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Ausgabe:

1910 Nr. 7

Spalte:

199-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Archambault, Georges (Ed.)

Titel/Untertitel:

Justin, Dialogue avec Tryphon 1910

Rezensent:

Dräseke, Johannes

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199

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 7.

200

Ohne Frage ift Windifch in feiner Bekämpfung der
Kautskyfchen Anficht glücklich. Es kann kaum einem
Zweifel unterliegen, daß Jefus das weltliche, kriegerifche
Meffiasprogramm mit Bewußtfein abgelehnt hat. Nur
fcheinbar legen gewiffe Stellen eine andere Auffaffung
nahe. Mit guten Gründen weift Windifch die Meinung
Kautskys zurück, daß an ihnen noch eine urfprüngliche
Überlieferung zutage trete. Sie müffen fich vielmehr
dem übermächtigen Eindruck des gefamten fonftigen
Materials fugen. Zwar ein Streiter ift Jefus gewefen, aber
was er bekämpft, das find die Dämonen, das Reich des
Satans. Und auch feine Zukunftsausfagen fprechen nicht
von feinem künftigen kriegerifchen Triumph. Hier
(S. 54—59) hätte wohl auch das Wort Mk. 14,62 = Mt. 26,64,
in dem Jefus feinen Richtern ein Wiederfehen in Ausficht
ftellt, einen Platz finden können.

Im Gegenfatz zu dem, was Jefus gewollt hat und
gewefen ift, haben die eschatologifchen Erwartungen der
Gemeinde ihn mit den Attributen des Kampfeshelden
ausgeftattet und an diefem Punkte das Evangelium einem
Prozeß der Judaifierung ausgefetzt.

Die Darlegungen Windifchs über die Ablehnung des
politifchen Meffiasideals durch Jefus gehen keineswegs
Hand in Hand mit irgend welchen Zweifeln daran, daß
Jefus fich für den Chriftus gehalten hat. So bringt die
Schlußbetrachtung nach einer Zufammenfaffung der Reful-
tate eine kurzeÜberfichtüberdieGründe, diees Windifch erlauben
, an dem Meffiasbewußtfein Jefu als einer hiftorifchen
Tatfache feftzuhalten, und fodann eine Erörterung der
Frage, welchen Inhalt diefes Bewußifein gehabt habe.
Gefchichtsphilofophifche Betrachtungen fowie ein Proteft
gegen die Unfähigkeit Kautskys, der fchöpferifchen reli-
giöfen Perfönlichkeit ihr Recht werden zu laffen, füllen
die letzten Blätter.

Marburg/Heffen. Walter Bauer.

Justin, Dialogue avec Tryphon. Texte grec, Traduction
frangaise, Introduction, Notes et Index par Dir. Georges
Archambault (Textes et Documents pour
l'6tude historique du Christianisme, publies sous la
Direction de H. Hemmer et P. Lejay. 8 et II.)
Tome I et II. Paris, A. Picard et Fils 1909. (C, 362
et 396 p.) 8° fr. 7.50

Es berührt immer eigenartig, wenn wir wiffenfchaft-
liche Werke katholifcher Verfaffer mit dem Druckerlaubnis-
Vermerk eines geiftlichen Oberen verfehen finden. Wie
viel mehr ift das hier der Fall, wo fogar die Textausgabe
einer durch und durch rechtgläubigen Schrift des
ehrlichen alten Apologeten Juftin — allerdings ganz
fchüchtern auf einem letzten Blatte angebracht — fich
das Nihil obstat und das Imprimatur {Parisiis, die 8. Febr.
1909), von zwei völlig unbekannten Geiftlichen unterzeichnet
, gefallen laffen muß. Und da redet man noch
von Freiheit der katholifchen Wiffenfchaft? Freilich, die
ganze Summe der Fragen, welche die Herzen heutiger
Theologen bewegen, lag dem alten Juftin, liegt aber auch
heute noch der katholifchen Theologie gänzlich fern.
Ich meine entfcheidende Fragen, wie: Wer war Jefus?
Sah er fich felbft als den letzten göttlichen Boten an,
mit dem die letzte Entfcheidung in der Weltgefchichte
anhebt, oder wartete er noch eines Größeren nach ihm?
Wie ftehts mit dem Inhalt des Meffiasbegriffs bei Jefus,
wie mit derEntftehung diefes Glaubens und der Bedeutung
desfelben für Jefu Verkündigung? Was wollen die großen,
unfre Zeit fo tief bewegenden Fragen nach dem Meffias,
nach Menfchenfohn und Gottesfohn, nach Leiden und
Sünde und Wiederkunft des Meffias? Müßte man nicht
denjenigen für beneidenswert halten, der über alle diefe
Fragen volle Klarheit befäße? Und muß es nicht anderer-
feits als ein Zeichen echter Wiffenfchaft gelten, hier
bei vielen Fragezeichen flehen zu bleiben? Aber nein, |

| die alte Zeit weiß nichts von allen folchen Sorgen.

Antwort auf alle jene Fragen gibt dem alten Juftin be-
j kanntlich einzig und allein der Weisfagungsbeweis. In
ermüdender Einförmigkeit reiht fich im Dialogus cum
Tryphone eine Prophetenftelle an die andere, jede, auch
die verftecktefte, unbedeutendfte und entlegenfte Einzelheit
aus dem Leben Jefu ift längft fchon von irgend
| einem Propheten vorausgefagt. Für uns ift diefer Be-
I weis natürlich nicht mehr zugkräftig und überzeugend,
für die im alten Rahmen der Überlieferung ftecken-
gebliebene katholifche Kirche ift er es aber noch in
hohem Grade. Diefe Tatfache allein fcheint mir die ge-
fchmackvolle Sonderausgabe, die uns vorliegt, für fran-
zöfifche Lefer zu rechtfertigen. Bei uns werden akade-
mifche Lehrer, die darauf bedacht find, ihren Schülern
patriftifche Wiffenfchaft und hervorragende Werke auf
diefem Gebiete zu vermitteln, zur Veranftaltung einer
I Sonderausgabe gerade des Dialogus cum Tryphone fchwer-
j lieh fich entfchließen. Nach diefen Vorbemerkungen
wende ich mich zu der Ausgabe Archambaults, deren
äußere Einrichtung diefelbe ift, wie ich fie fchon bei Be-
fprechung des derfelben Sammlung angehörigen Jo/oc
xarrjXTjxixöq Gregors von Nyffa an diefer Stelle (Theol.
Literaturztg. 1908, Nr. 19, Sp. 531—534) befchrieben und
gewürdigt habe.

In feiner Introduction handelt A. I. von den Ausgaben
. Jedem mit der Ottofchen Juftin-Ausgabe Vertrauten
find diefe Dinge von daher (I, p. XXIII—LVI)
bekannt und geläufig. Nicht minder ift dies der Fall betreffs
der Hff. Über die handfehriftliche Grundlage der
Schriften Juftins nach Harnack (Texte und Unterfuchg.
I, 1/2 1882 und Altchriftl. Litt. I, 99 ff.) befonders in diefer
Zeitfchrift auch nur noch ein Wort zu verlieren, hieße
Eulen nach Athen tragen. A. zählt nach Cod. Paris.
450 (p. XII—XV) auch den Cod. Clarornont. 82 nunc
Fenwickianus noch befonders auf (p. XV—XVI), was
völlig überflüffig war, da diefer als eine Abfchrift jenes
felbftändigen Wert nicht befitzt. Tatfächlich erklärt auch
er (p. XI) es für völlig überflüffig auf diefe Hf. befonders
einzugehen, dennoch aber hat er durch genaue Ver-
gleichung feftgeftellt, daß die zahlreichen von Otto verzeichneten
Verfchiedenheiten zwifchen Cod. Par. 450 (6")
und Clarotnont. 82 [Cheltenham = Cli) zumeift gar nicht
vorhanden find (p. XXIX—XXXI). Aufmerkfam gemacht
hat er fodann mit Recht (p. XIII) auf die durch Meyers
Bemühungen etwa 1890 bekannt gewordene Nachricht,
daß einem im I7.jahrh. gefchriebenen, im Iberon-Klofter
auf dem Athos befindlichen Bücherverzeichnis zufolge
um jene Zeit dort noch ein Corpus Juftinifcher Schriften
vorhanden war, in welchem auch der Dial. c. Tryph.
ftand. Die Abwefenheit einer Auffchrift und die ver-
fchiedene Ordnung der Werke zeigen offenbar, daß wir
es mit einer von den uns bekannten Hff. unabhängigen,
eine andere Textüberlieferung darftellenden Hf. zu tun
haben würden. Mit Verweifung auf die Ztfchr. f. Kch-
gefch. XI (1890), S. 155—158 bemerkt A.: II serait utile
qu'on le retrouvät, si, du moins, il existe encore'. Darin
wird man ihm durchaus beipflichten. Da die von
O. v. Gebhardt und A. Harnack veranftaltete Neuvergleichung
des Cod. Paris. 450 in der von der Berliner
Kirchenväter-Kommiffion geplanten neuen Juftin-Ausgabe
noch nicht ans Licht getreten ift, fo ift es immerhin
anerkennenswert und wertvoll, daß A. für feine Ausgabe
des Dial. c. Tryph. den diefen umfaffenden Teil
der Hf. fol. 5<jr—icyjr felbft verglichen hat (p. XI).
Lehrreich find ferner die Ausführungen des Herausgebers
über die Gefchichte der beiden Hff. (p. XVI—XXVIII)
fowie die im wefentlichen an der Hand der Forfchungen
Harnacks gegebenen Mitteilungen über die Herkunft
und den Wert des Cod. Paris. 450 (p. XXXI—XXXVIII).

Ein fehr verftändiges Kapitel ift das III. der Einleitung,
in welchem A. mit großer Sachkenntnis über die alten
Bezugnahmen und Erwähnungen des Dial. c. Tryph.