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Ausgabe:

1910 Nr. 1

Spalte:

22-23

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Aus Schleiermachers Hause. Jugenderinnerungen seines Stiefsohnes Ehrenfried von Willich 1910

Rezensent:

Stephan, Horst

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 1.

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ferner zu eng, foweit das Verhältnis von Bibel und
.Evangelium' berührt ift. Kap. VI (.Luthers Auffaffung
von der Schrift und von der Bedeutung der hellen
und klaren Stellen in ihr') und VII (.Die Wahrhaftigkeit
Gottes als Grundgedanke in Luthers
theologifchem Syftem') find vortrefflich ausgeführt,
reichen aber nicht aus. Sofern Ritfehl in relativer Ein-
feitigkeit der Infpirationslehre nachgeht, hätte er fchließ-
lich nun wohl auch noch über Johann Gerhard hinausgehen
müffen. Die Streitigkeiten nach ihm, befonders
z. B. die der Puriften und Hebraiften (Helleniften), welche
der Hamburger Rektor Joachim Jung veranlagte (vgl.
G. E. Guhrauer, J. Jungius und fein Zeitalter), würden
mich charakteriftifch und folgenreich genug dünken, um
fie noch mit heranzuziehen. Im zweiten Buche ift des
bedeutfamen Neuen vielleicht noch mehr vorhanden als
im erften. Luthers und Melanchthons Stellung zur
kirchlichen Tradition werden mit außerordentlicher Gründlichkeit
behandelt. Mit einer Eindringlichkeit, die in
dem Zufammenhange diefes aufs große blickenden
Werkes faft zu weit geht (ein Auffatz hätte das Werk als
Vorläufer oder Nachtrag entladen mögen) wird hier in
Kap. XVI und XVII die Entwicklung der Bekenntnisverpflichtung
bei den Promotionen bzw. in den Statuten
der Wittenberger Fakultät erörtert. Melanchthon ift es,
der, in der Infpirationsfrage eigentümlich ,frei' denkend,
recht eigentlich zum .Vertreter einer grundfätzlich tradi-
tionaliftifchen Kirchlichkeit' wird. Umgekehrt werden
die Gnefiolutheraner, wie die Verfechter der unbedingten
Verbalinfpiration, fo die Träger eines der Abficht nach
.reinen' Biblizismus in der Kirche. Neben Luther und
Melanchthon bzw. den Gnefiolutheranern und Philippinen
hat Ritfehl nicht etwa Calvin und die reformierte Theologie
zu kurz kommen laffen. Es ift intereffant, wie
Calvinismus und Philippismus fich letztlich in Hinficht
des Traditionalismus befonders nahe rücken. Ritfehl
bricht für diesmal ab mit dem Ausblick auf den kommenden
Synkretismus, dem der nächfte Band fich zuerft zuwenden
werde.

Ich will nicht verbergen, daß ich gegen das Schema,
das Ritfehl fich für die ,Dogmengefchichte' des Pro-
teftantismus konfluiert hat, ftarke Bedenken hege. Es
paßt nur auf den alten Proteftantismus, höchftens inkl.
Pietismus. Darüber hinaus fcheint mir keine, als die
vierte .Inftanz' noch brauchbar zu fein. Aber ich finde
auch fchon im erften Bande zu vieles dazu verurteilt,
bei Gelegenheit mit erörtert zu werden — z. B. wenn
von den Ideen der Zeit, die hier beleuchtet wird, über
die Kirche, ihr Wefen, ihre Merkmale, im zweiten
Buche unter dem Generalnenner .Stellung zur Tradition
' gehandelt wird — als daß ich zugeben könnte,
Ritfchls groß gedachter, neuer Wurf einer Darfteilung
deffen, was im Proteftantismus gefchichtebildende
Lehrideen heißen dürfe, fei völlig geglückt. Ich glaube
nicht, daß es dabei bloß auf die .Inftanzen' ankommt.
Oder,' wenn man diefen Begriff fefthalten will, fo würde
ich glauben, daß noch tiefer oder höher gegriffen werden
müffe und die beiden Begriffe .Evangelium' und
.Kirche' den ideellen Leitfaden (nicht gerade die
Dispofition im literarifchen Sinne!) herzugeben hatten.
Dann würde man rafcher zu den Inhalten gelangen,
die die proteftantifche Lehre geboten hat und bietet.
Vom .Evangelium' aus kann man auch ohne Zwang den
ideellen Zufammenhang zwifchen dem alten und neuen
Proteftantismus herftellen. Denn vom Gedanken des
.Evangeliums' als des Problems, das dem Proteftantismus
von feinem Urfprunge her vor Augen fleht, läßt
fich leicht der Übergang finden, zu dem Gedanken von
der .Religion' als dem Problem, das fich feit der Auf-
klärungszeit wie das umfaffendere dem erfteren fub-
ftituiert hat, und das je länger, je erkennbarer fich als
tauglich erweift, es der völligen Klärung entgegenzuführen
. Der Gedanke der .Kirche' aber ift das eigentlich
beigeordnete Problem zu dem des .Evangeliums'.
Hier taucht vor allem die hiftorifch früh eingetretene
I fchwerfte Fehlbildung in der ,üogmengefchichte' des
j Proteftantismus auf. Mit der Zeit aber ift dann bei
diefem Problem einfach ein Manko entftanden. Es
lohnt fich fehr, aufzudecken, wieviel in der religiöfen
Gedankenbildung des Proteftantismus dadurch mißraten
ift, daß ein folches befteht. Dem Rückfall in ,katho-
lifche' Faffung ift die Gleichgültigkeit gegen die
Kirchenidee gefolgt und es fragt fich, was fchlimmer
für den Proteftantismus war. Hier könnte eine Gefamt-
darftellung unferer Lehrgefchichte uns einen ganz befonders
großen praktifchen Dienft leiden! Indes ich
denke nicht daran, mit einer Schelte wider Ritfchls
Werk zu fchließen, vielmehr möchte ich noch einmal
j bezeugen, daß es ein bedeutendes, ein ebenfo fleißiges,
j wie gedankenreiches ift. Ritfehl wird und braucht fich
| nicht irre machen zu laffen, feinen Faden feftzuhalten.
| Auch mit ihm wird er der Gefchichte der proteftantifchen
I Ideenentwicklung viel neues Material zuführen und eine
! gut gegliederte Form geben. Was er in diefem erften
Sande geleiftet hat, ift ein Bürge für das, was er noch
leiden wird.

Halle a. S. F. Kattenbufch.

Aus Schleiermachers Haule. Jugenderinnerungen feines Stief.
fohnes Ehrenfried v. Willich. Berlin, G. Reimer 1909.
(IV, 220 S.) 8° M. 3.50; geb. M. 420

Als Schleiermacher 1809 die Witwe feines Freundes
v. Willich heiratete, brachte fie ihm außer einer Tochter

I den kleinen Sohn Ehrenfried ins Haus. Er erzog die
Stiefkinder mit derfelben Liebe wie die eignen. In den
vorliegenden autobiographifchen Aufzeichnungen fetzt

! Ehrenfried, der 1880 als Oberregierungsrat in Breslau

i darb, ihm dafür ein fchlichtes aber ergreifendes Denkmal.
Zunächft für feine Frau, eine Gräfin Schwerin, beftimmt,
tritt es jetzt an die Öffentlichkeit und darf hier höchften
Dankes ficher fein. Zwar die Form ift anders, als wir

| gewöhnt find. Nichts von geiftreichem Stil, impreffio-
niftifcher Kunft und hohem Fluge der Ideen; die Gedankenwelt
S.s wird kaum geftreift, Ehrenfrieds geiftige
Welt ift offenbar himmelweit von der feinigen verfchieden.
Aber je länger man lieft, defto mehr gewinnt man auch

1 die feinige Heb und bringt feiner Entwicklung innere

; Teilnahme entgegen. Immerhin ift inhaltlich am wich-
tigften, was wir über S. erfahren. So zunächft der tragi-
fche Zug feines Familienlebens, von dem die meiften
hier zum erften Male hören werden. Eine mit Wider-

, ftreben unternommene magnetifche Kur bringt ihm Lin-

1 derung feines Magenleidens, feiner Frau aber die Berührung
mit einer Somnambulen namens Fifcher, die

, im magnetifchen Schlafe Vifionen und fromme Bot-

; fchaften an ihr bekannte Menfchen empfing. Sie gerät
fo völlig unter deren Herrfchaft, daß die Familie, auch
S. felbft, fchwer darunter leidet. Dank feinem Individualismus
hindert er fie nicht — vielleicht auch deshalb,
weil er aus einer erzwungenen Trennung von der Fifcher
Gefahr für das Gemütsleben feiner Frau beforgt. Selblt
feinen Sohn läßt er unter den Einfluß der Somnambule
geraten — ,er vertraute vielleicht zu fehr der individuellen
Natur, daß fie fich felbft helfen und zuletzt den
rechten Weg finden werde' (S. 74). Dabei rächt fich
auch eine Tatfache, die der Ethik zu denken gibt. Ein

! Prophet des Familienlebens und mit allen Gliedern der
Familie in herzlicher Liebe wechfelfeitig verbunden, hat

! S. doch mit keinem der Kinder .eigentlich ein enges Verhältnis
der Mitteilung' (S. 75) — er opfert feinen vielfältigen
Berufen alle Zeit, die Familie aber ift es, welche
die fchwerften Korten dafür zahlt. Defto wichtiger ift der

| zweite Tunkt, den wir aus dem Inhalt des Buches betonen
möchten: das Zeugnis des Sohnes über S.s Per-
fönlichkeit. Die ganze Schilderung wird unwillkürlich