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Ausgabe:

1910 Nr. 15

Spalte:

463-464

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leszynsky, Rudolf

Titel/Untertitel:

Mohammedanische Traditionen über das jüngste Gericht 1910

Rezensent:

Schwally, Friedrich

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4Ö3

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 15.

464

Parallelismus des Satzbaus, in der Abrundung und Zu-
fammenordnung der einzelnen Redeglieder fich zeigen,
erklären fich zwanglos, wenn beachtet wird, daß das
Werk nicht Gelehrtenarbeit ift, auch nicht am Schreib-
tifch zufammengeflickt wurde, fondern daß diefe Reden
zuerft für den mündlichen Vortrag beftimmt waren. Denn
die eben hervorgehobenen Stileigenheiten find zugleich
Stützen für das Gedächtnis deffen, der feine Erinnerungen
und Meditationen gleichgefinnten, verftändnisvollen
Hörern in feierlich getragener Weife zur Erbauung darlegen
will. Daher finden fich, wo entfprechende Ur-
fprungsbedingungen gegeben find, wie bei den Propheten
des alten Teftamentes oder im Koran, auch ähnliche
Formen der Darlegung und Einfchärfung.

Leipzig. G. Heinrich

Leszynsky, Rudolf, Mohammedanilche Traditionen über das
jüngfte Gericht. Eine vergleichende Studie zur jüdifch-
chriftlichen und mohammedanifchen Eschatologie.
Differtation (Heidelberg). Kirchhain N.-L. (VI, 74, VI,
XXXVIII u. 1 S.) gr. 8°

Diefe Doktorarbeit befteht aus der Edition einer
kleinen arabifchen Schrift über Hölle und Paradies
(S. I—XXXVIII), fowie einer deutfchen Überfctzung
famt Kommentar und Einleitung (S. 1—74). Über das
Leben des Verfaffers jener Schrift, Asad b. Müsä, der im
Monat Muharram 212 a. H. = April 827 a. D. geftorben
ift, wiffen wir äußerft wenig, aber doch mehr, als der
Herausgeber S. 9 zugibt, z. B. daß er fich einige Zeit
in Ägypten aufgehalten hat, vgl. Dahabl, HurTäz ed.
Haideräbäd I S. 368. Da von dem Werkchen nur eine
einzige Handfchrift, eine Berliner, cod. Sprenger 495,
bekannt ift, war der Herausgeber darauf angewiefen, die
größeren Traditionswerke heranzuziehen. Doch hat er
leider nach Seiten zitiert und nicht, wie es angefichts I
der großen Zahl der vorhandenen Ausgaben mit ihren
abweichenden Paginierungen allein angemeffen gewefen
wäre, nach Kapiteln und Paragraphen. Dazu hat er die
von ihm benutzten orientalifchen Drucke nicht immer
mit hinreichender Deutlichkeit bezeichnet.

Mit der Textherftellung kann man fich im allgemeinen j
einverftanden erklären. S. XII Z. 11 ift die gute Lesart

(jtvjX. ohne Not durch &jy~> erfetzt. mit Akkufativ

im Sinne von ,aufwiegen' fteht zwar nicht bei Freytag
verzeichnet, ift aber ganz gewöhnlich, z. B. Ihn Hisäm
106,12. 14. mio ,erfchrecken (S. XXVI Z. Ii), in Angft !
geraten' hat beileibe nichts mit fyr. bm zu tun, welches
vielmehr arab. jGa.O gleichzufetzen ift. Die äußere, namentlich
orthographifche Behandlung des arabifchen Textes
zeigt einen bedauerlichen Mangel an Gleichmäßigkeit und
Sorgfalt. Das Verlängerungs-Alif ift nach Belieben ge-
fetzt oder weggelaffen (S. XIX Z. 8. 14 ufw.). Hamza
fteht falfch S. XXVII Z. 1. 6, fehlt dagegen S. XXV II

Z. 12 tjo. Tefchdid fehlt S. I Z. 3 ^>ZJ*1, S. XXXVI
Z. 3 v. u. ((j«a£iü). S. XXVII, 9 fteht L>j.j, aber 2 Zeilen
fpäter wird die nämliche Form gefchrieben. Schreibungen
wie iüLo für «3Lo füllten in modernen Editionen
vermieden werden, es fei denn, daß der Herausgeber fich
vornimmt, genau eine Handfchrift abzudrucken. Die
Namen der Traditionarier S. I. II find nicht auf Grund
der biographifchen Hilfsmittel kontrolliert, auch da nicht,
wo ungewöhnliche oder verdächtige Formen vorliegen,
wie ää-j^i S. I, 2 v. u., JLyüa. S. II, 3, sLiJ>Li S. II, 11
für »LiöÜ. S. VIII, 8 ift für v_>)le- zu lefen u^vte,

S. XXXVIII, 10 ^UiJ! für ^jUaJI, S.XVII, 2 ift an-

ftatt vielleicht das Richtige, jedenfalls würde

der in der Choläsa genannte Sa'id b. Razbi zeitlich hierher
paffen. Von Druckfehlern find mir aufgefallen S. I, 7

JKÜ* für JIÄi, Z. 10 cCs? für eW?, S. XII Anm. 3

acüw/jtj für jÜ.aujls, S. XXXVIII, 2 v. u. ji-wj für ^ücj.

Die Überfetzung könnte hier und da weniger frei fein.
S. XXf. zu dem Texte Ua-^j xJLo ^y wird die richtige
Erklärung der Nihfija abgedruckt, aber trotzdem überfetzt
,eine Art' anftatt ,zwei Arten' (bzw. ein Paar). Die
Parallelftelle des Kanz al-'ummäl fteht Bd. III S. 262,
und nicht, wie L. angibt, ,Bd. II S. 459', übrigens das
einzige Zitat aus diefem Werke, das ich kontrolliert habe.

Sehr verdienftlich ift der Kommentar, in dem aus
der älteren jüdifchen und chriftlichen Literatur, namentlich
den Pfeudepigraphen und Apokalypfen fowie dem
parfifchen Schrifttum vieles Lehrreiche zufammengetragen
und mit Befonnenheit erörtert ift. Meine abweichenden
Anflehten einzeln hervorzuheben würde zu weit führen.
Doch einen Einwand kann ich nicht unterdrücken. Es
handelt fich um die Tradition ,die leichterte Strafe von
den Genoffen des Höllenfeuers erleidet Abu Tfilib (der
Vater das Chalifen 'Ali)'. Diefe Tradition foll nach L.
von den omajjadifchen Gegnern des 'Ali geprägt worden
fein, um den Stammvater des 'All und damit diefen felbft
herabzufetzen. Der Nachdruck läge dann allerdings nicht
darauf, daß Abu Tälib die leichterte Strafe erhält, fondern
darauf, daß er unter allen Umftänden in die Hölle kommt.
Das widerfpricht aber doch dem klaren Wortlaut der
Tradition. Wenn hier überhaupt Tendenz vorliegt, fo
kann es nur eine alidifche fein.

Von Druckverfehen notiere ich noch: S. 5, 21 lies
.jüdifch'; S. 18, 6 v. u. lies ,Vorftellung'; S. 37 Anm. I
lies ,Kautzfeh'; S. 47, 7 v. u. 1. ,Lichter'. S. 46 Anm. I
lies Jacut' für ,Ibn Jacut': S. 56, 3 lies , Waagen'; S. VII
Anm. 3 und fonft öfter lies ,Riväjät' für ,Rivajat'. In
der Kodexbefchreibung hinter dem arabifchen Titelblatt
lies ,herunter' für ,hinauf. Ein ganzes Neft von ungenauen
Titelangaben und Transfkriptionen findet fich
auf der zweiten Seite der ,Literatur'. Noch ftörender ift
S. 6 Anm. I die Wiedergabe der arabifchen Form des
Namens Jefu durch ,Aisä' anftatt durch ,Isä'.

Gießen. Friedr. Schwally.

Geizer, Prof. DDr. Heinrich, Byzantinifche Kulturgefchichte.

Tübingen, J. C. B. Mohr 1909. (VII, 128 S.) gr. 8°

M. 3—; geb. M. 4 —

Heinrich Geizer ftarb am II. Juli 1906. In der By-
zantinifchen Kulturgefchichte hören wir noch einmal
feine Stimme. Sie ift ein nachgelaffenes Werk. Daß
es fo fpät erfcheint, erklärt fich daraus, daß es urfprüng-
lich für ein größeres Sammelwerk beftimmt war. Es ift
nicht ganz zu Ende geführt. Der Abfchnitt über Kunft
und Mönchtum geht nicht über die Zeit des Photius
hinaus. Auch über das Zeremonienwefen würde Geizer
vielleicht noch mehr beigebracht haben. Trotzdem wird
das Buch willkommen geheißen werden. Es ift die erfte
byzantinifche Kulturgefchichte, wenn auch nur eine Skizze.
In unferer Zeit war wohl niemand dazu fähig (ie zu
fchreiben als Geizer. Niemand kannte den gefamten Orient
wie er. Das Buch zeigt auch die Vorzüge der Werke
Geizers: eine freie Herrfchaft über ein außergewöhnliches
Wiffen, eine feine Empfindung für die byzantinifche Denkweife
, die Kunft das Fremde durch eine Fülle von Vergleichen
und Parallelen aus allen Zeiten zur Anfchauung
zu bringen und die freudige Luft am Kontraft und Witz,
der kein Anfehen derPerfon oder des Gegenftandes kennt.

Die Einleitung, einer der vorzüglichften Abfchnitte
des Buchs, wendet fich gegen die Geringfehätzung by-