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Ausgabe:

1910 Nr. 19

Spalte:

588-591

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bauer, Walter

Titel/Untertitel:

Das Leben Jesu im Zeitalter der neutestamentlichen Apokryphen 1910

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 19.

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lohnende Aufgabe gewefen. — Was die Überfetzung
betrifft, fo hat der Verfaffer es fich zur Pflicht gemacht,
mit philologifcher Genauigkeit nicht nur ein verftändliches
modernes Deutfch zu verbinden, fondern auch die Stimmung
und Färbung jedes Abfchnittes zum Ausdruck zu
bringen. In der Form der Rede fchließt er ftch dem
Herkömmlichen weit enger an als Böhmer. Dagegen
macht er häufiger Gebrauch von erklärenden Zufatzen.
Das hindert freilich nicht, daß auch bei ihm eine ganze
Reihe von Stellen ohne weitere Erläuterung unverftänd-
lich bleibt. Offenb. 2,24: die Tiefen des Satans, bedürfte
unbedingt einer Anmerkung. Auch an den oben
bei Böhmer angeführten Stellen läßt uns M. im Stich.
Ein volles Verftändnis des Zufammenhanges eines der
großen paulinifchen Briefe ilt für folche, die ohne befon-
dere Vorkenntniffe darangehen, wohl nicht möglich.
Die Verszahlen find am Rande beigefügt. —

3. Wiederum einen völlig andern Charakter trägt
das Werk von Reinhardt. Es liegt in zweiter Auflage
vor, nachdem die erfte vor 33 Jahren erfchienen war.
Der Verfaffer, ein jetzt in Bafel im Ruheftande lebender
Schweizer Pfarrer, ift zu feinem Verfuche gekommen,
weil man vor ihm fleh immer damit begnügt habe, einzelne
, meift lehr untergeordnete Unrichtigkeiten der
lutherifchen Überfetzung zu befeitigen. ,Danach, ob
Luther die Bibel vom richtigen Standpunkt, d. h. dem
überall an den Tag tretenden Grundgedanken und der
fie völlig beherrfchenden biblifchen Welt- und Lebens-
anfehauung aus, vorurteilsfrei aufgefaßt und richtig wiedergegeben
habe, hat bis jetzt noch niemand gefragt'.
Wenn in unferer Zeit Millionen von Menfchen an aller
religiöfen Wahrheit irre geworden feien, wenn die pro-
teftantifchen Kirchen in eine Unzahl engherziger Sekten
zu zerfallen drohen, während das jefuitifche Rom frecher
als je fein Haupt erhebe, fo könne es nicht bloß nicht
an einzelnen Ungenauigkeiten in der herrfchenden Bibel-
überfetzung fehlen, fondern es müffe gefragt werden, ob
die ganze bei uns herrfchende Auffaffung des Chriften-
tums die richtige, wahrhaft biblifche fei oder nicht. Der
Überfetzer der Bibel müffe den Vorausfetzungen einer
mittelalterlichen Rechtgläubigkeit völlig entfagen und
fleh rückhaltlos auf den urchriftlichen oder meffianifchen
Standpunkt ftellen, wonach das Reich Gottes nicht in
einem erträumten Jenfeits, dem heidnifchen Götterhimmel,
fondern in der gegenwärtigen wirklichen Welt komme.
Die Bibel wiffe nichts von dem einfeitigen, verkehrten
Spiritualismus unferer Kirchen, nichts von dem unfeligen
Dualismus zwifchen Geilt und Materie, Seele und Leib,
Gott und Welt, Jenfeits und Diesfeits ufw. ,Die biblifche
Welt- und Lebensanfchauung ift eine kindlich wahre und
harmonifch einheitliche, die auch bei dem höchften
Geiftesflug nicht den feiten Boden der realen Wirklichkeit
unter den Füßen verliert'. Im Dienlte diefer Auffaffung
fleht nun die ganze Überfetzung. Auf Schönheit
der Sprache wird willig verzichtet, die Verszahlen find
in den Text gefetzt; jeder Vers beginnt mit einem
großen Anfangsbuchftaben — das alles macht die Lektüre
des Buches nicht grade erfreulich. An Anmerkungen
fehlt es nicht, aber auch fie flehen meift im Dienlte der
Tendenz des Verfaffers, deren Durchführung im Johannesevangelium
und an andern Stellen recht fchwierig ift.
Gelegentlich muß R. die herkömmliche Überfetzung
einer Stelle völlig verlaffen, um nicht in Widerfpruch
mit feinen Vorausfetzungen zu geraten. So überfetzt er
Luk. 23,43: ,Und Jefus fprach zu ihm: Wahrlich, ich
fage dir heute: Mit mir wirft du im Paradiefe fein'.
In einer langen Anmerkung wird diefe Überfetzung verteidigt
, die bisher übliche Interpunktion widerfpreche
der ganzen Denkweife Jefu und — des Schächers (!). —
Aus R.s Feder liegt eine ganze Reihe von Schriften
vor, die fleh mit der Frage des Jenfeits befchäftigen und
die von manchen ihrer Lefer als befreiende Taten ge-
priefen worden find. Für folche wird auch diefe Überfetzung
des N. T. ihren Wert haben. Eine Löfung der
oben befchriebenen Aufgabe der Bibelüberfetzung kann
ich aber in dem Buche nicht fehen.

Hamburg. Curt Stage.

Bauer, Priv.-Doz. Lic. Walter, Das Leben Jefu im Zeitalter
der neuteftamentlichen Apokryphen. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1909. (XV, 568S.)gr.8° M. 16—; geb. M. 18.50

Couard, Pfr. Ludwig, Altchriftliche Sagen über das Leben

Jefu und der Apoftel. Mit einem Anhang: Jüdifche Sagen
über das Leben Jefu. Auf Grund der apokryphifchen
Evangelien und Apoftelgefchichten fowie des Talmud
u. a. dargeftellt. Gütersloh, C. Bertelsmann 1909.
(VIII, 144 S.) gr. 8° M. 2—; geb. M. 2.80

Pick, Bernhard, The Apocryphal Acts of Paul, Peter, John,
Andrew and Thomas. Chicago, The Open Court Publishing
Co. (London, Paul, Trench, Trübner & Co., Ltd.)
1909. (XIV, 376 p.) 80

Zwierzina, Konrad, Die Legenden der Märtyrer von unzer-
Itörbarem Leben. (Separat-Abdruck aus dem Innsbrucker

Feftgruß.) (S. 130—158.) gr. 8°

Es ift lange her, daß R. Hofmann das Leben Jefu
nach den Apokryphen darftellte (1851) und es war höchfte
Zeit, daß die Aufgabe neu in Angriff genommen wurde.
Ref., der feit Jahren fleh mit dem Stoff befaßt, aber über
Handfchriftenftudien für eine kritifche Neuausgabe der
Texte noch lange nicht zur zufammenfaffenden Behandlung
des Inhalts kommen kann, begrüßt Bauers von urfr-
faffender Kenntnis des Materials und feiner Beobachtungsgabe
zeugende, in Anordnung und Darfteilung wohlgelungene
Arbeit auf das wärmfte.

Der Verf. hat den reichen Stoff in drei Hauptteile
gegliedert, der I. führt in 14 Kapiteln die wichtigften
Momente des Lebens Jefu vor, der II. behandelt die
Gefamtauffaffung von Jefu Perfönlichkeit und Wirkfamkeit,
der III. reiht die Formen der apokryphen Evangelien
literargefchichtlich und ihren Inhalt religions- und dogmen-
gefchichtlich ein. Alfo eine weit umfaffendere Aufgabe,
als fie Hofmann fich einft geftellt.

In der Umgrenzung des ,Zeitalters der Apokryphen'
fchließt W. Bauer fich an Hennecke an, deffen Überfetzung
und Handbuch ja den Weg zu folchen Studien
ganz neu geebnet hat (wie befchwerlich war es vordem,
lieh alles zufammenzufuchenl). Diefe Umgrenzung ift nicht
einwandfrei fowohl nach vorn wie nach hinten: einzelne
der älteren Apokryphen können in die Zeit der kanoni-
fchen Evangelien zurückreichen; viele der jüngeren find
ficher jünger als Origenes, und doch von hoher Bedeutung.

Bei den Einzelmomenten des Lebens Jefu wird außer
den Apokryphen im eigentlichen Sinne auch alles herangezogen
, was fich an Traditionen bei den älteren Vätern
zerftreut findet, und da auch die kanonifche Überlieferung
als Anknüpfungspunkt entfprechende Berückfichtigung
findet, wachfen fich manche diefer Kapitel zu fall er-
fchöpfenden Monographien über Jefu Geburt, Jefu Taufe
uff. aus, vgl. auch im II. Teil über Jefu Stellung zum
irdifchen Befitz, zum Gefetz, zur Heidenmiffion uff. Der
Verf. teilt nicht nur das gefamte Material mit; er fucht
es auch verftändlich zu machen, dabei die neuere Literatur
darüber mit annähernder Vollftändigkeit heranziehend.
Muftergiltig ift in diefer Hinficht die Erörterung der zur
1 Umbildung von Herrenworten führenden Tendenzen. Nur
follte hierbei zunächft einmal der Verfuch gemacht werden
, die zerftreut umlaufenden Agrapha auf ihre mutmaßliche
literarifche Quelle, das eine oder andere der apo-
1 kryphen Evangelien zurückzuführen, wofür Bezeugung
einer-, Charakter andrerfeits ziemlich fichere Führer
fein können. In diefem Rahmen werden außer den