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Ausgabe:

1910 Nr. 14

Spalte:

436-439

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wendland, Walter

Titel/Untertitel:

Die Religiosität und die kirchenpolitischen Grundsätze Friedrich Wilhelms des Dritten in ihrer Bedeutung für die Geschichte der kirchlichen Restauration 1910

Rezensent:

Sell, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 14.

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Süden im 16. Jahrhundert mit ihrem Umlaut richtig gewertet
und gefprochen werden konnte, fleht in unterer
heutigen fchriftdeutfchen,wiffenfchaftlichen Sprache, wie ein
erratifcher Block aus uralten Zeiten und verführt, wie fchon
ThLZ. 1909 Sp. 364 getagt war, zu falfcher Ableitung,
während die Form Blarer nicht nur in Deutfchland, fondern
in andern Ländern fich richtig fprechen und aus dem
fchwäbifchen Wortfehatz ableiten läßt.

Allerdings hält Schieß die Ableitung von plaren,
plärren, plerren, fchreien, blöken, unter Berufung auf
die trefflichen, tiefgründigen Werke, das Schweizer
Idiotikon und Fifchers Schwäbifches Wörterbuch, nicht
für ficher. An fich wäre die Herkunft von einem
Ortsnamen mit Fifcher möglich, aber es gibt keinen
folchen Ort. Sodann weifen beide Werke auf plaren,
plauren, ftarr anblicken, deffen Synonymum glarren
ebenfalls vorkommt. Es wird Sache der Germaniften
fein, feftzuftellen, ob im nordöftlichen Thurgau, wo
nach dem Schweizer Idiotikon der Name Blarer fchon
vor dem 13. Jahrhundert vorkommt, der Anlaut g oder
p gebräuchlich war. A. Bl. gebraucht in Konftanz, alfo
hart an der Grenze des nördlichen Thurgaus ,ver^/arre'
(S. 522), was dafür fprechen dürfte, daß der Anlaut g
in jener Gegend feit langer Zeit üblich war. In Wurmlingen
, OA. Rottenburg, wo die ,Blarer' 1261 ff. er-
fcheinen, dürfte plärren, plauren, ftarr anblicken, ganz
unbekannt fein. M. E. fcheidet dies Wort für unfere
Frage aus. Denn die beiden Wörterbücher haben die
Erklärung, welche das Gefchlecht felbft feinem Namen
gab, als es ein Wappen führen konnte, überfehen. A. Bl.
freut fich der Medaille mit dem Gefchlechtswappen,
dem Hahn (S. 686, vgl. Zwingliana 164 ff. mit dem Bild).
Der Hahn aber ift nach Grimm DW. IV, 2, 159 der
Rufer, der Sänger (canere). Das Wappen zeigt den
Hahn mit geöffnetem Mund, alfo krähend oder fchreiend
(Hahnenfchrei). Darum hat Kindler von Knobloch
(Oberbad. Gefchlechterbuch, 96) aus guten Gründen die
ältefte und bis heute noch in dem Gefchlecht übliche
Namensform Blarer mit ,Schreier' erklärt. Die Herrn
des Gefchlechts haben fich daran nicht zu fchämen,
denn auch Homer ehrt feinen Helden mit dem Epitheton
,Rufer im Streit'. Die Form ,Blaurer' hätte allein
Anfpruch auf Repriftination in der Wiffenfchaft, wenn
zugleich der fchwäbifche Provinzialismus des 16. Jahrhunderts
Ausficht auf Sieg über unfere heutige hoch-
deutfehe Sprache und auf allgemeines Verftändnis hätte.
Wir werden vom gefchichtlichen und fprachlichen Ge-
fichtspunkt aus gut tun, mit Keim an Blarer feilzuhalten
.

Stuttgart. G. Boffert.

Jung, Pfr. Fritz, Johannes Schwebel, der Reformator von
Zweibrücken. Kaiferslautern, H. Kayfer 1910. (XII,
224 S.) gr. 8" M. 3 —

Auch in der pfälzifchen Landeskirche fcheint fich
der hiftorifche Sinn wieder mehr zu regen. Eine fchöne
Gabe bietet uns der Verfaffer, ein Zweibrückener Kind.
Es ift im Grunde genommen eine Reformationsgefchichte
feiner Heimat. Die Wahl des Themas, die Art der
Ausführung und nicht zum minderten die Ausftattung
des Werkes durch den Verleger find wirklich anzuerkennen
. Nur möchte ich geliehen, daß die kleine Antiqua-
fchrift die Augen doch fehr ermüdet.

Joh. Schwebel war keiner der führenden Geifter in
der Reformationszeit; er gehört auch nicht zu den Männern
zweiter Größe. An den bedeutendften Ereigniffen
war er kaum beteiligt; auf dem Marburger Gefpräch
1529 tritt er nicht hervor; mehr zufällig wohnte er dem-
felben bei. Und doch war er es wert, daß er eingehendere
Würdigung erfuhr.

Bei aller Schlichtheit und Einfachheit gewinnt er
doch bald unfere Sympathie. Er war eine anima pia;

,ein treuer Haushalter und felbftlofer Zeuge des Evangeliums
'. Andrerfeits war feine Wirkfamkeit beftimmend
für die Evangelifierung eines, der vielen deutfehen Territorien
, des Herzogtums Zweibrücken.

Es lag fchon eine Reihe von Notizen und gelegentlichen
Bemerkungen über Schwebel vor; fchon frühzeitig
war fein Briefwechfel wenigftens teilweife zum Druck
gebracht worden. Alles dies hat der Verfaffer mit Umficht
zufammengeftellt, die mannigfachen Widerfprüche
fucht er foweit als möglich zu löfen, überhaupt alles zu
einem harmonifchen Bilde zu vereinigen. Über mehr
oder minder wahrfcheinliche Schlüffe kommt er allerdings
bei der Lückenhaftigkeit des Materials oft nicht hinaus.
Ja ich möchte noch öfters zu einem non /i^srf kommen
als der Verfaffer. Auch die von ihm verfuchte Erklärung
des Datums auf der erften von Schwebel bekannten
Schrift kann mich nicht ganz befriedigen, ebenfo fcheint
mir über feine Tätigkeit als Pfarrer von Landftuhl noch
nicht das letzte Wort gefprochen zu fein.

Der Verfaffer wird diefe und andere Lücken (z. B.
die Flucht auf die Ebernburg) felbft fchon gefühlt haben.
Eine Ausfüllung kann nur von archivalifcher Forfchung
erwartet werden. Ich kenne die archivalifchen Beftände
in Pforzheim und Karlsruhe zu wenig; aber undenkbar
ift es mir, daß alles Material über das heilige Geiftfpital
in Pforzheim verloren gegangen fein foll. Gewiß aber
müffen Akten vorhanden fein, welche die Stellung des
Markgrafen Philipp von Baden zur Reformation beleuchten.
Das trifft aber vor allem zu für die Tätigkeit Schwebeis
in Zweibrücken. Hier nahm er eine Vertrauensftellung
zum Hofe ein, hier beftimmte feine Tätigkeit vor allem
den Gang der Reformation in dem ganzen Lande. Da
liegt doch die Vermutung fehr nahe, daß das bayrifche
Hausarchiv, das Staats- und das allgemeine Reichsarchiv
zu München noch manches Material bieten. Es will mir
nicht recht einleuchten, daß allein ein Veldenzer Kopial-
buch im Reichsarchiv Notizen über Schwebel bieten foll.
Refultate können aber nur dann erwartet werden, wenn
an Ort und Stelle perfönlich Nachfchau gehalten wird.

Druckfehler find mir nur wenige aufgeftoßen (z. B.
S. 21 Z. 19 v. u. — S. 5 Z. 20 v. o. — S. 166 Z. 20 v. o. —
S. 182 Anm. 35). Auf S. 169 ift bei Anm. 69 S. 41 zu ergänzen
; S. 81 ift an das Wort Luc. 9,60 nicht 16 gedacht.
Etliche moderne Ausdrücke wie z. B. S. 3 Z. 22 ,Gymnafial-
bildung' laffen fich doch nicht ohne weiteres für jene
Zeit anwenden.

Alfeld bei Hersbruck. Schornbaum.

Wendland, Pred. Walter, Die Religiolität und die kirchen-
politifchen Grundlätze Friedrich Wilhelms des Dritten in

ihrer Bedeutung für die Gefchichte der kirchlichen
Reftauration. (Studien zur Gefchichte des neueren
Proteftantismus, herausgegeben von H. Hoffmann und
L. Zfcharna'ck. 5. Heft.) Gießen, A. Töpelmann 1909.
(VIII, 188 S.) gr. 8° M. 5 —

Es war ein zweifellos nützliches Unternehmen, auf
Grund der größeren Werke die auch den Gegenftand
diefer Schrift umfaffen (befonders E. Förfters Entftehung
der preußifchen Landeskirche) und mancher neueren
Veröffentlichungen (die am Eingang der Kapitel angeführt
find) eine Gefamtdarftellung des im Titel genannten Ge-
genftandes zu verfuchen und feine Ausführung ift dankbar
willkommen zu heißen. Bietet fie auch nicht gerade
viel des Neuen, fo wird fie doch Vielen durch gefchickte
Kombination des Quellenmaterials neue Einblicke in die
Perfönlichkeit des Königs der preußifchen Union und
der preußifchen Agende gewähren. So fei von vornherein
verwiefen auf die Charakteriftik von Oberhofprediger F.
S. G. Sack, dem väterlichen Gönner und Kritiker des
jungen Schleiermacher, auf die von Borowski in Königsberg
, auf die fchöne Schilderung der Königin Luife,