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Ausgabe:

1910 Nr. 24

Spalte:

762-763

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hackenschmidt, Karl

Titel/Untertitel:

Die Christus-Predigt für unsere Zeit 1910

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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761 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 24. 762

fönliche Geift das Abfolute ift (p. 41). Die anfchlietiende
Diskuffion des PerfÖnlichkeitsproblems ift nicht eben tief,
mehr für das Gemüt, als für den Verftand gedacht, mehr
überredend als überzeugend. Das gilt auch von der
Mehrzahl der übrigen Betrachtungen: fie reden mehr
von den Dingen, als zu den Dingen; das Gefühlsmäßige
überwiegt, und die Gedankenführung wirkt manchmal wie
eine Probe auf den doch nicht unbedenklichen Satz über
die Gefchichte der Philofophie: daß fie die Gefchichte
des Verftandes fei, der fein Licht pathetifch auf den
Leuchter ftellt, um endlich einzufehen, daß das — Unbewußte
Recht hat (p. 226).

Das Froftiglte an dem ganzen Entwurf ift zweifellos
der hohle Dreiklang des Wahren, Guten und Schönen,
der glücklicherweife nicht durchgedrungen ift, fondern
die volleren Motive der Darftellung nur vielfach ftörend
unterbricht. Im übrigen ift feftzuftellen, daß wir es mit
einem kundigen, maßvoll-befonnenen Lehrer zu tun haben,
der feiten zum Widerfpruch herausfordert, aber auch
feiten Eigenes bringt. Es fehlt der originale Zug, die
Kraft einer felbfterworbenen Anfchauung, die den Lefer
nötigt, Partei zu nehmen. Es ift zu viel Reproduktion
in dem Werk.

Der vorliegende Text ift mit erftaunlicher Sorgfalt
und feltener Hingebung ganz aus Nachfchriften zufammen-
geftellt — ein fchönes Denkmal der Verehrung, die der
Verewigte in feinem Kreife genoffen hat und noch genießt.
Uns lehrt fein Werk vor allem dies, daß es auch jenfeit
des Ozeans, abgefehen von der Kirchengefchichte, eine
theologifche Wiffenfchaft gibt, die mehr fein will, als
James'fche Experimental-Pfychologie. Darum loben wir
fein Erfcheinen, wenn wir auch nicht fagen können, daß
es neue Bahnen erfchließt.

Berlin. Heinrich Scholz.

Anton, Prof. Dr. G., Über krankhafte moralifche Abartung

im Kindesalter und über den Heilwert der Affekte.
(Juriflifch-pfychiatrifche Grenzfragen. VII. Band, Heft 3.)
Halle a. S., C. Marhold 1910. (30 S.) gr. 8° M. 1 -

Es ift völlig unmöglich, den gedankenreichen Inhalt
der vorliegenden Schrift, der in der knappften Form in
ihr niedergelegt ift, auszugsweife hier wiederzugeben.
Das anhangsweife beigefügte außerordentlich umfängliche
Literaturverzeichnis beweift nicht nur das lebhafte Inter-
effe, mit dem die einfchlägigen Fragen von den ver-
fchiedenften Seiten behandelt worden find, fondern auch
daß darüber fehr zahlreiche Kontroverfen beliehen müffen.
Es können hier nur einige fpringende Punkte hervorgehoben
werden. Unter ihnen ift einer der bedeutungs-
vollften, daß die Pfychologen und die Pfychopathologen
darin übereinftimmen, daß der Tiefftand der Moral und
die Verödung der entfprechenden Gefühle nicht mit
einer entfprechenden Störung der Intelligenz einhergehen
müffen. Es gibt Kinder, bei denen vorwiegend die fozialen
und ethifchen Gefühle und die menfchliche Einfühlung
verkümmert bleiben. Solche Kinder find fchon frühzeitig
unbändig, zeigen weiterhin Neigung zur Aggreffion,
hochgradige Gemütsreizbarkeit, dann unverbefferliche
Neigung zum Davonlaufen, zum Stehlen und Lügen.
Die geiftige Entwicklung ift bisweilen bei ihnen ver-
fpätet, bisweilen aber find fie frühreif. Der Heilwert der
Affekte, der darin befteht, daß fie auffällig die Funktion
reftituieren können, fehlt den krankhaft Veranlagten, fie
befitzen nicht die Selbftregulierung und Selbftfteuerung
der Affekte. Die mangelnde Equilibriftik der Affekte
ift bei den Katatonikern wohl ftets nachweisbar. Es gibt
aber viele Kategorien von geiftigen Störungen, dahin
gehört auch die fogenannte angeborene Form der feit
nahezu 80 Jahren unter dem Namen ,moral msanitf bezeichneten
Krankheit, welche die Symptome und den
Zuftand der moralifchen Abartung teils vorübergehend,

teils aber länger dauernd hervorrufen können. Diefe
Abartung kann fchon in früher Kindheit oder in der
Pubertätszeit oder noch fpäter als ein längere Zeit
andauernder, mitunter lebenslänglicher Zuftand auftreten
und vermag elektiv und vorwiegend das Gefühls- und
Gemütsleben und die daraus fließenden Handlungen zu
beeinfluffen.

Göttingen. W. Ebflein.

Hackenfchmidt, Pfr. Dr. Karl, Die Chriltus-Predigt für
liniere Zeit. Praktifche Chriftologie. (Praktifch-theo-
logifche Handbibliothek, herausgegeben von F. Nie-
bergall. 10. Band. [Beiträge zur Gewinnung von
Stoffgedanken für Predigt, Seelforge und Unterricht.
3. Teil.]) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1909
(154 S.j 8° M. 2.60; geb. M. 3.20

,Was ein alter Prediger auf Grund von Erfahrung und
Forfchung meint, daß in unferer Zeit Chriftus gepredigt
werden foll, das habe ich dem Lefer zufammenhangend
vorzuführen unternommen, und ich glaube, diefer fahrt
beffer dabei' (als bei einer kritifchen Darftellung der
Chriftuspredigt in der Gegenwart). ,Mehr als mit einzelnen
Anregungen, Winken und Warnungen, ift ihm gedient
mit einem Gefamtbild deffen, was Jefus, unfer
Herr und Heiland, feiner Gemeinde ift und fein
will', — fo der Verfaffer S. 124. Demgemäß haben
wir es in dem Büchlein nicht, wie der Titel mißver-
ftanden werden könnte, mit einer für unfere Zeit modifizierten
und um ihretwillen verfalfchten Chriftuspredigt
zu tun, vielmehr ift die Meinung, daß das Gefamtbild
deffen, was Jefus feiner Gemeinde ift und fein will, gerade
für unfere Zeit die rechte Chriftuspredigt ift.
Diefe durchaus einwandfreie Grundanfchauung macht in
der ganzen Ausführung fich geltend, und irgend welche
Konzeffionen an den ,Zeitgeift' liegen dem Verfaffer
völlig fern. Nach der ,Zum Eingang' betitelten Einleitung
(1 —18), welche ,die Chriftuspredigt, des Predigers
Kraft und Sorge' (Ergebniffe der Kritik, der Religions-
gefchichte ufw.) behandelt, beantwortet der erfte Ab-
(chnitt (19—49) die Frage: ,Wie gewinnen wir unfere
Zeit für Jefus'? Nach Abweifung der ,falfchen Wege'
lautet die Antwort: ,durch die Methode des Herrn', wie
Jefus fich nie den Menfchen aufgedrängt, fie nicht bei
ihrem Unwert, fondern bei ihrem Wert angefaßt und
nur durch die Macht feiner Worte und den Eindruck
feiner Perfon hat wirken wollen. Und diefer Eindruck
wird dann in feinfinniger und reicher Weife in Jefus
als Charakter, als Perfönlichkeit und als Autorität' dar-
geftellt. E inzelne Wendungen mögen zu beanftanden
fein (wie S. 43: Jefus ift Gottfucher, er ift aber auch
der Kaufmann, der auf köftliche Perlen ausgeht (?),
die Perlen find Seelen: daß feine Strenge nicht abflöße
, erfcheint er fanftmutig; damit der Gegenfatz
zwifchen ihm und den Leuten nicht ftörend fühlbar
werde, ift er demütig ufw.); fie mögen fchweigen, damit
die herzliche Anerkennung des erfiten wie des zweiten
Abfchnittes: ,Wie zeigt Jefus unferer Zeit Weg und
Ziel'? (50—87) ungefchwächt zu Worte komme. Vielleicht
wird der einheitliche Eindruck des Ganzen etwas
gehemmt durch die geiftige Beweglichkeit des Verfaffers,
der, mitten im Gemeindeleben flehend, überallhin Schlaglichter
leuchten läßt und wie im Vorbeigehen eine
Menge Beziehungen auf Dinge der Gegenwart zur Sprache
bringt. Sind es bis dahin die Evangelien, denen der
Verfaffer feinen Stoff entnahm, fo tritt mit dem dritten
Abfchnitt: ,Wie ift Jefus unferer Zeit Grund und Halt'?
(88—123) die Verwertung der Epifteln, befonders des
Paulus, in den Vordergrund. So reichhaltig und anziehend
die Ausführungen fich in den Paragraphen: Jefus
, die Offenbarung Gottes, unfere Verformung, der
Lebensfpender' darffellen, fo möchten wir doch ein