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Ausgabe:

1910 Nr. 10

Spalte:

293-294

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steinmann, Theophil (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Religion und Geisteskultur. 1. u. 2. Jg. 1907 u. 1908 1910

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 10.

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follte, wird hier ad oculos demonftriert, wie Vieles gar
nicht'zu feiner Kenntnis gekommen ift. Um fo wichtiger
find diefe kritifchen Zufammenftellungen, wichtig auch
dann, wenn fich die Berichterftatter auf Titelangaben zu
befchränken gezwungen fahen.

Zur Illuftration des Geleifteten hebe ich die 7. Abteilung
des Jahrgangs 1907 hervor. Hier hat Stuhlfauth,
durch feine Arbeit über die Engel in der kirchlichen
Kunft wohl bekannt, über das Gefamtgebiet derfelben
auf 110 S. Bericht erftattet. Man vermißt hier fchlechter-
dings nichts von dem, was irgend mit der kirchlichen
Kunft in Verbindung fteht und erhält auch nicht nur
totes Material, fondern fieht fich auch aufs befte aufgeklärt
. Stuhlfauth hat den Stoff in vier Abteilungen
geteilt: 1) Denkmälerftatiitik, kunftgefchichtliche Ortskunde
, Sammlungen und Ausheilungen, 2) Gefchichte
der Kunft (der Hauptabfchnitt, enthaltend auch die Gefchichte
einzelner Kunftzweige, die Epigraphik und
Numismatik, Kleinkunft ufw. [f. S. 58 die Loretofrage],
die kirchliche Kunftgefchichte der neueften Zeit, incl.
des Kirchenbaus und des Baus von Gemeinde- und Pfarr-
häufern fowie der Friedhofskunft), 3) Ikonographifches
und 4) Kunftfragen. Bei den letzteren wird ausführlich
und mit Hervorhebung des Widerfpruchs über Strzy-
gowski (,die bildende Kunft der Gegenwart') referiert,
ferner über Muthefius' berechtigte Klagen, die Architektur
betreffend, weiter über die richtige Beleuchtungsanlage
in den Kirchen (Baur: ,Kein elektrifches Bogen-
licht') ufw. Am Schluffe wird mit befonders lebhaften
Worten Warnecke's ,Hauptwerke der bildenden Kunft
in gefchichtlichem Zufammenhange' empfohlen.

Berlin. A. Harnack.

Religion und Geilteskultur. Zeitfchrift für religiöfe Vertiefung
des modernen Geifteslebens. Herausgegeben
von Doz. Lic. Th. Steinmann. 1. und 2. Jahrgang,
1907 und 1908. Je 4 Hefte. (356 und 350 S.) gr. 8°
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. Je M. 6 —

Die Anzeige diefer Zeitfchrift, deren Hefte mir fchon
vor mehr als Jahresfrift zugegangen find, hat fich leider
nicht ohne mein Verfchulden verzögert. Mit Arbeiten
überhäuft, empfand ich eine gewiffe Scheu, 2 Bände
einer Zeitfchrift auf einmal zu lefen. Man flößt ja gewöhnlich
auf fo viel Mittelgut oder auch fchnell Veraltetes
, daß man fich nur mühfam durchquält. Diefes
Mal bin ich aber auf das angenehmfte enttäufcht. Denn
,Religion und Gotteskultur' ift eine Zeitfchrift von ungewöhnlich
hoher Durchfchnittshaltung und von großem
Reichtum des Inhalts. In der Einführung (.Aufgaben
und Ziele unferer Zeitfchrift') hören wir, daß der Herausgeber
fich ,durchaus zum liberalen Flügel der Theologie
rechnet', aber ,tief davon durchdrungen ift, daß
allerlei Theologie nebeneinander da fein und in beftän-
diger Auseinanderfetzung voneinander lernen muß'. Er
will deshalb den fich bekämpfenden Richtungen Gelegenheit
bieten, auf wirklich neutralem Boden ihre
Kräfte geiftig zu meffen bei gemeinfamem Ringen um
dasfelbe Zieh Aber ,der Ruf zum Sammeln' foll noch
weiter fchallen: die Zeitfchrift foll überall das Bleibende
in der Fülle der Erfcheinungen des modernen Lebens
fuchen. Wo fein tieffter Pulsfchlag flutet, was es an
Rcfultaten und Fragen Dauerhaftes herausgeftellt hat,
das follen uns Vertreter der mancherlei Wiffenfchaft und
Praxis des modernen Lebens fagen, vor allem follen es
die Philofophen uns fagen. Aber nicht Dilettantismus,
fondern ernfte und ftrenge Wiffenfchaft foll getrieben
werden. — So gewiß dem Herausgeber die Religion
zunächft etwas Subjektives, allerperfönlichftes Seelenerlebnis
ift, hält er es doch für die Pflicht des Einzelnen,
fein Erlebnis im Blick auf das Ganze zu geftalten und
feinen Belitz für das Ganze fruchtbar zu machen. Per-

fönlich ift er überzeugt, daß uns Menfchen ,in der chrift-
hchen Religion eine abfolute religiöfe Wahrheit gegeben
ift, wohl nicht als feftformulierte Lehre, dafür aber als
das rechte erlebende Anteil- und Gemeinfchaftsgewinnen
am tiefften Walten und Wirken der Macht über alles
und in allem, welche wir vertrauend Gott und Vater
nennen'. (Die eigenen Beiträge des Herausgebers in
Jahrgang I und II befchäftigen fich mit dem hier angedeuteten
Problem der ,gefchichtlichen' Religion; er
entwickelt die Schwierigkeiten ebenfo offen wie klar,
kommt aber zu einer pofitiven Antwort im Blick auf
die reelle Geiftesmacht Jefu.) Aber den Mitarbeitern
legt er keine Schranken auf; er will auch Anflehten, die
den feinen widerfprechen, ohne Kommentar feinerfeits (!)
zu Worte kommen laffen. Es follen eben die bedeut-
famften Fragen des Begriffes .Religion und Geifteskultur'
,ohne Kleinlichkeit und Ängftlichkeit und ohne Parteigeiß:
offen und ehrlich von verfchiedenflem Standpunkt aus
gemeinfam durchgefprochen werden.'

Diefem fchönen Programm ift bisher der Anfang
einer vortrefflichen Ausführung gefolgt. Die Zeitfchrift
ift in der Tat in vornehmem und freiem Sinn und im
Geift gediegener (z. T. fchwerer) Wiffenfchaftlichkeit gehalten
. Es ift fchlechterdings unmöglich, ihren mannigfaltigen
Reichtum durch Aufzählung der behandelten
Themata zu befchreiben; ich muß mich auf Nennung
der wichtigften Namen und Beiträge befchränken. Von
Theologen find vertreten z. B. E. W. Mayer-Straßburg,
Häring (Der religiöfe Individualismus, fein Recht und feine
Grenze), Tröltfch (,Der Begriff des Glaubens' und .Glaube
und Gefchichte'), Girgenfohn-Dorpat, Faut-Stuttgart,
Schulze-Königsberg, Bertholet (Chriftentum und Buddhismus
), Bachmann, Kirn (Die Bedeutung der Religion für
die Weltanfchauung), alfo Männer verfchiedener Richtungen
. Von Nicht-Theologen nenne ich: Eucken
(Religion und Kultur), Höffding (,Autobiogr. und antikrit.

j Bemerkungen über meine Religionsphilofophie'), Claß-
München, Kowalewski, fThomas Achelis, Norftröm-
Gothenburg (In welchem Sinne ift Jefus unfer Erlöfer?
— Sehr lehrreich, zu fchen, wie ein Philofoph diefe
Frage behandelt), Kinkel, Söderblom, Elfenhans, Bruno
Bauch. Schon diefe Namen zeigen, daß aus dem weiten
Kreis, der durch die Überfchrift: Religion und Geifteskultur
bezeichnet wird, vorzüglich philofophifche Fragen
behandelt find. (Als die verdienftvollfte Arbeit aus diefem
Gebiet erfcheint mir die mit großer Liebe, doch nicht

I ohne Kritik gefchriebene Darfteilung von Guftav Glogaus

j Leben und Bedeutung, aus der Feder von Prof. L. Weis,
35 Seiten). Andere Grenzfragen der Religion find in

| den zwei erften Jahrgängen noch wenig behandelt, doch
möchte ich den fehr anregenden Auffatz von Peltzer
über ,Die religiöfe Kunft des 19. Jahrhunderts in Deutfch-
land' befonders hervorheben.

Endlich muß ich, um das Bild der Zeitfchrift zu
vervollftändigen, noch erwähnen, daß die einzelnen Hefte
außer dem Hauptinhalt von Originalauffätzen auch Gerichte
' (zufammenhängende Literaturberichte oder Berichte
über moderne geiftige Bewegungen) und Be-
fprechungen ausgewählter Bücher bringen. — Wenn wir
auf den durchfehnittlichen Stand unferer proteftantifchen
.Landeskirchen' fehen, muß es uns mit einer Art wehmütiger
FTeude erfüllen, daß ein Dozent am Herren-
huter Seminar eine Zeitfchrift von folch weitem Horizont
und fo freier, innerlicher, tapferer Frömmigkeit herausgibt.
Hannover. Schufter.