem Studium diefer Einzelheiten etwa
genau fo klar oder unklar wie vorher.

Bedeutend großzügiger und ergiebiger find die Ab-
fchnitte unter 18 I: Gott, die Mittelwefen, das Ende der
Welt, das Leben nach dem Tode; ebenfo unter B 3:
Gottesdienft, Taufe, Abendmahl. In dem befonderen
Teil (II) behandelt Clemen zunächft Leben und Lehre Jefu.
In dem Abfchnitt: Leben und Lehre Jefu im allgemeinen
bietet er eine glückliche Auseinanderfetzung mit der Auffaffung
des Affyriologen Jenfen. Brauchbar ift auch der
Abfchnitt über die Kindheitsgefchichte Jefu. Dagegen
enthalten die Kapitel über die öffentliche Wirkfamkeit
und über Leiden und Auferftehung wieder nur einzelne zu-
fammengetragene Bemerkungen, und überrafchend kurz
find die Ablchnitte über die Paulinifche Theologie und
die Anfchauungen der Johanneifchen Literatur ausgefallen
, während hier doch erft die eigentliche Domäne
des Religionshiftorikers beginnt.

Cl. will aber nicht nur einen Uberblick über die bisherigen
Forfchungen in feinem Werke geben, es kommt
ihm vor allem auf eine Beurteilung der geleifteten Arbeit
an; und er erhofft in diefer Richtung von feinem Buche
großes (S. 289): ,Ich fürchte, wenn fich die religionsge-

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