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Ausgabe:

1910 Nr. 10

Spalte:

297-299

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Feine, Paul

Titel/Untertitel:

Theologie des Neuen Testaments 1910

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 10. 298

fehr daran, den für mein Werk gewählten Titel zu verteidigen
, als eine Verdunkelung des Sachverhaltes zu
verhindern.

Mit großer Spannung darf man der Fortfetzung des
Werkes, befonders aber dem Schlußbande entgegeniehen.

Verarbeitung eines Anfpruches ift, welchen fchon der
fynoptifche Jefus in Worten wie Matth. u,27 = Luk. IO, 22
erhoben hat (S. 48). ,Wir flehen bereits hier am theo-
logifchen Scheidewege' (S. 29, 188), wie gegen diejenige
Richtung ausgeführt wird, die ,ftark beeinflußt durch

Aber auch bis zum Erfcheinen des letzteren wird Ginz- ( A. Ritfehl' Jefu Perfon nicht als ein Stück des göttlichen
bergs Arbeit eine intereffante Lektüre für den Laien fein [ Heils felbft, fondern nur als den Führer der Menfchen
und auch dem Fachmanne zur Anregung und Orientierung j zum Heil, als den prophetifchen Offenbarer Gottes bedienen
können. trachte. Wenn von diefer angeblich rein hiftorifch ver-

Budapeft. W. Bacher.

fahrenden Theologie, als deren Vertreter hauptfächlich Jüli
eher und Johannes Weiß erfcheinen (S. 201 f.), beifpielsweife
die vaterlofe Erzeugung Jefu einfach in das Gebiet des
Feine, Prof. D. Dr. Paul, Theoloqie des Neuen Teitaments. Mythus verwiefen und in Analogie mit bekannten Sagen
t t n o- • i_ v 1 v. 1 l. ji /vti des Altertums über die Geburt bedeutender Männer

Leipzig, J. C. Hinnchs'fche Buchhandlung 1910. (XII, ■ ■ fn at r . pinCTPnnmmPnpn

714 S.) Lex. 8° M. 12.50; geb. M. 14.50

Auf alle Fälle ein folides, redliches Stück Arbeit,
als Buch von formellen Vorzügen, wie fie fchon die
durchfichtige und gleichmäßige Behandlung alles und
jedes Details verbürgende Dispofition erwarten läßt.
Daran, daß die Ausführung der Güte des Planes ent-
fpricht, wird auch da kein Zweifel obwalten, wo man
der Tendenz des Ganzen — denn von einer folchen darf
geredet werden — fremd gegenüber fteht. Der Unterbeurteilt
wird, fo liegt auf dem hier eingenommenen
Glaubensftandpunkt die Sache doch anders. ,Als Hifto-
riker haben wir auszufprechen, daß die vaterlofe Geburt
Jefu nur von einem Teil der urchriftlichen Überlieferung
geboten wird und daß fie die größten fachlichen Schwierigkeiten
in fich fchließt; als Chriflen erblicken wir in
ihr einen Aft der Kunde von Chriftus, von der wir uns
im Unterfchiede von den mythifchen Erzählungen über
Buddha, Pythagoras, Plato und andere Große der Welt-
efchichte nicht löfen können: Jefus flammt aus der

zeichnete glaubt Inhalt und Richtung der vorliegenden j jenfeitigen Welt und ift Gottes Sohn' (S. 587).
Leiftung in der hier gebotenen Kürze am verftändlichften Auch fonft fehlt es in dem Buche nicht an Stellen,

zu kennzeichnen, wenn er fich von vergleichenden Seiten- ! die Anleitung geben wollen, ein korrektes Verhalten zu

blicken auf die Anordnung und Behandlung des gleichen
Stoffes in feinem eigenenLehrbuche leiten läßt. Hebt doch
der Verf. felbft im Vorwort diefen Gegenfatz in bezug
auf ,manche Grundgedanken und den Werdegang der
theologifchen Anfchauungen des Neuen Teftaments' hervor
. Dahin gehört gleich, daß er darauf verzichtet, dem
Hauptftoffe als Einleitung eine zufammenhängende Dar-
ftellung der jüdifch-helieniftifchen Theologie voranzu-
fchicken, fondern es vorzieht, ,immer bei dem betreffenden
Lehrpunkt das Erforderliche zu fagen' (S. IV, 194).
Bei der Abgrenzung der neuteftamentlichen Literatur
gegenüber der altchriftlichen folgt er nicht ,den prak-
tifchen Intereffen der Schultheologie', fofern diefe Be-
fchränkung auf den kanonifchen Teil der altchriftlichen
Literatur rätlich machen, fondern ift von ,einem dogma-
tifchen Geffchtspunkte beftimmt', der in der einzigartigen
Bedeutung des Neuen Teftaments für unfer chriftliches
Glaubensleben gegeben ift. .Daher ift die Aufgabe der
Theologie des NT.s doch keine rein hiftorifche' (S. 1),
wenn fie auch ,nicht umhin kann, Stellung zu den Problemen
zu nehmen, welche neuerdings durch die Religions-
gefchichte erwachfen find' (S. 5). Intereffen und Sorgen
letzterer Art, überhaupt die eingehendere Teilnahme an
den durch die hiftorifche Methode der Gegenwart und
die heutige Geftalt der literarifchen Kritik bedingten
FTageftellungen unterfcheidet diefes Werk von den in
gleich konfervativer Richtung lange maßgebend gewefenen
Lehrbüchern von B. Weiß und W. Beyfchlag und gibt

Wahrheitsfragen mit dem religiöfen Bedürfnis in Einklang
zu erhalten. Man merkt, daß der Verf. in erfter Linie
fich als Lehrer der ftudierenden Jugend fühlt, künftige
Führer der chriftlichen Gemeinden im Auge hat, welchen
er zeigen will, wie und warum eine aufrichtige Gehorfams-
leiftung gegen die Forderungen der Wiffenfchaft keine
Schädigung an ihrem religiöfen Befitz zu bedeuten braucht.
P'aft hat man den Eindruck, als ob er eine folche Praxis
in einem gewiffen Gegenfatz zu feinem Vorgänger Wrede
übe (S. 37, 201, 243, 371, 376). Befonders im zweiten, die
Theologie des Ürchriftentums, am ausführlichften den
Paulinismus, behandelnden Teil geht die Tendenz auf mög-
lichften Ausgleich der zwifchen der apoftolifchen Vor-
ftellungswelt und dem religiös-fittlichen Bewußtfein der heutigen
Chriftenheit wahrgenommenen Kluft. Wenn beifpielsweife
Paulus feine Sühngedanken auf die Annahme eines
Widerftreites innergöttlicher Motive gründet, fo .erkennen
auch wir die Wahrheit beider Seiten der Gottverkündigung
an', und fchon vor Paulus hat Jefus felbft die Löfung eines
gleichen Widerftreites in feinem Tode gefunden (S. 133,
146f., 388, 406). Im übrigen geht gerade die Darfteilung
der Verföhnungs- und der Rechtfertigungslehre meift in
erfreulicher Ubereinftimmung mit der modernen Theologie
, und es ift nur ein künftlich gemachter Gegenfatz.
wenn die von diefer getroffene Unterfcheidung einer
mit judifchen Rechtsbegriffen operierenden und einer
ethifch-myftifchen Theorie unter Hinweis auf die doch
felbftverftändliche Tatfache abgelehnt wird, daß fich

ihm eine wefentlich modernere Phyffognomie. Aber auch , beide Gedankenreihen im Bewußtfein des Paulus zu-
,wir fehen die Überlieferung von der evangelifchen Ge- j fammengefunden haben (S. 383}. Ganz fo ift es ja auch
fchichte in einem anderen Licht als die kritifche Theo- j auf der Gegenfeite gemeint und dargeftellt worden, und
logie' (S. 10), und zwar trotz aller Anerkennung, die der j noch in feiner Schrift über ,Das gefetzesfreie Evangelium
Verf. der Zweiquellentheorie fpendet (S. 15 f.), auf deren j des Paulus' (S. 201) hat der Verf. felbft als für das VerGrund
der erfte Teil die Lehre Jefu nach den Synoptikern j ftändnis des Apoftels entfeheidend die Erkenntnis betont,
entwickelt, jedoch nicht etwa fo, daß die kritifch werdende J ,daß verfchiedene Gedankenftränge mehr oder minder
Stellung Jefu zu der überkommenen Religion des Gefetzes j deutlich hier teils nebeneinander laufen, teils fich kreuzen,
den Ausgangspunkt für den zum Meffianismus füh- ! teils auch nur mitfehwingen'. Demgemäß wird auch
renden Werdegang bildet (S. 78), fondern fo, daß das j jetzt wieder eine ,ethifch-myftifche Wertung des Todes
Neue und Originale der Verkündigung Jefu felbft, die Chrifti' beftimmt unterfchieden von der .objektiven Be-
Darftellung feines Selbftbewußtfeins als Meffias, als Gottes- trachtungsweife' mit ihren, dem ,Zivil- und Strafrecht'
und Menfchenfohn, der apoftolifche Glaube an feine entnommenen Begriffen (S. 397). Die Urteile über die
.gottgleiche Würde' (S. 198) fofort an die Spitze des nachpaulinifche Literatur, wozu auch die Paftoralbriefe
Ganzen tritt. Als Ergebnis diefer, doch wohl mit der gehören, find kürzer gehalten und werden meift Billigung
Tür ins Haus fallenden, Methode (Teilt fich heraus, daß erfahren, allerdings mit Ausnahme der Abwehr jedes
die fpätere Lehre von der Gottheit Chrifti zwar auf , Diffensus zwifchen Paulus und Jakobus in der Frage nach
paulinifch-johanneifchem Grund ruht, an fich aber nur I dem Verhältnis von Glauben und Werken (S. 403!., 566h).