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Ausgabe:

1910 Nr. 11

Spalte:

336

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lea, Henry Charles

Titel/Untertitel:

Geschichte der Inquisition im Mittelalter. Erster und zweiter Band 1910

Rezensent:

Benrath, Karl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. II.

336

durch Anhäufung von überreichlicher, wenigftens an diefem wie Matthäus und Römerbrief ins Lateinifche übertrafen
Platz entbehrlicher Gelehrfamkeit wird einem indes das worden: wie kann man den ,Charakter diefer Überfetzung
Zurechtfinden bisweilen fchwer gemacht, v. S. behan- ■ in ihrer Einheitlichkeit' erkennen, wenn man eigenwillig

delt nach einer kurzen Einleitung die Zeugen für den
afrikanifchen Text des NT. zur Zeit Cyprians, in der
Reihenfolge A. die Zitate in Cyprians Schriften; B. die
altlateinifchen Bibelhandfchriften k, e, h; C. Refte des
cyprianifchen Bibeltextes in der gleichzeitigen afrikanifchen
Literatur. Ein Schlußparagraph charakterifiert
den afrikanifchen Text in feiner Einheitlichkeit, fehr viel-
feitig und mit einer Reihe von Tabellen zur Veranfchau-
lichung der einzelnen Thefen. Warum der Verf. S. 363 es
ablehnt, auch noch über den Wert der Afra für die Kritik
des ,heiligen Originals' fein Urteil abzugeben, verfteht
man nicht ganz. Ein Vorgreifen gegenüber dem griechi-
fchen NT. feines Vaters könnte m. E. ihm nicht zur
Laft gelegt werden, da die Gefamtdarftellung, auf die es
der Vater abfieht, auf den Einzelforfchungen ruhen muß,
nicht umgekehrt. Ganz fo fpröde, wie man nach dem
Vorwort fürchten könnte, hat er fich doch nicht dem
allerdings modernen Vorurteil hingegeben, als fei das
Suchen nach dem Urtext eine veraltete Marotte. Er
fucht recht energifch — mir fogar viel zu häufig mit
fraglos, felbftverftändlich u. dergl. Sicherheitspartikeln —
nach dem afrikanifchen Urtext und weiß auch, daß zu
diefem Suchen ein gewiffes Senforium für den griechi-
fchen Urtext gehört.

auf drei Viertel des zur Verfügung flehenden Materials
verzichtet? Cyprians Bibel — das ift das erfte Erfordernis
, dann die Bibel der anderen Afrikaner, und wenn
die Bibeln der italifchen, gallifchen, fpanifchen Autoren
unter fteter Berückfichtigung des fchon Feftgegründeten
— Cyprian gibt ein herrliches Rückgrat ab — rekon-
ftruiert werden, kommen wir dem Ziel näher, den Urtexten
der ,Itala', die alle zufammen zu den wichtigften
Zeugen für den griechifchen Urtext von LXX und NT.
gehören.

Marburg. Ad. Jülicher.

Lea, Henry Charles, Gelchichte der Inquifition im Mittelalter
. Autorifierte Überfetzung, bearbeitet von Heinz
Wieck und Max Rachel, revidiert und herausgegeben
von Jofeph Hänfen. Erlter Band. Urfprung
und Organifation der Inquifition. Bonn, C. Georgi
1905. (XXXVIII, 647 S.) gr. 8° M. 10 —

— Dasfelbe. Zweiter Band. Die Inquifition in den ver-
fchiedenen chrifllichen Ländern. Ebd. 1909. (X,
666 S. gr. 8° M. 10 —

Wenn beT dem enormen Fleiß, dem Aufwand von j Über das monumentale Werk des amerikanifchen

Scharffinn und Treue, den diefe Arbeit bezeugt, nicht | Gelehrten, der in hohem Alter am 24. Oktober 1909 der

noch mehr Sicheres herausgekommen ift, fo liegt dies, j Wiffenfchaft entriffen wurde, hat f. Z. Reufch in derTh. L.

wie mir fcheint, nicht fo fehr an einer Neigung v. S., j Z. (1888, Sp. 564 f.) berichtet, als die englifche Original-

zu fchnell zu entfcheiden, Schlüffe zu ziehen und zu ausgäbe eben vollendet war. Wenn er es ,eine der beverallgemeinern
, als an einer ungeeigneten Zielfetzung
Es ift dabei eine Nebenfache, daß v. S. zwar die Mangelhaftigkeit
von Harteis Edition heraushebt und zu dem
Zweck Materialien aus feiner Kollationstätigkeit aus-
fchüttet, die für feine eigentliche Aufgabe in diefem
Buch wenig bedeuten. Fall: in allem hätte fich Cyprians
Text, fo wie v. S. ihn rekonftruiert, aus den Materialien
bei Härtel herausarbeiten laffen. Ich fehe den eigentlichen
Fehler darin, daß v. S. fich auf das N.T. befchränkt,
und daß er die Quellen für die NTliche Afra entweder
zu weit oder zu eng abdeckt. Die reichen Spenden,
die aus den befonders bei Augudin erhaltenen Schriften
der Donatiden fich aufdrängen, bleiben ebenfo ungenutzt
wie die darken Überbleibfei der Afra — nicht, wie v. S.
mit klarem Blick fah, im pfeudoaugudinifchen Specnlum,
aber — bei Augudin felber und bei Fulgentius; wenn Hand-
fchriften aus der Zeit diefer Väter (h, e, k) neben Cyprian
und feinen Zeitgenoffen aufgerufen werden, haben wir
ein Recht, auch die Väter felber zu hören. Bisweilen

deutendden Bereicherungen der kirchengefchichtlichen
Literatur, eine umfaffendere, gründlichere und überficht-
lichere Behandlung des Gegendandes' nennt, ,als wir fie
bisher befaßen', fo trifft dies heutzutage in noch höherem
Grade zu, da nicht allein die inzwifchen durch Reinach, Paris
1900 ff., beforgte franzöfifche Ausgabe in mehrfacher
Hinficht ergänzt, fondern nun auch eine deutfche Überfetzung
vorläufig der beiden erden Bände erfchienen
id, welche wiederum die Literaturnachweise durchgeht
und bereichert und befonders im zweiten Bande wertvolle
neue Ergänzungen bringt, wefentlich Früchte von
Studien Joseph Hansens in römifchen Archiven. Die
Überfetzung — eine durchweg vorzügliche Leidung —
rührt von den Herren Pfarrer Rachel und Oberlehrer
Wieck her; zu dem erden Bande hat Lea felbd, deffen
fympathifches Bild auch den Band fchmückt, die Vorrede
gefchrieben, und neben dem Vorworte des Herausgebers,
der ganz ergötzlich dardellt, wie die jefuitifche Gefchichts-
klitterung unferer Tage fich um ein fo gewaltiges Werk

kommt durch eine diefer fpäteren Stimmen, namentlich 1 drücken und es diskreditieren möchte, findet fich in
beim Konflikt zwifchen Cyprian und den Handfchriften, I Überfetzung auch die Abhandlung, welche Paul Fredericq,
geradezu die Entfcheidung über das Urfprüngliche heraus. ! der genauefte Kenner der niederländifchen Inquifition,
v. S. wäre wohl der geeignete Mann gewefen, die Auf- ! im Jahre 1900 der Reinachfchen Ausgabe beifügte, unter
gäbe, ausfichtsvoller gelleilt, zu löfen, wenn er flatt des | der Überfchrift: ,Die Inquifition und die Gefchichtsfor-
NT's der Afrikanifchen Kirche fich vorgenommen hätte, j fchung' (S. XIII—XXX).

die Bibel Cyprians, Cyprian allein, aber feine ganze Bibel Das Standardwerk des amerikanifchen Gelehrten ift

zu rekonftruieren. Das AT. hat fich aus naheliegenden
Gründen altertümlicher erhalten als die viel gelefenen
NTlichen Bücher: für Cyprian und feine Zeit gab es
keine Überfetzung des NT's allein, v. S. bietet uns das
Schaufpiel einer Orthographie der afrikanifchen Bibeltexte
(S. 305—322) und lange Tabellen über die über-
fetzerifche Behandlung der griechifchen Vorlage in einer
Spezialftudie über die Afra des NT's. Ich bin auch im
Einzelnen manchmal anderer Anficht als der Verfaffer;

daran foll der fehr hohe Preis der Originalausgabe,
den übrigens weder der Theol. Jahresbericht noch die
Th. L. Z. bei den Befprechungen notiert, fchuld fein —
in Deutfchland nur wenig verbreitet worden. Um fo
mehr ift eine weite Verbreitung diefer deutfchen vorzüglich
ausgeftatteten Ausgabe zu wünfchen und zu erwarten
. Sobald der dritte (Schluß-)Band, von dem eine
Notiz des Verlegers fagt, daß er bei der Ausgabe des
zweiten der Drucklegung nahe war, erfcheint, wird dies

halte aber für das Wichtigfte, weil es fich hier um ein Anlaß bieten, nochmals auf das ganze Werk zurückzu
weit verbreitetes Vorurteil handelt, die Einficht, daß man I kommen.

das Studium der Bibelüberfetzungen, wie im Grunde auch
das des griechifchen Evangelientextes, bei Befchränkung
auf das NT. nicht zum guten Ende bringt. Der Pfalter
und die Genefis find gleichzeitig und in derfelben Art

Königsberg. Benrath.