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Ausgabe:

1910 Nr. 24

Spalte:

743-744

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Altchristliche Texte, bearbeitet von C. Schmidt und W. Schubart 1910

Rezensent:

Harnack, Adolf

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743 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 24. 744

Altchriltliche Texte, bearbeitet von C. Schmidt und W. I
Schubart. Mit zwei Lichtdrucktafeln. (Berliner <
Klaffikertexte, hrsg. von der Generalverwaltung der
Kgl. Mufeen zu Berlin. Heft VI.) Berlin, Weidmann
1910. (VI, 140 S.) 4U M. 10— j

Diefe Sammlung wird eröffnet durch ein großes ;
Fragment aus den Briefen des Ignatius (Smyrn. 3 fin.
bis 12, 1), welches dem 5. Jahrhundert angehört. Ich
habe es nach feiner Entdeckung in diefer Zeitfchrift 1
(1906 Nr. 22) mit Erlaubnis des Entdeckers fignalifiert.
Für die komplizierte Überlieferung der Ignatianifchen
Literatur bedeutet der Fund ein Ereignis; doch lehrt
er uns, daß, was kritifche Kunft der Überlieferung abgewonnen
hatte, im wefentlichen beftehen bleibt. Aber
an neuen trefflichen Lesarten fehlt es nicht. Am
meiden erfreut die neue^ Faffung: jtmq hvavxloi elalv
t7] yvoj/iy xov treov, xy ccyccjcy. ov {/tXei avxolq ov stegl
yj/gaq, ov jceq oQ(pavov. Nach Ignatius ift die Gerinnung
Gottes die Liebe; das war nach der bisherigen Faffung
des Textes nicht erkennbar.

Es folgen Stücke aus Hermas. Uiefes Buch ift faft 1
überall beteiligt, wo neue patrifiifche Funde gemacht
werden, weil es mehrere Jahrhunderte hindurch fo eifrig
und ehrerbietig gelefen worden ift, wie die ntlichen
Briefe. Selbft in Zentralafien (Turfan-Funde) ift das
Buch bekannt gewefen! Das eine der neuentdeckten
Stücke flammt aus Sim. VIII., gehört alfo einem Teile
des Hermasbuchs an, der uns im Original fonft nur
durch den ganz jungen und unzulänglichen Athoskodex J
überliefert ift.

Hieran reihen fich die umfangreichen Stückeder Anthologien
aus den Briefen des Bafilius und der Vita Mosis
des Gregor von Nyffa (f. Landwehr im Philologus
Bd. 43. 44). Diefe Anthologien (saec. V) zeigen an fich
die außerordentliche Schätzung der Werke diefer beiden
Kappadozier. Man formte Erbauungsbücher aus ihnen.
Der Gewinn für die Texte ift nicht groß; doch wird die j
lateinifche Überfetzung der Vita Mosis durch Georg j
von Trapezunt an einigen Stellen gegen die griechifchen
Zeugen durch diefen alten Zeugen beftätigt.

Es folgt nun das eigentliche Hauptftück der ganzen
Publikation, der bisher noch nicht edierte, von Schmidt
entdeckte, im Original (Ausfertigung für das Klofter von
Atripe) erhaltene Öfterfeftbrief aus dem Anfang des 8. Jahrhunderts
(Der Brief muß, wie Schmidt zeigt, zwifchen
693 und 733 fallen; Oftern fiel nach unferm Brief auf den
16. April; alfo gehört er dem J. 713 oder 719 oder j
724 an; eine Entfcheidung zwifchen diefen Jahren ift j
nicht möglich. Da aber Alexander II. von 704—729
Patriarch von Alexandrien gewefen ift, fo ift er der Äb-
fender; der Name ift leider weggebrochen). Der Brief J
umfaßt außer dem Protokoll, der Adreffe und der Unter- j
fchrift 323 lange Zeilen und ift noch etwas umfangreicher
als die beiden Timotheusbriefe zufammen. Man kann
von einem Patriarchenbrief des 8. Jahrhunderts weder
neue dogmatifche Ausführungen noch neue fittliche Ermahnungen
erwarten. Das Schreiben fteht auf dem Standpunkt
des korrekten cyrillifch-feverianifchen Monophyfitis-
mus; es fieht feine Gegner in den Chalcedonenlern und |
den Julianiften. Der biblifche und patriftifche Apparat,
der in Anwendung kommt, ift der bei den Monophyfiten
übliche; auch der Areopagite ift zitiert. Was dem Schrift-
ftück feine Bedeutung gibt, ift die Tatfache, daß das
Patriarchat von Alexandrien trotz des arabifchen Drucks
(auf den fo deutlich angefpielt wird, als es die Zeitver-
hältniffe zuließen) und trotz der herandrängenden Flut
der koptifchen Barbarei feine griechifchen Lberlieferungen
noch fedhält. Das zeigt fich nicht nur in dem Inhalt j
und der Sprache, fondern auch in der Diktion und der
Form des Schreibens, welches auch in feiner äußeren
Geftalt die fortlebende griechifche Kultur verrät. Niemand
, der das Berliner Mufeum befucht, follte es ver-

fäumen, das große Schriftftück in feiner würdevollen
Erfcheinung fich anzufehen. Was zur Erläuterung des
übrigens nicht fchwierigen Briefes nötig ift, haben die
Herausgeber beigebracht; aber erfchöpfende Auskunft
wollten fie nicht geben. Sie bieten den Brief zum Studium
dar. Ob nicht in Z. 285 (ovßcpogalq dXXejcaXXrjXoiq)
eine Reminifzenz von I. Clem. 1, 1 zu erkennen ift? Daß
die Mönchsgemeinfchaft in ihrer Beziehung zum Proto-
presbyter durch ein fubftantiviertes tvxexvoq (y vfitxiga
(piXoygiGxoq xal jcvEVfiaxixbq svxexvoq) bezeichnet wird,
war mir neu.

Sehr intereffant find unter den liturgifchen Fragmenten
(S. 110ff.) die Fragmente altchriftlicher Gebete, die
von fehr hohem Alter find. Kleinen hat fachkundig
zu ihrer Erklärung beigefteuert, was fich beibringen
ließ. Ein Gebet ift überfchrieben: .Gebet der Apoftel
Petrus und der anderen'. Leider ift es nur fragmen-
tarifch überliefert. Es fcheint fehr alt zu fein, fetzt aber
doch den ntlichen Kanon voraus, ja ftellt fich als ein
Cento aus beiden Teftamenten dar. Das Stück aus der
Weihnachtsliturgie (S. 118) sacc. VII. ift nicht nur durch
Abfchreiber verderbt, fondern zeigt auch fchon die Barbarei
. Diefe tritt auch in anderen Stücken (des 7. und
10. Jahrh.s) deutlich hervor. Das Amulett (S. 129 f.),
welches u. a. die Anfänge der Evangelien enthält, bietet
fie in der Reihenfolge Joh., Matth., Mark., Luk.

Ein ausgezeichnetes Wörterverzeichnis befchließt die
Publikation, die, wie nicht anders zu erwarten, überall
korrekt ift und den wärmften Dank der Kirchenhidoriker
verdient.

Berlin. A. Harnack.

Crum, W. E., Catalogue of the Coptic Manuscripts in the

Collection of the John Rylands Library, Manchester.
Manchester 1909. London, B. Gjuaritch. — Sherratt &
Hughes. (XII, 273 p. and XII plates.) Folio.

W. E. Crum hat feinen großen Verdienften um die
koptifche Handfchriftenkunde ein neues hinzugefügt. Die
Sammlung, welche er diesmal befchreibt, ift von zwei
Earls of Crawford zufammengebracht. Der ältere, bis
zum Tode feines Vaters (1869) als Lord Lindfay bekannt,
hat befonders aus dem 1868 verkauften Nachlaß Tattams,
des bekannten Verfaffers eines koptifchen Lexikons und
Herausgebers verfchiedener bohairifcher Bibeltexte, eine
Reihe bohairifcher und fahidifcher Handfchriften erworben
(darunter auch FVagmente der fahidifchen Bibelüber-
fetzung, welche A. Erman 1880 in den Nachrichten v.
d. Kgl. GefelHch. d. Wiff. zu Göttingen, Nr. 12 nach
Abfchriften Schwartzes herausgegeben hat). Der jüngere
Earl of Crawford hat 1898 von zwei ägyptifchen Händlern
eine große Zahl befonders fahidifcher Bruchftücke,
darunter viele Papyri, gekauft. 1901 wurde die ganze
Sammlung von Mrs. Rylands gekauft und der John
Rylands Library in Manchefter überwiefen.

Crums Katalog ordnet den ganzen Beftand nach
Dialekten und innerhalb der Dialekte fachlich. Die ober-
ägyptifche Abteilung (fahidifch und achmimifch) umfaßt
Nr. I—410, die mittelägyptifche Nr. 411—415, die
unterägyptifche (bohairifche) Nr. 416— 461; am Schluß
folgen in Nr. 462—467 einige Nachträge. In den beiden
Hauptabteilungen, der ober- und unterägyptifchen, flehen
die Bibeltexte voran, dann folgen Lektionare (nur in
der unterägyptifchen Abteilung), liturgifche Texte, Ho-
milien, Heiligenleben und allerlei Sondiges, in der ober-
ägyptifchen Abteilung befonders viele Gefchäftsurkunden
und Briefe (Nr. 115—410; unter den Briefen fehr alte
Stücke aus dem 4./5. Jahrhundert).

Die meiden Nummern find einzelne, oft zerfetzte
Blätter, z. B. finden fich unter den 18 Nummern fahidifcher
Bibeltexte nur 7, die mehr als ein Blatt umfaffen,
und von diefen 7 Nummern bringt es keine auf mehr