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Ausgabe:

1910 Nr. 18

Spalte:

572

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfeifer, Hermann

Titel/Untertitel:

Der Sturmlauf gegen die Zwickauer Thesen 1910

Rezensent:

Clemen, Otto

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57i

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 18.

572

nach den beiden Hauptkonfeflionen gegliedert. Kinder
der kleineren Konfeffionen läßt der Staat in feinen
Schulen zu. Den Religionsunterricht überläßt er diefen
Konfeffionen. Die Schulen müffen konfeffionell bleiben;
denn jede Konfeffion gehaltet das ganze Leben ihrer
Bekenner individuell. Infolge davon ift die Unterrichtsweife
felbft in den neutralen Fächern verfchieden. Die
evangelifche Konfeffion mag durch die Geiftesmittel
der neuen Zeit einen neuen Ausdruck gewinnen;
aber auch ihr Dogma ift nicht zu entbehren, wenn
das religiöfe Leben Bewußtfein und Kraft gewinnen foll.
Nur religiöfe Impulfe genügen felbft einem begabten
Kinde nicht. Simultanfchulen find vom Übel. Ift die
Mehrheit der Eltern katholifch, dann werden diefe Schulen
vom Katholizismus beherrfcht. Ift fie evangelifch, dann
muß das proteftantifche Bewußtfein abgefchwächt werden.
Wird der Religionsunterricht ganz oder teilweife der
Kirche überlaffen, dann verliert er den fetten Halt, den
ihm der Anfchluß an die Staatsfchule gewährt. Schon
die technifchen Schwierigkeiten, die in diefem Falle für
die Kirche entftehen würden, find fchwer zu überwinden.
Die religionslofe Schule untergräbt in den romanifchen
Ländern die Religion. In den germanifchen werden ihre
Nachteile durch die Beibehaltung religiöfer Rette oder
durch das rege religiöfe Leben gemildert, das in ganz autonomen
Sekten pulfiert. Davon, wie der Verf. über nicht-
oder überkonfeffionellen Religionsunterricht denkt, ift
fpäter zu fprechen. Eine Reform des Religionsunterrichts
hält er für notwendig. Er foll nur folchen Lehrern
übertragen werden, die fich dazu freiwillig melden. Die
Infpektion des Religionsunterrichts foll durch päda-
gogifch tüchtig gebildete geiftliche Bezirksfchulinfpek-
toren ausgeübt, den Lehrern aber eine Vertretung in
den kirchlichen Vertretungskörpern gewährt werden.
H. fchließt fich alfo den vortrefflichen Vorfchlägen von
Stephan (,Die kirchliche Stellung des Religionslehrers',
Berlin 1910) an. Wahrfcheinlich würde er auch mit der
Einführung eines Bibelauszugs einverftanden fein. Daß
auf dem von ihm vorgefchlagenen Wege ein Fortfehritt
zu erreichen ift, kann nicht bezweifelt werden.

Im übrigen kann man H. nicht zuftimmen. Er
meint, das evangelifche Haus fei bei uns noch konfeffionell
. Dem ift nicht fo. Unfer evangelifches Volk
liebt feinen Reformator; und es lebt in den religiöfen
und fittlichen Impulfen, die von ihm ausgegangen find
— feinen Konfelfionalismus aber (fein ,Material- und
Formalprinzip') kennen und verftehen nur wenige Laien
noch. Daß das Luthertum nach 400 Jahren noch den
Katholizismus nicht überwunden hat, das beirrt unteren
Verfaffer nicht. Im entfeheidenden Augenblicke würden
fich, wie bei dem letzten Kriege, Katholiken genug finden,
die dem Kaifer geben, was des Kaifers ift. Das Zentrum
hat allerdings, wie ich meine, eingefehen, daß es beffer
ift, das deutfehe Reich zu beherrfchen als es zu bekämpfen.
Sein Bund mit den Polen und den Franzofen aber beweift
, daß es auch jetzt noch, eventuell zum Kampfe
zurückzukehren, fich vorbehält. Über die wachfende
Macht des Atheismus fchweigt H. Er hätte fonft doch
wohl eingeftehen müffen, daß ihm Luthers Grundfatz
,das Wort tuts' nicht gewachfen, daß diefem Feinde die
allein richtige Erkenntnis Jefu ,Gott tuts' (Mark. 10,17—27)
entgegenzufetzen ift. H. fürchtet von denen, die das
tun, fie würden wefentliche Beftandteile des Glaubens
aufgeben, ja zu vorchriftlichen Ideen zurückkehren müffen.
Sie befürchten das nicht. Sie kehren nur von Luther
zu Chrifto zurück. Aber auch H. meint, es fei ja
möglich, daß einmal im Sturm und im fanften Säufein
für das religiöfe Leben unferes Volkes eine ganz neue
Zeit anbreche. Dazu aber könnten wir nichts tun. Aber
das deutfehe Reich ift allerdings im Sturme in das
Leben getreten; indes, wenn dem Sturme nicht eine
lange Friedensarbeit, die der neuen Zeit die Herzen gewann
, vorausgegangen wäre, dann hätte der Sturm nur

den Erfolg von 1806 gehabt. Ich meine daher, die evangelifche
Schule müffe den Anfang machen mit der Anbahnung
der neuen Zeit. Das ift fehr einfach dadurch
zu erreichen, daß fie von ihrem bisherigen religiöfen
Unterrichtsftoffe das 2., 4. und 5. Hauptftück des Katechismus
Luthers der Kirche überläßt. In diefen Haupt-
ftücken ift ohnehin doch manches (z. B. mich verlornen
und verdammten Menfchen) dem inneren Leben der
Kinder fremd und ihm nicht anzueignen. Die beiden
anderen Hauptftücke find rein biblifch, nicht konfeffionell
. Vielleicht wäre mit der Zeit für dies Verfahren
die deutfehe Schule überhaupt zu gewinnen. Der Staat
könnte dann ganz anders als bisher für den religiöfen
Charakter der Schule und damit für die Religion felbft
eintreten.

Dresden. Sülze.

Pfeifer, Hermann, Der Sturmlauf gegen die Zwickauer
Thesen. Leipzig, J. Klinkhardt 1909. (46 S.) gr. 8°

M. —60

Diefes Schriftchen ift hauptfächlich gerichtet gegen
die zwei Vorträge des Bezirksfchulinfpektors in Dippoldiswalde
(jetzt in Dresden) Schulrat Bang: ,Zur Reform
des Religionsunterrichts' und ,Grundlinien eines religionsunterrichtlichen
Neubaues auf altem Grunde'. Neben
ihm wird ,Rietfchel fen.' d. i. der Leipziger Univerfitäts-
profeffor im Unterfchiede von feinem Sohne Ernft, Paftor
in Sachfendorf, bekämpft. Ich hatte die Schrift bis S. 13
gelefen, als ich fie, abgeftoßen durch den Ton, der
S. 12 u. 13 höhnifch-ungezogen wird, aus der Hand
legen mußte. Ich habe aber dann doch weiter und bis
zu Ende gelefen und bin zu dem Urteil gekommen, daß in
der Kritik von Bangs ,Leben Jefu', in der Zurückweifung
der darin fich findenden, z. T. wirklich lächerlichen
,Tüfteleien', in der Feftftellung, daß damit noch nicht viel
gewonnen ift, ,wenn die Kinder die Herrlichkeit Jefu in
phantafiemäßigem Umgang mit ihm gefchaut . .. haben',
in der Befprechung der Schwierigkeiten, die dem Lehrer
daraus erwachfen, daß die fittlichen Weifungen des Neuen
Teftaments mit dem Parufie- u. Lohngedanken und mit
Wundergefchichten verquickt find, und daß der Lehrer
an das Apostolicum u. die Augustana gebunden fein foll,
— daß in alledem manches Richtige, Treffende, Beherzigenswerte
fleckt; das Schriftchen ift auch effektvoll
gefchrieben u. wird zweifellos in den Kreifen, für die es
in erfter Linie beftimmt ift, Erfolg haben; im ganzen
aber fcheint mir der Verfaffer der Sache, die er, mit
Kenntniffen u. Fähigkeiten ausgerüftet, eifrig vertritt,
keinen guten Dienft geleiftet zu haben. Die das Schriftchen
durchziehenden polemifchen Ausfälle find lieblos
und ungebildet. Noch eine Kleinigkeit: Wer Bang und
Rietfchel vorwirft (S. 3), daß fie Fläckel ftatt Haeckel
drucken laffen, der darf nicht zweimal kurz hintereinander
(S. 20) den Druckfehler Apogryphen überfehen!

Zwickau i. S. O. Clemen!

Mitteilung.

Anfang Oktober wird im Verlage der Weidmannfchen Buchhandlung
in Berlin als Heft VI der Berliner Klaffikertexte (herausgegeben von der
Generalverwaltung der Königlichen Mufeen zu Berlin) von Carl Schmidt
und Wilhelm Schubart eine Sammlung altchriftlicher Literaturdenkmäler
erfcheinen, die in den Königlichen Mufeen aufbewahrt werden.
Der größte Teil der publizierten Stücke wird hier zum erften Male den
Gelehrten vorgelegt. Weitere Mitteilungen behalten wir uns vor.