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Ausgabe:

1910 Nr. 18

Spalte:

561-563

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ziesché, K.

Titel/Untertitel:

Verstand und Wille beim Glaubensakt. Eine spekulativ-historische Studie aus der Scholastik im Anschlusse an Bonaventura 1910

Rezensent:

Heim, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 18.

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ift die: Bonaventura hielt ftreng an den Vorfchriften der
Ordensregel feit, während er die Ideale und Taten des
Stifters nicht für verbindlich erachtete. ,Er unterfchied

eine ariflotelifierende Modifikation des zuerft von den
älteren Franziskanern aufgehäuften Traditionsmaterials
zu verliehen. Auch die vorliegende Arbeit von Ziefche

klar zwifchen dem, was Franziskus zuerft gewollt und hat fich nicht ganz von der einfeitigen thorniftifchen
mit den erflen Genoffen geübt hatte, und dem, was er Orientierung freigehalten. Ziefche geht zunächft —und
in feiner Regel dem Orden zur Pflicht gemacht. Jenes j darin fcheint mir der Hauptwert diefer Arbeit zu lie-
überließ er denen, welche fich freiwillig dazu ent- j gen — auf die philofophifchen Grundlagen des Glaubens-
fchloffen; diefes fordert er entfehieden von allen Glie- | problems zurück, befonders auf die pfychologifchen
dem des Ordens'. ,Mit Unrecht würde man aber fagen, | Vorausfctzungen über das Verhältnis der Seelenvermögen
Bonaventura habe das Ideal des hl. Franziskus ver- i untereinander und zur Seele. Bei Bonaventura ift noch
dunkelt. Nicht er, fondern die rauhe Wirklichkeit und j unter dem Einfluß von Auguftins Buch de trinitate das
die menfehliche Schwäche haben es verdunkelt' (S. 161). Verftändnis vorhanden für das eigenartige, durch keine
Aber auch die Regel ift nicht nach ihrem Wortlaut ver- logifche oder metaphyfiche Kategorie ausdrückbare Verbindlich
, fondern nach ihrem Sinn und ihrer Abficht, hältnis zwifchen Erkenntnis und Wille, die einerfeits
Damit ift dann die weitere .Entwicklung' ermöglicht; aber identifch und andererfeits von einander unterfcheidbar
natürlich darf das nicht .Milderung' heißen. ,Der Papft — find (S. 72). Bei Thomas werden unter ariftotelifchem
fagt Bonaventura — mildert nicht die Regel, er fchaut | Einfluß die Seelenvermögen zu Akzidenzien der Seelenauf
ihre Abficht' (S. 163). ,Ob die durch die päpftlichen j fubftanz. Infolgedeffen hat bei Bonaventura der Glaubens-
Schreiben gemilderte Handhabung der Armut von der habitus im Verftand und Willen zugleich, bezw., da er
vom h. Franz geübten bereits weit ablag, ift Neben- 1 ein habitus simpler ift, in dem geheimnisvollen Identitätsfache
', meint L. (S. 159 f.). Alfo was F>anz wollte, ift | punkt zwifchen Verftand und Willen feinen Sitz. Bei
Nebenfache, es kommt nur auf die Regel an. Und was I Thomas dagegen treten Erkenntnis und Wille beim
die Regel fagt, ift Nebenfache, es kommt nur darauf an, Glauben deutlich als zwei unterfcheidbare Faktoren
wie fie^auszulegen ift, und zwar nicht wie Franz fie aus- ; auseinander. Der Glaube als Effekt ift rein intellektuell,
gelegt wiffen wollte, fondern wie man fie auslegen kann. I nur zur Herbeiführung diefes Effekts ift die Mitwirkung

Und wenn man die ganze kunftvolle Erörterung lieft,
wie die Fragen des Eigentums, Befitzes, Gebrauchs, der
Prokuratoren, Klöfter, Bücher, des Wiffenfchaftsbetriebs
durch Bonaventura behandelt werden, und wie L. dem

des Willens notwendig (S. 136). Ziefche ficht in diefem
Unterfchied zwifchen Bonaventura und Thomas nur die
Betonung der beiden Seiten einer und derfelben Sache.
Man kann den assensus fidei als einen gemeinfamen

allem bewundernd folgt, dann fleht man darin freilich Akt von Verftand und Willen auffaffen; man kann aber

den konfequenten ,Kommentar zur Bulle Quo Elongati' j auch das, was des Intellekts darin ift, herausfehälen und

(S. 166). aber in diefer nicht ,die Rettung des Werkes 1 es dann eben dem Intellekt zuteilen. Bonaventura

des h. Franziskus', fondern wie Reuter bekanntlich ge- | beharrt bei dem erften, Thomas wechfelt aus guten

fagt hat, ,eine kunftvolle Methodologie zur Betäubung 1 Gründen damit ab' (S. 137). Ziefche merkt nicht, daß

des Wahrheitsfinns, eine Anweifung, die Regel ihres ! mit der thorniftifchen Einzwängung des Verhältniffes der

wefentlichen Inhalts zu entleeren und doch fich vorzu- I Seelenvermögen in das Schema: Subftanz — Akzidensund

ftellen, daß man diefelbe halte'. Wir verftehen fehr gut mit der entsprechenden Zerlegung des Glaubenshabitus

den Widerfpruch der rauhen Wirklichkeit gegenüber den
Idealen des h. Franziskus (S. 161); wir verliehen auch,
daß man es als ein Verdienft Bonaventuras preifen kann,
daß ,er vom Ideal des h. Franz gerettet, was zu retten
war' (S. 244). Aber daß man heute noch zu der Mein
zwei Faktoren das Verftändnis für das von Bonaventura
noch fo fein empfundene Problem aufhört,
das in dem doppelfeitigen, ebenfo intellektuellen als
willensmäßigen Charakter des andererfeits doch völlm
einfachen Glaubensaktes liegt, daß die Scheu Bona&-

thode fich bekennen kann, ftatt rund zuzugeben: wir ! venturas, irgend eine der logifchen Relationen auf diefes
können die Ideale des Stifters und den Wortlaut der geheimnisvolle Verhältnis anzuwenden, theologifch viel
Regel nicht halten, vielmehr durch juridifche Künfte ! höher fleht, als das ariftotelifche Schema, mit welchem
die Worte der Regel folange .auszulegen', bis fie nicht ,der Fürft der Klarheit und Konfequenz' diefe tieffte
mehr beißen und nicht mehr ftechen — das verftehen ; Frage der Religionspfychologie totfehlägt. Ziefche wür-
wir nicht.

Stuttgart. Lempp.

digt darum die proteftantifchen Verfuche, für diefes
logifch unfaßbare Verhältnis eine befondere Kategorie
zu finden, nur einer ablehnenden Erwähnung, mag es
fich dabei um ,das reformatorifche Mißverftändnis' handeln
Ziefche, Dr. K., Verftand und Wille beim Glaubensakt. Eine .welches den Begriff des Fiduzialglaubens aus Auguftinus
fpekulativ-hiftorifche Studie aus der Scholaftik im nachweifen zu können glaubte' (S. 15), oder um den
Anfchluffe an Bonaventura. Paderborn, F. Schöningh j 'PJ"ktlfcJl^n Vernunftglauben Kants, der einen theore-
lnnn fvTII tu Sl m 8« Ms— Wen-.11 Wert für fich allein nicht beanfprucht, fondern

1909. (V1L, 151 öd gr. ö 3 j nur der Ausdruck eines Bedürfniffes unterer Vernunft

Diefe Schrift ift neben andern neueren Arbeiten ; fein foll' (S. 10), oder die damit zufammenhängende
über Bonaventura, z. B. E. Lutz, Die Pfychologie Bona- Poftulatentheorie Wundts, nach welcher für das ,Furwahr-
venturas (^Beiträge z. Gefch. der Philofophie des Mittel- halten' ein .Fürwahrfordern' eintritt (S. 33), oder die
alters Bd. VI. H. 4—5, Münfter 1909) ein Symptom für .Meinung neuzeitlicher proteftantifcher Theologen, wo-
das neuerdings in der katholifchen Welt immer flärker nach fich das religiöfe Erkennen nur in Werturteilen
hervortretende Beftreben, hinter Thomas auf die ältere und zwar felbftändiger Art bewege, aber keine theoretifche
Franziskanerfchule, fpeziell auf die bisher ,fo arg vernach- Ausfage über das Wefen der religiöfen Dinge enthalte'
läffigte Lehre des hl. Bonaventura' (Vorwort V) zurück- (S. 53). Er hat es nicht nötig, fich mit diefen Verfuchen,
zugehen, deffen Einfluß auf die nachtridentinifcheThcologie das Problem der religiöfen Gewißheit zu löfen, auseinanderunter
der Vorherrfchaft des Thomismus ungebührlich zufetzen. Denn ihm find alle Zweifel an der Möglichkeit
zurücktrat. Noch heute fällt es dem katholifch gefchulten einer folchen Gewißheit durch die Erklärung nieder-
Forfcher fchwer, die Eigenart der älteren Franziskaner- gefchlagen, in der fich die gemeinfame Lehre von
fchule mit hiftorifcher Objektivität herauszuarbeiten, da i Bonaventura und Thomas zulammenfaffen läßt: der

er Bonaventura immer fchon mit thomiftifcher Brille
und thorniftifchen Frageftellungcn lieft, anftatt, wie es
hiftorifch richtiger wäre, von Alexander Halefius und
Bonaventura auszugehen und den Thomismus nur als

Glaube ift eine .freiwillige Teilnahme am göttlichen Erkennen
'; der nicht mit logifcher Evidenz durchfehaute
Inhalt der Glaubensartikel wird durch einen Willensakt
für wahr gehalten, in welchem der Intellekt der Auk-