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Ausgabe:

1910 Nr. 13

Spalte:

407-409

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmid, Friedrich Alfred

Titel/Untertitel:

Friedrich Heinrich Jacobi. Eine Darstellung seiner Persönlichkeit und seiner Philosophie als Beitrag zu einer Geschichte des modernen Wertproblems 1910

Rezensent:

Stephan, Horst

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 13.

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Einteilung bei Sailer. Da würde es (ich um fo mehr
empfohlen haben, fich nicht an deffen Dispofition zu halten,
fondern feine Moralphilofophie an der Hand feiner Hauptmotive
und Hauptideen darzuftellen. Die hiftorifchen
Zufammenhänge der Sailerfchen Lehre find nicht näher
unterfucht. Die enge Beziehung von Chriftentum und
Vernunft, die beherrfchende Rolle des Glückfeligkeits-
ftrebens, die Beurteilung des Gutfeins als notwendiger Vor-
ausfetzung zum Glücklichfein, die Betonung der Würde
des Menfchen und der Humanität, der Gedanke der
Harmonie und der beften Welt, die Klage, daß man die
Moral Chrifti nicht in ihrer Schönheit belaffen habe, und
viele ähnliche Ideen zeigen Sailers Beziehungen zur Aufklärung
und zum deutfchen Idealismus, auf die z. B. auch
lobende Erwähnungen Herders hinweifen. Wie viel Sailer
von diefen Geiftesftrömungen aufgenommen hat, und wie
er das mit feinem katholifchen Glauben verband, das ift
ein intereffantes Problem, das eingehender Unterfuchung
wert gewefen wäre. Der Verfaffer bietet hierzu nur einige
Bemerkungen über Sailers offene Augen für die Bedürf-
niffe feiner Zeit, fein Beftreben, das Chriftentum mit den
Forderungen der neuen Philofophie in Einklang zu bringen,
und einige Notizen über feinen Verkehr mit Vertretern
der damaligen deutfchen Geiftesbildung. Eine derartige
Unterfuchung könnte auch zu einer Korrektur der fehr
abfchätzigen Charakterifierung der Philofophie und Theologie
zu Sailers Zeit führen, die der Verfaffer bietet. Auch
die Frage, ob fich Sailer nicht in manchen Punkten gewandelt
hat, wird nicht aufgeworfen. Die ,Glückfeligkeits-
lehre' z. B. ift, foweit erfichtlich, nur in der fehr ftarken
Umarbeitung berückfichtigt, in der fie fich in der Gefamt-
ausgabe befindet, nicht in ihrer urfprünglichen Form.
So werden weitergehende Wünfche durch die Arbeit
nicht erfüllt. Wer fich dagegen über Sailers Ethik kurz
informieren will, mag zu derfelben greifen. Das fei jedenfalls
noch ausdrücklich getagt, daß einem aus ihr die
wahrhaft fromme und edle, weitherzige und liebenswürdige
Perfönlichkeit Sailers fympathifch entgegentritt.

Leipzig. Heinrich Ho ff mann.

Schmie), Priv.-Doz. Dr. Friedrich Alfred, Friedrich Heinrich

Jacobi. Eine Darfteilung feiner Perfönlichkeit und
feiner Philofophie als Beitrag zu einer Gefchichte
des modernen Wertproblems. Heidelberg, C.Winter's
Univ.-Buchh. 1908. (VIII, 366 S.) gr. 8° M. 8 —

Je ftärker das Bedürfnis der Gegenwart wird, nicht
nur an Kant, fondern an die ganze Fülle des deutfchen
Idealismus anzuknüpfen, defto intenfiver bemüht fie fich
auch um ein gefchichtliches Verftändnis jener mächtigen
Geiftesbewegung. In dem vorliegenden Buche ift der
Zufammenhang befonders deutlich, fofern Sch. von
Windelband angeregt ift und die höchft unfyftematifche
Philofophie feines Helden möglichft um die Leitbegriffe
feines Lehrers zu organifieren fucht; fo behandelt die
eigentliche Darfteilung von Jacobis Philofophie, die den
2. Hauptteil füllt (S. 35—212), im erften Abfchnitt ,das
Wahre, Gute und Schöne' (Erkenntnistheorie, Ethik,
Afthetik), im zweiten ,das Heilige' (Religionsphilofophie).
Es ift klar, daß ein folches Verfahren als heuriftifches
Prinzip wirken und die Teilnahme des Lefers vergrößern
kann; aber ebenfo klar, daß es leicht zu Verzeichnungen
führt und die urfprünglichen hiftorifchen Zufammenhänge
zerreißt. Beide Folgen, die guten wie die fchlechten,
zeigen fich bei Sch. deutlich. Er malt uns wirklich ein
höchft intereffantes, auch für die Erörterung der gegenwärtigen
Probleme fruchtbares Bild. Aber er vermag
doch trotz des 1. Hauptteils über Leben und Perfönlichkeit
(S. 1 — 32) feinem Bilde nicht ganz die Jacobifche
Originalfarbe zu geben; und fo ernfthaft er fich auch
im 3. Hauptteil (Jacobi der Kritiker und die Kritik,
S. 215—366) beftrebt, Jacobi mit der Aufklärung, der

Kantifchen Philofophie, der Romantik, feinen wichtigften
Gegnern und Freunden zu konfrontieren — einen genügend
ftarken Eindruck der hiftorifchen Zufammenhänge
erhalten wir nicht. Der Lefer ift darob defto mehr ent-
täufcht, als er auf Schritt und Tritt bemerkt, wie gut
Sch. felbft die meiften gefchichtlichen Zufammenhänge
kennt, und wie er eigentlich nur durch die Anlage des
Ganzen gehindert ift, fie kräftig herauszuarbeiten. Sch.
hätte m. E. beffer getan, in den erften Teilen Jacobis
Philofophie ganz rein aus fich und feiner Zeit heraus
darzuftellen, die Einfügung in die Gefchichte des modernen
Wertproblems aber völlig dem letzten Abfchnitt (.Bleibende
Werte') vorzubehalten. Vielleicht wäre dadurch
die tatfächliche Bedeutung Jacobis für diefe auch noch
eindrucksvoller geworden. Immerhin bedeutet das Buch
einen erheblichen Fortfehritt. Es ift neben Zirngiebls
Biographie (1867) die befte Einführung in die Gedankenwelt
Jacobis.

Die Theologie hat befonderen Grund, fich über
eine auf der Höhe der gegenwärtigen Wiflenfchaft
flehende Bearbeitung Jacobis zu freuen. Denn er ift
mit dem Werden und Wachfen der idealiftifchen Religionsphilofophie
fo eng verbunden, daß man ein hifto-
rifches Verftändnis für Kant und Schleiermacher, natürlich
auch für ihre Mitftrebenden und Epigonen, nicht ohne
ftarke Rückficht auf ihn gewinnen kann. Das zeigt
fchon fein Hauptthema felbft: die philofophifche Be-

| gründung der Selbftändigkeit der Religion unter Erweis
ihres Primats im Geiftesleben, fowie die Reihe feiner
Hauptbegriffe: auf der einen Seite Gefühl, Inftinkt,
Ahnung, Glaube (allgemein im Sinne von Humes belief

| wie fpez. religiös), Freiheit, Perfönlichkeit, Genie, Indi-
viduation, auf der andern Seite Gott, Offenbarung, Vor-
fehung. Es gilt nun, ihm und feiner Philofophie einen
beftimmten Ort im Gewebe der idealiftifchen Entwicklung
anzuweifen. Sch. zeigt vor allem durch zwei Einrichten

| den rechten Weg dazu: er betont die Selbftändigkeit,
die Jacobi trotz vielfacher fpäterer Anlehnung gegenüber
Kant befitzt (S. 35: Jacobi überwand in fich felber
den vorkantifchen Dogmatismus, ohne von Kant viel
mehr als den Namen zu kennen'), fowie feine engen
Zufammenhänge mit der äfthetifchen (Goethe), der philo-
fophifchen (Plato, Hemfterhuis; Shaftesbury, fchottifche
Gefühlsmoral) und noch mehr der religiöfen Entwicklung
(Pietismus und Hamann). Doch hätte die reiche Mifchung
der religiöfen, ethifchen und äfthetifchen Motive bei
Jacobi vielleicht noch deutlicher gezeichnet werden
können. Sie gibt — ebenfo auch ihre innere Einheit,

) die Sch. richtig in einer antiaufklärerifchen religiöfen

j Innerlichkeit und Genieftimmung aufweift — dem Philo-
fophen feinen Platz im Frühidealismus, direkt neben

I Herder, aber fchon auf den Schultern der Bahnbrecher
Klopftock, Leffing, Hamann. Mit Herder teilt er auch
dank feiner perfönlichen Art und hiftorifchen Stellung
die formale Schwäche, daß er feine Theorien nicht in
felbfländigen, daher fieghaften und dauernden Werken,
fondern in zufälliger Polemik vorträgt; bei beiden ift
die Folge, daß zwar das nächfte, das hochidealiftifche
Gefchlecht fehr ftark von ihren Ideen lebt, die fpätere
Nachwelt fie aber weder lieft noch genügend würdigt.

Was die Stellung Jacobis in der religiöfen Entwicklung
felbft betrifft, fo nimmt freilich Sch. uns Theologen
die Arbeit nicht ab, fondern macht fie erft recht nötig.
Zwar feine allgemeine Einficht in-den Zufammenhang
Jacobis mit dem Pietismus und Hamann ift wertvoll;
auch verbindet er fie im vorteilhaften Unterfchied von
vielen älteren Geifteshiftorikern mit einer pofitiven Schätzung
. Aber er wird ihrer Frömmigkeit und ihren Beziehungen
zu Jacobi doch nicht völlig gerecht. Das
Schlagwort My'ftik fagt über ihr Verhältnis zu wenig,
wenn man es ganz allgemein verlieht (S. 185: das .ftilie
und fchlichte Verfenken in die Heilstatfache, das unmittelbare
religiöfe Erleben der Gotteswahrheit . . . Un-