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Ausgabe:

1910 Nr. 13

Spalte:

412-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nelson, Leonard

Titel/Untertitel:

Untersuchungen über die Entwicklungsgeschichte der Kantischen Erkenntnistheorie 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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4ii

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 13.

412

knüpfenden Kritik der Kantifchen Erkenntnistheorie. Der
Verfaffer fucht darzutun, daß der in der Tranfzenden-
talen Äfthetik und der Tranfzendentalen Analytik gelieferte
Beweis des tranfzendentalen Idealismus unzureichend
fei. Dagegen fei der in der Antinomien- und
Ideenlehre geführte Beweis im wefentlichen richtig, wenn
gleich fehr der Ergänzung bedürftig. Ein Hauptfehler
Kants bleibe doch der, daß er ,die Reflexion nicht von
der unmittelbaren (nicht anfchaulichen) Erkenntnis zu
unterfcheiden wußte', welche nicht anfchauliche unmittelbare
Erkenntnis unbedingt ftatuiert werden müffe. Folgt
eine Kritik einzelner typifcher Verbefferungsverfuche der
Kantifchen Philofophie. Zunächft desjenigen Jacobis, der
einen von Kant ,begangenen Widerfpruch' zwar richtig
erkannt habe, aber den Urfprung der Kantifchen Fehler
an einer falfchen Stelle gefucht habe, nämlich in einem
beftimmten Refultate ftatt darin, daß Kant fein kritifches
Verfahren von vornherein mit einer verkehrten erkennt-
nistheoretifchen Problemftellung bemengt hat. Dann I
desjenigen Reinholds, deffen Hauptirrtum in der Ver-
wechflung der Aufgabe der Kritik mit der unlösbaren
Aufgabe der Erkenntnistheorie (als einer ,Wiffenfchaft,
die das konftitutive Fundament der Philofophie zum
Inhalt hat,') beftehe. Daran fchließt fich die Kritik des j
Verfuchs Fichtes einerfeits, der als Fortbildung des Rein-
holdfchen Verfuchs in der Richtung eines verkehrten
Tranfzendentalismus, des Verfuchs Benekes anderfeits, !
der als Fortbildung des Reinholdfchen Verfuchs in der
Richtung eines verkehrten Pfychologismus zu deuten fei.
Beiden wird vorgeworfen, daß fie die kritifche Begründung
mit dem Grund des zu Begründenden verwechfelten. j
Diefen Fehler habe Fides vermieden, deffen Philofophie
fich der Autor nunmehr zuwendet.

Er fetzt ein bei der Schrift .Über das Verhältnis der
empirifchen Pfychologie zur Metaphyfik', von der er
meint, daß ,eine unparteiifche und gründliche Gefchichts- |
fchreibung' fie als ,das Bedeutfamfte anerkennen wird,
das überhaupt in der Gefchichte der Philofophie feit dem I
Erfcheinen der Kantifchen Schriften bis auf den heutigen
Tag geleiftet worden ift'. Er bemüht fich um den Nachweis
, daß Fries die drei Aufgaben gelöft habe, die fich
,für eine wiffenfchaftliche Fortbildung der Kantifchen
Philofophie' als notwendig ergeben haben, nämlich: 1) ,die
pfychologifche Wendung der Kritik der Vernunft und 1
die ftrenge Trennung von Kritik und Syftem'; 2) ,die I
Auflöfung des Humefchen Problems durch die erfahrungsmäßige
Aufweifung einer nicht-anfchaulichen unmittelbaren
Erkenntnis' und 3) ,die Befeitigung des formalen
Idealismus und die fpekulative Begründung der Ideen'.
Und zwar beruhe das Hauptverdienft des Jenenfer Phi-
lofophen auf eben jenem ,pfychologifchen Exiftenzbeweis
der unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft'. Denn !
damit fei die ,Möglichkeit der Metaphyfik überhaupt' deduziert
.

Aus feinen Darlegungen leitet der Autor fchließlich
noch folgende Konfequenzen ab: einmal ,Abweifung des
Verfuchs, auf die Kantifche Philofophie zurückzugreifen
ohne diele Philofophie wieder im Sinne eines ihrer Nachfolger
umzubilden'; fodann ,Abweifung jeglichen Verfuchs
, die bereits aufgetretenen Fortbildungen der Kantifchen
Philofophie um eine neue zu vermehren oder
auch zwifchen den aufgetretenen, hiftorifch vorliegenden
Verfuchen diefer Art irgend eine Vermittelung herzu-
ftellen'. Daran knüpfen fich einige Vorfchläge zum Zweck
der Verbefferung des gegenwärtigen Zuftands innerhalb
des philofophifchen Betriebs.

Ein erfter Anhang handelt von der Definition der
Logik und einer gewiffen Schwierigkeit in der Unter-
fcheidung der analytifchen und fynthetifchen Urteile. Ein
zweiter von dem formalen Idealismus in der Kantifchen
Ethik und Äfthetik. Ein dritter gibt Auskunft darüber,
worin die Friesfche Philofophie der Verbefferung fähig
und bedürftig fei.

Im übrigen ift der Verf. der Meinung, daß diefer
Philofophie die Zukunft gehöre, und daß fie allein die
wahre fei. Er macht damit von einem Recht Gebrauch,
das im Grunde jeder Philofoph für fich in Anfpruch
nimmt, und das er in feinen, wie gefagt werden muß, ftets
beftimmten und präzifen Ausführungen nicht ungefchickt
vertritt. Auch wird man unter allen Umftänden zugeben
können: nachdem einmal die Parole ,Zurück zu Kant'
zur Repriftination verfchiedener Fortbildungen der Kantifchen
Philofophie geführt hat, ift es nicht bloß natürlich
fondern geradezu erwünfcht, daß auch die Friesfche
Fortbildung ihre Vertreter finde und zu Worte komme.
Daß fie die einzig berechtigte und die ganze moderne
Erkenntnistheorie ein Unding fei, davon hat fich freilich
der Unterzeichnete nicht überzeugen laffen können.
Zwar enthält das Werk Nelfons manche feinere kritifche
Bemerkung: fo wird, um nur eines anzuführen, felblt ein
Anhänger Rickerts und feiner Schule einräumen müffen,
daß bei diefem Philofophen in dem Begriff des Bewußt-
feins und des Subjekts der Erkenntnis je und je fcheinbar
nebenfächliche, in Wirklichkeit ungemein folgenfchwere
Schwankungen vorkommen. Auf der andern Seite fehlt
es ebenfalls nicht an kritifchen Ausftellungen, die nicht
voll befriedigen: fo wird felbft ein Gegner Natorps fich
des Eindrucks fchwer erwehren, daß die gegen den
Marburger Philofophen gerichtete Polemik deffen Begriff
vom Gefetz doch wohl nicht gerecht wird. Was
endlich den Fundamentaleinwand gegen die Erkenntnistheorie
betrifft, daß diefe fich ftets in einem Zirkel bewege
, fo fei es geftattet, wiederum nur an einem Beifpiel
zu veranfchaulichen, inwiefern damit nicht notwendig
alle erkenntnistheoretifchen Bemühungen entwertet erfcheinen
. Gefetzt den Fall nämlich, die Wiffenfchaft
käme in erkenntnistheoretifcher Selbftbefinnung zu dem
Refultat, daß es keine Wahrheitsgewißheit ohne Bejahung
eines Sollens oder eines unbedingten Wertes gebe, fo
wäre es allerdings eine Erkenntnis, in der dies Kriterium
feftgeftellt würde. Dadurch wäre jedoch nicht ausge-
fchloffen, daß dies Kriterium gleichfam rückwirkende
Bedeutung erhielte für die betreffende wie überhaupt für
jede Erkenntnis.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

NeKon, Leonard, Untertuchungen über die Entwicklungs-
gelchichte der Kantifchen Erkenntnistheorie. Sonderdruck
aus den , Abhandlungen der Fries'fchen Schule', III. Band
1. Heft. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1909.
(64 S.) 40 M. 2 —

In diefer kurzen aber inhaltreichen Schrift, die dem
Werk desfelben Autors ,Über das fogenannte Erkenntnisproblem
' zur Ergänzung dient, gibt Nelfon eine interef-
fante und eingehend begründete Darftellung feiner eigentümlichen
Auffaffung von der Entwicklungsgefchichte
der Kantifchen Erkenntnistheorie. Er führt die Mängel,
die er in den bisherigen einfchlägigen Arbeiten findet,
auf einige wenige fyftematifche Mißverftändniffe zurück,
die fich einmal auf ,das Humefche Problem', dann auf
,Kants kritifche Methode' und endlich ,die Unterfcheidung
der analytifchen und fynthetifchen Urteile' beziehen. Worin
er ,hinfichtlich diefer Punkte' von ,den üblichen Anflehten
'abweicht, faßt er felbft folgendermaßen zufammen:
i) Das in den fogenannten vorkritifchen Schriften Kants
behandelte Problem: wie ift Kaufalität möglich? ift ein
anderes Problem als das Humefche: wie find Kaufalur-
teile möglich? 2) Die von Kant 1766 vertretene Auffaffung
, Kaufalurteile ließen fich auf Erfahrung gründen,
wird von Hume nicht geteilt, fondern beftritten. 3) Kants
analytifche, von Erfahrungsfätzen ausgehende Methode in
der Preisfchrift über die Deutlichkeit der Grundfätze der
naturlichen Theologie und der Moral ift nicht eine Art der
Induktion. 4) Die Unterfcheidung der Kantifchen Preis-