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Ausgabe:

1910 Nr. 23

Spalte:

725-728

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gennrich, Paul

Titel/Untertitel:

Die Lehre von der Wiedergeburt, die christliche Zentrallehre in dogmengeschichtlicher und religionsgeschichtlicher Beleuchtung 1910

Rezensent:

Scheel, Otto

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725 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 23. 726

fcheinen. Die Stellung zum Energiegefetze fcheint eine
ähnliche zu fein, wie fie etwa der englifche Phyfiker
Lodge in feinem Buche .Leben und Materie' einnimmt.
Die Formgeftaltung wird als ,epigenetifche Evolution' in
Anfpruch genommen. Die Urzeugungslehren, die, wie
fie angeboten werden, in der Tat grobe und plumpe
Vergewaltigungen darfteilen gegenüber den heutigen
Tatfachen der Biologie felber, werden kurz aber gut
am Schluffe beftritten und als angeblich notwendiger
Ausgang der Sprung in den Supranaturalismus dann in
einer einzigen Reihe vollzogen, ohne fich eine Sekunde
den Kopf darüber warm werden zu laffen, woher der
Naturforfcher oder fonft jemand das Recht gewinnt,
plötzlich die göttliche Allmacht als Büßer zu mißbrauchen
für die Lücken und Sackgaffen feiner For-
fcherarbeit, nachdem doch, wie es fcheinen mußte, bis
dahin alle Dinge ganz ohne fie fo prächtig von ftatten gegangen
waren. Sonderbar, wie fchwer doch der einfachfte
und unmittelbarfte Ausfpruch des frommen Gefühles,
daß die Allmacht im Allgefchehen felber und nicht in
feinen Spalten walte, zu feinem Rechte zu bringen ift.

Göttingen. R. Otto.

Gennrich, Konfifl.-Rat Lic. theol. P., Die Lehre von der

Wiedergeburt, die chriftliche Zentrallehre in dog-
mengefchichtlicher und religionsgefchichtlicher Beleuchtung
. Leipzig, A. Deichert, Nachf. 1907. (VIII,
363 S.) gr. 8« M. 6—

Gennrich gliedert feine Unterfuchung in zwei Hauptteile
, deren erfter die Entwicklungsphafen der chriftlichen
Wiedergeburtslehre vorführt, deren zweiter mit dem anderen
Haupttypus, dem indifchen, einfetzt, um nun deffen
Entwicklung zu unterfuchen und der Frage nach feiner
gefchichtlichen Bedeutung nachzugehen, die auf gefchicht-
liche Zufammenhänge mit der abendländifchen Entwicklung
hinführt. In der Erörterung diefes Problems zeichnet
fich G. durch methodifche Vorficht aus. Nüchternheit
und Befonnenheit in der Erhebung des Materials wie in
der kritifchen Verarbeitung und Bewertung flehen ihm
faß immer zur Seite. So kommt es ihm auch nicht in
den Sinn, das Chriftentum in gefchichtliche Abhängigkeit
vom Buddhismus zu bringen, deffen Wiedergeburtslehre
vielmehr der chriftlichen entgegengefetzt ift. Dagegen
hält G. eine durch Pythagoras vermittelte Beeinfluffung
der vorchriftlichen Entwicklung des griechifchen Abendlandes
durch die indifche Wiedergeburtslehre vermittels
des Seelenwanderungsglaubens für wahrfcheinlich. Aber
das Abendland hat nun nicht fich zum felbftverftändlichen
Träger indifcher Weisheit gemacht. Der Seelenwanderungsglaube
ift hier nur zu einem mehr oder weniger betonten
Element geworden, das fich einen notwendigen Platz im
Syftem nicht hat erobern können. Während er in der
indifchen Vorftellungswelt das feftftehende Axiom ift, von
dem alle philofophifche Spekulation und religiöfe Heilslehre
ihren Ausgang nimmt, hat er in der hellenifchen
Weltanfchauung doch nur den Wert einer Arabeske, die
den ohne ihn vollftändig in fich gefertigten Bau der
Gedanken umfpielt (S. 323), und ,die Wiedergeburtslehre
ift anftatt des zureichenden Grundes für die Verneinung
perfönlichen Lebens hier vielmehr ein willkommenes
Hilfsmittel für die kräftigfte Bejahung desfelben, für die
immer reinere und vollkommenere Ausgeftaltung der
individuellen Perfönlichkeit geworden'. Das ift nun freilich
m. E. eine überfpannte Antithefe. Es führt ganz
unzweifelhaft vom Neuplatonismus eine Linie zur Verneinung
der Perfönlichkeit, die G. als Charakteriftikum nur
der indifchen Wiedergeburtslehre gelten läßt. Aber die
indifche Konfequenz kennt freilich das Griechentum nicht.
Eine Umdeutung hat in der Tat ftattgefunden. In der
chriftlich werdenden europäifchen Kulturwelt mußte die
indifche .Arabeske' vollends verfchwinden. Denn die

chriftliche Wiedergeburtslehre, die G. fyftematifch mit
Recht im Sinne des neueren Verftändniffes des reforma-
torifchen Evangeliums Luthers deutet, war unvereinbar
mit den religionsphilofophifchen, fittlichen und religiöfen
Grundlagen und Spekulationen der indifchen Wiedergeburtslehre
, ihr auch in jeder Beziehung überlegen. Die

I feit dem 16. Jahrh. beginnenden philofophifchen Verfuche,
der Seelenwanderungslehre neues Leben zu geben, gelangen
ebenfowenig zum Ziel wie die moderne Propaganda
für die Grundelemente des Buddhismus mitfamt ihrer
Würdigung Chrifti als eines Predigers buddhiftifcher Weisheit
. Wo aber neuefte Philofophen, ausgehend von dem
nur vom Chriftentum her verftändlichen Begriff der Perfönlichkeit
, der Seelenwanderungslehre nachträglich Heimatsrecht
zu erkämpfen fuchen, wird der Widerfpruch
zwifchen Ausgangspunkt und Endergebnis ganz offen-

I kundig. Auch Spittas befonders umfaffender und glänzender
Verfuch, den Leffingfchen Gedanken zu neuem
Leben zu erwecken, ift mißlungen und fchon durch Her-

j der antiquiert.

Der allein das Problem löfende chriftliche Wiedergeburtsgedanke
hat nun freilich auch feine recht wechfel-
volle Gefchichte erlebt. Freilich ift aus dem N.T und den
reformatorifchen Schriften Luthers die genuin chriftliche
Wiedergeburtsidee ficher abzuleiten. Luther hat die chriftliche
Wiedergeburtsidee in der Korrelation von Wort
und Glaube, Rechtfertigung, Wiedergeburt und Erneuerung
wieder entdeckt; und im N. T. ift fie, unbeeinflußt von
unterchriftlichen, helleniftifchen oder myfterienhaften Vor-
ftellungen in originaler Reinheit vorgetragen. Während
fchon das nachapoftolifche Zeitalter Trübungen und Ver-
fälfchungen fowohl hinfichtlich der intellektualiftifchen
Auffaffung vom Glauben und der moraliftifchen Wertung
des Lebens wie auch hinfichtlich der magifchen Vermittlung
und der phyfifchen Heilsauffaffung erkennen läßt und
fo den Katholizismus vorbereitet, haben die im N. T. vereinigten
Schriften insgefamt die Eigenart der chriftlichen
Wiedergeburtsidee bewahrt. Sie hat auch dort noch

! keine ausfchlaggebende Beziehung zur Taufe. In der
werdenden katholifchen Kirche ift auch diefe Verbindung
angebahnt und zugleich auch der antiken Myfterienfröm-

; migkeit Einlaß gegeben. Sie bleibt nun dauernd vom
Katholizismus anerkannt und wird auch von der Myftik
nicht überwunden. Doch auch der Proteftantismus hat

j Luthers Erkenntnis nicht fefthalten können, weder Me-
lanchthon, noch die Konkordienformel, noch die Orthodoxie
des 17. Jahrh.s. Die Reaktion gegen die Glauben
und Rechtfertigung aus ihrer zentralen Stellung verdrängende
orthodoxe Lehre macht bei der katholifchen

( Myftik eine Anleihe, während der Pietismus, ebenfalls

! nicht im Sinn Luthers, in den guten Werken Kennzeichen
des Gnadenftandes finden wollte und (Francke und An-

! hänger) methodifche Anweifungen zur Wiedergeburt zu

j geben begann oder (fo im württembergifchen Pietismus)

j einer theofophifchen Wiedergeburtslehre fich zuwandte, die
— im Grunde unpietiftifch — eine theofophifch-fakramen-
tale Neugeburt entwickelte, bis für Michael Hahn unter
Oetingers fiünfluß die Ideen Erlöfung und Wiedergeburt
beinahe direkt zu chemifchen Prozeffen wurden. Im Methodismus
verbindet fich die durch Zinzendorf vermittelte
lutherifche Frömmigkeit mit der reformierten, ein dem
Ideal des Gefetzes entfprechendes Leben zu erreichen.
So entwickelt (ich die Vollkommenheitslehre und mit
ihr die Heiligungs- oder Gemeinfchaftsbewegung, die
Heiligung durch den Glauben und Organifation in felb-
ftändigen Verbänden fordert. Nach einer kurzen Dar-
ftellung der Moralilierung der Wiedergeburtslehre durch
den Rationalismus, ihrer Vertiefung durch die Klaffiker

j und der Vorbereitung einer Neugeftaltung durch Hamann
und Herder, wendet fich Gennrich Schleiermacher
zu, deffen äfthetifch-pantheiftifche Metaphyfik freilich
den ethifchen Charakter der Wiedergeburt nicht voll
zur Geltung kommen ließ, deffen Einfluß aber doch in