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Ausgabe:

1910 Nr. 26

Spalte:

804-806

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weinreich, Otto

Titel/Untertitel:

Antike Heilungswunder. Untersuchungen zum Wunderglauben der Griechen und Römer 1910

Rezensent:

Lietzmann, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 26.

804

Darum ift die Schilderung der Kolonifation Amerikas
auch dem fiebenten Bande vorbehalten geblieben (i.Buch;
1.— 3. Abfchn.). Die Gefchicke der verfchiedenen koloni-
fatorifchen Gruppen werden überfichtlich dargelegt; vor
allem aber nimmt unfer Intereffe in Anfpruch die Ent-
ftehung und Entwickelung der Vereinigten Staaten von
Nordamerika; es wird gezeigt, wie hierein im wefentlichen
europäifch gearteter Staat entftand, der aber in mancher
Beziehung über die europäifchen Verhältniffe hinaus fort-
gefchritten, nicht durch die dortigen altüberlieferten
Hemmniffe gebunden war, und wie er durch die in ihm
herangebildeten Ideen und Ordnungen Europa zu beein-
fluffen begann. Nach einem kurzen Überblick über die
Erwerbung Oftindiens durch England und über den
Stand der europäifchen Kolonien um 1815 (4. Abfchn.)
wendet fich der Verf. zur Schilderung Europas bis zum
Beginn der franzöfifchen Revolution (2. Buch; 5. bis
8. Abfchn.). Der glänzende Zuftand Englands (7. Abfchn.)
und die Machtlofigkeit Deutfchlands (8. Abfchn.) werden
nach ihren Urfachen und Erfcheinungen vorgeführt, ,1m
Befitz von goldenen Geiftesfchätzen hatten die Deutfchen
das Eifen nicht mehr geachtet, felbfl der bewunderte
Ruhm Friedrichs des Großen gab ihnen kein Verftändnis
für feine Notwendigkeit.' Damit find die Grundlagen gegeben
, von denen aus die Wirkungen der franzöfifchen
Revolution und der Tätigkeit Napoleons verftändlich er-
fcheinen. Das 3. Buch (Abfchn. 9 bis 12) hat es mit der
franzöfifchen Revolution und Republik, das 4. (Abfchn.
13 bis 26) mit der Gefchichte Napoleons zu tun. Vortrefflich
trotz aller Kürze find die Urfachen der Revolution
, ihr Gang dargelegt, vortrefflich aber auch auf-
gewiefen, wie die Zuftände gebieterifch einen Mann
verlangten, der Ordnung in die chaotifche Verwirrung
zu bringen befähigt war. Ausgezeichnet aber find auch
die inneren Notwendigkeiten aufgezeigt, die Napoleon
auf die Höhe feiner Macht führten, die feine Macht
zertrümmerten. Hier vor allem kommen des Verfaffers
Grundanfchauungen von dem Wechfelverhältnis von
Beharrung und Veränderung, aus denen fich der ge-
fchichtliche Hergang zufammenfetzt, voll zur Geltung;
hier vor allem auch die gegenfeitige Bedingtheit, aber
auch die SHbftändigkeit von Ideen und Perfönlichkeit.
Auch die Charakterilfik Napoleons fcheint mir vorzüglich
gelungen zu fein; namentlich kommt in Betracht,
daß L. ihn nicht darfteilt als einen Mann, der aus-
fchließlich vorwärts geriffen wird durch Pläne und Entwürfe
, die feinem Ehrgeiz und feiner Machtbegierde
entflammen, fo fehr fein Egoismus im Spiele fein mochte;
vielmehr ift hier die Macht der Verhältniffe, die ihn
emporgetragen und die er zu beherrfchen glaubte, zur
Herrfchaft gekommen. In der Würdigung feines Werkes
und feiner Nachwirkungen zeigt fich die hohe Weisheit
und vollendete Gerechtigkeitsliebe des Verfaffers: fo
warme Worte er findet für das Elend Deutfchlands und
Preußens, wie es durch Napoleon hervorgerufen wurde,
fo weift er doch am Schluffe darauf hin, daß fich auch
bei ihm die verföhnende Kraft der Gefchichte zeigt, die
aus Leiden und Ungemach Segen zu fchaffen vermag.

Die Gefchichtsbetrachtung ,von unten her', d. h. diejenige
, die nur mit menfehhehen Faktoren operiert, fo
weit wir fie zu erkennen vermögen, hat in Lindners
Weltgefchichte eine vortreffliche Leiftung gezeitigt.
So fchlicht die Ausdrucksweife, fo hat fie doch die
Darfteilung zu dramatifcher Lebendigkeit zu bringen
vermocht.

Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß überall
auf kirchliche und religiöfe Vorgänge hingewiefen wird,
fobald fie für den Gang der allgemeinen Gefchichte
wichtig erfcheinen, der Natur des Stoffes entfprechend
mehr im 6. als im 7. Bande. Hier glaube ich behaupten
zu dürfen, daß der kirchliche und religiöfe Faktor etwas
höher zu werten ift, als L. getan hat, wie ich ja auch
im Gegenfatze zu ihm der alten, doch keineswegs

veralteten Anfchauung bin, daß die Gefchichte der
neuen Zeit mit Luther und nicht mit der Aufklärung
beginnt. Ich möchte meinen, daß die weitere Gefchichte
des 19. Jahrhunderts diefe Auffaffung rechtfertigt. Möchte
es dem Verf. möglich fein, uns bald die noch ausftehen-
den beiden Bände feiner Weltgefchichte vorzulegen. So
intereffant und wertvoll die bisherigen fieben find,
weil hier in großen Zügen das Wichtige in prägnanter
Zufammenfaffung vorgeführt wird, fo glaube ich doch,
daß die letzten beiden Bände das größte Intereffe be-
] anfpruchen werden.

Kiel. Gerhard Ficker.

Zehnpfund, Dr. Rudolf, Babylonien in feinen wichtigften
Ruinenftätten. Mit 16 Plänen der Ruinenfelder und
drei Abbildungen. (Der Alte Orient. II. Jahrgang,
Heft 3/4.) Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung
1910. (72 S.) gr. 8° M. 1.20

Zehnpfund behandelt die einzelnen Ruinenftätten in
geographifcher Reihenfolge, aus der Umgebung Babylons
nach Süden wandernd, wie Sippar, Nippur, Tello, Larfa,
Ur ufw. Anfpruchslofe Pläne der einzelnen Stadtlagen
dienen dazu, die verfchiedenen Ausgrabungen ihrem Orte
nach zu veranfehaulichen. Eine Gefamtkarte Babyloniens
und vor allem Literaturangaben wären fehr erwünfeht
gewefen. Aber die Zufammenftellung der wichtigften
Funde und ihrer Bedeutung für die Gefchichte Babyloniens
bleibt trotzdem dankenswert, da fie eine bequeme
Überficht des bisher Geleifteten ermöglicht und auf
manche zerftreuten Einzelheiten aufmerkfam macht. So
erfährt man z. B. Genaueres über die ,Kultustafel' von
Sippar (S. 5), über den Etagenturm von Nippur (S. 25),
über die Kornfpeicher in Tello (S. 39), über die Feuer-
nekropolen und Totenbeigaben in Surghul und el-Hibba
(S. 42 ff.), über die Mauern von Uruk (S. 50) u.a. Von
befonderem Intereffe ift der Hinweis auf eine Infchrift
der Statue Urbaus (vgl. Vorderafiat. Bibl. I, 1 S. 61:12 a).
Da wird berichtet, daß Urbau die Fundamente, genauer
die Erde, in der die Fundamente des alten Eninnu-
Tempels lagen, in eine Tiefe von (fo und fo viel) Ellen
ausgehoben, die Erde wie edles Geftein (geklärt?) und
wie edles Metall durch Feuer (geläutert?) habe. Dann
habe er eine große Bauftelle gemacht gemäß den Maßen
(des alten Tempels?), dorthin die Erde gebracht und
darinnen die Fundamente des neuen Eninnu-Tempels
gelegt. Mit Recht betont Zehnpfund, daß man alfo zur
Grundlegung des Neubaus nicht bloß die alten Fundamente
, fondern fogar den Mutterboden benutzte, auf dem
fie lagen (S. 37). Dem Altteftamentler drängt fich der
Vergleich mit II. Kön. 5, 17 auf. Die dort berichtete
Bitte Naemans um zwei Maultierlaften paläftinifcher Erde,
die vermutlich von einem Jahve geheiligten Tempelplatz
genommen werden follte (da fonft eine Bitte unnötig
wäre!), ift demnach keine perfönliche Schrulle, fondern
beruht auf allgemein üblichen, altorientalifchen Bräuchen.

Berlin-Weftend. Hugo Greßmann.

Weinreich, Otto, Antike Heilungswunder. Unterfuchungen
zum Wunderglauben der Griechen und Römer. (Re-
ligionsgefchichtliche Verfuche und Vorarbeiten, herausgegeben
von R. Wünfch und L. Deubner. VIII. Band,
1. Heft.) Gießen, A. Töpelmann 1909. (XII, 212 S.)
gr. 8° M. 7 —

Weinreichs Buch ift nicht ein Repertorium antiker
Wundergefchichten, fondern will ,an einzelnen Typen
den Formen nachgehen, in denen fich der Wunderglaube
äußert'. So werden drei, und zwar befonders bedeutfame,
Formen ausgewählt, Heilung durch die Hand, im Traum,
durch Bilder. Das ift zwar keine logifch richtige Ein-