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Ausgabe:

1910 Nr. 21

Spalte:

643-645

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reinach, Salomon

Titel/Untertitel:

Orpheus. Histoire générale des religions. 3. éd 1910

Rezensent:

Wendland, Paul

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643 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 21. 644

dellung der attifchen Philofophie (S. 161—176 leider 1 ganz ift fchwer zu erreichen; mitunter hat er freilich auch
Verwirrung in der Aufeinanderfolge der Seiten), der den Sinn des Originales nicht glücklich oder falfch
helleniftifchen Philofophie und zuletzt der Philofophie j wiedergegebenl).

Von diefen erden Eindrücken des deutfchen Buches
will ich mich nicht verführen laffen, einen fremdartigen
Maßftab an den Inhalt anzulegen. So kühn der Verfuch

der römifchen Epoche. Befonders ausführlich ift mit
Recht das in kürzeren Zufammenhängen fonft oft ver-
nachläffigte großartige neuplatonifche Syftem des Plo-

tinus dargeftellt. j id, ich wünfche diefer allgemeinen Religionsgefchichte

Daß die europäifche Philofophie des Mittelalters
von dem augenblicklich wohl beden Kenner diefes Gebietes
, von Clemens Baumker bearbeitet wurde, id bei
dem Mangel zuverläffiger Dardellungen diefes Teils der

viele Lefer, aber kritifche und vorfichtige Lefer. Zur
allererden Einführung würde ich das Buch Anfängern
nicht empfehlen. Ich rate, erd fich methodifch durch das
Studium von Spezialwerken wie denen von Rob. Smith,

Philofophiegefchichte befonders zu begrüßen. Aus dem ! Wißowa, Rohde, Cumont, Stengel zu fchulen, ehe man
reichen Inhalt, der an mehreren Stellen die bisherige j unter Reinachs Führung^ auf die große Weltreife fich

Auffaffung berichtigt, fei nur auf die genaue Umgrenzung
des Willensprimats bei Duns Scotus im Gegenfatz zu
Thomas und feiner Schule (S. 363 ff.) hingewiefen.

Der weitaus größte Einzelabfchnitt des Gefamtwerkes,
der ganze Abfchnitt über die neuere Philofophie ent-
dammt aber der Feder Wilhelm Windelbands. In fünf

begibt. Daß, wer alle Erdteile umfpannt, felbd wenn
er von fo erdaunlicher Vielfeitigkeit und Arbeitskraft id
wie R., nicht überall gleich heimifch id, daß er vielfach
kondruieren muß, daß das Buch z. T. den verfchiedenen
Niveaudand der Forfchung widerfpiegelt, die Dardellung
der römifchen Religion (dank Wiffowa!) einer Gefchichte

Abteilungen wird eine überfichtliche und doch äußerd ähnlicher fieht als die der griechifchen, id natürlich
reichhaltige Dardellung diefes ganzen Gebietes gegeben: I Aber das Buch id nichts weniger als Exzerptenweisheit.
A) die Philofophie der Renaiffance, B) die naturwiffen- Es trägt ein dark fubjektives Gepräge. Die bekannten
fchaftlich-metaphyfifchen Sydeme, C) die Philofophie Grundfätze R.s find konfequent durchgeführt. Darum
der Aufklärung, D) Kant und der deutfche Idealismus. Et das Buch auch für den Forfcher höchd lehrreich,
E) die Philofophie des 19. Jahrhunderts. Die fchwierige ' namentlich wenn er damit die Lektüre der drei Bände
Aufgabe, von der vielverlchlungenen philofophifchen Ge- Culles, mythes et religions verbindet, für den Laien nicht
dankenbewcgung der Neuzeit auf wenigen Seiten ein , ungefährlich. Denn viele anfechtbare Hypothefen wird

Bild zu geben, id hier in meilterhafter Weife und zu
gleich in eleganter Dardellung gelöd. Jede Seite verrät
den Hidoriker der Philofophie, der von einer Gefchichte
der Probleme und der Methoden ausging und
damit die Möglichkeit fchuf, das durch Hegel eröffnete

er als erwiefene Tatfachen annehmen. Die Urfprünge
und primitiven Anfänge intereffieren R. viel mehr als
die Höhen und die religiös fchöpferifchen Individuen.
Auch bei großer Kürze war es, wie Wilamowitz' Skizze
zeigt, nicht notwendig, daß die griechifche Religion in

Verdändnis für die Gefchichte der Philofophie ohne 1 fo dark verkürzter Perspektive wie auf eine Fläche ge-
deffen Begriffsdialektik zu vertiefen und mit den Anfor- zeichnet wurde, daß der Hellenismus ganz übergangen
dcrungen der hidorifchen Wiffenfchaft der Gegenwart wurde. Starker Rationalismus tritt oft unerfreulich herin
Einklang zu bringen. Um zu fehen, in welchem Maße j vor. Das fchöne noch ziemlich ficher zu rekondruierende
dies der Fall id, lefe man die Dardellung fo verfchie- Stück der eleufifchen Liturgie, das die Jenfeitshoffnungen
dener Gedankenreihen, wie die von Spinoza und von 1 kündet, lockt R. S. 86 nur bitteren Hohn über die Char-
Comte. Daß das Ganze in eine Vertretung des eigenen latan-Prieder ab. Die S. 87 gerügten Alfanzereien der

Standpunktes, in eine ,Philofophie der Werte' ausklingt
wird bei einer Fortführung der Dardellung bis zur Philofophie
der Gegenwart auch von demjenigen nicht bean

Ciceroni fcheinen mir immer noch wahrer als R.s Deutungen
. Die Dardellung der primitiven Religionen
fcheint mir die därkere Seite des Buches, auch ihre

dandet werden, der von abweichendem Standpunkt aus i Heranziehung in der Behandlung der höher dehenden

in einer ,Theorie der allgemeingiltigen Werte' (S. 541) ! oft treffend und lehrreich. Aber R. hat eine darke

nur einen Teil der Philofophie und in der ,Erfahrung' : Neigung, die religiöfen Ausdrucksformen, auch wo fie

die notwendige Grundlage aller inhaltlichen philofophi- fchon dark fpiritualifiert und verinnerlicht find, in ihrer

fchen Erkenntnis fieht. urfprünglichden, materialidifchen Bedeutung zu nehmen.

So liefert diefe Allgemeine Gefchichte der Philo- Ich gehe noch auf die Behandlung des Chridentums

fophie' ein Gefamtbild menfehlichen Ringens um die ein, das S. 189 als fynkretidifche Religion betrachtet

letzten und höchden Erkenntniffe, wie es in dieler Ver- wird. Damit und mit der Auflöfung der Paffion in

bindung von überfichtlicher Gefchloffenheit und wiffen- Mythus, die an mehreren Stellen der Cultes ausgeführt

fchaftlicher Gründlichkeit noch nicht vorlag. id, hängt es zufammen, daß R., wenn nicht die Briefe

, "pi ir 1 r u des Pa"lus wären, eine Bedreitung der Exidenz Tefu

Th. Elfenhans. nicht für paradox' anfehen würde^(S ^ M_ E>Jge.

nügt fchon die aramäifche Grundlage der Synoptiker
und die Tatfache einer von Paulus unabhängigen Miffion,
die Dilettanten, die ohne genügende hidorifche Schulung
ihre Phantadereien auf den Markt tragen, zu widerlegen.—
Der Dardellung des älteden Chridentums (K. VIII) muß
ich den Vorwurf machen, daß fie fad gar nicht Religions-

Reinach, Salomon, Orpheus. Allgemeine Gefchichte der
Religionen. Deutfche, vom Verfaffer durchgefehene
Ausgabe von A. Mahler. Wien, J. Eifendein & Co.
1910. (XII, 403 S.) gr. 8» M. 7.50; geb. M. 9 —
Reinach, Salomon, Orpheus. Histoire generale des reli- 1 gefchichte, fondern Literaturgefchicht'e id, die freilich viel
gions. 3. ed. Paris, Picard 1909. (XXI, 625 p.) I leichter zu fchreiben war. Die Kirchengefchichte wird

bis auf die Gegenwart geführt. Manche Urteile, befonders
über franzöfifche Verhältniffe, find fehr intereffant;
über deutfche zeigt R. fich weniger orientiert. Die

Das in kleinem Format, fehr gefchmackvollem Ledereinband
, zartedem Papier erfchienene, nur einen kleinen
Finger dicke Büchlein von Reinach wurde nach Er-

fcheinen der dritten Auflage erd nach einigem Suchen j ,) Ich habe in der deutfchen Überfetzung nur einige Partien ge-

auf der hiefigen Bibliothek für mich ausfindig gemacht, lefen und notiere z. Ii. (die Stellen des Originals find leicht zu finden,
weil man nach dem Umfang von 646 Seiten ein fchweres da deffen Paragraphenteilung beibehalten hl); S. 89 moralifch integer

Volumen vorausfetzte. Nun hat es wirklich ein derberes [de bom moeurs) 159 welche Bezeichnung fich ... findet. 216 (§ 41

deutfehes Gewand angezogen, auch in der Sprache. Damit
foll kein allgemeiner Tadel gegen den Überfetzer
ausgefprochen fein. Franzöfifche und Reinachfche Ele-

Anf.) ,fie noch heute gefangen hält' (ivoluer en elles) und kurz vorher
das heißt'. 267 durch ein ftrenges Schweigensverbot in diefer Richtung
(par une certaine disertlion ä ce suj'et). 294 in laizifierter Form.
Sa Phaeton. — Seitentitcl wie im Original wären wünschenswert.