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Ausgabe:

1910

Spalte:

185-188

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dörries, Bernhard

Titel/Untertitel:

Erklärung des kleinen Katechismus D. Martin Luthers. 1. Teil: Die zehn Gebote 1910

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 6.

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Kap. IX fchildert die Verwertung und gelegentliche ! Gebote' herantreten; und folche Vorurteile werden durch
Deteriorierung der Ideen Leibniz' und Shaftesburys bei i das Buch nicht getäufcht.

Denkern und Dichtern wie Wolff, Bolingbroke, Pope, Mit einer Erörterung über den Katechismusunterricht

Brockes, Haller, Hagedorn, Uz. Kap. X die Anfchau- j im allgemeinen (S. 1—21) wird das Buch eingeleitet. Die
ungenVoltaires, Diderotsund der Materialiften, Rouffeaus. j Unentbehrlichkeit des Katechismusunterrichts ergibt fich
Kap. XI die Aufladung Herders, die beftimmte Gedanken ! aus dem Zweck, die Kinder zu einem lebensvollen Erfaffen
Spinozas, Leibniz' und des jüngeren Kant zu einem der chriftlichen, evangelifchen, Heilswahrheit hinzuführen,
harmonifchen Ganzen verknüpfe. wie aus dem dazu vorzüglich geeigneten Mittel, das indem

Mit den verfchiedenen Stellungnahmen Kants zum Werke T,utherus- gegeben ift. Luther hat im Kl. wie im
Problem der Theodicee hat es Kap. XII zu tun. Es Großen Katechismus zu Wort zu kommen. Er zeigt, was
gipfelt in der Thefe, daß der Urheber der ,Kritik der die zehn Gebote für den evangelifchen Chriften bedeuten;
reinen Vernunft' letzterdings auf eine Löfung habe ver- formt ift der Erklärung die Auslegung des Textes zu
ziehten müffen, weil er fich trotz einzelner vielverheißen- , entnehmen, der lext felbft nur zur Formulierung der
der Anfätze, namentlich in der .Kritik der Urteilskraft', I Probleme zu benutzen, welche durch die Erklärung
mittels feiner Erkenntnistheorie den Weg zur Einficht 1 beantwortet werden Doch es handelt fich um die
in das wahre Wefen und den Zweck der Dinge ver- evangelifchen Anfchauungen Luthers, nicht um die
legt hatte. Das fich anfchließende Kap. XIII endlich römifchen Eierfchalen, die an feinen Ferfen kleben. Es
wendet fich einer liebevollen Erörterung der Betrachtungs- handelt fich aber auch um die Verwertung fürunfre
weife Schillers zu, dem es nachrühmt, daß er ,den imma- , Gegenwart, alfo auch um eine Erweiterung und Modifi-
nenten Wahrheitsgehalt aller früheren Verfuche in der kation des Gedankenkreifes, in dem Luther für feine
Theodicee bis zu einem platonifchen Dualismus ent- Gegenwart geredet hat. Dem Kundigen wird fchon hier
wickelt und den Sieg der Idee aus ihrem Wefen heraus der Beitrag zur Reform des traditionellen Unterrichts
begriffen' habe. ,Die Kraft der Überwindung des Übels, j deutlich; ftarker noch tritt die Reform hervor in der
die in jedes Wefen gelegt ift, durch das Göttliche im ! Gefamtauffaffung des Inhaltes des Katechismus. In
Menfchen, als feine Beftimmung, als Ideal und treibende jedem Hauptftuck wird von verfchiedener Seite aus
Kraft ift der Grundbegriff der Schillerfchen Vollendung das ganze Chnftentum vorgeführt, im erden als Forder
„authentifchen Theodicee" Kants durch den wahren . derung an die chrtfthehe Selbftbetatigung, im zweiten
Wefensbegriff'. ! a's chriftliche Welt- und Lebensanfchauung, im dritten

Das letzte Zitat ift vielleicht befonders geeignet, als Verkehr des Chriften mit Gott. Damit ift für das
eine Vorftellung zu erwecken von den ftiliftifchen erfte Hauptftück ausgefprochen, daß die zehn Gebote
.Eigentümlichkeiten', die der Lefer des Buchs hier und , dazu gegeben find, daß de gehalten werden, nicht damit
dort mit in den Kauf nehmen muß. Auch die etwas l wir daraus unfre Untüchtigkeit erkennen, de zu halten,
fprunghafte Darfteilung wirkt vielfach ftörend. In fach- ! die uns dann den .Glauben' im zweiten Hauptftück als
licher Hinficht fei wenigftens bemerkt, daß der Autor in Erfatz unfers Tuns erkennen lehre. Die Reform macht
kecker Konftruktion gefchichtlicher Zufammenhänge Er- hinfichtlich der Form des Unterrichts in der Verwerfung
kleckliches leidet, daß es im Grunde kein Wunder und der fog. exponierten Katechismen in Frage und Antwort
am Ende kein Unglück ift, wenn Kant auf einen Beweis ucn geltend. Bei Luther fragt das Kind und der Haus-
vom Dafein Gottes verzichten und fich bei einem Glau- vater (bezw. Lehrer) antwortet; in den exponierten Kateben
beruhigen muß; daß Schiller — man denke allein chismen fragt der Lehrer und das Kind foll Antworten
an die .Worte des Glaubens' — der Erkenntnistheorie geben, welche die Unterweifung vorausfetzen und erft
des Kritizismus doch nicht fo fern fteht, wie behauptet erklärt werden muffen, bevor fie gegeben werden können,
wird- daß der Wert einer Theodicee, die zu einem Dua- ■ Dadurch wird die Einheitlichkeit der Unterweifung zer-
lismus in dem Sinne des Verf.s ihre Zuflucht nehmen ftört, die Unterweifung felbft mechanifiert. Der Verfaffer
muß, beanftandet werden könnte. Unerachtet diefer gibt weder Fragen noch Antworten, fondern entwickelt
und anderer möglicher Einwände ift nicht zu verkennen, einheitlich den Inhalt in der Sprache der Gegenwart, in-
daß die großzügig angelegte Schrift, von deren reichem dem er der katechetifchen Praxis es überläßt, geeigneten
Inhalt nur ein dürftiges Exzerpt gegeben worden ift, eine Falles'n FraBf. -nd Antwort fich zu ergehen.
Fülle von Anregungen, zum Teil gerade wegen ihrer .. den Abfchnitt über den Katechismusunterricht

Kühnheiten, auslöft und manche feine und beherzigens- j uderkauPt folg/ e'ne Einleitung in das erfte Hauptftuck,
werte Beobachtungen, fpeziell auch über Leibniz' Ver- | die lieh in Vorbemerkungen' und ,katechetifche Ein-
hältnis zum Mechanismus und Kants ftellenweife wider- *Pürun8 £üt A5, «-"S6)- ,De[ unerfetzliche Wert des
fpruchsvolle Beurteilung des Zweckgedankens, enthält. | De«alogs tur den Chriften als die religiöfe Ethik, als das

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Dörries, Paft. Bernhard, Erklärung des kleinen Katechismus
D. Martin Luthers. Ein Beitrag zur Reform des Katechismusunterrichts
. Erfter Teil: Die zehn Gebote.
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1909. (VII,
285 S.) gr. 8° M. 4.40; geb. M. 5—

Den zweiten Teil der Erklärung des kl. Katechismus

Luthers hat der Verfaffer bereits 1891 unter dem Titel:

,Der Glaube' veröffentlicht; daß die vierte Auflage des

verhältnismäßig umfangreichen Buches 1908 erfcheinen I Leoen fuhren müffen Aber c
konnte, beweift die dankbare Anerkennung der kate- j gebieten, nur in freier Selbftbeftimmunt? nur in

lerfchaft des Verfaffers. Die lang gehegte j nomer Sittlichkeit, aus dem einzigen Motiv: Wir foUen

Bild des Menfchenlebens, wie es nach Gottes Willen fein
foll, ift der leitende Gefichtspunkt. Nach Gottes Willen
tun, ift unfer Leben und Glück, ihn mißachten ift unfer
Unheil und Verderben. Chriftozentrifch muß die Behandlung
der Gebote fein; Chriftus ift die Offenbarung des
Willens Gottes, fein Leben zeigt uns, wie ein Menfch fein,
wie er leben und handeln muß nach Gottes Wohlgefallen.
Aber nicht Chrifti äußeres Leben in feiner Zeit und nach
feinem befondern Beruf, fondern fein inneres Leben, feine
Gefinnung, ift das Bleibende und Ewige und abfolut Vorbildliche
in ihm. Es zeigt uns, wie die Liebe des Ge-
fetzes Erfüllung ift, und wie wir als Menfchen unfer
Leben führen müffen. Aber die Liebe läßt fleh nicht

Hoffnung, er werde den ganzen Katechismus in der
felben Weife behandeln, fängt in dem Erfcheinen der
Bearbeitung des erften Haupiftücks an fleh zu erfüllen.
Wer den .Glauben' des Verfaffers kennt und die ftetige
Neugeftaltung durch die vier Auflagen verfolgt hat,
kann nur mit den günftigften Vorurteilen an ,Die zehn

Gott fürchten und lieben, kann das Gefetz uns ein Gefetz
der Freiheit werden und zur wirklichen Erfüllung kommen.
Jeder Chrift muß feine ernfte und ftolze Pflicht begreifen,
daß er felbft in jedem Augenblick fleh entfeheiden muß'
was er zu tun und zu laffen hat. Wir unterlaffen es den
weiteren reichen Inhalt der Einleitung in das erfte