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Ausgabe:

1910

Spalte:

210-212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sarpi, Paolo

Titel/Untertitel:

Neue Briefe (1608 - 1616). Nach den im Fürstlich Dohna’schen Archiv aufgefundenen Orginalen hrsg. v. Karl Benrath 1910

Rezensent:

Tschackert, Paul

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2CX)

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 7.

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und der Art der Vorfehungslehre Calvins (344—393), um
hierauf die Stellung der Lehre im Syftem Calvins (394—414)
zu beftimmen und den in derfelben fich kundgebenden

Werk ift eine Autobiographie Calvins in großem Stil
Hier blickt man in Calvins Herz: der wirkliche Reformator
tritt einem vor die Seele, das leibhaftige Ori-

Charakter der Frömmigkeit des Reformators (415—435) j ginal, nicht eine von Menfchenhand angefertigte Kopie
zu fchildern. Das erfte Kapitel umfaßt einige der wichtig- Ich rate dringend den Lefi-rn meines Buchs, die fich

ften und fchwierigften Probleme, mit welchen die Theologie
Calvins in ehrlichem Ringen fich abmühte, ohne der
dem theoretifchen Denken fich darbietenden Rätfei Herr
zu werden. Aus der lichtvollen, alle Momente der fraglichen
Gegenftände umfichtig erwägenden Darftellung
Bohatecs erhellt, wie fehr Calvin fich um die fcharfe

gründlicher mit Calvin befchäftigen wollen, bei den betreffenden
Abfchnitten meines Buchs fich die in jene
Zeit gehörenden Briefe Calvins in dem Schwarzfchen
Werke zu fuchen und zu lefen' (IV).

Nach feinem eigenen Geftändnis hat K. die Erfahrung
gemacht, die wohl alle Calvinbiographen von

Herausarbeitung der verfchiedenen Elemente der Lehre fich bezeugt haben. Je mehr ich mich in die Werke und
bemüht, wie anderfeits er nach einer Löfung fucht, i Briefe diefes Geiftesmenfchen verfenkt habe, um fo mehr

welche eine Synthefe der Gegenfätze darbietend, ihn
zum .Theologen der Diagonale', zum wahren Vermitt

Ereude gewann ich an diefer reformatorifchen kropheten-
geftalt, die Gott erweckt hat, um das von Luther be-

lungstheologen ftempelt. "Die auf diefem Wege gewon- I gonnene Werk fortzufetzen und abzufchlirßeu' (II). Der
neue Synthefe bleibt auf dem praktifchen Boden ftehen Verf. erhebt nicht den Anfpruch, die Calvinforfchung
und hütet fich fowohl vor den gewaltfamen Extremen durch feine Arbeit zu fördern. Den am Anfang diefer
Luthers als vor den philofophifchen Paradoxien Zwingiis: I Anzeige ausgefprochenen Zweck hat feine Schrift ereinen
Beleg hierfür liefert in erfter Linie die Fragenach 1 reicht. Der Wert derfelben liegt darin, daß er nicht nur
dem Verhältnis des göttlichen Vorfehungswaltens zu den | die geficherten Ergebniffe der Calvinliteratur in lichtfündigen
Handlungen des Menfchen. Dasfelbe gilt von voller Darfteilung zufammenfaßt und mit wohltuender
dem Problem der Beziehungen der Providenz zu der Wärme vorträgt, fondern den Reformator felbft zu Wort
menfchlichen Freiheit: der Theologe, der die formale j kommen läßt und aus feinen Schriften und Briefen meift
pfychologifche Freiheit fefthält, die materiale ethifche glücklich gewählte Stucke mitteilt. Die zahlreichffen AusFreiheit
verneint, empfindet als Chrift die Freiheit als züge find der Institutio entnommen (43—74), deren Vor-
,von Gott getrieben werden', die Wirkung Gottes in rede an Franz I mit Recht ausführlich analyfiert und Hellendem
Gläubigen als Freiheit. Zum Anregendften und | weife wiedergegeben ift (31—40). Auch die Antwort an

Förderndften gehören des Verf.s Ausführungen über den
in der Vorfehungslehre fich fpiegelnden Charakter der
Frömmigkeit Calvins. Durch eine reiche Auswahl von
Belegfiellen zeigt B., in welchem Maße Calvins Lehre

Sadolet (149 — 158) und der Genfer Katechismus (170—180)
find in geDührender Weife exzerpiert worden. Dasfelbe
gilt von den Epistolae duae de rebus hoc saecido cognitu
apprime necessariis (88—95). Dagegen hätte K. Calvins

erlebt ift, und wie ihr Wert und ihre Bedeutung fich nur | Verdienfte um die Erklärung der heiligen Schrift und
im engen Zufammenhang mit der Perfon des Reformators i feine Tätigkeit als Lehrer und Prediger eingehender dar-
verftehen laffen. Die in der ganzen Unterfuchung hervor- legen und beurteilen dürfen. Auch das Kapitel über
tretende Beherrfchung des Stoffs ermöglicht es dem die Genfer Akademie (240 — 244) nimmt fich etwas
Verf., fich mit einer beträchtlichen Anzahl von Theo- ! dürftig aus. Der wichtige Abfchnitt über ,Calvins Belogen
(A. Schweizer, Ritfehl, Scheibe, A. Lang u. a.) in 1 Ziehungen zu auswärtigen Kirchen' hat in feiner ganzen
fruchtbarer Weife auseinander zu fetzen und durch Rieh- Anlage eine zu fchematifche Form und reiht in fehr

tigftellung falfcher Deutungen und Mißverftändniffe die
Erklärung und Würdigung der Grundgedanken der Theologie
Calvins um einen Schritt vorwärts zu bringen. Daß
hierbei noch manche Fragen offen bleiben, daß z. B. in
der hiftorifchen Ableitung einzelner Begriffe Calvins B.s
Hypothefen disputabel erfcheinen werden, kann den

. - / I - . ...r .. .... 1 r____ T?_ L. „4. C „V.

nicht bloß durch den von ihm verfaßten Beitrag, fondern
überhaupt durch die Herftellung der gehaltvollen
Feftfchrift der reformierten Gemeinde Elberfeld zum
400. Geburtstag Calvins ein bleibendes Verdienft erworben
äußerlicher Weife die einzelnen Gegenftände aneinander
an (Frankreich 245—260, Italien 260—264, Polen 264
—267, die Niederlande 267—268, England und Schottland
268—277, die deutfehe Schweiz 277—285). Daß
eine folche Behandlung weder den Forderungen der
Gefchichtswiffenfchaft entfpricht, noch fich aus äfthe-

Wert feiner Abhandlung nicht herabfetzen. Er hat fich tifchen Gründen empfiehlt, bedarf keines Beweifes. Zum

Glück wird der Lefer durch einige der fchönften Zitate
aus den Briefen des Reformators über die Mängel der
ihm hier begegnenden Ausfuhrung hinausgehoben.

Trotz der geäußerten Ausftellungen darf das hübfeh
ausgeftattete Buch allen Gebildeten angelegentlich

Straßburg i. E. P- Lobflein. empfohlen werden. Es nimmt unter den Schriften, die

das Jubiläumsjahr gebracht hat, eine ehrenwerte Stelle

Knodt, Prof. D.E., Johann Calvin. Mitteilungen aus feinem ein und wird gewiß die von dem Verf. erhofften Dienfte
Leben und feinen Schriften. Herborn, Buchhand- leiften.

lung des Naffauifchen Colportagevereins 1909. (III, Straßburg i. E. P. Lobftein.

IV, 305 S.) gr. 8» M. 3; geb. M. 4—-----

,Die vorliegende Lebensbefchreibung ift für weitere Sarpi, Paolo Neue Briefe O608-1616). Nach den im
chriftlich intereffierte Kreife beftimmt. Sie will auf Grund l urltlich Dohna fchen Archiv aufgefundenen Origi-
des Studiums von Calvins Schriften den Ertrag der Cal- nalen herausgegeben von D. Karl Benrath. Mit
vinforfchung . . . einem größeren Publikum zuganglich einem pkWimilt. Leipzig, R. Haupt ioco Heu S)
machen' (III). K. erklärt felbft, daß er dem vortreff- g0 * *1» ^ * v

liehen Werke Stähelins' (1863) zu großem Dank ver- m. o —

pflichtet ift- auch Kampfchultes Werk ift zum Studium Zur Literatur über P. Sarpi erfchienen als letzte

fehr zu empfehlen nur ift fein Urteil über Calvin Brieffammlung Caftellani, Leitete inedite di Fra P. S.

öfters zu fcharf und 'einfeitig: wer bloß diefes Werk und G R eins lH.rreiche quellenmäßige

ftudiert, wird ein fchiefes Bild von Calvin bekommen Arbeit,1 aolo Sarp. und die Proteftanten' (Helfingfors 1904).
(IV) Nur in letzter Stunde find ihm die von R. Schwarz ; Jetzt (chenkt uns G. Benrath eine neue Gabe zur Geausgewählten
und überfetzten Briefe Calvins zu Geficht j fchicnte des berühmten Konfultors der Republik Ve-
gekommen. .Leider hatte ich meine Arbeit fchon bei- , ned.g: nicht weniger als 41 unbekannte Briefe feiner
nahe beendigt, als diefes Werk erfchien; ich konnte nur J^.^^J^ä 1608 bis 1616. Aufgefunden hat
noch in den Fußnoten darauf Rückficht nehmen. Das l.e der glückliche Herausgeber in dem Fürftlich Dohna-