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Ausgabe:

1910 Nr. 7

Spalte:

212-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Moldaenke, Theodor

Titel/Untertitel:

Christian Dreier und der synkretistische Streit im Herzogtum Preußen 1910

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 7.

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fchen Archiv in Schlobitten in Oftpreußen und legt fie
mit gewohnter Akribie in einer gut lesbaren Edition,
mit den notwendigften Erklärungen begleitet, zu bequemer
Benutzung vor. Sie find an den Burggrafen
Chriftoph von Dohna, einen der Stammherren der
Schlobittener Linie, gerichtet. Derfelbe war im Auftrage
des Prinzen Chriftian von Anhalt, des Leiters der
damaligen pfälzifchen Politik vor und nach der Stiftung
der proteftantifchen ,Union', in diplomatifcher Miffion

1608 nach Italien gegangen, um im Intereffe der Union
mit den leitenden Staatsmännern der Republik Venedig
zu verhandeln. Man hat in den proteftantifch-politifchen
Kreifen der Union die Meinung gehegt, daß die Feinde
der Union, das Haus Habsburg und die päpftliche Kurie,
auch die Feinde der Republik Venedig feien. Daher
die Anknüpfung diefer Beziehungen. Mit lebhafteftem
Intereffe verfolgt daher Sarpi auch in dem vorliegenden
Briefwechfel die Politik der pfälzifchen Union. Daneben
befpricht er allerlei andere politifche Themata: alles,
was in Italien und Deutfchland, Frankreich, Spanien,
England und in der Türkei vor fich geht, foweit es
politifches Intereffe bietet und den großen Gegenfatz
der liberal-katholifchen Republik Venedig zum päpft-
lichen Kurialismus betrifft, wird mit kurzen Federftrichen
berührt und mit der Meifterfchaft des hochpolitifchen
Kritikers begleitet. Als Spiegelbild der Perfönlichkeit
Sarpis find diefe Briefe eine fehr fchätzenswerte Quelle.
Da fein Name in der chriftlichen Kirchen- und Kultur-
gefchichte von Freund und Feind immer genannt werden
wird, fo kommt diefem Briefzyklus eine um fo größere
Bedeutung zu, und Benrath muffen wir herzlich danken,
daß er diefe mühfame Edition hergeftellt hat. Ein glücklicher
Umftand hat es auch gefügt, daß diefe Briefe faft
ganz haben entziffert werden können. Sarpi hat nämlich
(aus Rückficht auf die Möglichkeit, daß diefe Briefe
in die Hände feiner Feinde fallen könnten), vielfach
Eigennamen mit Ziffern bezeichnet; der Adreffat hat
offenbar einen dazu gehörigen Schlüffel befeffen; derfelbe
ift aber verloren gegangen. Zum Glück hat Graf
Dohna felbft die Ziffern aufgelöft und dafür die dahin
gehörigen Buchftaben eingefetzt. So ift es möglich geworden
, den Text glatt zu lefen, und Benrath hat dem-
entfprechend ihn gedruckt. Nur wenige Stellen find
unklar geblieben.

Beigegeben lind noch anhangsweife einige Briefe
Sarpis an den Grafen Achatius von Dohna, Hauptmann
in Waldfaffen in der Oberpfalz, den Bruder Chriftophs
von Dohna, fodann Briefe aus dem Kreife von Sarpis
Freunden an Chriftoph von Dohna. Es find Bekannte,
mit denen er auf feiner venetianifchen Reife nähere Beziehungen
angeknüpft hatte. Recht herzlich gibt fich
da der treue Ordensgenoffe Sarpis, der Servitenmönch
Fra Fulgenzio Micanzio, der religiöfe Töne durchklingen
läßt. Vier Briefe des Venetianer Arztes Affelineau (von

1609 bis 1614) werden in Auszügen mitgeteilt. Es folgen
Briefe des Italieners Giacomo Caftelvetri an Chriftoph
von Dohna (von 1609 bis 1612). Den Befchluß machen
drei Billete des englifchen Gefandten Sir Henry Wotton,
eines hervorragenden Staatsmannes und Gelehrten, über
den von Pearfall Smith eine Monographie (London 1907)
in zwei Bänden erfchienen ift. Auch zu allen diefen
Briefen hat Benrath in dankenswerter Weife die notwendigften
Erklärungen hinzugefügt.

Was die von dem Herausgeber gewählte Schreibweife
des italienifchen Textes betrifft, fo möchte ich
vorfchlagen, ftatt des Buchftaben u der Handfchrift, wo
er Bezeichnung des Konfonanten v ift, v zu drucken;
man erleichtert dadurch dem Lefer das Verftändnis des
Textes, z. B. S. 21, Z. 10 fchreibt Benrath genau nach
dem handfchriftlichen Texte Jiauera riceuuto' ftart lia-
vcra {averä) ricevuto u. dgl. m.

Druckfehler find mir nur fehr wenige aufgeftoßen:
S. 21 Z. II negotion ostro ftatt negotio nostro; S. 57 Z. 10

1810 ftatt 1610; S. 76, Z. I: mag giorquiete ftatt mag-
gior quiete; S. 87, Z. 14 puittosto ftatt piutosto.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Moldaenke, Realgymn.-Oberlehr. Lic. Theodor, Chriftian
Dreier und der fynkretiftifche Streit im Herzogtum Preußen.

(Schriften der Synodalkommiffion für oftpreußifche
Kirchengefchichte. Heft 6.) Königsberg i. Pr., F.
Beyer in Komm. 1909. (XI, 127 S.) gr. 8° M. 2.50

Die vorliegende Schrift bringt einen Abfchnitt der
oftpreußifchen Kirchengefchichte, der bisher nur mangelhaft
bekannt war, zur Darftellung, und das ift um
fo wertvoller, weil diefer Abfchnitt nicht bloß lokales
Intereffe hat, fondern durch feinen Gedankengehalt in
nahen Beziehungen zur allgemeinen Gefchichte der pro-
j teftantifchen Theologie fleht: es ift der fynkretiltifche
Streit im Herzogtum Preußen, zunächft hier behandelt
in den Jahren 1645 bis 1651, aber gerade in diefer Zeit
! von nicht geringem Einfluß auf den Verlauf des Helm-
I ftädter Synkretismus überhaupt. Es handelt fich wefent-
j lieh um die Theologie des Königsberger Profeffors Chri-
I ftian Dreier, geb. 1610 in Stettin, 1644 Lic. theo]., Dr.
theol. und Profeffor extraordinarius in der theologifchen
Fakultät dafelbft. 1645 kam, ebenfalls als Extraordinarius
derfelben Fakultät, ein genuiner Schüler von Calixt, Johann
Latermann, nach Königsberg; der jüngere Behm,
I auch Profeffor extraordinarius, Sohn des Profeffor Primarius
der Theologie Johann Behm, verflärkte diefe
Richtung und fchließlich neigte auch der alte Behm,
der inzwifchen Schwiegervater von Latermann gewoiden
war, zur calixtinifchen Theologie hin. Ihr Hauptgegner
war der fanatifche polnifche Lutheraner, Profeffor Mys-
! lenta, Ordinarius fecundarius in der theologifchen Fakultät
, in der lutherifchen Partei unflreitig der bedeu-
tendfte Kopf, aber erfüllt von flavifcher Streitluft. Der
Verfaffer führt uns zuerft auf das Rehgionsgefpräch zu
I Thorn 1645, wohin die drei Extraordinarien von dem Kur-
fürften F Wilhelm von Brandenburg als Deputierte gefandt
worden waren; ihre Miffion dabei hat nur dadurch Bedeutung
, daß fie dort mit Calixt perfönlich zufammen-
trafen, Dreier jedenfalls zum erften Male. Es folgt der
Latermannfche Streit in Königsberg 1646—47, in wel-
j chem hauptfächlich Latermann verketzert wird. Es find
i heillofe perfönliche Zänkereien, die den Verfaffer bis auf
S. 82 befchäftigen. Erft dann kommt er auf eine eingehende
Darfteilung der theologifchen Kontroverfe, um
die es fich im fynkretiftifchen Streite überhaupt handelt,
indem er dabei Dreiers Hauptfchrift gründliche Erörterung
etzlicher fchwerer theologifcher Fragen' (Kgsbg. 1651)
I erörtert. Flier tritt Dreier in allen Hauptfragen als Ge-
i finnungsgenoffe von Calixt auf, hauptfächlich in Betreff
der Bedeutung der altchriftlichen Tradition (Conseusus
quinquesaecularis und Symbolum Apostolicuvi) für die
Glaubenslehre.

Der Verfaffer hat große Mühe auf das Zufammen-
bringen des Quellenmaterials verwandt: von archivali-
fchen Akten hat er drei Fundorte ausgenützt, das K.
Staatsarchiv in Königsberg, die Stadtbibliothek dafelbft
und das K. Staatsarchiv in Danzig. Nach meiner Anficht
ift ihm ein vierter Fundort entgangen, das ift die
Univerfltäts-Regiftratur in Königsberg. Diefelbe ift reich
an Handfchriften zur Univerfitätsgefchichte; leider hatte
fie früher, als ich in Königsberg war, kein brauchbares
Regifter; man mußte, um fichere Schritte zu tun, jedes
Aktenfaszikel felbft in die Hand nehmen; aber der Ertrag
diefer Bemühung war in der Regel recht lohnend.
Es ift aber möglich, daß der Verfaffer, weil nicht Mitglied
des Lehrkörpers der Albertina, auch keinen Zutritt
zu ihrer Akten - Regiftratur bekommen hat. Falls es
ihm aber möglich ift, möchte ich ihm die Benutzung
derfelben angelegentlichft empfehlen. An gedrucktem