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Ausgabe:

1910 Nr. 15

Spalte:

469-470

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Prumbs, Anton

Titel/Untertitel:

Die Stellung des Trienter Konzils zu der Frage nach dem Wesen der heiligmachenden Gnade 1910

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 15.

470

den heutigen Begriff von Kritik kannte man nicht, man
nahm heraus, was paßte — fo fcheint es mir zu weitgehend
, wenn Böhmer fagt, die Worte hätten mit Luther
,nichts zu tun'. Es kann auch anders fein. — Leider
ifl der Brief von Melchior Rink, ,het eenigc in druk
verseltenen gesclirift van Rink', nur kurz und bringt
wenig Neues.

Wir fchließen mit dem Wunfche, daß Cramer in der
Bibliotheca Neerlandica noch weitere Anabaptistica veröffentlichen
möge, vorab auch Mennos feltene Schriften.
Zürich. Walther Köhler.

Prumbs, Prhb. Dr. Anton, Die Stellung des Trienter Konzils
zu der Frage nach dem Wefen der heiligmachenden
Gnade. Eine dogmengefchichtliche Abhandlung. (For-
fchungen zur chrifllichen Literatur- und Dogmenge-
fchichte. Herausgegeben von A. Ehrhard und J. P.
Kirfch. Neunter Band, 4. Heft.) Paderborn, F. Schö-
ningh 1909. (VIII, 127 S.) gr. 8° M. 4 —

Die vorliegende Schrift, eine Münflerfche katholifch-
theologifche Doktordiffertation, befchäftigt fich, wie die
kurz vorher erfchienene und in diefer Zeitung jüngft
befprochene Arbeit J. Hefners ,Entftehungsgefcnichte
des Trienter Rechtfertigungsdekretes' (Paderb. 1909), mit
der Rechtfertigungslehre des Trienter Konzils, und zwar
faßt fie einen einzelnen Punkt des Dekretes, der bei
Hefner nur gelegentlich berührt wird, fpeziell ins Auge,
nämlich das Wefen der gratia justificans. Dies Thema
hat deshalb ein befonderes Intereffe, weil an diefer Stelle
der Gegenfatz von Thomismus und Skotismus akut geworden
ift. Es ifl aber eine längft bekannte Tatfache,
daß das Trienter Konzil es für gut befunden hat, diefen
Gegenfatz der theologifchen Schulen in feinem Dekret
in der fechften Sitzung fo zu verfchleiern, daß es eigentlich
über das Wefen der gratia justificans nichts Deutliches
lehrt. Die katholifchen Theologen der Gegenwart
hab en daher für ihre Forfchungen und Meditationen an
diefer Stelle freie Hand. Das ifl der Grund, weshalb
fich foviel Hände regen, um hier hinter das zu kommen,
was die Konzilsväter eigentlich haben fagen wollen. Der
Verfaffer diefer Arbeit verfährt nun fo, daß er nach
einem kurzen Überblick über den Verlauf der Trienter
Verhandlungen über das Rechtfertigungsproblem die
Frage zu beantworten fucht, wie fich die Konzilsväter
das Wefen der heiligmachenden Gnade gedacht haben,
refp. wie fie fich zu den Beftimmungen der Theologie
des Thomas von Aquino und zu denen der Theologie
des Johannes Duns Skotus geftellt haben. Thomas nimmt
nämlich als gratia justificans eine übernatürlich einge-
goffene habituelle Qualität an und unterfcheidet von
ihr noch die Caritas, Skotus dagegen verfleht unter der
gratia justificans die Caritas felbft. Der Verfaffer findet,
daß bei den Vätern des Konzils (Bifchöfen, Prokuratoren
von Bifchöfen und bei den Ordensgeneralen) die fkotilli-
fche Anficht vorgewaltet habe, nicht minder auch bei
den Theologen des Konzils (Dominikanern, Jefuiten, Franziskanern
und Karmelitern). In der endgültigen Form des
Rechtfertigungsdekretes ift die Sache aber unentfehieden
gelaffen, jedenfalls nicht deutlich hervorgetreten: die Dar-
ltellung ift hier thomiftifch, aber an einzelnen Stellen darf
man die fkotiftifche Lehre herauslefen.

Zu bemerken ift, daß auch diefe Arbeit wie die
Hefners das Rechtfertigungsdogma des Trienter Konzils
ifoliert behandelt, ohne Beziehung zu feiner Stellung im
Ganzen der katholifchen Lehre; nicht einmal die Lehre
von der Sünde (Sessio V des Tridentinums) ift dabei
ins Auge gefaßt. Ferner hätte die Frage nach der
Gnade bei Thomas und bei Skotus doch im Zufammen-
hange des thomiftifchen und des fkotiftifchen Syftems
unterfucht werden follen, alfo hauptfächlich unter Ausgang
vom beiderfeitigen Gottesbegriff. Von der pro-

teflantifchen Rechtfertigungslehre hat der Verfaffer keine
originale Kenntnis gezeigt; aus der reformatorifchen
Theologie vor dem Tridentinum ift keine Schrift zitiert,
und doch ift das Tridentinum ohne die proteftantifche
Lehre von 1517— 1545 nicht zu verftehen (Martin Chemnitz
[S. 123] gehört in das XVI. Jahrhundert). Trotz diefer
methodifchen Mängel bietet die Arbeit ein inftruktives
Referat über den Status quo von Thomismus und Skotismus
auf dem Trienter Konzil und füllt in der Gefchichte
der katholifchen Theologie eine Lücke aus.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Nicolai, Rudolf, Benjamin Schmolck, fein Leben, feine
Werke und Bibliographie. Beiheft zum Correfpondenz-
blatt des Vereins für Gefchichte der evangel. Kirche
Schiebens. XI. Band. 2. Heft. Liegnitz 1909. (128 S.)
gr. 80

Benjamin Schmolck (nicht Schmolcke), geb. 21. Dezbr.
1672, Sohn des Pfarrers in Brauchitfchdorf bei Liegnitz,
geft. als erfter Pfarrer in Schweidnitz am 10. Febr. 1737,
der fruchtbarlte evangelifche Kirchenliederdichter — 1180
Lieder hat er felbft veröffentlicht — hat in dem vorliegenden
kleinen Werke eine treffliche Würdigung gefunden
. Der Verfaffer bemüht fich mit gutem Plrfolge,
ein objektiv richtiges Bild der Perfönlichkeit und des
Schaffens feines Helden zu zeichnen; die hie und da
dem Intereffe für feinen Gegenftand entfprungene wohl
allzufreundliche Beurteilung ftört den Eindruck nicht,
in dem Buche eine auf gründlichen Studien beruhende
und zuverläffige Darftellung empfangen zu haben. Die
phantafievolle, weichliche, beftimmbare, durch harte Führungen
eingeengte, daher auch gegen alle ,Gönner', be-
fonders adligen Standes, höchft devote Perfönlichkeit
zeigt fich in den oft fchwierigen Verhältniffen zur römifchen
Kirche wie zum Pietismus als umgänglich und friedliebend.
Daß er infolge der ungemeffenen Lobhudeleien eine
ftarke Dofis Eitelkeit befaß, foll ihm gewiß nicht angerechnet
fein; allein daß er ,ein wundervolles Bild einer
völlig gefchloffenen, ficheren, chrifllichen Perfönlichkeit
biete' (S. 22), ift nicht der fich aufdrängende Eindruck.
Allerdings kommt öfter ein feftes Gottvertrauen in feinen
Liedern zur Ausfprache; allein bei der gefühligen Übertreibung
, die ihm eigen ift, in der er, das fonft lebensfrohe
Gemüt, maßlofes Sündengefühl mit überfchweng-
licher Himmelsfeligkeit fchroff wechfeln läßt, und die
ihn dann das Jammertal der Erde in fchwärzeften Farben
fchildern, dann ihm verzücktes Glücksgefühl in den Mund
legt, dann einmal die Leiden diefer Zeit bejammern,
dann wieder fie als hohes Glück und fichere Himmelsleiter
in wenig nüchterner Weife preifen läßt, — ich
fage: bei feiner gefühligen Übertreibung find feine Ergüffe
nicht buchftäblich zu nehmen.

Der Verfaffer teilt fein Buch ein in 1) Leben (1—21),
2) Lieder (21—78), 3) Gebetbucher (78—87), 4) Predigten
(88—92), 5) Bibliographie (95—127). Befonders der Ablehnet
über die Lieder ift wertvoll; fie werden nach ihrem
Inhalt, nach Form und Stil, nach ihrem Verhältnis zur
weltlichen Dichtung und nach ihrem metrifchen Aufbau
genau charakterifiert. Trotz ihrer dichterifchen Schwächen
hat eine Anzahl der Lieder Schmolcks fich als gern gelungene
Gemeindclieder in unfern Gefangbüchern erhalten
; es läßt fich ja auch nicht verkennen, daß in der
Maffe Spreu fich manche gute Körner finden. — Der
Hymnologie ift in dem Werke Nicolais eine dankbar
zu begrüßende Gabe dargereicht.

Marburg. E. Chr. Achelis.