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Ausgabe:

1910 Nr. 23

Spalte:

713-714

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dibelius, Franz

Titel/Untertitel:

Der Verfasser des Hebräerbriefes. Eine Untersuchung zur Geschichte des Urchristentums 1910

Rezensent:

Bauer, Walter

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Seite 1

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713 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 23. 714

Dibelius, Franz, DerVerfaffer des Hebräerbriefes. EineUnter-
fuchung zur Gefchichte des Urchriftentums. Straßburg
, J. II. Ed. Heitz 1910. (V, 76 S.) gr. 8° M. 2.50

Dibelius kommt nicht mit einer neuen Hypothefe
über den Verfaffer des Hebräerbriefes, fondern er wünfcht
eine alte, oft vorgebrachte, öfter noch abgelehnte Anficht
wieder zu empfehlen: Barnabas hat Hebr. gefchrieben.
D. gewinnt diefes Refultat auf einem bisher noch nicht
befchrittenen Wege. Viererlei ftellt er an dem Verfaffer
des Schreibens feit: 1) er war ein ausgezeichneter Redner,
2) er hat von perfönlichen Jüngern Jefu Nachrichten
über den Herrn empfangen, 3) er fleht dem Kreife nahe,
aus dem die Sonderüberlieferungen des Lukasevangeliums
flammen, 4) er ift ein Lehrer des Markus.

Alles das trifft gerade auf Barnabas zu. Er, der
,Sohn der Ermahnung' erfcheint in der Apoftelgefchichte
als hervorragender Prediger; er war in Jerufalem Mitglied
der Gemeinde und hatte Gelegenheit, mit Augenzeugen
des Lebens Jefu zu verkehren. Weiter ftand er bei
Lukas, dem Verfaffer der Apoftelgefchichte, den er
bekehrt haben muß, in hohen Ehren, was aufs befte erklärt
, daß fein Brief Fühlung mit der Sondertradition
des Lukas zeigt. Endlich war Barnabas der Mentor
des Johannes Markus. So ift die alte abendländifche
Tradition von dem Autor des Hebräerbriefes in er-
wünfchter Weife beftätigt.

Leider fleht bei diefer neuen Beweisführung die
Sicherheit, mit der fie vorgetragen wird, in umgekehrtem
Verhältnis zu ihrer Stoßkraft. Für feine Meinung, daß
Hebr. eine Homilie fei, kann fich D. Eeilich auf die
jüngften Arbeiten über diefe neuteftamentliche Schrift
(von Burggaller und Perdelwitz in der Zeitfchrift f. d. nt.
Wiffenfchaft 1908. 1910) berufen. An den anderen Punkten
werden feine Schlüffe fchwerlich Beifall finden. Dazu find
fie viel zu fchwach fundiert. Wie kann man aus Hebr.
2i3; 5.7; 13. 12 folgern, der Verfaffer von Hebr. hätte
perfönlichen Umgang mit den Urapofleln genoffen und
von ihnen Nachrichten über das Leben Jefu empfangen,
die teilweife nicht in unferen Evangelien enthalten find?

2, 3 beweift doch nur, daß der Autor ganz wie feine
Lefer nicht der erften Generation angehört. 13, 12 deckt
fich mit Mk. 15, 20 (= Mt. 27, 30), Joh. 19, 17 und fpricht
einen Gedanken aus, der in fpäterer Zeit noch weiter
ausgemalt worden ift. Und 5, 7 braucht fchlechterdings
nicht auf Angabe eines Augenzeugen zurück zu gehen.
Durch Hinweis auf Pf. 22,25 fowie den aus 2. Makk. 11,6,

3. Makk. 1, 16 erkennbaren Legendenftil findet diefer
Vers feine völlig ausreichende Erklärung.

Auch die Ausführungen über den ,Hebräerbrief und
Lukas' bringen über die uralte Erkenntnis hinaus, daß
Hebr. mit den lukanifchen Schriften eine gewiffe Ver-
wandtfehaft verrät, nichts Haltbares. Am fchlimmften
aber fleht es mit dem Beweis dafür, daß der Autor
von Hebr. ein Lehrer des Markus war. Das foll —
und dies ift buchftäblich die einzige Stütze der Behauptung
— daraus hervorgehen, daß Mk. auf dem
Höhepunkt feines Evangeliums eine Anfpielung auf die
theologifchen Gedanken von Hebr. einfließen läßt (S. 42.
45. 66). Der zweite Evangelift habe unter dem Einfluß
von Hebr. die Erzählung von dem zerriffenen Tempelvorhang
in die Leidensgefchichte, die fie urfprünglich
nicht enthielt, eingefügt. Hebr. läßt den ewigen Hohen-
prielter Jefus durch feinen Tod in das himmlifche Aller-
heiligfte eingehen und vertritt gleichzeitig die Auffaffung,
daß, was im irdifchen Tempel gefchieht, Abbild und
Schatten deffen ift, was im himmlifchen Heiligtum vor
fich geht. Da lag es für einen, der im Banne diefer
Ideen ftand, nahe, ,das Eingehen Jefu in den Himmel
fich auch im irdifchen Heiligtum abfpiegeln zu laffen;
und wenn es ein Vorhang ift, den er im Himmel durch-
fchreiter, fo kann das wohl dadurch ausgedrückt werden,

daß man erzählt, der Vorhang im irdifchen Tempel fei
mitten durchgeriffen' (S. 40).

Dibelius befchließt feine Schrift mit einer ,Nachlefe',
deren Inhalt kurz fkizziert fei. Nur Kap. 1—12 flehen
die Predigt dar. Kap. 13 hat Barnabas hinzugefügt, als
er die Homilie niederfchrieb, um fie nach auswärts zu
fenden. Die Gemeinde, der er fie zudachte, war die
ganz oder überwiegend heidenchriftliche von Antiochien,
während das lebendige Wort fich an die Judenchriften
von Rom gerichtet hatte. So erklärt fich auch die kurze
Überfchrift jtQoq 'EßQcttovq, die gleichfalls von Barnabas
flammt. Sie foll den Leuten, an welche die fchriftliche
Rede erging, verraten, vor wem fie urfprünglich gehalten
worden war: vor Chriften jüdifchen Blutes. Entftanden
ift Hebr. während der erften Gefangenfchaft des Paulus.

Diefe Feftftellungen oder Vermutungen fallen zumeift
mit der Vorausfetzung, daß Barnabas der Autor von Hebr.
ift. Das aber hat Dibelius nicht wahrfcheinlicher gemacht,
als es vorher war.

Marburg (Heffen). Walter Bauer.

Brunner, Prof. Dr. Johannes N., Der hl. Hieronymus und die

Mädchenerziehung auf Grund feiner Briefe an Laeta und
Gaudentius. Eine patriftifch-pädagogifcheStudie. (Veröffentlichungen
aus dem kirchenhiftorifchen Seminar
München. Herausgegeben von A. Knöpfler. III. Reihe
Nr. 10.) München, J. J. Lentner 1910. (VIII, 48 S.)
gr. 8° M. 1.20

Der Verfaffer verfolgt die Abficht, mit feiner Arbeit
einiges Intereffe für Hieronymus als Pädagogen zu erwecken.
Er benutzt als Quellen die beiden Briefe des Hieronymus,
den einen an Laeta, die Schwiegertochter der hl. Paula, der
401 gefchrieben ift und diefer Anweifungen über die Erziehung
ihrer Tochter Paula gibt, da fie vom Mutterfchoß
an für den Jungfrauenftand beftimmt war, und den anderen
an einen Römer Gaudentius, der 12 Jahre fpäter nach
der Plünderung Roms durch Alanen für fein Töchterchen
Pacatula verfaßt wurde. Es handelt fich in beiden Fällen
nicht um allgemeine Erziehungsmaximen für Mädchen,
fondern um Erziehung zu ewiger Jungfräulichkeit. Brunner
behandelt dann in den Kapiteln über den Elementarunterricht
— hier fchließt fich Hieronymus ganz an
Quintilian an —, über die geiltig-religiöfe Bildung und
die moralifch-asketifche Erziehung die Erziehungsgrund-
fätze des Hieronymus. Das gut gefchriebene Buch bringt
keine neuen epochemachenden Entdeckungen, lehrt aber
die beiden Briefe, in denen wir die einzige fpezielle
Bearbeitung der Mädchenerziehung des Zeitalters befitzen,
als intereffante und wertvolle Schriftftücke für die
Periode der Gefchichte der Erziehung würdigen, ,wo das
ablterbende Heidentum den verwahrloften Boden der
Erziehung zur Neubeackerung und Neubepflanzung dem
jungen Chriftentum überwies'. Brunner weift auch, um
noch einen Punkt herauszuheben, auf den bezeichnenden
Gegenfatz zwifchen der Mädchen- und Knabenbildung
hin, wie fie Hieronymus als Ideal verfchwebte. Während
er von dem Mädchenunterricht die ganze nationale Literatur
wegen ihres erotifchen Charakters ausgefchaltet wiffen
will, hält er es gleichzeitig für notwendig, mit feinen
Schülern, die er im Klofter zu Bethlehem unterrichtet,
die Klaffiker Cicero, Vergil, Plautus und Terenz zu lefen.
Das Buch bietet einen wertvollen Beitrag zu den Anfängen
der chriftlichen Pädagogik.

Heidelberg. G. Grützmacher.