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Ausgabe:

1910 Nr. 24

Spalte:

755-757

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krieg, Cornelius

Titel/Untertitel:

Enzyklopädie der theologischen Wissenschaften nebst Methodenlehre 1910

Rezensent:

Dorner, August

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 24.

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Wiedergeburt, die Gennrich mir entgegenhält, ift auf me-
thodiflifchem Gebiet in der Tat nicht nur bei dem von
G. zitierten Naft (Jacoby II, 191 ff.) nachweisbar; auch
W. B. Pope hat fie {Higher Catecliism p. 240). Aber Banks
(A Manual of Christian doctrine, 1899, S. 182) fagt ausdrücklich
: Dr. Pope's view of Adoption differs front the
ordinary one in annexing it to Regeneration rather tlian
to Justification. Auch Fleifch ift Wesley und dem Methodismus
nicht gerecht geworden, weil er feine Behauptungen
auf ein zu befchränktes Quellenftudium bafiert hat. Min-
deftens die ,53 Sermone' Wesleys und offizielle Katechismen
follte man einfehen, bevor man Wesley und
,den Methodismus' nach einzelnen Ausführungen W.'s
und andrer Methodiften beurteilt. Selbft zweifellos von
Wesley vertretene Anfchauungen, die hier in Betracht
kommen, find nicht ohne weiteres als ,methodiftifch' in
Anfpruch zu nehmen. So fagt z. B. Banks S. 184: ,Mr.
Wesley thinks there is a direct witness of the Holy Spirit
to the fact of sanctification as to forgiveness {Works XI,
420). But neitlier the reasons he gives, nor the quotations
in support from Scripture, are quite convincing . . . It
has not been made prominent in Methodist teaching'. Ich
felbft bin weit enfernt davon, die Entwicklung der metho-
diftifchen Theologie zu überfehen. Aber foviel weiß ich,
daß man ihr in Deutfchland durch die Art, wie man den
Terminus ,methodiftifch' handhabt, oft Unrecht tut. Und
für die Kritik der Exzentrizitäten der Heiligungsbewegung
ift es wahrlich nicht unwichtig, daß fie felbft in dem
Kreife, in dem die Heiligungsbewegung wurzelt, im Methodismus
, ja bei Wesley felbft, Unterftützung findet.

Halle a. S. Loofs.

Krieg, Prof. Dr. Cornelius, Enzyklopädie der theologifchen
Willenfchaften neblt Methodenlehre. Zu akademifchen
Vorlefungen und zum Selbftftudium. Zweite, verbefferte
Auflage. Freiburg i. B., Herder 1910. (XIV, 331 S.)
gr. 8° M. 5 —; geb. M. 6.20

Diefe Arbeit ift in mehrfacher Beziehung höchft
intereffant. Einmal ift fie beftrebt, den Zufammenhang
der römifch-katholifchen Theologie und Kirche mit der
Kultur feftzuhalten, andererfeits macht fie doch, wenn
auch mit einer gewiffen Referve auf Grund des Vaticanums
gegen den Modernismus Front. Einmal ift fie bemüht, den
Zufammenhang der Theologie mit dem vernünftigen Wiffen
fo fehr aufrecht zu halten, daß fie den Inhalt der Theologie
vernünftig begründet wiffen möchte, andererfeits legt fie
doch auf den übernatürlichen Charakter der Theologie
das größefte Gewicht. Einmal drängt fie auf das ener-
gifchfte auf die Einheit aller Wiffenfchaft und ebenfo auf
die Einheit der Theologie als Ganzes, andererfeits macht
fie doch einen tiefen Unterfchied zwifchen dem bloß
natürlichen und dem theologifchen Wiffen und hat in
der Theologie felbft diefe Gegenfätze nicht zu einer
klaren Harmonie gebracht. Er will Gefchichte und Spekulation
, theoretifches und praktifches Intereffe, Autorität
und freie Erkenntnis vereinen. Selbft der Entwickelung
fucht er bei Befprechung der Dogmengefchichte gerecht
zu werden, indem er den Unterfchied zwifchen der fides
impliata und explicita verwendet. Und die hiftorifche
Kritik weift er nicht ab, insbefondere wo es fich um
Textfeftftellungen handelt. Er möchte alle diefen Faktoren
durchaus gerecht werden. Schließlich aber gewinnt doch
das praktifch-kirchliche Intereffe das Übergewicht, und
die kirchliche Autorität ift die Grenze für jede freie Bewegung
. Die Theologie, deren Mittelpunkt zunächft
Gott fein foll mit feinen Taten, hat zuletzt ihr Zentrum
in der Kirche und zwar in der katholifchen Kirche; das
Erkennen ift zuletzt doch nur Mittel für die praktischen
Zwecke, die in der Erziehung der Kirche gipfeln. Kurz
derVerfaffer hat einen weiten Blick, möchte allen menfch-
lichen Intereffen, felbft der Freiheit der Forfchung gerecht
werden, aber der katholifche Standpunkt hindert
ihn an der Durchführung feiner Intereffen. Denn fchließ-
lich endet die Enzyklopädie in dem praktifchen Gebiet,
und hier ift es die priefterliche Autorität im Erkennen,
im Kultus, in der Seelenführung (,Bußgerichf) und die
kirchliche Organifation, in der alle Dogmatik, Moral,
Philofophie ausmündet. Die praktifche Theologie mit
Paftoraltheologie und Kirchenrecht bildet nicht nur den
Schluß, fondern das Ziel feiner Enzyklopädie, und die
Kirche mit ihrer priefterlichen Verfaffung ift ihm göttliche
Inftitution.

Daß die Enzyklopädie die Aufgabe habe, die Einheit
der Theologie zum Bewußtfein zu bringen, den Begriff
und die Aufgabe der Theologie zu erörtern, ift gewiß
richtig. Auch die Einteilung in hiftorifche, fpekulative,
praktifche Theologie kann man nur billigen. Nur würde
ich die Theologie als wiffenfchaftliche, die hiftorifche
und fpekulative Theologie umfaßt, gegenüber der praktifchen
Theologie felbftändig (teilen.

Auch ift es anzuerkennen, daß er auf die Wichtigkeit
der Philofophie aufmerkfam macht, und den Zufammenhang
mit der Profangefchichte fefthält. Auch feine praktifchen
Ratfchläge für das Studium find zum Teil trefflich
, z. B. daß man lieber gute Bücher lefen folle, ftatt
fich durch Kirchenzeitungen zu zerftreuen. Die Frage
ift freilich, was gute Bücher find. Auch hier muß man
den guten Willen anerkennen, den Heroen unferer Literatur
gerecht zu werden. Er enthält fich auch meift der
Polemik gegen den Proteftantismus, wozu freilich die
Empfehlung von Janffens Gefchichte des deutfchen Volkes
nicht recht ftimmen will. Ebenfo hebt er die Gegenfätze
in der Ethik hervor.

Andererfeits erkennt er in feinen hiftorifchen Überfichten
über die Gefchichte der einzelnen Disziplinen die
Anregungen des Proteftantismus mehrfach an. Von prote-
ftantifchen Werken werden nur wenige und meift folche
zitiert, bei denen der Gegenfatz zurücktritt.

Der der Tendenz nach weitherzige Charakter diefer
Schrift wird immer wieder durch die Rückficht auf die
gegebenen Inftitutionen gekreuzt. So warnt er fchüchtern
bei Befprechung der Moral vor einfeitiger Kafuiftik, weil
die Moral von einheitlichen Prinzipien getragen fein foll.
Er kann aber trotzdem die Empfehlung der Ethik des
Pater Gury nicht unterlaffen.

Kurz, fo fehr ich damit einverftanden bin, daß er feiner

I Grundtendenz nach die Aufgabe der Enzyklopädie in

1 der Beftimmung des Wefens der Theologie und der
Ableitung ihrer Zweige aus ihrem Begriff findet und der

; Spekulation neben der Gefchichte gerecht werden möchte
— was ich in meiner Enzyklopädie ebenfalls befürwortet
habe — fo wenig kann ich zuftimmen, wenn er am Ende
doch alles in der Kirche und ihrer Organifation ausmünden
läßt und auch das Erkennen der Praxis völlig
dienftbar macht und der kirchlichen Unfehlbarkeit unterwirft
: ,alle drei Teile ein und derfelben Theologie haben
die geoffenbarte Religion in ihrer konkreten Darfteilung,
der Kirche zum Gegenftand, aber jeder Teil bringt eine

| andere Seite derfelben zur Behandlung'. ,An der Kirche
ift ihre Vergangenheit und gefchichtliche Gründung das
erfte, ihre unabänderliche Lehre, die ihrWefen konftituiert,
das zweite, und die Tätigkeiten zur Erhaltung, Erweiterung,
Vollendung das dritte Moment'. Danach ergibt fich ihm:

j hiftorifche, doktrinell-fyftematifche, praktifche Theologie.
Ganz anders ift es, wenn Schleiermacher die Theologie

I auf den Zweck der Kirchenleitung bezieht. Da gibt das

I theologifche Wiffen, das den Begriff der Kirche beftimmt,
für die Praxis Anleitung. Hier ift vielmehr der Glaube
mit feiner Autorität für die Wiffenfchaft beftimmend, und

j zwar der Kirchenglaube, da die Kirche unfehlbar ift, und
die Wiffenfchaft hat den feftftehenden Inhalt nur darzu-

■ (teilen.

Auch diefe Schrift ift mir ein erneuter Beweis dafür,
daß man die römifche Kirche nur fo verliehen kann,