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Ausgabe:

1910

Spalte:

303-304

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilmart, André

Titel/Untertitel:

Trois nouveaux fragments de l‘ancienne version latine des prophètes 1910

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Seite 1

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303

gegenüber einer früheren Kundgebung des gleichen Verf.s
(vgl. Jahrgang 1908, Sp. 135 f. diefer Zeitfchrift).

Baden. H. Holtzmann.

Wilmart, D. A., O. S. B., Trois nouveaux fragments de
l'ancienne Version latine des prophetes. (Extrait de la
Revue Benedictine, avril et mai 1909.) (18 et 2 p.) gr. 8°

Für Freunde der altlateinifchen Bibelüberfetzungen
eine Freude! Anläßlich der Turiner Ausftellung 1898
erfchien 1899 in Turin ein Atlante Palcografico-Artistico,
in dem auch 2 Seiten eines Cod. Veronensis XXXVIII
(36) aus dem Jahre 517 reproduziert waren. Der Atlas
hat den gelehrten Benediktiner Wilmart veranlaßt, den
Inhalt der erft im 8. Jhdt. befchriebenen letzten Blätter
diefer Handfchrift — ihr Hauptinhalt find Werke des Sulp.
Severus und die vita Pauli — zu identifizieren. Reiffer-
fcheid hatte darin den Entwurf einer Predigt über das
jüngfte Gericht gefunden, Wilmart erkannte Stücke aus
einer vorhieronymianifchen Bibelüberfetzung, und zwar
Jef. 27,11b—13, Jerem. 4,3 b, Jef. 33,9—T9- w- fugt her
Publikation der Texte auch eine kurze — einleuchtende —
Befprechung der Frage hinzu, zu welchem Zweck fie
jenen Platz erhalten haben mögen: fie dürften aus einem
alten Lektionar flammen, wo fie in der Liturgie der
Faden- (oder Advents-) Zeit in gleicher Reihenfolge wie
im Cod. Veron. ihren Platz hatten.

In einem Nachtrag teilt er mit, daß gleichzeitig mit
ihm ohne fein Wiffen der über feine Abfichten unterrichtete
Leiter der Bibliothek in Verona, Don Ant. Spa-
gnolo die gleichen Texte veröffentlicht hat: nach deffen
Ausgabe kann er 2 Fehler feines Textes berichtigen,
während er ihr gegenüber in mehreren Fällen das Richtige
vertritt. Für uns eine unerhebliche Konkurrenz, da die
italienifche Ausgabe bloß die Texte, Wilmart aber einen
Kommentar dazu, eine wiffenfchaftliche Bearbeitung liefert.

W. dellt zuerd den von Schreibfehlern gereinigten
Text des neuen Zeugen auf, verzeichnet im Apparat
genau die Varianten der Handfchrift, und weid ihm dann
unter Heranziehung der griechifchen Bibelhandfchriften
und der altlateinifchen, leider hier durchweg nur aus
patridifchen Zitaten bedehenden Seitengänger feinen
Platz innerhalb derltala-Gruppen an.L- Das Refultat lautet:
ein von Cyprian weit entfernter, näher mit dem pfeudo-
augudinifchen Speculum verwandter Text, im ganzen
wohl dem altlateinifchen gleich, den Hieronymus kannte
und benutzte, foweit er nicht der hebraica veritas zuliebe
ihn umgedaltet hat. Berührungen mit der griechifchen
Lucian-Rezenfion fcheinen mir fraglicher, die Hand-
fchriftenklaffen auch noch nicht genügend gefchieden,
um Sicheres zu ergeben.

In Beibringung der lateinifchen Mitzeugen hat W.
das Mögliche geleidet. Ich wüßte eine Ergänzung, die
der Rede wert id, bloß zu Jef. 33,15 zu liefern aus Hieron.
prol. in Jerem. I. 2 (877/78) und zu Jef. 33, 14—16 das
lange Zitat bei dem Donatiden Fulgentius (CSEL vol.
p LIII. 292,17fr.). W.s Angaben find zuverläffig, einige
Akzentfehler in griechifchen Worten verbeffert man leicht;
daran, daß man feine Zitate trotz genauer Bezeichnung
der Seiten in der Patrol. lat. tom. 25 oder 26 nicht auffindet
, id nicht Wilmart, fondern die Patrologia fchuld;
man hat bei deren verfchiedenen Ausgaben fich nicht einmal
um Seitengleichheit gekümmert. Wollen wir denn
nicht lieber, wo es (wie bei Hieronymus) möglich id, mit
den im Migne-Text erhaltenen Vallarfi-Seitenzahlen
operieren, damit die Zeit nicht vergeudet wird? p. 14 zu
v. 13,2 verbeffere adpropriant in adpropiant, zu v. 15,2
wäre zu erwähnen, daß Tertull. viam rectum (nicht r.
viani) lied, und Hier, veritates datt veritatem der Vulg.
wollte. S. 3 zu Jef. 27, 12a id W. geneigt, in illa die
nach 27, 13 in in die illa zu verbeffern; indeß deht auch v.
13a derelicti sunt neben 13b derelicti erant: ich würde

folche Konformationen nicht empfehlen, weil die Über-
fetzer feiten auf Gleichförmigkeit bedacht waren.

Wilmarts Edition, die nur vielleicht etwas überficht-
licher gedaltet fein könnte, id m. E. ein Muderbeifpiel
für kritifche Bearbeitung altlateinifcher Bibeltexte. Sie
genügt, um zu zeigen, was ich an D. Heers Ausgabe
des lateinifchen Barnabas vermißte. Ich benutze gern
die Gelegenheit, um die Lefer, die fich meiner Befprechung
des Heerfchen Buchs ThLZtg. 1909, 291 f. erinnern,
darauf aufmerkfam zu machen, daß der von mir feiner
Meinung nach fchnöde Verkannte in der Römifchen
Quartalfchrift 1909, 221—245 mir die Ehre gibt, meine
Einfälle unter Berufung auf feine und vieler berühmter
Namen Autorität — er operiert immer ausfchlaggebend
mit Autoritäten — zu widerlegen. Wie wünfchte ich,
daß feine unermüdliche Philippica ,die übliche Rundreife',
aber ganz unverkürzt, anträte. Für fpätere Biographen
von mir und J. M. Heer id jener Artikel eine reich-
fprudelnde Quelle. Ich hatte Heers Fleiß aufs höchde
anerkannt; das, was ich in feinem Buche vermiffe, eine
wenigdens oberflächliche Bekanntfchaft mit den Problemen
! der Itala-Forfchung und vor allen Dingen: Urteil, finde
' ich auch in diefer Erwiderung nicht. Wenn er nicht
i einfieht, daß die ThLZ. keinen Platz bietet, um meine
j Stichproben' (!), die zuungunden der Volldändigkeit
feines Materials ausgefallen find, aufzunehmen, fo wage
ich es nicht ihn zu belehren. Ich brauchte gar keine
Stichproben vorzunehmen, wo das Fehlen der von Sa-
batier nicht benutzten, wenn auch noch fo wichtigen
j Fundgruben und die Art der Zitierung der Väter die
I Wertlofigkeit des Apparats verrät. Ich verlange von
niemand einen volldändigen Apparat, ich kann ihn
fo wenig wie Herr Heer liefern. Aber das Bewußtfein
um die Mängel von Sabatier, um die Unmöglichkeit, heute
einfach Zeugenreihen Cypr., Tert., Iren., Hilar., Aug. aufzuführen
, ohne Eingehen auf die Varianten in ihren Aus-
I gaben und zwifchen den verfchiedenen Stellen in ihren
Werken, halte ich allerdings für ein unentbehrliches Erfordernis
fchon bei der erden Arbeit. Harteis Cyprian-
| ausgäbe deht bei mir in hohen Ehren — Heer verdeht
trotz feines feinen Taktgefühls manchmal fchlecht —,
i aber aus den Tcstimonia zum mindeden darf man nur
j zitieren unter Nennung der Handfchriften: man foll Harteis
Apparat nicht bloß fchätzen, fondern fortwährend be-
S nutzen. Meine der altlateinifchen Bibel fchuldige Zeit
1 kann ich leider nicht an ihren Gönner Heer verwenden;
gottlob fieht man an Wilmart, daß geeignetere Kräfte,
als es vorläufig Herr Heer id, an der Itala-Arbeit waren
; und bleiben werden.

Marburg. Ad. Jülicher.

! Elter, Anton, Prolegomena zu Minucius Felix. Bonn, C.
Georgi 1909. (63 S.) gr. 8° M. 1.20

Die ausführlichere Dardellung der Minucius-Felix-
Frage, die Elter in Ausficht dellt, kann, fo gefpannt wir ihr
entgegenfehen, kaum ein noch därkeres Intereffe in An-

i fpruch nehmen, als es diefer Vertrag fich erzwingt. Er
ill gleich wertvoll als Beitrag zur Erklärung des ,Octavius'
von Min.-Felix wie als Wegweifung für eine vollkommene
Behandlung derartiger Probleme; nur in der zweiten

| Hälfte hält fich der Verf. manchmal etwas lange bei
den abgelehnten Irrtümern auf, da merkt man unnötig
dark die Abficht zu überrafchen und zu unterweifen.

E. läßt die hoffnungslofen Unterfuchungen über das
Verhältnis des Minucius zu Tertullian beifeite und fucht
den Dialog aus fich heraus zu verdehen. Es zeigt fich,
daß er keine apologetifche Fiktion fein kann, fondern die
kündlerifche Verarbeitung eines wirklichen Religionsge-
fprächs zwifchen drei Freunden, die fich in Odia trafen.
Er charakterifiert die Freunde, causidici aus Afrika (aber

I nicht aus Cirta!), von denen 2 längd nach Rom überge-

j fiedelt find, während der dritte fie nur einmal belucht: