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Ausgabe:

1910 Nr. 25

Spalte:

784-786

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zickendraht, Karl

Titel/Untertitel:

Der Streit zwischen Erasmus und Luther über die Willensfreiheit 1910

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 25.

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lieh noch erwägt, daß V. ftatt des einen Ign. fechs Per-
fonen braucht, um den Tatbestand zu erklären: I, Ignatius
von Antiochien, 2. Theophorus-Peregrinus, 3. Pfeudoigna-
tius, 4. Peregrinus des Lucian, 5- Pfeudoignatius-Röm.,
6. Pfeudo-Ignatius für die längere Rezenfion, fo heißt das
denn doch eine Starke uralte kirchliche Tradition und
eine gut verfländliche Sachlage einer Lieblingsidee opfern.

Wittenburg i/Weftpr. Ed. von der Goltz.

Bastgen, Hubert, Die Gefchichte des Trierer Domkapitels
im Mittelalter. (Görres-Gefellfchaft zur Pflege der
Wiffenfchaft im katholifchen Deutschland. Sektion
für Rechts- u. Sozialwiffenfchaft. 7. Heft.) Paderborn,
F. Schöningh 1910. (VIII, 336 S.) gr. 8° M. 8.60

Wenn das Intereffe an der VerfafSungsgefchichte
deutscher Domkapitel in dem Maße andauert, als es
bisher EinzelSchriften über Sie entstehen ließ, fo wird in
abfehbarer Zeit jedes von ihnen feine gefonderte Dar-
(tellung gefunden haben. Die erften Abfchnitte der vorliegenden
Arbeit find bereits im Jahre 1907 als Berliner
Differtation erfchienen; nun legt der Verfaffer feine ganze
Studie vor, ohne freilich an ihrem Aufbau wie an ihren
wesentlichen Ausfuhrungen durchgreifende Änderungen
vorgenommen zu haben, da andere Aufgaben ihm neue
Ziele wiefen. Er felbft bittet, diefe Eigenart feines
Buches bei der Kritik zu berücksichtigen, und man wird
Solchem Verlangen um fo eher willfahren können, als
feine Schrift im Kreife gleichartiger und gleichzeitiger
Veröffentlichungen wohl beftehen kann. Mit klarer Anordnung
verbindet fleh fleißige Heranziehung gedruckter
und ungedruckter Quellen, vor allem aber Vertrautheit
mit der Gefchichte und Verfaffung des Trierer Erzbistums,
deffen Archidiakonate B. felbft kurz zuvor in einer besonderen
Abhandlung gefchildert hatte (Trierifches
Archiv X, 1906, S. I ff.), — Schade nur, daß er unterließ,
durchgängig auf Übereinstimmungen oder Abweichungen |
von der Entwicklung der Domkapitel in anderen Diözefen
aufmerkfam zu machen. B. betrachtet unterer Meinung
nach das Trierer Domkapitel mit allzugroßer Aus-
fchließlichkeit, und den Lefer entschädigt hiefür nur die
reiche Zahl von Quellenexzerpten, die ihn zu Steter Mitarbeit
anregen. Äuf Einzelheiten möchte hier nicht einzugehen
fein; immerhin fei erwähnt, daß B. als Anhang
(S. 282ff.) aus dem Trierer Domarchiv eine Ordnung für
die Diener des Domkapitels aus dem 13. Jahrhundert in
lateinifcher und deutfeher Faffung mitteilt, die aber
beide, fei es unmittelbar fei es mittelbar, auf eine ältere
lateinifche Faifung zurückgehen. Vor Jahren hatte ich
eine Abfchrift der lateinifchen Faffung an B. überweifen
können; es erfreut zu Sehen, daß Sie ihm der Drucklegung
wert erfchien, wenn Sie gleich hinfichtlich der
Deutung einzelner Wörter immer noch Rätfei aufgibt.
Alles in allem eine Schrift, die in ihrer felbftgewollten
Beschränkung als verdienftlich anzufehen ift, auch nachdem
ihr das Buch von W. Kisky über die ftändifche Zusammensetzung
der drei rheinifchen Domkapitel (vgl. diefe
Zeitschrift 1906, Sp. 663 ff.) für eine wichtige Frage wertvollen
Vorfpann geleistet hat; vgl. B. S. 26fr., wo aber S. 33
Anm. 2 die Abkürzungen: N. A. 1906, I 240 und N. A.
1907, I 504 einen im Rätfellöfen Sehr geübten Mann erfordern
. Sie Sollen nämlich hinweifen auf das Neue Archiv
der Gefellfchaft für ältere deutfehe Gefchichtskunde
Bd. XXXII (1907 abgefchloffen, doch erfchien Heft I noch
im Jahre 1906, während Heft 2 im Jahre 1907 ausgegeben
wurde), S. 240 und S. 504. Da ein Verzeichnis der Abkürzungen
— und der benutzten Literatur, wie es beispielsweise
in den Kirchenrechtlichen Abhandlungen von
Ü. Stutz regelmäßig zu finden ift —, bei B. fehlt, hätte
der Verfaffer gut daran getan, feinen Lefern Preife aus-
züfetzen für die richtige Entzifferung der von ihm gewählten
Siglen.

Königsberg i. Pr. A. Werminghoff.

Zickendraht, Lic. Karl, Der Streit zwiiehen Erasmus und
Luther über die Willensfreiheit. Dargestellt und beurteilt
. Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1909.
(XII, 205 S.) gr. 8° M. 4.50; geb. M. 5.50

Es ift in feiner Art auch ein Zeichen der Zeit, jedenfalls
der theologifchen Intereffenrichtung, daß im Jahre
1909 über das Thema: Erasmus und Luther nicht weniger
als drei Spezialarbeiten erfchienen Sind, von Humbertclaude
, A. Meyer und Zickendraht. Jede in ihrer Art
verfchieden von der anderen: die von Humbertclaude
geht nicht Sehr in die Tiefe, begnügt Sich im Wesentlichen
mit einem Referat, die von Meyer hat den Vorzug
der Großzügigkeit, die von Zickendraht den der
Gründlichkeit. Sie ift, was Analyfe und Problementwicklung
betrifft, erfchöpfend; forgfam ift den nicht
leichten Gedankengängen Luthers und feines Gegners
nachgegangen worden, die am Schluffe beigefügten Anmerkungen
und Ergänzungen'bieten fehr hübfehe kleinere
oder größere Einzelunterfuchungen, wie z. B. die Erklärung
der fcholaftifchen Diftinktionen (Anm. 8) meritum
de condigno und de congruo (,Gott gibt gewiffermaßen
Troftpreife'), voluntas signi und voluntas beneplaciti, ne-
cessitas consequentis und consequentiae oder die Inhaltsangabe
von John Fifhers assertionis Littlieranae confutatio
(Anm. 16), die Konfrontierung zwifchen Luther und
Auguftin (Anm. 41), Luthers Abhängigkeit von Occam,
Biel, Tauler und Gregor v. Rimini (Anm. 46). Die
Schwäche aber des Buches ift das Fehlen einer klaren
Zufammenfaffung der Probleme und Ergebniffe, fowie
des Verfuches einer Kritik der beiderseitigen Gefamt-
pofitionen; das im ,Schluß' Gefagte ift zu dürftig, und
fo gewiß Z. Recht damit hat (S. 178), daß die grundsätzliche
Frage nach Recht oder Unrecht bei Luther oder
Erasmus auf einem anderen Blatte Steht, dem der Systematik
, während er eine hiftorifche Unterfuchung bieten
will, der eine Satz, ,daß durch die neuzeitliche Wiffenfchaft
, an deren Prinzipien wir bei Erasmus leife erinnert
worden find, die Problemstellung jedenfalls wefent-
lich verändert worden ift', ift gar zu knapp. Hätte Z.
doch nur die kritifchen Reflexionen, die er der Exegefe
beigegeben hat, zum Schluffe zufammengeftellt, ebenfo
die Anläffe zu ihnen, es wäre dem Bedürfnis des Lefers
nach Konzentration genug gefchehen! So aber verfinkt
man geradezu in Einzelexegefe, fo ausgezeichnet Sie
auch ift.1

Zickendraht leitet feine Studie ein mit einer Erörterung
der ,Vorgefchichte des Streites', d. h. einer Darstellung
der Beziehungen zwifchen Luther und Erasmus
vor 1525, aus der hervorgeht, ,daß die Wahl des Streitgegenstandes
nicht eine fo freie Tat des Erasmus
gewefen ift, wie man gewöhnlich annimmt'. Z. weift
befonders — und zwar m. W. zum erften Male — hin
auf die 1518 durch Vadian neu edierte Schrift des
Laurentius Valla de libero arbitrio, die Luther gekannt,
und die ,wenn auch nicht die Quelle der Gedanken L.s
gebildet, doch ihre klare Ausgestaltung gefördert hat'.
Punkt für Punkt — hier war Freitag WA 18 allerdings
ihm fchon voraufgegangen — wird dann gezeigt, wie
auf beiden Seiten, bei L. und E., die Wahl gerade diefes
Themas für den Streit ,durch eine lange Entwicklung
vorbereitet' ift. Neu gegenüber Freitag, der die betr.
Stelle aus Erasmus' Korrefpondenz a. a. O. S. 562 zwar
auch erwähnt, aber nicht ausbeutet, ift der Hinweis auf
die Bedeutfamkeit von L.s Assertio omnium articulorum.
Aus diefer flammt der Gegenstand des Streites zwifchen
E. und L.; die .Diatribe' läßt Sich gewiffermaßen einfach
als Gegenfchrift der .Assertio' auffaffen. Darin wird Z.
Recht haben. Daneben wird der englifche Einfluß auf
Erasmus fcharf betont, er ift Stark von John Fifher abhängig
; dem Zwecke nach ift die Diatribe ,weit weniger

1) Inzwifchen hat Z. in ,Chriftliche Welt' 1910 Nr. 45 eine Zufammenfaffung
geboten.