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Ausgabe:

1910 Nr. 25

Spalte:

794-796

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Uckeley, Alfred

Titel/Untertitel:

Moderne Predigtideale 1910

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 25.

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,Infpiration', mittelft deren fie ihre religiöfe Erkenntnis
gewinnen, biete zwar nicht fertige Löfungen der religiöfen
Probleme dar, fei aber felbft als eine gefchichtliche Tatfache
des religiöfen Lebens zu würdigen, an der fich das
eigene Glaubensleben aufrichten und Marken kann. Die
Haupttatfache, auf die fich der chriftliche Glaube gründe,
fei Jefus Chriftus felbft. Seine Gefchichtlichkeit und die I
religiöfe Bedeutfamkeit feines gefchichtlichen Seins werden
dargelegt. In Jefu (teile fich eine einzigartige Vollkommenheit
des religiöfen Lebens dar, die Verwirklichung des |
von ihm felbft verkündigten höchften ethifch-religiöfen
Ideals, eines Lebens aus Gott in Liebe. In Jefu Liebesverhalten
werde uns Gottes Liebesverhalten gegen die
Sünder vollkommen erkennbar, und diefe Liebe Gottes
wecke in uns Gegenliebe zu Gott. Das fei der Grundgedanke
der .Verformung' durch Chriftus. Chriftus vermittele
uns aber auch einen rechten Glauben an die
immanente Gotteskraft in der Welt. Wenn die Welt in
Chrifto angefchaut werde, dann erkennen wir den Geilt
Gottes als leitende Macht in ihr.

Die Vorträge find anziehend durch die große Wärme,
mit der ihr Autor für die Wahrheit und den Wert der !
chriftlichen Gefamtanfchauung eintritt, und durch die einfache
, klare Art der Ausführung. Man merkt es ihnen
an, daß der Autor ein vielfeitig gebildeter Theolog ift.
Möge es ihm gelingen, weiterhin noch viele tüchtige
Arbeit zur fyftematifchen Entwicklung und Begründung
der chriftlichen Lehre zu leiften!
Jena. H. H. Wen dt.

Stuckert, Pfr.Lic.Carl, Kirchenkunde des evangelifchen Auslandes
I. Kirchenkunde der reformierten Schweiz. (Studien
zur praktifchen Theologie, in Verbindung mit K. Eger
und M. Schian herausgegeben von C. Clemen. 4. Band.
Heft 2.) Gießen, A. Töpelmann 1910. (IV, 180 S.) I
gr. 8° M. 5 —

Die von Carl Clemen herausgegebenen ,Studien zur
praktifchen Theologie' wollen auch eine ,Kirchenkunde
des evangelifchen Auslandes' bringen, und deren erfter
Teil liegt hier vor. Ich kann mich nur darüber freuen,
daß der Gedanke der ,Kirchenkunde', wie ich ihn durch
meine ,Evangelifche Kirchenkunde' der Praktifchen
Theologie einzugliedern verfucht habe, auf fo fruchtbaren j
Boden gefallen ift. Ja, der vorliegende Band fchließt
fich in feinem Schema auffallend eng — natürlich mutatis j
mutandis — an das meiner ,Kirchenkunde' zugrunde |
gelegte an. Auch in der Behandlung des Stoffes zeigt j
fich eine nahe Verwandtfchaft. Um fo mehr wird man
es begreiflich finden, wenn ich mich bei diefer Sachlage
einigermaßen gewundert habe, im Vorwort die Vorlage
auch nicht mit einer Silbe erwähnt gefunden zu haben.

Diefe ,Kirchenkunde des evangelifchen Auslandes'
foll natürlich in erfter Linie uns Deutfchen dienen, nicht
— obwohl dies nicht ausgefchloffen fein foll — dem
kirchlichen Gebiet, das jeweils dargeftellt wird. Das muß
natürlich für den Charakter des Ganzen von Bedeutung
fein. Der Dartteller wird fich immer deffen bewußt
bleiben müffen, daß er für Ausländer fchreibt, nicht für
feine Landsleute. Mir fcheint, daß der Verf. des vorliegenden
Bandes, der übrigens bereits 1906 ein Schriftchen
erfcheinen ließ: ,Was ift den Reichsdeutfchen an
den kirchlichen Zuftänden der Schweiz intereffant?' (Hefte
der Chriftl. Welt Nr. 55), feinen reichsdeutfchen Lefern
doch ab und zu zuviel zumutet. Wer unter uns weiß z. B.
fo ohne weiteres, was die .Helvetik' (S. 11) ift? Was ift
mit den .Bezirken' in der Tabelle S. 15/16 gemeint? Wie
foll ich es verliehen, wenn S. 54 gefagt wird, daß die
Proteftantifche Genfer Nationalkirche eine Gefellfchaft
fei, ,die den Verfügungen des Art. 28 des fchweizerifchen
Obligationsrechts unterfteht'? So find wir denn öfter
vor Dinge geftellt, die dem Schweizer Selbftverftänd- |

lichkeiten fein mögen, die dem Nicht-Schweizer aber
Rätfei find. In diefem Zufammenhang mag auch dem
Bedauern Ausdruck gegeben werden, daß es dem Buche
an einer Karte der Schweiz mit Angabe der Kantone
fehlt. Nicht jeder Handatlas bietet die Kantonseinteilung;
z. B. in dem von Andree erfcheint ein derartiges Kärtchen
nur als befcheidene Beigabe. Auch könnte da und
dort der Verf. ausführlicher fein. Man erfährt über
manche Punkte, z. B. über die fchweizerifche evangelifche
Kirchenkonferenz mehr in dem Artikel .Schweiz' in der
dritten Auflage der Proteft. Realencyklopädie (Bd. 18,
S. 43—66) als in unferem Buche. Als einen Mangel
empfinde ich es auch, daß fo gut wie gar keine Literatur
genannt ift. Gerade für den Nicht-Schweizer, der fich
weiter unterrichten will, ift die forgfältige Angabe des
Quellenmaterials mehr als eine bloße Höflichkeit. Endlich
vermißt man fchmerzlichft Regifter. Ein Buch ohne
Regifter ift wie eine Stadt ohne Straßenfchilder. Doch
diefe Wünfche werden nur laut, weil das Buch als folches
lebhaftes Intereffe weckt. Vieles, was berichtet wird,
hat gewiß in unfern Verhältniffen feine vollkommene
Parallele. Wie vieles aber berührt aus völlig fremd! Wie
manche Frage, die uns bewegt, ift in der Schweiz bereits
entfchieden, und in einer Weife, daß wir von unferem Standpunkt
aus meinen, damit werde der offenbare Zerfall des
kirchlichen und religiöfen Lebens eingeleitet. Und doch
ift es keineswegs an dem. Im Gegenteil: das kirchliche
Leben der Schweiz erfcheint nach diefer Darfteilung
keineswegs im Niedergang begriffen.

Ob die Darfteilung St.s im einzelnen zuverläffig ift,
vermag ich nicht zu entfcheiden. Darüber müffen die
Schweizer urteilen. Im ganzen hat man den Eindruck,
einem ficheren Führer zu folgen. Da und dort macht
man fein Fragezeichen. Daß fich der ,Aberglaube' nicht
breit zu machen fcheine (S. 170), halte ich für fehr
zweifelhaft. Ob hier nicht, wie fo oft, den Pfarrern noch
die Augen gebunden find? Wie es bei meiner Evangelifchen
Kirchenkunde' gefchehen ift, fo hat St. auch bei
feinem Buch fich vieles Material durch Umfrage verfchafft.
Mit feinem Urteil hält er im allgemeinen fehr zurück.
Manche Partien des Buches find von einer gewiffen
Trockenheit; doch liegt das am Stoff und ift kaum zu
vermeiden.

Daß wir von den fchweizer kirchlichen Verhältniffen
vieles lernen können, ift außer Zweifel. Vor allem eins:
daß nämlich die Formen, um die wir uns fo vielfach
ftreiten oder den Kopf zerbrechen, viel nebenfächlicher
find, als wir denken. Das Leben ift viel zu kräftig und
zu ficher, als daß es von den Formen wefentlich beftimmt
würde. Wer glaubt bei uns, daß es ohne Verpflichtungsformeln
, ohne ftrenge liturgifche Ordnungen, ohne ftete
Überwachung gehe? Wenn das Buch uns von übergroßer
Enge und Ängftlichkeit befreien könnte, fo würde es
uns einen großen Dienft tun.

Halle. Paul Drews.

Uckeley, Priv.-Doz.Lic. Alfred, Moderne Predigtideale. Beiträge
zur Theorie der zeitgemäßen Predigtweife nach
Inhalt und Form. Leipzig, A. Deichert'fche Verlagsbuchhandlung
, Nachf. 1910. (III, 80 S.) 8° M. 1.40

Der Verfaffer ift mittlerweile als Nachfolger von
Johannes Bauer zum ordentlichen Profeffor der Praktifchen
Theologie in Königsberg berufen worden. Seiner Schrift:
,Die moderne Dorfpredigt' hat er vorliegende Studie
folgen laffen und damit ein Speeinten eruditionis gegeben,
das ihn des neuen Amtes würdig erweift. In dem erften
Abfchnitt (1—45) bringt er zur Darfteilung, ,was den
Homiletikern und Homileten der Gegenwart als Predigtideal
vorfchwebt: eine durchaus gemeindegemäß-differenziert
angelegte, durch ihre Themata gegen Langweiligkeit
gefchützte Predigtweife, die fowohl von religiöfer Volks-