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Ausgabe:

1910 Nr. 1

Spalte:

8-9

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmid, Joseph

Titel/Untertitel:

Die Osterfestberechnung in der abendländischen Kirche vom I. allgemeinen Konzil zu Nicäa bis zum Ende des VIII. Jahrhunderts 1910

Rezensent:

Rühl, Franz

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 1.

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doch ficher, daß die Hauptmaffe chriftlichen Urfprungs
ift. Harnack hat zu zeigen verfucht, daß die in der
Piftis Sophia zitierten gnoftifch find. Er felbft hebt aber
hervor, daß die gnoftifchen Spuren gering find, und daß
die gnoftifchen Ideen, welche der Verf. der Piftis Sophia
mittelft feiner Auslegung in diefe Pfalmen hinein legt,
ihnen felbft ganz fremd find. Ich vermute, daß Harris
recht hat, wenn er überhaupt den gnoftifchen Charakter
der Pfalmen beftreitet. Aber eine genauere Unterfuchung
ihres religiöfen Gedankenkreifes muß den Kirchen-
hiftorikern überlaffen werden. Es wird dabei auch die
Frage nach der Einheitlichkeit ihres Urfprungs ins Auge
zu faffen fein. Da wir keinen Überfluß an ähnlichen
Denkmälern des chriftlichen Altertums haben, verdienen
diefe Texte eingehende Beachtung. Der Herausgeber
hat fich durch die forgfältige Bearbeitung derfelben ein
wefentliches Verdienft erworben.

Göttingen. E. Schürer.

Bachmann, Prof. D. Philipp, Der zweite Brief des Paulus
an die Korinther ausgelegt. 1. und 2. Auflage. (Kommentar
zum Neuen Teftament, herausgegeben von
Theodor Zahn. Band VIII.) Leipzig, A. Deichert,
Nachf. 1909. (VIII, 425 S.) gr. 8° M. 8.20

Im großen und ganzen gilt zwar von diefem Kommentar
, was fchon über des gleichen Verf.s Auslegung
des erflen Korintherbriefes gefagt war (f. Jahrgang 1906
diefer Zeitfchrift, Sp. 432—34). Doch ift ein Fortfehritt
nicht zu verkennen. Nicht bloß hat das exegetifche
Material durch ausgiebigere Benutzung der Papyri Bereicherung
erfahren (daher z. B. S. 254 die Note über
den zehnfach verfchiedenen Gebrauch von vjcsq), find nach
Zahns Vorgang die Varianten der Athoshandfchriften
beigezogen und auch weniger bekannte und offenbar
falfche, aber intereffante Lesarten (z. B. S. 269) wenig-
ftens erwähnt worden, fondern es fehlt auch nicht an
neuen und beachtenswerten Verfuchen,alteSchwierigkeiten
aus der Welt zu fchaffen (z. B. S. 228f. bezüglich des
£' 5> 3)) am Nachweis von Gloffen (z. B. S. 144 xctQÖiaq
3,3), wie überhaupt die Sorgfalt der grammatikalifchen
Kleinarbeit (z. B. S. 264k bezüglich des ojg ort 5,19)
Anerkennung verdient. So unverdroffen der Verf. gerade
da an der Arbeit ift, wo der Sinn der apoftolifchen Worte
faft hoffnungslos im Dunkel fchwebt, und fo ftarke Zumutungen
er in folchen Fällen an Faffungskraft und Geduld
der Lefer ftellt, fo bleibt doch bei diefen nach genauefter
Erörterung von einem Dutzend und mehr Möglichkeiten
leicht als Totaleffekt der Eindruck zurück, es gebe für
Stellen wie 5,1 und 6 überhaupt keine irgendwie einwandfreie
und allfeitig befriedigende Auslegung. Speziell das
Verhältnis von ivövoafievoi zu ov yvfivoi 5,3 betreffend
möchte ich gegen die fyntaktifche Koordination (S. 2261.)
noch einmal die Inftanzen geltend machen, welche fchon
in der Note zum .Lehrbuch der neuteftamentlichen Theologie
' II S. 198 aufgeführt find. Erfreulich nimmt man
dagegen in einem der Erlanger Tradition folgenden
Kommentar die Ablehnung der geiftig-ethifchen Um-
deutung jener Worte wahr (S. 228), wie fich der feine
Selbftändigkeit wahrende Verf. überhaupt gegen Hof-
mann gar nicht feiten (allein innerhalb des 5. Kapitels
S. 221. 227f. 231. 234. 250. 258. 265) verwahrt, ja gelegentlich
auch von Zahns Wegen abweicht (z. B. S. 100. 114.
116). Von Hofmann hat er dagegen gelernt, den neuen
Abfchnitt, welchen die meiften 5,11 eröffnet fehen, fchon
5,9 beginnen zu laffen (S. 240). Im ausgefprochenen Ge-
genfatze zur neueren Kritik hält er an der Einheitlichkeit
des Briefes feft, behandelt alfo nicht bloß 6, 14—7,1 als
integrierenden Teil des Ganzen (S. 8. 289!.), wie übrigens
gleichzeitig auch Windifch, Taufe und Sünde S. 149k
tut, fondern hält auch nichts auf die Abtrennung der
letzten 4 Kapitel von den 9 erflen (S. 9f. 414k), während

die Frage nach Zwifchenbrief wie Zwifchenaufenthalt
bejahende Beantwortung findet (S. I2f.95k 106k 251. 424k).
Nun ift es gewiß von Bedeutung, wenn der gleichzeitig
erfchienene, aber von ganz anderem theologifchen Standpunkt
ausgehende Kommentar Lietzmanns (Handbuch
zum Neuen Teftament, III) auf fämtlichen zur Sprache
gebrachten Kontroverspunkten der gleichen Anficht ift
wie unfer Verf. Dazu kommt noch auf beiden Seiten
die Abwehr einer veränderten Ausficht auf Tod und
Auferftehung (S. 16k 235 k), die Zweifel an der vielfach
11,3 entdeckten gefchlechtlichen Verführung der Eva
(S. 360), die Deutung des Pfahls im Fleifch 12,7 nicht
auf Epilepfie (fo jetzt wieder Knopf, Paulus S. 16),
fondern auf Neurafthenie (S. 393 k) und fo manches andere
, was durchaus dem Eindruck ruft, daß die neu-
teftamentliche Kritik und Exegefe zurzeit günftiger auf
den Wert der Tradition zu fprechen fei, als noch vor 30
und mehr Jahren der Fall war. Beide Werke, der aus-
fuhrlichfte wie der kürzefte unter den vorhandenen Kommentaren
, ftellen auch infofern fehr beachtenswerte Lei-
ftungen dar.

Baden. H. Holtzmann.

Schmid, Stiftsdek. DD. Jofeph, Die Olterfeltberechnung
in der abendländilchen Kirche vom I. allgemeinen Konzil
zu Nicäa bis zum Ende des VIII. Jahrhunderts.
(Straßburger theologifche Studien. Neunter Band.
Erftes Heft.) Freiburg i. B., Herder 1907. (IX, n 1 S.)
gr. 8° M. 3 —

Die Schrift behandelt in fünf Kapiteln: 1. die
Ofterfeftdifferenzen zwifchen der alexandrinifchen und
römifchen Kirche bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts,
2. die Ofterfeftberechnung nach den Zyklen des Victorius
und Dionyfius Exiguus in Italien, 3. die Ofterfeftberechnung
in Gallien, 4. die Ofterfeftberechnung in Spanien,
5. die Ofterfeftberechnung in der nordafrikanifchen Kirche.
Es ift nicht gerade viel wiffenfehaftlich Neues, was uns
hier geboten wird. Der Verf. hat es nicht für feine
Aufgabe gehalten, neue Tatfachen aus den Quellen zu
ermitteln, und man muß zugeftehen, daß das auch fchwer
ift, wenn es nicht gelingt, zur Zeit noch unbekanntes
Material zugänglich zu machen. Trotzdem ift die Arbeit
nicht ohne Nutzen, da fie, was bisher nicht gefchehen
war, die bekannten Tatfachen ausfuhrlich, kritifch und
in lesbarer Form zufammenftellt und damit auch
denen bequem vermittelt, welche aus irgend einer Ur-
fache das Studium der grundlegenden Werke vermeiden
und fich doch nicht mit den knappen Refultaten begnügen
wollen, wie Handbücher fie allein zu geben vermögen
. Der Verf. entwickelt großen Fleiß, legt die

1 herrfchenden Kontroverfen verftändig und mit eigenem
Urteil dar, freilich ohne fie, foweit wir wenigftens be-

j merkt haben, weiter zu fördern, und zeigt eine fehr aus-

| gebreitete Literaturkenntnis. Seine zahlreichen Zitate
werden auch dem eigentlichen Forfcher willkommen
fein, obwohl viele von ihnen ganz überflüffig find. Es
werden nämlich nicht bloß die Urheber der einzelnen Anflehten
angeführt und die Stellen, wo über ihre Meinungen
weiter verhandelt worden ift, fondern auch alle diejenigen
Bücher, in denen über die Sache und ihren jeweiligen
Stand einfach referiert worden ift. Allerlei kleine Ver-
fehen, wie fie gelegentlich mit unterlaufen, treffen feiten
das, worauf es ankommt.

So wenig Anfpruch nun auch der Verfaffer darauf
erheben kann, die Wiffenfchaft durch neue Ergebniffe
wahrhaft zu bereichern, fo hat fich doch immerhin bei
diefer fleißigen Durchforfchung der Literatur Einiges er-

i geben, was von denen, die es angeht, überfehen worden
ift und Beachtung verdient. Auf eine diefer Fragen
möchte ich hier etwas näher eingehen, da ich mit Schmid

j nicht ganz übereinftimme.