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Ausgabe:

1910 Nr. 10

Spalte:

311-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Einicke, G.

Titel/Untertitel:

Zwanzig Jahre Schwarzburgischer Reformationsgeschichte 1521-1541. 2. Teil: 1531-1541 1910

Rezensent:

Bossert, Gustav

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3ii

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 10.

312

— S. 188 Z. 8 Br. Reichstagsakten. ,Bayr. S.' fällt weg-
denn es gibt für diefe Zeit m. W. nur Bamb. und Bran;
denb. Akten in Bamberg. — S. 195 Z. 2 v. u. XVI ftatt XII.

— S. 216 Z. 2 v. u. von ftatt vou.

Alfeld bei Hersbruck. Schornbaum.

Einicke, Lic. Pfr. G., Zwanzig Jahre Schwarzburgilcher
Reformationsgefchichte 1521—1541. Zweiter Teil: 1531
— 1541. Nach urkundlichen Quellen dargeftellt. Mit
e. Bilde des Grafen Günther XL. Rudolftadt, Müller'fche
Buchhandlung 1909. (VII, 221 S.) gr. 8° M. 6 —

Noch im Jahr 1902 war K. Müller im Grundriß der
Kirchengefchichte 2,388 beim Überblick über den Zuwachs
der Reformation in den fürftlichen Territorien des
Nordoftens aus Mangel an zureichenden Quellen zu der
Angabe genötigt: 1533 (wurde) die Graffchaft Schwarzburg
, die fächfifches Lehen war, unter dem neuen Grafen
Günther reformiert, während Möller-Kawerau im Handbuch
der Kirchengefchichte 33 und die Prot. Realenzyklopädie
die Reformation von Schwarzburg ganz übergehen
. Der verftorbene Kirchenrat D. German hatte
völlig recht, wenn er äußerte: ,Eine Schwarzburgifche
Reformationsgefchichte ift ein wirkliches Defideratum'
(Einicke 1, V). Jetzt hat Lic. G. Einicke nach eindringenden
Quellenftudien Licht in das Dunkel gebracht. Wir
fehen jetzt, wie die Graffchaft Schwarzburg in der Reformationszeit
in drei zufammenhangslofe, weitgetrennte
Teile zerfiel, in die Oberherrfchaft mit der Hauptrefidcnz
Arnftadt, im ganzen 9 Städte und c. 145 Dörfer, die Unterherrfchaft
mit Sondershaufen und Frankenhaufen, im
ganzen 4 Städte und etwa 55 Dörfer, und die Herrfchaft
Leutenberg in Franken, einen kleinen Splitter der Oberherrfchaft
. Alle diefe drei Teile hatten ihre befonderen
Herren. Die für die Reformation der Graffchaft einflußreichen
Lehensverhältniffe waren verwickelt. Leutenberg
war kaiferliches Lehen, die Oberherrfchaft teils kaiferliches,
teils königlich böhmifches, teils kurfächfifches, teils herzoglich
fächfifches; kleinere Stücke gingen vom Erzftift
Mainz und vom Stift Hersfeld zu Lehen. Von der Unterherrfchaft
waren 7 Ämter Lehen der Albertiner, 3 Lehen
von Mainz, kleinere Teile von Kurfachfen und Stift Hersfeld
. Da der Kurfürft von Sachfen mit dem ftreng katho-
lifchen Herzog Georg fich dahin vertragen hatte, daß
ihre Lehnsleute der Religion des Lehnsherrn folgen
follten, konnten Hemmungen und Störungen bei den
gemifchten Lehnsverhältniffen nicht ausbleiben. Dazu
griffen die fächfifchen Kirchenvifitationen in die kirchlichen
Verhältniffe folcher Gemeinden ein, die mit fächfifchen
Pfarreien verbunden waren oder unter dem Pa-
tronat fächfifcher Lehensherren ftanden. Für den Leuten-
berger Grafen Hans Heinrich, der fchon 1522 mit Luther
in Briefwechfel getreten war, bildete die Rückficht auf
feinen Lehensherren, den Kaifer, ein ftarkes Hindernis
für die Einführung der Reformation, folange der Kaifer
nicht durch den Schmalkaldifchen Bund zum Frieden
mit den Proteftanten genötigt war und am 3. Aug. 1532
in den Nürnberger Stillftand gewilligt hatte. In der
Unterherrfchaft waren einzelne Gebietsteile gemeinfchaft-
lich mit den Grafen von Stolberg.

Im erften Band (Zwanzig Jahre Schwarzburgifche
Reformationsgefchichte 1521 — 1531, X u. 423 S. mit dem
Bild des ,Reformators' Graf Heinrich XXXlI. und einer
wenig deutlichen Karte) gibt Einicke erft einen Überblick
über die politifchen und wirtfchaftlichen Verhältniffe und
die kirchlich-religiöfen Zuftände am Ausgang des Mittelalters
(S. 1 —174), dann fchildert er die Anfänge der
reformatorifchen Bewegung 1521—25, die Wirkfamkeit
Kaspar Güttels in Arnftadt, Joh. Thals in Ehrich und
Cyriakus Taubental in Ringleben. Einicke fchreibt immer
Guttel, obwohl er Kaweraus Biographie Güttels S. 188
Anm. 1 zitiert. Mehr als ein Drittel des Bandes ift dem

Aufruhr 1525 gewidmet S. 208—372. Erft unterfucht
Einicke die Gründe des Aufruhrs für Stadt und Land
(S. 208—285), dann den Aufruhr in der Oberherrfchaft
(S. 286—323) und endlich den in der Unterherrfchaft,
wobei Frankenhaufen eine befondere Rolle fpielt (S. 324—
373). Zu viel Gewicht darf man nicht darauflegen, wenn
der Stadtilmer Ratsherr Franz Langftat die 12 Artikel
,Schwarzwäldifche Sachen' nennt (S. 296), aber Einicke
geht ganz mit Stern und Stolze, indem er fie als Artikel
der Schwarzwälder, ja S. 320 gar der ,fchwarzen' Bauern
betrachtet. Dann folgt die weitere Ausbreitung der
reformatorifchen Bewegung 1526. E. zeigt, wie Graf
Günther XXXIX. unter dem Eindruck des Aufruhrs fich
von der Reformation abwendet und fich darüber mit
feinem Sohn, dem reformationsfreundlichen Heinrich
XXXII. entzweit, wie fich die Grafen gegenüber dem
Drängen Kurfachfens ihre Selbftändigkeit wahren, und trotz
ihrer Zurückhaltung in der Stille die Reformation unter
dem Volk Boden gewinnt, was fich fchon rechnerifch
aus den Einnahmen und Ausgaben der Amts- und Stadtrechnungen
zeigen läßt (S. 373—414). Im letzten Kapitel
befpricht E. die wiedertäuferifchen Regungen, wobei er
vor allem Ed. Jacobs' trefflicher Studie ,die Wiedertäufer
am Harz' Z. des Harzvereins XXXII Heft 2 folgt. Dabei
führt er auch Val. Ickelfamer, Schulmeifter in
Arnftadt, auf, den er einen Schwaben nennt, während er
aus Rothenburg an der Tauber, alfo aus Franken, flammt
(Akten der Un. Erfurt II, 304). Er kennt nicht, was
F. Cohrs Monumenta Germaniae Paedagogica XX, 12g ff.
(1900) und Barge BBKG. 7,278!!. über ihn bieten, auch
nicht feine Teilnahme an den ffürmifchen Bewegungen
in Rothenburg a. d. T. Sehr der Prüfung bedürftig fcheint
die Einreihung diefes feurigen Anhängers Karlftadts unter
die Täufer. M. E. gibt weder das Schreiben des Kur-
fürflen Johann an Graf Günther XXXIX. vom 27. März
1530 (Jacobs S. 75 Einicke 1,416), noch das von Johann
Friedrich an F. Myconius (BBKG. 7,279) vom gleichen
Tag dafür einen fiebern Anhaltspunkt. Nur als Scbwärmer
ift er verdächtig, fteht aber damit für Kurfürft Johann
auf derfelben Stufe der Verworfenheit, wie die Täufer.
Ein Schwärmer kann er in den Augen der beiden fächfifchen
Fürften auch als treuer Anhänger Karlftadts und
feiner Abendmahlslehre gelten.

Ift der erfte Band eine reiche Stofffammlung, die
zwar nicht immer genügend durchgearbeitet und kritifch
gerichtet ift, aber doch in mancher Beziehung über den
Rahmen der Territorialgefchichte hinaus Intereffe bietet
und ,dem großen Gefamtbild einige nicht unwillkommene
Züge ergänzend hinzufügen' dürfte (1, V), fo hat der
zweite Band wefentlich für die Darftellung gewonnen.
Befonders ift das Schlußkapitel ,Rückblick und Zufammen-
I faffung' S. 130—154 gut geraten und belehrend. Aus
j dem Vorwort erfahren die Lefer, daß das Manufkript
Profeffor D. Dr. W. Köhler vorgelegen hat. Freilich
leidet der zweite Band wie der erfte noch an einer Menge
Fragezeichen bei der Wiedergabe der reichlich mitgeteilten
Quellen, für deren fichere Lefung es E. an der
Unterftützung durch paläographifch gefchulte Kräfte
fehlte, die ihm auch geraten hätten, die Abkürzungen
wie doica, sabbto S. 28 Anm. 4, wo sabbio p. asiencionis
gedruckt ift, ufw. aufzulöten. So ift S. 19 Z. 32 machlone,
S. 36 Z. 24 parasceue {Abtat.), Z. 29 conservare zu lefen,
S. 60 Z. 13 do zu, Z. 18 aber ftatt ab. S. 63 wiegenachten
| (Weihnachten) ftatt wiege machten, S. 65 Z. 36 vor ftatt von,
S. 67 Z. 7 füllen ftatt fallen, Z. 13 Karg (der Z. 23 genannte
I Eukarius) vf izige zeidt. S. 136 Z. 20 anthiffen {anti-
Aphonien) ftatt anthiffen. Vgl. S. 135 Z. 9. S. 137 Z. uff.
1 Ader ander fchone gelange ftatt,Aber ander fchone gefagt*.
S. 143 Z. 21 catechistnen ftatt christianismen, Z. 33 zapff
ftatt zopff, Z. 45 indiligentissimus. S. 106 Z. 18 fehlt
nach ,von' der Ort Kclbra, Z. 23 1. Botken, S. 107 Z. 14
pension vgl. Z. 29. S. 173 Z. 25 pincernam. S. 177 Z. 36 de
visco = fisco. Zu schütte pflegend 183 Z. 16 vgl. S. 173 Z. 23.