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Ausgabe:

1910 Nr. 14

Spalte:

440-442

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Otto, Rudolf

Titel/Untertitel:

Kantisch-Fries‘sche Religionsphilosophie und ihre Anwendung auf die Theologie 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 14.

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laienhaft frommen Manne war der öffentliche und der
H erzensgottesdienft durchaus das Wefentliche der
Religion. Er galt ihm als der eigentliche Verkehr
mit Gott.

Der beftand für ihn wefentlich aus dem Empfang
göttlicher Offenbarungsworte aus der Bibel und im fchlich-
ten Gebet. Diefen Gottesdienft feinem evangelifchen
Volk wiederzugeben erfchien ihm als Regentenpflicht.
Die Union, wie er fie dachte — nicht wie Schleiermacher
und tntti quanti fie dachten — war die Vereinigung
aller evangelifcher Chriffen vor Gott in
einem und demfelben gleichförmigen Dienft. Dabei
konnten die doktrinellen Unterfchiede der Konfeffionen,
bezüglich deren man verfchiedener Meinung fein darf,
weiter beftehen. Denn im Moment der Andacht vor
Gott vergißt man fie ja doch.

So verlangte er keine Lehrunion, keine Bekenntnisunion
, fondern nur eine Kultusunion, aber diefe
Kultusunion war ihm das weit höhere, das allein Notwendige
. Was die chriftliche Lehre betrifft, fo verwarf er
auch alle Willkür. Sie muß biblifch fein und es muß
die allen Chriffen gemeinfame Lehre fein, alfo haben fich
alle Chriffen den drei uralten ökumenifchen Symbolen
zu unterwerfen, die ja auch alle Reformatoren anerkannt
haben (S. 91 ff.). Die weiteren Lehrunterfchiede unter den
einzelnen proteftantifchen Konfeffionen kann man dulden,
foweit fie von den Reformatoren in fymbolifchen Büchern
fixiert find (S. 93 ff). Es bleibt Einem freigeffellt, ob er
bloß ein Chrift fein will in biblifch-ökumenifcher Faffon,
oder auch ein lutherifcher oder calvinifcher. Nur muß
man eines oder das andere ganz fein.

Gibt es nun eine Gottesdienftform, die das doppelte
Gepräge des biblifchen und des altchriftlichen hat und
die gleichzeitig auch von Luther gut geheißen ift, fo
kann fich eigentlich kein evangelifcher Chrift weigern, in
diefer Form Gott feinen Dienft zu verrichten. Das ift
nun die altlutherifche Meffe, wie der König fie zu feiner
Verwunderung ,in einer Dorfkirche' fand. Da fie nichts
enthält, als was biblifch und altchriftlich ift, muß jeder
Evangelifche fie, oder kann er fie anerkennen. Da der
.evangelifche' König bis zu einem gewiffen Grade für
den richtigen Gottesdienft feiner .Untertanen' verantwortlich
ift (vgl. das Teftament an den Kronprinzen), verantwortlich
vor Gott, fo darf er hierzu zwingen,
während er allerdings kein Recht hat, dogmatifche
Überzeugungen vorzufchreiben, außer denen, die durch
die alten fymbolifchen Bücher ein für allemal feftge-
fetzt find.

Die Herftellung eines einheitlichen Gottesdienftes
wurzelt fo bei dem König nicht in einer gewiffen Sucht,
zu uniformieren, von der er fonft nicht frei war, fondern
in einer an das religiöfe Pflichtgefühl der Fürften der
Reformationszeit erinnernden, fozufagen theokratifchen
Auffaffung feines fürftlichen Berufes.

Und fein tiefer Abfcheu vor dem Katholizismus,
dem er den lebhafteften Ausdruck gegeben in dem Brief
an feine Schwefter, beruht auf der Einficht, wie weit fich
diefer von dem alten Stamme des Glaubens entfernt
hat, trotz des vielen Guten was im Miffale enthalten ift.

So kann man fich Friedrich Wilhelm III. feiner reli-
giöfen Stellung nach etwa als einen rcvenant aus der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erklären. — Die auf-
merkfame Lefung von Wendlands tüchtigem Buch hat
den Referenden in diefer längft gefaßten Anficht nur bestärkt
. Sie wird dem König infofern gerechter, als fie
fcheinbar Widerfprechendes auf eine Einheit zurückführt.

Bonn. Karl Seil.

Otto, Prof. D. Dr. Rudolf, Kantifch-Fries'Iche Religionsphilo-
fophie und ihre Anwendung auf die Theologie. Zur
Einleitung in die Glaubenslehre für Studenten der
Theologie. Tübingen, J. C. B. Mohr 1909. (XV, 200 S.)
gr. 8° M. 3.50; geb. M. 4.40

Den Inhalt diefer Schrift, die, wie der Titel fagt, ,zur
Einleitung in die Glaubenslehre für Studenten der Theologie
' dienen foll, wird man am beften in einer zugleich
kurzen und überfichtlichen Skizze andeuten können, wenn
man, etwas anders als der Autor felbft, das Ganze in
zwei Hauptteile zerlegt.

Der erfte würde dann von der Kantifch-Friesfchen
Religionsphilofophie als folcher handeln. Das heißt, er
gilt eigentlich der Friesfchen Religionsphilofophie. Doch
kommt die Kantifche infofern in Betracht, als die größte
Sorgfalt darauf verwandt wird zu zeigen, worin jene an
fie anknüpft und mit ihr übereinftimmt, und worin fie fich
von ihr unterfcheidet. Speziell der Vergleich zwifchen
der Friesfchen Vernunftkritik und Kants Kritik der reinen
Vernunft ift fehr eingehend. Im übrigen ift die Gedankenentwicklung
in diefem Teil etwa folgende: Er wird eröffnet
durch den Hinweis auf das aktuelle Intereffe der
Friesfchen Philofophie, auf ihre Bedeutung für die Frage
nach einem Prinzip a priori der Religion. Folgt eine
Charakteriftik der gefchichtlichen Stellung Fries', feines
Verhältniffes zu Kant im allgemeinen, zu Jacobi, Schiller,
zur Romantik, zu Schleiermacher, Leibniz. Darauf wird,
wefentlich mit Hülfe von Zitaten, ein vorläufiges Bild
der Friesfchen Geiftesrichtung überhaupt gegeben und
der Verfuch gemacht, deren Zufammenhang mit Aufklärung
und durch diefe hindurch mit Luther aufzudecken.
Und nun fchließt fich die eigentliche, ausführliche Darfteilung
an, der Friesfchen Ideenlehre einerfeits, der
Grundzüge feiner praktifchen Philofophie anderfeits. Der
Autor begnügt fich nicht bloß zu reproduzieren und zu
fchildern; er bemüht fich zu erläutern, zu ergänzen, zu
vertiefen, zu verteidigen, zu begründen. Je und je, ob-
zwar nur feiten übt er auch Kritik. So räumt er ein,
daß fich bei Fries kein Verftändnis ,der gefchichtlichen
Einzelbildung der Religion' finde; doch fei wenigftens
,der Schlüffel zu diefem Verftändnis' gegeben in des
Meifters ,Lehre von Gefühl und Ahnung'.

Der zweite, erheblich kürzere, Hauptteil hat es mit
der Friesfchen Philofophie in ihrer Beziehung zur Theologie
zu tun. Es ift namentlich von De Wette die Rede.
Deffen Bedeutung, auch noch für die Gegenwart, wird
nachdrücklich betont. Seine geiftige Entwicklung wird
an der Hand des Romans /Theodor' dargeftellt. Seine
Dogmatik wird kritifch erörtert. Ebenfo feine Sittenlehre
unter befonderer Berückfichtigung feiner Auffaffung
vom Verhältnis der chriftlichen Ethik zur philofophifchen
und zur Ethik überhaupt. Mit wenigen Worten wird
weiterhin auf Tholuck hingewiefen und auf deffen Abhängigkeit
von Fries, fpeziell in der Lehre von Vernunft
und Offenbarung.

Ein Schlußabfchnitt leitet endlich aus den vorhergehenden
Auseinanderfetzungen einzelne Konfequenzen
ab für den heutigen Betrieb der Theologie. Die chriftliche
Theologie ift ,chriftliche Religionswiffenfchaft' (warum
nicht: Wiffenfchaft von der chriftlichen Religion?).
Als folche ift fie nicht nur .Religionenbefchreibung.' Sie
hat vielmehr zunächft einen .allgemeinen Begriff' von
Religion aufzuftellen und deren Geltung darzutun. Bei
diefem Gefchäft kann die Friesfche Philofophie vortreffliche
Dienfte leiften. Denn — der Verf. möge felbft
reden! — ,fie entdeckt in der Lehre von der unmittelbaren
Erkenntnis, vom transzendentalen Idealismus, vom
Gefühl überhaupt und vom fittlichen, äfthetifchen und
religiöfen Gefühl im befondern, von der dreifachen Erkenntnisweife
durch Wiffen, Glauben und Ahnung und
in der Aufhebung der endlich befchränkten Anficht des