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Ausgabe:

1910 Nr. 20

Spalte:

611-612

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Arnim, Hans von

Titel/Untertitel:

Die politischen Theorien des Altertums 1910

Rezensent:

Pohlenz, Max

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Seite 1

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6n Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 20. 612

feine große Abhandlung über evangelifchesEhefcheidungs-
recht.

Alles in allem eine gewaltige Arbeitsleiftung, die
diefe zwei letzten Bände den früheren würdig zur Seite
ftellt. Der fehr ftattliche Schlußband enthält außer dem
Verzeichnis der mehr als 400 Mitarbeiter mit ihren Artikeln
ein höchft eingehendes Regifter, angefertigt von
Herrn. Cafelmann, das nicht nur die Benutzung des Ge-
famtwerkes fehr erleichtert, fondern durch Aufnahme von
hunderten, ja wohl taufenden von Stichworten, die einen

mit feinen Unterfuchungen über Staatszweck und Ideal-
ftaat an Piatos idealiftifche Richtung anknüpft, der aber
im Grunde doch Empiriker und Realilt ift und erft da warm
wird, wo er auf die praktifch realifierbaren Staatsformen,
befonders auf die fein geliebtes fttaov repräfentierende
Politie kommt. Ein kurzer Ausblick auf die Nachwirkung
der peripatetifchen Lehre bei Panaitios, Polybios — der
aber von der Mittelftoa nicht abhängig ift — und
Cicero, auf den ftoifchen Kosmopolitismus und Epikurs
Egoismus fchließt das Buch.

befonderen Artikel nicht erhalten haben, den Inhalt in Bei v. Arnim braucht man kaum hervorzuheben,

überrafchender Weife auflchließt, hie und da ganz neue daß er den Stoff vollkommen beherrfcht, daß faft alles,

Lichter wirft. Bei vielfacher Benutzung hat fich mir das was er bringt, durchaus zuverläffig ift, daß er auch kom-

Regifter als fehr forgfältig gearbeitet erwiefen. Manchem I pljzierte Fragen knapp und klar darzuftellen vermag.

Verfäumnis ift damit nachträglich abgeholfen. Freilich | ßefonders wertvoll ift, daß er Philofoph und Philolog

tritt auch eine gewiffe Ungleichmäßigkeit in der Aus- j zugleich ift. Freilich kommt diefen beiden gegenüber

wähl der Artikel deutlich hervor. Z. B. ift Chriftian der Politiker bei ihm in diefer Darfteilung zu kurz. So

Wolff und der Wolfffchen Theologie ein gut orientieren- I befpricht er zwar gewiffenhaft alle Spielarten der Demo-

der Artikel von H. Stephan zuteil geworden, aber einen 1 kratie, die Ariftoteles annimmt; nach einer zufammen-

Artikel über ,Kant und Kantifche Theologie' fucht man 1 faffenden Würdigung des perikleifchen Staatsideals aber,

vergebens, ebenfo wie einen Artikel .Werturteile'; felbft das wahrlich mehr Spuren politifcher Theorie zeigt

das Stichwort „Neukantianismus' fehlt gänzlich. Daß
die Religionsgefchichte zurücktritt, wird nicht Wunder
nehmen; aber daß felbft ein Stichwort wie ,Uroffenbarung'
fehlt, ift überrafchend. Im Ganzen gewinnt man den
Eindruck als ob in dem letzten Drittel des Werkes die
Zurückhaltung gegenüber den modernen fyftematifchen
Problemen eine geringere geworden fei. Hier wird bei
einer Neuauflage die wichtigfte und fchwierigfte Arbeit
zu leiften fein, um das Werk ganz zu dem zu machen,
was es fein will, eine Gefamttat und ein Gefamtzeugnis
der deutfchen wiffenfchaftlichen Theologie.

Göttingen. Titius.

Arnim, Prof. Hans von, Die politifchen Theorien des Altertums
. Sechs Vorlefungen, gehalten bei Gelegenheit der
Salzburger Ferialhochfchulkurfe am September 1908.
Wien, H. Heller & Cie. 1910. (149 S.) 8° Kr. 1.50

,Wer wahrhaft politifchen Sinn fich erwerben will, der
foll fich ftählen in dem Stahlbad des klaffifchen Alter- .

tums, das das größte theoretifch-politifche Meifterwerk noch angehen. Piatos pohtifche Theorien aber kann man

als Solons Gedichte oder die pfeudoxenophontifche
Adrvaimv nolixda, fucht man vergebens. Und doch
ift deffen Grundgedanke, innerhalb des Staatsverbandes
der Freiheit der Perfönlichkeit möglichft großen Spielraum
zu laffen, nicht bloß noch heutzutage die wichtigfte
Idee des Liberalismus, er ift auch in Griechenland von
Freund und Feind klar erfaßt und lebhaft befprochen
worden. Man braucht nur das neunte Buch von Piatos Staat
zu lefen, fo fieht man: der fcharfe Sozialismus, den Plato
predigt, den er bis zum Zwangftaat der Gefetze durchführt, ift
nur der Rückfchlag gegen den Liberalismus des Perikles.
Das ift natürlich für die Gefchichte der politifchen Theorien
von größter Wichtigkeit, v. Arnim weiß das recht wohl.
Wenn trotzdem diefer Punkt bei ihm nicht fo klar
hervortritt, wie er es verdient, fo liegt das an einer Be-
fchränkung, die v. Arnim fich bewußt auferlegt hat. Wie
in feiner Gefchichte der griechifchen Philofophie, fo
ftellt er auch hier nur die Syfteme dar, nicht die Perfön-
lichkeiten, nicht die äußeren Einflüffe und die inneren
Erlebniffe, die fie beftimmen. Das mag bei Ariftoteles

hervorgebracht hat, die „Politik" des Ariftoteles, vor der nicnt verliehen, wenn man von den Eindrucken und
wir alle noch als Stümper flehen', fo begann Treitfchke inneren Kämpfen der Jugend, den Sorgen und Entfeine
Vorlefungen über Politik, und mancher Ausfpruch täufchungen des Alters abfieht. Sonft kommt nur zu
von anderen modernen Staatstheoretikern läßt fich an leicht die alte Vorftellung wieder heraus, als ob der
die Seite ftellen. Hat es doch noch 1890 Julius Schvarcz ! Idealftaat einfach aus den Höhen abftrakter Spekulation

für nötig gehalten, fich in einer befonderen Schrift gegen
den ,Ariftoteles-Kult der modernen Staatswiffenfchaft'
zu wenden. So ift es nicht ganz berechtigt, wenn v.
Arnim am Schluffe diefes Büchleins mit leifem Vorwurf

auf die Erde herabgeholt fei.

Nach diefen Richtungen hin bedarf alfo das Buch
der Ergänzung. In feinen pofitiven Darlegungen aber
ft es als zuverläffiger Führer namentlich auch dem

Göttingen. Max Pohlenz.

einen Appell an die neuere Staatswiffenfchaft richtet, j Fernerftehenden durchaus zu empfehlen
,das ehrwürdige Vermächtnis des Altertums nicht ganz
zu vergeffen'. Um fo willkommener ift es aber, wenn
er dem Intereffe, das tatfächlich für die politifchen

Theorien der Griechen fogar in weiteren Kreifen vor- Pf,Iter' Fnedrlch- Der Reliquienkult .m Altertum. Erfter

handen ift, durch feine Schrift entgegenkommt. Halbband. Das Objekt des Reliquienkultes. (Rehgions-

Es find fechs Vorlefungen, die v. Arnim hier ver- j gefchichtliche Verfuche und Vorarbeiten, begründet

öffentlicht, und natürlich kann er da nur,eine Orientierungs- von A. Dieterich u. R. Wünfch, herausgegeben von

Wanderung' durch das weite Gebiet vornehmen. So be- R Wünfch u. L. Deubner. V. Band.) Gießen, A.

handelt er in rafchem Fluge die Vorbedingungen der
griechifchen Staatstheorie, wie fie in der alleinigen
Exiftenz des Stadtftaates und in der Sklaverei gegeben
find, weiter die Entwicklung der Demokratie, wie
fie fich im fünften und vierten Jahrhundert vollzogen
hat, und die Anfänge der politifchen Theorie. Ausführlicher
verweilt er dann bei Plato. Hier fkizziert er
zunächft deffen Weltanfchauung im ganzen — das tranf

Töpelmann 1909. (XII, 399 S.) gr. 8° M. 14 —

Ein Buch von faft 400 Seiten (als I. Halbband!)
über Reliquienkult im Altertum kommt auch dem etwas
überrafchend, der fchon längft auf die zahlreichen Spuren
eines folchen Kultes geachtet hat. Der Umfang erklärt
fich auch nur aus einer eigenartig weiten Faffung
des Titels. Der Verf. zieht auf der einen Seite die

zendente Prinzip in diefer betont er dabei gerade für die j ganzen Legenden mit in feine Unterfuchung hinein, die

Politik zu fehr — und entwirft auf diefem Hintergrund ; als Vorausfetzung des Reliquienkultes gelten müffen,

ein Bild der politifchen Ideen, die in der Politeia nieder- auf der andern Seite dehnt er feine Beobachtungen

gelegt find. Eine Darftellung des Gefetzesftaates folgt, auch auf das chriftliche Gebiet aus und zwar ohne fich

Die letzten 3 Vorlefungen find Ariftoteles gewidmet, der dabei auf die Zeit des chriftlichen Altertums, wo man