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Ausgabe:

1910 Nr. 20

Spalte:

632-633

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Reinhold

Titel/Untertitel:

Offenbarung und Inspiration. 5. Tsd 1910

Rezensent:

Vollrath, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 20.

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befchritten worden, und ein Jahr nach WaKingham's Eintritt
langten Bucer und Fagius an, die bald der refor-
matorifchen Richtung zum Siege verhalfen. Nach zweijährigem
Studium trat jener die übliche Reife zu den 1
Bildungsftätten des Continents an — er hat in fpäteren
Jahren eine befondere Inftruktion für eine folche Reife !
einem Neffen entworfen (f. S. 8off.) —, und kehrte 1552
kurz vor Edward's VI. Tode zurück, um nun vor der
Reaktion unter der blutigen Maria fliehend abermals |
fein Vaterland zu verlaffen. Dürftig ift, was wir über
diefe Spanne feines Lebens wiffen, in der wir ihn 1555
in Padua als Konsiliarius der englifchen Nation' auf
der Univerfität finden. Erft unter Elifabeth kehrt er
zurück — um nun von Lord Cecil patronifiert ftufenweife
höher zu fteigen. Freilich noch bis 1568 hat er kaum
Spuren hinterlaffen. Der Verf. füllt die Lücken durch
fehr eingehende Unterfuchungen über die englifche Politik !
der Zeit aus in ihren Beziehungen befonders zu Schottland
und zu Frankreich — was feinen Helden auch für
den Kirchenhiftoriker bedeutfam macht, deutet er S. 686
an: er erblickt in ihm einen typifchen Träger ,der Ge-
meinfchaftsidee des Calvinismus, die fleh in feiner Perfon
mit dem englifchen Nationalgedanken vermählt'.

Die Gefchichte Walfinghams feit 1568 bis zur Bartholomäusnacht
und zu feiner Abberufung von dem
Parifer Gefandfchaftspoften 1573 gibt für diefes Urteil
die Belege.

Drohend ballten fleh in dem erften diefer Jahre |
die Wolken der Reaktion auch gegen England von i
allen Seiten zufammen: Herzog Alba erfcheint in den
Niederlanden; in Frankreich bricht der erfte, dann der
zweite Religionskrieg aus und fichert denjenigen das
Übergewicht, die auch hinüber greifen möchten über den
Kanal; in Rom ift man bereit, die in Vorbereitung befindliche
Aktion Spaniens dadurch zu unterftützen, daß
der Bann über Elifabeth nun ausgefprochen wird. In
diefem Zeitpunkte taucht ein Projekt auf, zu deffen
Betreiben Walfingham als Gefandter an den franzöfifchen
Hof gefchickt wurde — das der Ehe zwifchen der fchon
37jährigen Elifabeth und dem 19jährigen Herzog von
Anjou. Mit Widerftreben mag der Puritaner den Auftrag
übernommen haben— feine Konfeffionsgenoffen in Frankreich
freilich ftanden anders zu diefem Plane, da deffen
Durchführung das bedrohliche Übergewicht der ftreng
katholifchen Partei dauernd zu befeitigen geeignet fchien.
Eine Fülle von Projekten hat diefes Projekt wiederum
entftehen laffen, bis endlich neben der religiöfen Differenz
eine energifche Weigerung Anjou's feiner Mutter Katharina
de Medici gegenüber, die wohl das Ganze eingefädelt
hatte, der Sache ein Ende machte. Man mag fich die
Leiden eines ehrlichen Mannes vorftellen, der als Diplomat
nun zwifchen alledem fleht: St. hat da den Briefwechfel
zwifchen Walfingham und Cecil und Andern exploitiert,
wir fehen, wie der Gefandte mehr und mehr fich für die
Sache erwärmt — fchließlich erfcheint ihm die Ehe,
natürlich falls den proteftantifchen Forderungen entfpro-
chen werde, als die Löfung aller Schwierigkeiten der
englifchen Politik. Den Lefer führt nun die diplomatifche
Tätigkeit des englifchen Gefandten in Paris fo recht in
das Getriebe der großen europäifchen Politik ein in einer
Zeit, in welcher in den Cabinetten Schachzüge über
Schachzüge, Kombinationen über Kombinationen entworfen
und wieder verworfen werden, bis die Greuel der
Bartholomäusnacht in blutig grellem Lichtfchein erkennen
ließen, wo die eigentlich beflimmenden Triebfedern für
die Trennung oder Vereinigung der Nationen zu fuchen
find. Über Walfingham's perfönliches Ergehen in jener
Schreckenszeit — es war ihm gelungen, fofort feine
Familie hinüber zu fchicken — bringt St. einiges bei;
die Unterredung welche er mit der Königinmutter am
12. September 1572 über die durch die Kataflrophe herbeigeführte
Lage, befonders die nunmehrige Stellung
Englands hatte, das fich mehr und mehr als den Hort

des Proteflantismus fühlt, bildet da das wichtigfle Moment
(S. 536ff.). Man fieht, daß jener unheilvolle 24. Augufl
in viel tiefer greifendem Maße, als die franzöfifchen
Politiker felbft es erkannten, für die Folgezeit epochemachend
geworden ift. Und dennoch: ift jenes erfte
Eheprojekt mit Anjou gefcheitert, fo wird Walfingham
noch über die Bartholomäusnacht hinaus mit dem zweiten,
dem einer Ehe zwifchen der jungfräulichen Königin und
dem fechzehnjährigen(l) Bruder Anjou's bemüht — wahrlich
, es ift keine Freude gewefen, in jenen Zeiten Gefandter
zu fein! Der Wunfeh nach Abberufung wurde ihm erft
im Frühjahr 1573 erfüllt; noch einmal hat er dann (1581)
in befonderer Miffion den Boden Frankreichs betreten.
Aus den diplomatifchen Korrefpondenzen und Berichten
aber, welche er feinerzeit an die Londoner Politiker gefchickt
hatte, ift ein viel gelefenes Buch, zuerft 1654,
gedruckt worden: , Tlie Compleat Ambassador — or (wo
Treaties of the intended Marriage of Queen Elizabeth'.

Königsberg. Benrath.

Seeberg, Reinhold, Offenbarung und Infpiration. 5. Taufend .
(Biblifche Zeit- und Streitfragen. Herausgegeben
von F. Kropatfcheck. IV. Serie. 7/8. Heft.) Gr.-
Lichterfelde, E. Runge 1908. (78 S.) 8° M. 1 —

Vorftehende Schrift foll dem Intereffe an ,der unwandelbaren
religiöfen Autorität und Kraft der heiligen
Schrift' (S. 76) dienen. Einft war fie theologifch ge-
fichert durch die Lehre von der Verbalinfpiration.
Heute muß in neuer Weife ihre Autorität begründet
werden. Dazu bietet S. zunächft prinzipielle Erörterungen
über die Probleme Offenbarung und Infpiration. Offenbarung
tritt auf in Form von ,Tatfachen' der Gefchichte,
und zwar in einer befonderen Linie derfelben (israelitifch-
jüdifche Gefchichte, etwa bis zur Auferftehung Jefu
S. 22 f.).

,Nun aber foll diefe Offenbarung gefchichtlich in
der Menfchheit wirkfani werden. Dazu bedarf es deffen,
daß ihr Zeugen erflehen, die ihr Wefen erkennen und
wirkfam ausdrücken' (S. 32) in Gedanken, Worten,
Begriffen. Dadurch foll gewiffermaßen eine authentifche
Interpretation jener Offenbarungstatfachen gewährleiftet
werden. Diefe ift für S. möglich durch die Einheit der
Geifteswirkung: ,üer in der Offenbarung wirkfame Geift
ift es, der durch befondere Wirkung dies gefchichtlich
grundlegende Verftändnis der erften Zeugen hervorbringt
' (S. 32). Ein folches vom Geift gewirktes Verftändnis
jener grundlegenden Tatfachen nennt S. ,Infpiration
'. An den fo infpirierten Worten und Gedanken
wird uns bis heute jene Offenbarung zum gegenwärtigen
Erlebnis: Jenes Gedankengefüge gewinnt nämlich Leben'
(S. 27).

Diefe Theorie wird dann auf die Bibel angewandt,
befonders auf die Schriften des N. T. Sie geben zunächft
einmal Kunde von jenen Offenbarungstatfachen.
S. meint nun dazu: ,Urkunden aber find nicht irgendwelche
Berichte von Vergangenem, fondern fie find
folche Berichte, die felbft ein Beftandteil der Vergangenheit
find, von der fie berichten' (S. 25). Die Schrift ift
darum ,eine befondere Wirkung der Offenbarung' oder
,auch felbft Offenbarung' (S. 26). Sodann gibt fie auch
,die Deutung und das Verftändnis der Offenbarungstatfachen
' (S. 46) ,in gegebener und formulierter Erkenntnis
' (S. 49). ,Die biblifchen Autoren haben die
weltgefchichtliche Aufgabe gehabt, die Tatfachen und
die Gedanken der Offenbarung in fefte Begriffe und
verftändliche Worte zu überfetzen' (S. 70). Er will nun
die Schriften ,als eine Einheit' (S. 20) auffaffen ,im Hinblick
auf die Wirkungen, die von ihnen als Einheit ausgegangen
find' (S. 21). Sie bieten ,für alle Zeiten der Gefchichte
die verftändliche und wirkfame Form der
Offenbarung' (S. 70). In diefem Sinne find die bibli-