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Ausgabe:

1910 Nr. 9

Spalte:

260-261

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krose, Hermann A. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Kirchliches Handbuch für das katholische Deutschland. 2. Bd.: 1908-1909 1910

Rezensent:

Bruckner, Albert

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259 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 9. 260

ihr Gefchäft treiben kann. Da die Kirche ,das durch
Menfchen geleitete Werk Gottes' ift (181), ift es nicht zu
verwundern, daß ihre Vertreter, Päpfte, Bifchöfe, Theologen
, an der Bildung ihrer Zeit teilnahmen und wiffen-
fchaftliche Anfchauungen vertraten, die die Folgezeit aus-
gefchieden hat. Durch diefe Überzeugung getragen,
vermag der katholifche Chrift, mit den Mitteln der modernen
Technik und nach den Grundfätzen der heutigen
Forfchung, an die Arbeit der Kultur Hand anzulegen,
ohne zu fürchten mit der Kirche in Konflikt zu geraten. —
Der Auffatz über die ,Bibel und die Religionen' verfolgt
diefelbe Tendenz, wie der vorhergehende. Dort hieß es
bereits: ,La question des sources ne doit pas nous effrayer'
(178); hier gibt M. den Religionsgefchichtlern unumwunden 1
zu, daß die vergleichende Religionsgefchichte zwifchen j
den verfchiedenen Kulten unleugbare Ähnlichkeiten auf-
weift. Nichts deftoweniger gelangt er, nach einer ausführlichen
hiftorifchen Rundfchau, zu dem Ergebnis,
zwifchen dem Chriftentum und den anderen Religionen
herrfche une difference d'espece et non de degre (205). —
Die am 15. November icjoögefprochene, fehr umfangreiche
Gedächtnisrede auf Le Camus, Bifchof von La Rochelle,
bringt einige der wefentlichften Gefichtspunkte zur Gel- i
tung, die M. in feinen Effays entwickelt und begründet ,
hatte. Den Anlaß zu diefen Wiederholungen bot dem
Redner die Tatfache, daß Le Camus den größten Teil
feines Lebens dem Studium des Neuen Teftaments ge-
widmet hatte. Sein .Leben unfers Herrn Jefu Chrifti', ,
fein ftattliches Werk L'Oeuvre des apbtres, rühmt M. nicht j
als wiffenfchaftliche Leiftungen, er weiß fie aber als
Verfuche einer befonnenen, die Forderungen der Ge-
fchichte und die Intereffen des Glaubens wahrenden
Arbeit zu fchätzen. Selbftverftändlich gibt ihm der an |
Le Camus durch Pius X gerichtete Brief vom 11. Januar
1906 Gelegenheit, fleh über das Wefen, die Pflichten und I
die Rechte der auf die Bibel angewandten hiftorifchen
Kritik zu äußern. — Das letzte Stück des Buchs, die '
Grabrede auf Mgr. Enard, Erzbifchof von Auch (299—314) j
enthält keine allgemeineren Gefichtspunkte, ift aber als
Ausdruck der Stimmung der frommen Katholiken unter 1
der antiklerikalen Regierung Frankreichs von befonderem j
Intereffe.

Die hervorragende Stellung, die der Erzbifchof von
Albi in der Gegenwart unter den Vertretern und Leitern
der katholifchen Kirche Frankreichs einnimmt, wird feinem j
Buche hoffentlich die gebührende Beachtung fichern. Vor
mehreren Jahren durch die Hetzartikel eines bornierten
und fanatifchen Klerikalismus wegen feiner freieren reli-
giöfen Pofition aufs heftigfte angegriffen, andererfeits :
durch das überftürzende Verfahren der Moderniften und
den .Abfall' Loifys gewitzigt, bemüht fleh der edle weitherzige
Kirchenfürft darum, den fchwierigen und fchmalen
Weg zu wandeln und zu weifen, den die höchfte geift-
liche Autorität der Kirche ihren gehorfamen Söhnen noch !
offen läßt. Dem kühnen Gebaren der Myftiker und der |
Rationaliften abhold, will er doch auch die furchtfamen, j
gegen die Wiffenfchaft mißtrauifchen Seelen beruhigen, j
die ehrlich und aufrichtig Suchenden leiten, zugleich j
aufklärend, erziehend und erbauend wirken. ,Le peuple
chretien nous demande de lui expliquer sa religion et de
justifier la nitre. II parle le langage du temps oü il est
ne, du monde oü il vit, de la science qu'il a apprise: il
nous prie de lui parier sa langue. II la demande, et nous
ne repondrions pas? nous n'essaierions pas de prendre con-
tact avec ces ämes, de suivre ces explorateurs, de coordonner
ces decouvertes, de christianiser ces pensees, de rattacher j
cette vie qui palpite ä la vie divine de Jesus-Christr'
f207—208). Wie kennen diefes Programm und diefe
Sprache: es war die Sprache und das Programm Lacor-
daires, Montalemberts, Gratrys. Mignot gehört zur
Familie jener hochherzigen Repräfentanten eines innerlichen
, lebendigen, wirklich religiöfen Katholizismus, auf |
deren Kämpfe, Leiden und Opfer wir nicht ohne Weh- j

mut zurückblicken können. Möge der mutige fröhliche
Optimismus, der in feinen Schriften atmet, nicht zu
Schanden werden! Mögen feine Beftrebungen einen glücklicheren
Ausgang und einen befferen Lohn finden, als der
feinen Vorgängern befchieden war!

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Kirchliches Handbuch für das katholifche Deutichland. In Verbindung
mit Domvikar P. Weber, Dr. theol. W. Liefe,
P. A. Huonder S. J., G. Reinhold und Prof. Dr. N.
Hilling herausgegeben von H. A. Krofe S. J. Zweiter
Band: 1908—1909. Freiburg i. B., Herder 1909. (XVI,
456 S.) 8° Geb. M. 6 —

Die Bearbeiter des nunmehr jährlich erfcheinenden
kirchlichen Handbuches für das katholifche Deutfchland,
deffen erften Band ich 1909 Spalte 442—444 eingehend
befprochen habe, haben fleh in der großen Mehrzahl
redliche Mühe gegeben, Wiederholungen tunlichft zu vermeiden
und dem Lefer ein möglichft neues und viel-
feitiges Bild zu zeichnen. Daß ihnen dies nur zum Teile
möglich war, ift aus der Natur der Sache begreiflich;
dagegen läßt es fleh fragen, ob die völlige Änderung
der Anlage des Werkes gut und gerechtfertigt war.

Die erfle Abteilung ift diesmal in zwei Hälften (Die
Organifation der Gefamtkirche, S. I—26, und Die Organi-
fation der katholifchen Kirche in Deutfchland S. 405—456)
zerlegt und die zweite Hälfte ift an den Schluß des ge-
famten Werkes geftellt.

Die zweite Abteilung (früher die fechfte) behandelt
,die kirchenrechtliche Gefetzgebung und Rechtfprechung'
S. 27—63. In ihr bietet Profeffor Dr. N. Hilling in Bonn
eine gründliche Überficht über die neuefte päpftliche und
kuriale Gefetzgebung, die neueften Entfcheidungen der
römifchen Kongregationen und Kurialbehörden und die
neueften Entfcheidungen deutfeher Staats- und Gerichtsbehörden
über kirchliche Fragen. Gerade diefer Abfchnitt
wird, durch Jahre hindurch fortgefetzt, zu einem fchier
unentbehrlichen Repertorium werden.

Die dritte Abteilung (früher die fünfte), neu bearbeitet
von A. Huonder S.J. in Luxemburg, orientiert in gedrängter
Kürze (S. 64—93) UDer die .katholifche Heidenmiflion'
in Japan, Korea und China. Wir begegnen hier zahlreichen
intereffanten Urteilen über den Geift des modernen
Japan und der bitteren Klage, daß die proteftantifche
Miffion der katholifchen hier fo weit voraus fei und zum
Unglück des japanifchen Volkes auch ihre Zerklüftung
und Subjektivismus in das Volksleben hinein trage. Doch
muß Huonder, unfreiwillig genug, der Tätigkeit der prote-
ftantifchen Schulen hohe Anerkennung zollen.

Neu bearbeitet ift auch die vierte Abteilung ,die Lage
der katholifchen Kirche im Ausland' (S. 94—171) von
Gregor Reinhold in Freiburg i. B., der im Unterfchied
von dem früheren Bearbeiter Dr. Karl Mayer in Preßbaum
dieLage der katholifchen Kirche in fämtlichen europäifchen
Staaten berückfichtigt und fleh im Allgemeinen gut orientiert
zeigt, aber allerdings auch Alles von ftreng ultramontanem
Gefichtspunkt aus beurteilt. Die Los- von-
Rom-Bewegung wird von ihm nach bekanntem Rezept
nach Kräften verkleinert und faft ausfchließlich aus
politifchen Motiven erklärt, fo daß er beinahe noch von
einem Triumph Roms in diefer Bewegung reden kann.
Befondere Hoffnungen fetzt der Verfaffer auf Rußland,
trotzdem er fleh der Gefahr der beftändig wachfenden
mariawitifchen Bewegung nicht ganz verfchließen kann.

Die fünfte Abteilung,Kirchliche Statiftik Deutfchlands'
(S. 172—317), früher die zweite, wiederum von Krofe
verfaßt, bemüht lieh redlich, Wiederholungen zu vermeiden
, obgleich dies hier befonders fchwierig ift. An Stelle
einer Gefamtüberficht über die konfeffionellen Verhältniffe
im Deutfchen Reich und feinen einzelnen Ländern und
Provinzen ift eine Fülle von Detailbildern aus den ein-