Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1910 Nr. 12

Spalte:

372

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiegand, Friedrich (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Kirchliche Bewegungen der Gegenwart. Eine Sammlung von Aktenstücken. Jahrgang II. 1908 1910

Rezensent:

Mirbt, Carl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

3/i

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 12.

372

/;//;/ est a Deo: nos ipsi produximus vitiositatem' ift es
fehr fraglich, ob hier die Erbfchuld mit Gewißheit betont
wird oder ob nicht bloß von der Allgemeinheit
der Sünde die Rede ift. Ferner kann wohl auch nicht
mit Recht behauptet werden (S. 21), daß der Pelagia-
nismus im Oriente nur wenige Anhänger gefunden habe
und daß deshalb die griechifchen Kirchenväter nicht
veranlaßt worden feien, fich eingehend mit der Lehre
von der Erbfünde zu befaffen. Auch die Lehre Augu-
ftins von der Konkupiszenz ift nicht richtig dargeftellt.
Namentlich geht es nicht an, die concupiscentia sine reatu
der Getauften in der Weife von der concupiscentia cum
reatu bei den Ungetauften zu fcheiden, wie dies Bufch
will, da die Konkupiszenz auch in den Getauften Sündhaft
bleibt und Auguftin nirgends von einer Wiederaufdeckung
der Konkupiszenz durch die Sünde Adams
fpricht, im Gegenteil diefelbe ausdrücklich erft durch
die Sünde Adams entftanden fein läßt, fo daß Bufch
entfehieden viel zu weit geht, wenn er behauptet, Luther
habe die Lehre Auguftins bis zur Unkenntlichkeit ent-
ftellt (S. 62). Auch die Widerlegung der Bemerkung
Harnacks, daß Auguftin den manichäifchen Dualismus
nicht ganz abgestreift habe, macht fich Bufch reichlich
leicht, wenn er bloß behaupten zu follen glaubt: ,Einen
Grund, der diefe Behauptung ftützen könnte, gibt Har-
nicht an' (S. 29). Denn abgefehen von den Bemerkungen
Harnacks zu der Stelle felbft, hat Reuter in feinen Au-
guftinifchen Studien 1887 (S. 291—294) und der Referent
in feinem Julian von Eclanum S. 66ff. u. a. O. fo viel
Material zu der Sache beigetragen, daß Bufch fich diefe
Bemerkungen hätte fparen follen. Und fchließlich beruft
fich Auguftin für die Solidarität der Menfchheit
mit Adam noch viel öfter auf Rom. 5, 12 als auf Am-
brofius (S. 31), was Bufch auffallenderweife gänzlich entgangen
zu fein fcheint.

Im erften Hauptteil (S. 71—165) behandelt der Ver-
faffer fodann die Lehre Bellarmins und Suarez' von dem
Erbübel, die beide darin einig gehen, das Wefen des
Erbübels in der Beraubung der heiligmachenden Gnade
zu erblicken, während fie in der Beurteilung der Konkupiszenz
charakteriftifch differieren. Der zweite Hauptteil
behandelt die Lehre Bellarmins und Suarez' von der
Erbfchuld und der Strafe der Erbfünde im Jenfeits, wobei
namentlich der Grad der perfönlichen Schuld der Erbfünde
, den die beiden Theologen in charakteriftifcher
Differenz bestimmen, und die Frage, ob den ungetauft
fterbenden Kindern im Jenfeits eine natürliche Seligkeit
oder Unfeligkeit bevorfteht, eingehend erörtert find.
Im wefentlichen fcheint mir hier die Darftellung Bufchs
das Richtige zu treffen, doch wird man auch hier in
der theologifchen Beurteilung einzelner Fragen von ihm
abweichen, was zum Teil damit zufammenhängt, daß
Bufchs theologifche Ausdrucksweife nicht ganz klar und
eindeutig ift. So fcheint mir zwifchen der Anficht
Kleutgens und Simars (S. 131 f.) ein wefentlicher Unter-
fchied zu beftehen, indem Simar die Konkupiszenz einfach
mit den phyfifchen Gebrechen parallelifiert, Kleut-
gen fie aber ausdrücklich als etwas Befonderes von den-
felben unterfcheidet. Und ebenfo fcheint mir auch bei
Bellarmin der fündhafte Charakter der Konkupiszenz
fchärfer betont zu werden als dies Bufch zugeftehen
will. Sodann möchte ich ihn fragen, aus welcher Terminologie
er die Identität der Ausdrücke: integrierend'
und .untergeordnet' und den Unterfchied von .integrierend'
und .wefentlich' gelernt hat. Auffallend ift auch fchließlich
, daß der Verfaffer nur die katholifche Literatur
kennt und auch in feinem dogmengefchichtlichen Ab-
fchnitt mit Ausnahme der beiläufigen Bemerkung Harnacks
keinerlei Kenntnis der reichen proteftantifchen
Literatur verrät und felbft wichtige katholifche Werke,
wie Wörters .Gefchichte der chriftlichen Lehre über das
Verhältnis von Gnade und Freiheit bis auf Auguftinus
1867' gänzlich überfehen hat. Aber trotz der gemachten

Ausftellungen darf die vorliegende Arbeit doch als eine
fleißige und befonnene beurteilt werden, die uns das
Verftändnis einer wichtige Phafe in der Gefchichte der
neueren katholifchen Theologie nicht unwefentlich erleichtert
. Druck, Papier und Ausftattung sind durchaus
lobenswert.

Bremgarten. Alb. Bruckner.

Kirchliche Bewegungen der Gegenwart. Eine Sammlung von
Aktenftücken, unter Mitwirkung von Lic. Alfred Ucke-
ley herausgegeben von D. Friedrich Wiegand. Jahrgang
II. 1908. 6 Hefte. Leipzig, Dieterich 1909. gr. 8°

M. 5.40

I. Heft: Der Hamburger Schul- und Kirchenftreit. (56 S.) M. I —.

— II. Heft: Die Befetzung der Berliner neuteftamentlichen Profeffur
im Urteile der kirchlichen Parteien. (76 S.) M. 1.20. — III. Heft:
Das neue Pfarrbefetzungsrecht und die rheinifch-weftfälifche Kirche. —
Die Stellung der preußifchen Kirchenbehörde zur Gemeinfchaftsbe-
wegung. (39 S.) M. — 80. — IV. Heft: Eine Parteibildung in der
proteftantifchen Landeskirche Bayerns. — Ergänzung der General-
konzeffion für die evangelifch-altlutherifchen Gemeinden in Preußen.

— Allgemeine evangelifch-lutherifche Konferenz und Lutherifcher
Bund. (35 S.) M. —80. — V. Heft: Katholifche Kritiker der
Enzyklika ,Pascendi dominici gregis A. Ehrhard, Germania, Würz-
berger — B. Schnitzer. — Katholifche Pfarrer und politifcher Liberalismus
in Bayern: A. Grandinger — B. Tremel. (71 S.) M. I —. —
VI. Heft: Das neue Verlöbnis- und Ehefchließungsrecht in der katholifchen
Kirche. (V, 32 S.) M. — 60.

Konnten wir diefes Unternehmen bei feinem erften
; Ausgang als eine bedeutfame Bereicherung unterer periodischen
Literatur begrüßen (vgl. Theolog. Literaturzeitung
1909 Nr. 8 Sp. 246), fo befinden wir uns jetzt in der angenehmen
Lage, konftatieren zu können, daß der zweite
Jahrgang fich nicht nur auf dem gleichen Niveau hält wie
der erfte, fondern noch manche Fortfehritte aufweift. Die
minutiöfe Genauigkeit der dargebotenen Texte, die diefer
Sammlung unbedingtes Vertrauen fichert und auch bei
diefer Ausgabe überall zu beobachten ift, fetzt auf feiten
des Herausgebers und feines Mitarbeiters keine geringe
Arbeitsleistung voraus, aber jeder Benutzer wird es ihnen
danken, daß fie die große Mühe nicht gefcheut haben.
Die Aufgabe, zeitgefchichtliche Ereigniffe auf ihre Bedeutsamkeit
hin fofort abzufchätzen, ift fo außerordentlich
groß, daß die Kritik der vollzogenen Stoffauswahl
hinter der Anerkennung der Sammlung als folcher
zurückstehen darf. Nach meinem Eindruck hat der Herausgeber
eine glückliche Hand bewiefen, nur über die
Zweckmäßigkeit, der Befetzung der Berliner neuteftamentlichen
Profeffur 76 Seiten zu widmen, habe ich Bedenken.
Der fpätere Hiftoriker der Gefchichte der evangelifchen
Kirche am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wird,
wenn er unfer Buch zu Rate zieht, durch den Umfang
diefes Referates leicht zu einer zu hoch gegriffenen
Bewertung diefer Vorgänge für den deutfehen Prote-
I Stantismus gelangen. Eine wichtige, und vielen gewiß
willkommene, Neuerung diefes Jahrgangs ift die gleichzeitige
Ausgabe der einzelnen Teile des Buches in felb-
ftändigen Heften. Wir können unter Hirjweis auf die
oben abgedruckten Spezialtitel diefer Hefte davon Abstand
nehmen, ein Inhaltsverzeichnis hier folgen zu laffen.
Sie beweifen, daß wir in den ,Kirchlichen Bewegungen
der Gegenwart' eine Quellenfammlung von großem prak-
tifchen und bleibendem Wert befitzen.

Marburg i. H. C. Mirbt.