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Ausgabe:

1910

Spalte:

730-731

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Suin de Boutemard, A.

Titel/Untertitel:

Die Auslands-Diaspora. Ein neues Arbeitsfeld der Deutschen Evangelischen Kirche 1910

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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729 Theologikhe Literaturzeitung 1910 Nr. 23. 730

fchiedenheit von geiftlichem und weltlichem Erkennen i
zu vervvifchen geneigt fei, bedeute fchließlich doch nur 1
eine Neubelebung der Vermittlungstheologie. Mit diefer j
dagegen habe die moderne Theologie des alten Glaubens j
zwar das Doppellofungswort .Zurück zu Luther, zurück
zu Kant' gemein; fo aber, daß in ihr das ,Zurück zu
Luther' das Maßgebende fei.

Im übrigen zerfällt das Buch in vier Abfchnitte.

Der erfte bemüht fich in Auseinanderfetzung mit
Schäden, Haupt, Herrmann, Bouffet, Steffen, Thieme um j
den Nachweis, daß die moderne Theologie des alten
Glaubens wirklich moderne Theologie fei, das heißt,
eine folche, ,die keiner nur äußeren Autorität fich beugt, 1
die die Bahnen des modernen, fich feiner Grenzen wie
feiner Bedingungen bewußten Denkens geht, die aller j
Wirklichkeitserkenntnis fich erfchließt'. An diefem ihrem
Charakter wird nichts dadurch verändert, daß fie, wie
fpeziell an dem Beifpiel der Chriftologie dargelegt
wird, ,in fich rein theoretifches Erkennen und praktifch
bedingtes Erkennen verbindet,' indem fie mittels des
eruieren lediglich die .Spuren' des Übernatürlichen in :
der Gefchichte, mittels des letzteren aber das Übernatürliche
felbst erfaßt.

Der zweite Abfchnitt gilt dem Nachweis, daß die
moderne Theologie des alten Glaubens wirklich den
alten Glauben vertrete. Das tut fie, wenn anders der
alte Glaube nicht mit einer alle religiöfen Geheimniffe
rationalifierenden Spekulation zu indentifizieren ift, ob- I
wohl fie die dogmatifche Notwendigkeit der Geburt aus j
der Jungfrau nicht anerkennt und fich auf eine Präexiftenz-
lehre und im Zufammenhang damit auf eine Lehre von
der immanenten Trinität nicht einläßt. Denn an der
wefenhaften Gottesfohnfchaft Jefu und daran, daß er
aus der Ewigkeit flammt, hält fie feft, wie fie anderfeits
an der leiblichen Auferftehung fefthält, deren Bedeutung i
fie jedoch vor allem darin findet, daß mit ihr ,in diefer j
Welt des Todes Leben und unvergängliches Wefen ans
Licht getreten ift'.

Der dritte Abfchnitt befchäftigt fich mit dem ,Ver- !
hältnis der modernen Theologie des alten Glaubens zum I
Erkennen überhaupt'. Im Rahmen einer Diskuffion mit
Grützmacher, Glüer, Schmidt, Seeberg, Beth, Bouffet wird |
dargelegt, daß die .konfequent durchgeführte Scheidung |
zwifchen rein theoretifchem und praktifch bedingtem j
Erkennen' eine bezeichnende Eigentümlichkeit der j
modernen Theologie des alten Glaubens fei. Was aber 1
ihre Stellung zur Metaphyfik anbetrifft, fo leugne fie
natürlich nicht die Möglichkeit und den Wert der Metaphyfik
im Sinne einer praktifch bedingten Erkenntnis
des Überweltlichen. Ja, nicht einmal das Recht der
.Verftandesmetaphyfik', das heißt, der .Auffaffung, als
könnten wir in rein theoretifchem Denken über das der
gemeinen Erfahrung Zugängliche hinaus das Seiende
demonftrieren', wolle fie unter allen Umftänden be-
ffreiten. Wohl aber weife fie folche Verftandesmetaphyfik
aus der Theologie rückfichtslos hinaus.

Der letzte Abfchnitt befpricht .Quell und Norm der
Theologie des alten Glaubens'. Sie hat ihren feften
Grund nicht in dem mit Vernunftfpekulation durchzogenen
Wort Gottes, auch nicht in der .inneren Erfahrung' als
folcher, fondern in dem Wort Gottes allein: ,Dies Gottes-
wort ift Jefus Chriftus'.

Zum Schluß noch einige Bemerkungen über den 1
Gewinn, den die religionsgefchichtliche und religions- |
pfychologifche Forfchung der Theologie bringen kann.

Die Publikation als Ganzes wird man genau fo beurteilen
, wie die Schrift über die moderne Theologie
des alten Glaubens, deren Verteidigung fie dient. Das
heißt, nach der Überzeugung des Überzeichneten kann
fie innerhalb unferer kirchlich-theologifchen Verhältniffe
nur fördernd und klärend, ja zum Frieden wirken, fo
fcharf der Autor feine Pofition auch abgrenzt und lo
fchneidk feine Polemik bisweilen ift. Eine kritifche

Würdigung der Einzelheiten wäre indeflen bloß möglich
unter gleichzeitiger Berückfichtigung der gefamten
Frontftellung des Vetfaffers. So läge beifpielsweife die
Bemerkung fehr nahe, daß der Chriftenftand zunächft
am zweckmäßigften gekennzeichnet werde nicht durch
den Glauben an Chriftus fondern durch die perfectio
cliristiana (Gottvertrauen in allen Lebenslagen, Freiheit
von der Welt, rückhaltlofe Liebesgefinnung). Der Wert
des Glaubens an Chriftus werde am beften erfaßt und
dem modernen Menfchen oder vielmehr dem Menfchen
überhaupt verftändlich gemacht, wenn er nicht als
Selbftzweck, fondern als Mittel zur Erfchließung des
Gemüts gegen Gott und damit zu folcher perfectio und
zur Teilnahme am Gottesreich erfcheint. Das entfpricht
auch der Verkündigung Jefu. Aber Kaftan würde wohl
ähnlich wie S. 21 f. erwidern, angefichts der von ihm in
Angriff genommenen Aufgabe fei eine derartige Cha-
rakteriftik nicht die geeignetfte. So möge es denn bei
der Äußerung fein Bewenden haben, daß die vorhandene
Einficht in den Unterfchied von Theologie und
Glauben vielleicht noch eine einfachere, weniger intellek-
tualiftifche und zugleich gut lutherifche Formulierung
des Glaubens an Chriftus als die hier angedeutete ermöglicht
hätte.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Suin de Boutemard, Pfr. A., Die Auslands-Diafpora. Ein

neues Arbeitsfeld der Deutfchen Evangelifchen Kirche.
Mit Geleitswort von Prof. D. Carl Mirbt. Potsdam,
Stiftungsverlag (1909). (XVI, 320 S.) gr. 8" M. 4—;

geb. M. 5 —

Das Buch ift dem Deutfchen Evangelifchen Kirchen-
Ausfchuffe gewidmet. Diefem gehört es in der Tat an;
Ift doch der Deutfche Evangelifche Kirchen-Ausfchuß
fortan das Organ der deutfchen evangelifchen Landeskirche
in der Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber den
deutfchen evangelifchen Gemeinden des Auslandes.
Das Intereffe der Heimat ift für diefe neu erwacht, fie
werden in ihrer nationalen und religiöfen Bedeutung
erkannt, und die Bruderliebe der Heimat beginnt, Herz
und Hand für die Auslands-Diafpora aufzutun. Mit
wachfender Spannung und anhaltender Freude habe ich
das höchft inftruktive Buch, das ein überaus lebendiges
und konkretes Bild der ganzen Auslands-Diafpora
gewährt, gelefen und kann es nur auf das wärmfte
namentlich denen empfehlen, die wie der Referent die
erften Schritte zu intimerer Kenntnisnahme der Diafpora
zu tun in der Lage find.

Das Buch gliedert fich in drei Teile: Der erfte
beantwortet die Frage: Was für Bedürfniffe bezüglich
der kirchlichen Verforgung der deutfchen evangelifchen
Diafpora liegen vor? (6—192) in bezug auf die Art und den
Umfang der Bedürfniffe für die im Auslande feftange-
feftenen evangelifchen Deutfchen und für die nur zeitweilig
fich dort aufhaltenden (Seefahrer, Dampferpaffagiere,
Reifende, Kurgäfte). Wir werden durch alle Einzelgemeinden
der Diafpora in Europa, Afien, Afrika, Südamerika,
Japan und China und in den deutfchen Kolonien geführt,
mit den Verhältniffen in der Kürze bekannt gemacht,
und für die Seefahrer und andere erwärmt. Der zweite
Teil (193—208) Hellt die Frage: Warum ift die kirchliche
Verforgung der deutfchen evangelifchen Diafpora im Auslande
fo wichtig? und führt die nationalen, kirchlichen,
konfeffionellen und rein-chriftlichen Gründe des näheren
aus. Der dritte Teil (209—268) verbreitet fich über die
Aufgabe der heimifchen Kirche in betreff der Diafpora
und führt die zahlreichen Vereine und Anftalten fowie die
kirchlichen Oberbehörden vor, die für die Auslandsgemeinden
eintreten. Ein letzter kleiner Abfchnitt nennt das,
was noch gefchehen muß, und gibt Verzeichniffe der Lite-