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Ausgabe:

1910 Nr. 25

Spalte:

771-773

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Myhrman, David

Titel/Untertitel:

Sumerian administrative Documents, dates in the reigns of the Kings in the second Dynasty of Ur from the Temple Archive of Nippur, preserved in Philadelphia 1910

Rezensent:

Winckler, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 25.

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ftehen, ift an und für fich keine Schande, nur foll man
fich dann auch nicht auf diefes Gebiet begeben und
ohne jede Kenntnis der Methode und der Gefetze der
Sprachwiffenfchaft willkürliche Etymologien aufftellen
oder ohne jede Kritik aus veralteten Büchern (z. B. von
de Belloguet und Pictet) entnehmen.

Taranis, offenbar der Name eines Donnergottes (vgl. cymr. taran
,Donner'), foll eineZufammenziehung von Tarvos Trigaranus fein(S. 7. 246).
Tarvos, das bekannte keltifche Wort für den Stier (irifch tarb, mit b für v
hinter r], zerlegt er in Tar-vos ,le taureau de Tar', indem er -vos mit lat.
bos identifiziert (S. 98. 248J. Andererfeits hält er auch Ere-bos und Tar-bos,
fo abgeteilt, für verwandte Wörter, ,le taureau de Ere ou Tar', S. 332. Für
jeden Sachkenner gehört gr. SQsßoq zu fkr. rajas, got. riqis .Dunkelheit'.
Ein wahrer Rattenkönig von Verknüpfungen, die jeder Wiffenfchaft fpotten,
ift der Artikel Teut-al-es S. 314. Die Deutung diefes Namens als ,le dieu
pere du peuple' geht auf de Belloguet zurück (S. 6. 110). Daß Teut-
mit irifch tualh, gotifch thittda zufammenhängt, ift richtig. Nach Ausweis
anderer keltifcher Namen find -ates ableitende, normative Silben, durch
die das Wort den irgendwie zum Volke Gehörigen bezeichnet. Unfer
Autor aber fteht nicht nur in -at- ein Wort für Vater, fondern löft auch
ganz willkürlich Ates als einen felbftändigen Namen für den Gott der
Unterwelt ab, und erblickt darin das griechifche Wort Hades. Andererfeits
könne Ates lateinifchen Ohren wie Ratis geklungen haben, und fo kon-
ftruiert er auch einen Gott Ratis, deffen Akkufativ Ratin er in einer von
ihm falfch überfetzten gallifchen Infchrift findet (S. 14). In Wirklichkeit
wird diefes Ratin der Akkufativ eines auch in • irifch raith lebendigen i
Wortes für einen befeftigten Ort fein. Die Kombinationen gehen noch
weiter: -at-es fei urfprünglich -at-tes gewefen und diefes -tes foll mit lat.
Dis identifch fein.

Wir begegnen diefen haltlofen Etymologien aber
nicht nur bei der Behandlung der einzelnen Götter und
in der Zufammenfaffung der Refultate S. 242—260, fondern
in feiner dilettantifchen Naivität ift der Verf. fogar
fo kühn, S. 286—328 eine alphabetifch geordnete Zu-
fammenftellung von folchen Etymologien zu geben, mit
der Überfchr'ift ,Renseignements sur quelques mots gaulots',
deren Resume S. 329 ff. hoch weitere Uberrafchungen
bringt. Eine befondere Merkwürdigkeit ift S. 329 der
zweite Abfatz ,Altos, regton contprise entre la Gironde
et l'Adour', vgl. ,le pays d'Altos' S. 112. Aus S. 113
und 251 geht hervor, daß diefes Land aus Caesars S. 8
angeführten Worten Sed ab aliis post mortem transire ad
alios konfluiert worden ift! S. 67 findet er auf einer
Infchrift neben Jupiter einen ,dieu de la navigation',
Der letztere ift aus den Buchftaben NAVG erfchloffen,
die aber in Wirklichkeit Numini Augttsti bedeuten! Das
Angeführte zeigt zur Genüge, daß diefes Buch nicht zur
Belehrung über die Götter der alten Gallier empfohlen
werden kann.

Die figürlichen Darftellungen der gallifchen Götter
findet man in zuverläffiger Wiedergabe zu einem großen
Teil in dem dreibändigen Werke von Esperandieu Re-
ctteil General des Bas-Reliefs de la Gaule Romaine,
1907. 1908. 1910, ferner in mehreren Werken von Salomon
Reinach. Sein Repertoire de la Statuaire grecque et ro-
maine, ein dreibändiger Katalog der Figuren, ift fchon
zu Anfang diefer Befprechung erwähnt. Ein älteres Werk
von ihm find die Bronzes figures de la Gaule Romaine.
Schöne Abbildungen enthält auch die unter dem Titel 1
Cultes, Mythes et Religions neuerdings erfchienene dreibändige
Sammlung feiner religionsgefchichtlichen Abhandlungen
(Paris 1905. 1906. 1908). Einen guten Überblick
über die gallifche Mythologie und Religion bietet
auch fein in diefem Jahre auch in deutfcher Sprache
erfchienenes kleines Buch Orpheus (Paris 1909), das nichts
geringeres als ein kurzgefaßtes Handbuch der Religions-
wiffenfchaft ift. Es ift in Nr. 21 diefes Jahrgangs der
Th.L. Z. angezeigt worden. Auch das Buch von Renel,
Les Religions de la Gaule (Paris 1906) beruht auf wiffen-
fchaftlicher Sachkenntnis.

Leipzig. E. Windifch.

Myhrman, David W., Sumerian administrative Documents,

dated in the reigns of the Kings of the second
Dynasty of Ur from the Temple Archive of Nippur,
preserved in Philadelphia. Seventy Plates of Auto-

graphed Texts and Twelve Plates of Halftone Illu-
strations. Philadelphia 1919. (Erlangen, R. Merkel.)
(XII, 113 p.) gr. 4° * 6-

Die unter Hilprechts Leitung zuftande gekommene
j Veröffentlichung der Keilfchriftfunde von Nippur hat
| durch die Arbeiten von Hilprecht felbft, von Clay,
; Poebel, Radau, Ranke einen anerkennenswerten Fortgang
genommen und ift auf jeden Fall das erfte Erzeugnis
diefer Art, das auf dem Boden der neuen Welt ent-
ftanden ift. Wir verdanken ihm die Kenntnis vieler
wichtiger Urkunden, die zum Teil von einfchneidender
Bedeutung für unfere Auffaffung maßgebender Fragen
find. Die Königsurkunden, welche Hilprecht bekannt
gemacht hat, dazu der wichtige Fund der Lifte der
Könige von Sumer und Akkad, gehören zu den grundlegenden
Urkunden unferer Wiffenfchaft, die Gefchäfts-
urkunden aus der Kaffitenzeit haben diefe bis dahin nur
fehr lückenhaft bekannte Epoche uns wefentlich näher
gebracht, und die Marasü-Ürkunden aus der Perferzeit
haben ebenfalls wichtige Auffchlüffe geliefert.

Der neue Band von Myhrman bringt die Auto-
graphien von 171 Tontafeln aus der Zeit der Dynaftie
von Ur (etwa 2400—2290). Es ift ein fpröder und nicht
fehr dankbarer Stoff der behandelt wird. Die Urkunden
diefer und der vorhergehenden Zeit find nicht feiten in den
Mufeen und haben auch fchon mehrfache Behandlung
gefunden. Allzu groß ift die Anteilnahme an ihnen
trotzdem nicht gewefen und das beruht in ihrer Natur.
Es find in der weit überwiegenden Mehrzahl Aufzeichnungen
der inneren Verwaltung, in der Hauptfache alfo
Quittungen und Liften über Lieferungen u. dgl. Mit
Recht weift Myhrman darauf hin, daß feine Veröffentlichung
etwas Äußergewöhnliches bietet, wenn fie einige
Gefchäftsurkunden (Verträge, Kontrakte) bringt. Diefe find
auch ohne Frage die wichtigften Stücke der Sammlung.

Alle Urkunden find fumerifch abgefaßt — es find ja
folche des Reiches Sumer-Akkad. Auch in der Schrift
heben fich diefe füdbabylonifchen Texte von den nord-
babylonifchen der doch nicht viel jüngeren erften
Dynaftie von Babylon ab. Es ift ein ftarker Riß, der
beide Epochen trennt, die für uns doch in einander zu
fließen icheinen. Nicht nur die Sprache, fondern auch
die Äußerlichkeiten find verfchieden und zeigen, daß die
gemeinsame Kultur auch ihre ftarken lokalen und zeitlichen
Verfchiedenheiten hervorgebracht hat.

Wie die übrigen Herausgeber der Serie fo hat auch
Myhrman in einer Einleitung wichtige Beiträge zum
Verftändnis der veröffentlichten Texte gegeben. Daß nicht
alle erklärt werden konnten, ift nur zu begreiflich und
kann die Anerkennung für das Gebotene nicht vermindern
. Diefe Art der Philadelphia-Serie zwingt dann
freilich die Herausgeber in recht anfpruchsvollem Gewände
Dinge zu geben, die fehr fchnell veralten müffen. Der
fehr geräumige Druck und die reiche Ausftattung geben
den einzelnen Bänden einen Umfang und ein Gewicht,
welche man gern auf ein befcheideneres Maß zurückführen
würde.

Die Datierung der einzelnen Urkunden bietet ftets
einen Hauptgegenftand des Intereffes und mit Hilfe von
Liften kommen wir allmählich dazu, die einzelnen Jahre
jener alten Zeit wie in fasti fefizulegen. Auch Myhrman
hat diefer Aufgabe ein befonderes Kapitel gewidmet.

Wichtig ift auch die Feftlegung der Monate. Wenn
fich dabei ergibt, daß drei oder vier verfchiedene Kalender
im Gebrauch gewefen find, fo wird man mit Myhrman
kaum anders folgern können, als das es fich um land-
fchaftlich verfchiedene Einrichtungen handelt. Das
Kalenderwefen wurde eben von einem großen Tempel
feftgelegt und deffen Anerkennung war von politifcher
Bedeutung und damit von politifchen Verhältniffen abhängig
. Es wäre alfo fehr wohl verftändlich, wenn die
verfchiedenen Landfchaften mit ihren Tempeln ihre