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Ausgabe:

1910 Nr. 17

Spalte:

535-537

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoppe, Edmund

Titel/Untertitel:

Das Christentum und die exakten Naturwissenschaften 1910

Rezensent:

Beth, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 17.

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der Gefchichte' wird das Verhältnis der katholifchen
Kirche und der Moderniften zur hiftorifchen Kritik, fpe-
ziell der Bibelkritik, befprochen. Daß in diefem Zu-
fammenhang Loify eine befondere Beachtung erfährt,
ift durchaus in der Ordnung; das Urteil, das der Verf.
über ihn fällt, dürfte indeffen in manchen Stücken zu
beanftanden fein (fo fchon Seite 136: ,Auch Loify ift
ein Hegelianer').

Das vierte, der .Reform der Autorität' gewidmete
Kapitel enthält intereffante Ausführungen über die Ver-
fuche .das autokratifche Regiment' des Papfttums zu
mildern und zu befchränken. In diefem Kampfe wider
die unumfchränkte Autorität ift der Amerikanismus
(212 fg.) befonders tätig gewefen. Ein hervorragendes
Intereffe bietet das von Moderniften und auch rechtgläubigen
Katholiken geübte Beftreben, den Index als
praktifch bedeutungslos hinzuftellen. die Verordnungen
des Syllabus von 1864 zu umgehen, und das Unfehlbarkeitsdogma
als Entlaftung und Vereinfachung des kirchlichen
Inftituts darzutun.

DieSchrift Prezzolinis zeichnet fich vorallem aus durch
die Fülle des zufammengetragenen, fonft nicht immer leicht
zugänglichen Materials. Der Verf. ift felbftverftändlich
mit den italienifchen, aber auch mit den franzöfifchen
Verhältniffen fehr vertraut; die weitverzweigte Bewegung
des Modernismus mit feinen vielfeitigen Gefichtspunkten
und Intereffen tritt hier in das hellfte Licht; ob alle aus-
gefprochenen Urteile zutreffen, vermag Ref. nicht zu
entfcheiden. Er gefleht, daß er nicht feiten Fragezeichen
bei einzelnen Bemerkungen oder auch allgemeinen
Ausfagen machen würde. Daß die Moderniften-
bewegung fich ,noch auf die lateinifche Raffe befchränkt,
die theoretifch, abftrakt, revolutionär ift', dürfte zu bezweifeln
fein: der von dem Verf. oft erwähnte Name
Tyrrels berechtigt zu diefem Zweifel. — Eine eigentliche
Kritik, fagt Prezzolini, habe er nicht vorgenommen
, ,denn das Leben ift für folche Bewegungen, wie
der Modernismus eine ift, die befte Kritik' (231). Kriti-
fche Streiflichter läßt er indeffen nach allen Seiten ausgehen
. Die Moderniften felbft werden keineswegs ver-
fchont. Auch der Proteftantismus kommt zuweilen
ziemlich fchlecht weg. Eine fehr genaue Kenntnis des-
felben fcheint der Verf. nicht zu befitzen. Auch die
deutfchen Verhältniffe liegen ihm offenbar ferner. So
weiß er z. B. zu erzählen, daß .Loifys Gegner, Adolf
Harnack, bekanntlich feiner Lehrtätigkeit entzogen worden
ift' (S. 296, Anm. 170). — Es darf endlich nicht ver-
fchwiegen werden, daß weder die Anordnung des Buchs
einwandfrei, noch die deutfche Überfetzung tadellos ift.
Diefe Ausftellungen follen uns aber die Vorzüge der
Schrift nicht überfehen laffen, die bei aller Einfeitigkeit
und bei manchen fowohl gegen das katholifche als
auch gegen das proteftantifche Chriftentum gehegten
Vorurteilen, zur Charakteriftik der geiftigen Lage der
Gegenwart wertvolle Beiträge liefert.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Hoppe, Prof. Dr. Edmund, Das Chriltentum und die exakten
Naturwiffenfchaften. Acht Vorlefungen, gehalten im
apologetifchen Seminar in Wernigerode Oktober 1909.
Gütersloh, C. Bertelsmann 1910. (IV, 107 S.) gr. 8°

M. 1.40; geb. M. 2 —

Ich kann mir nicht recht denken, daß der Inhalt
diefer Schrift, in dem .apologetifchen Seminar'in Wernigerode
vorgetragen, die Hörer fehr befriedigt habe, falls
fie philofophifche Durchbildung und begriffliche Klarheit
des Redners verlangten und betreffs der Bibel fich nicht
mit harmoniftifcher Meifterung des Buchftabens begnügen
wollten. Wenn Hoppe richtig fagt, ,daß viele Angriffe
gegen das Chriftentum nicht fowohl in den Refultaten
der Naturforfchung ihr Waffenlager haben als vielmehr

I in einer verkehrten Auffaffung des Chriftentums', fo befindet
er felbft fich offenbar in dem letzten Falle und
vermehrt das Waffenlager, aus dem die Gebildeten ihr
Rüftzeug gegen das Chriftentum holen. Dazu tritt in
j philofophifchen und theologifchen Fragen oft eine er-
ftaunliche Unklarheit hervor. Als einen Teil feiner Aufgabe
bezeichnet er die Unterfuchung, ,ob dem Chriftentum
gelingt, ein mit den Ergebniffen exakter Forfchung
übereinftimmendes Weltbild (sie) zu fchaffen'. Nicht
I bloß die übliche Verwechfelung von Weltbild und
Weltbetrachtung liegt hier vor, fondern Hoppe meint
in vollem Ernft, daß zum Chriftentum ein beftimmtes
Weltbild gehöre, und er findet dasfelbe namentlich in
den beiden erften Kapiteln der Bibel, die im letzten
Abfchnitt (,die Schöpfung') erläutert werden zu dem
j Zwecke, das völlige Einvernehmen der Genefiserzählung
1 mit der heutigen Wiffenfchaft zu demonftrieren. Soll
ich Einzelheiten herausgreifen? Nun vielleicht ift es
nicht unintereffant, daß es immer noch Leute gibt, die
| damit argumentieren, daß der altteftamentliche Erzähler
I die Worte Tag, Abend und Morgen in übertragenem
Sinne nahm (unglücklicher Weife fucht Verf. andre
Stellen beizubringen, wo es angeblich ebenfo gefchehen);
raqiach foll nur die Sphäre der Verdampfung, Konden-
I fation und des Niederfchlags des Waffers fein, undHoppe
j findet die Schöpfung derfelben wieder im herrlichften
; Einklang mit moderner Wiffenfchaft; dafür daß Gott an
; derfelben raqiach hernach Sonne und Sterne befeftigt,
i wodurch jene Bedeutung zur Unmöglichkeit wird, hat
er keine Aufmerkfamkeit mehr; daß die Pflanzenwelt
vor Sonne und Mond da ift, macht ihm keine Schwierigkeit
; er dekretiert einfach wider den Wortlaut, daß Sonne
j und Mond von Anfang da waren, aber bis zum 4. Tage
gegen das Eigenlicht der Erde noch nicht autkommen
konnten; er läßt aber zugleich unklar durchblicken, die
; Erde könne auch früher gewefen fein als die Sonne,
j Genug zur Beleuchtung der gegen die Bibel bewahrten
l Treue und der mit ihr getriebenen Harmoniftik. Da ift
es nur zu begrüßen, daß Verf. fich auf die Erfchaffung
des Menfchen nicht mehr eingelaffen hat.

Die vier vorangegangenen Abfchnitte behandeln
; das mechanifche und energetifche Weltbild, das Chriften-
i tum und das Wunder. Die beiden erften derfelben
enthalten manches Beachtenswerte und laffen die Sachkenntnis
des Verf., der Phyfiker ift, erkennen. Hervorheben
möchte ich, daß Verf. den erkenntnistheoretifchen
Idealismus zurückweift und, nicht mit Unrecht, denen
beipflichtet, welche die Kantfche Apriorität von Raum
i und Zeit verwerfen. Er zeigt dann in kurzen Strichen,
wie weit man auf den einzelnen Gebieten der Naturforfchung
mit der mechaniftifchen Erklärung kommt.
Da findet fich zum Teil ein fehr kräftiges Bemühen,
das Reich der mechanifchen Vorgänge einzufchränken.
Wenn Hoppe z. B. die Urzeugung, die doch wahrlich
beim heutigen Stande des Wiffens zu ernfthafter Dis-
kuffion fleht, mit den Hinweifen befeitigt glaubt, daß
; wir noch kein Leben aus Materie entftehen fahen und
daß die Wirkungen der Kräfte immer die gleichen fein
müßten, fo ift das lediglich eine petitio. Zum Vorteil
gereicht es ferner diefen Vorträgen nicht, daß zur
Defzendenztheorie keine fefte Stelle eingenommen wird;
und wenn dann die Ablehnung vorwiegt, fo follte fie
angefichts der gegenwärtigen Lage durchfchlagend begründet
werden. Auch das energetifche Weltbild Oftwalds
wird abgelehnt, da es vor allem ftatt zu einer
Erklärung nur zur Verdunkelung der Tatfachen führt. —
Der Abfchnitt über das Chriftentum wird in pantheiftifche,
deiftifche und theiftifche Naturbetrachtung gegliedert.
Aber was H. als Pantheismus konftruiert, wird kein
pantheiftifcher Denker auch nur entfernt als feine Meinung
erkennen; und welche Verkennung Kants, ihn als Deiften
im heutigen Sinn des Worts ohne jede Einfchränkung
zu bezeichnen! Für das theiftifche Verftändnis Gottes