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Ausgabe:

1910 Nr. 6

Spalte:

184-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kremer, Josef

Titel/Untertitel:

Das Problem der Theodicee in der Philosophie und Literatur des 18. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf Kant und Schiller 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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183 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 6. 184

die Verbefferungen einerfeits zu ungleichartigen Zufätzen
geworden und haben andrerfeits felbft nicht wirklich
durchgeführt werden können, weil fie durch die anders
lautenden Grundgedanken begrenzt wurden. Gewiß trifft
daher das Urteil von Fabricius zu, daß die erfte Faffung
des Syftems vorzuziehen fei. Aber das Urteil id nicht
vollftändig. Es hätte daneben zur Geltung kommen
müffen, daß die fpäteren Zufätze und Umbildungen bei
alle dem aus der von Anfang an leitenden und beftimmen-
den Abficht der theologifchen Arbeit R.s flammen. Und
das ift kein gleichgültiger oder auch nur nebenfächlicher
Umftand. Denn das ift fchließlich die für die Beurteilung
der Theologie Ritfchls entfcheidende Frage: war
er der Urheber eines in feiner Art wohlgefügten theologifchen
Syftems, er wie andere auch, einer in der Reihe,
nichts weiter? — oder: hat er mit ftarkem Ruck in das
Steuer gegriffen und den Kurs wieder auf das Ziel gehalten
, daß wir einmal in der Kirche der Reformation
auch eine Theologie der Reformation gewinnen? Im
erfteren Fall ift das Urteil von Fabricius alles, was zu
fagen ift, mag auch die Entwicklung R.s geradeswegs
aus feiner urfprünglichen Abficht flammen; diefe Abficht
war eben dann verfehlt. Im andern Fall bleibt
es zwar auch dabei, daß das Syftem durch die Entwicklung
verfchoben worden ift, und die Gedankengänge in
den fpäteren Auflagen teilweife verworren find. Nur muß
dann hinzugefügt werden: trotzdem liegt das wefentliche
Verdient! Ritfchls in dem leitenden Gedanken, der ihn zu
diefer Entwicklung getrieben hat. Ob fo oder fo, wird
nicht von heute auf morgen entfchieden werden, fondern
fich erft im Lauf der Gefchichte herausftellen. Dem Buch
von Fabricius bleibt das Verdienft, daß es befferals irgend
ein früheres in das Verftändnis R.s einführt und auch zur
Kritik feiner Arbeit einen wichtigen Beitrag liefert.

Steglitz. J. Kaftan.

Schulte, Dr.Joh. Friedrich v., Gefchichtliche, foziale, politifche
und biographifche Effays. Mit einem Anhange: Nachträge
zu den Lebenserinnerungen. Gießen, E. Roth
1909. (VIII, 320 S.) gr. 8° M. 6—; geb. M. 7.50

Der dritte Band der Lebenserinnerungen enthält
Effays gefchichtlicher, fozialer, politifcher und biogra-
phifcher Art, fowie Nachträge zu den beiden erften
Bänden. Im Mittelpunkte der meiden diefer kleineren
Arbeiten, die zu verfchiedener Zeit veröffentlicht worden
find, fteht der kirchenpolitifche Kampf, in welchem Verf.
ein Führer gewefen, fei es nun, daß Verf. zur Gefchichte
des Ultramontanismus, zur Würdigung der Zivilehe, zur
Charakterifierung der uhramontanen Auffaffung der Elternrechte
einen Beitrag liefert, fei es daß er zur biogra-
phifchen Würdigung fchreitet, wenn einer der Streiter in
jenem großen Kampfe den Schauplatz verläßt. Vor
allem die Biographien wirken dark und lebensvoll und
auch dem Gegner werden fie gerecht, man lefe z. B. die
Biographie Kettelers. Ihren befonderen Wert haben die
Effays noch deshalb, weil fie vielfach Quellenzeugnifle
find. Die Wahrnehmungen des Verf. erdrecken fich über
einen langen Zeitraum bis zu den Anfängen des Streites,
bis in das Jahr 1837 hinein. — Außer den kirchenpoli-
tifchen finden fich mehrere andere intereffante und reizvolle
Auffätze über deutfche Nationalfünden, über den
Adel im Offizier- und Beamtendand, Erinnerungen an
Bismarck, Caprivi, Windthord. Intereffant id auch eine
Statidik über Herkunft und Alter von deutfchen Gelehrten.
Verf. kommt zu dem Ergebnis, daß verhältnismäßig die
größte Zahl bedeutender Männer aus dem evangelifchen
Pfarrhaufe hervorgegangen id, und er fagt mit Recht:
,das id ein Ruhmesblatt des evangelifchen geidlichen
Haufes, wie es kein anderer Stand aufweid'.

Pofen. H. v. Hoffmann.

Kremer, Dr. Jofef, Das Problem der Theodicee in der
Philofophie und Literatur des 18. Jahrhunderts mit beton-
derer Rücklicht auf Kant und Schiller. Gekrönte Preis-
fchrift der Walter-Simon-Preisaufgabe. (Kantdudien.
No. 13.) Berlin, Reuther & Reichard 1909. (VIII,
210 S.) gr. 8° M. 7.50

Die Schrift id eine umfangreiche gekrönte Arbeit
über die Walter-Simon-Preisaufgabe. Aus der Art, wie
fie entdanden id, erklärt fich vielleicht mit der einigermaßen
irreführende Titel, den fie trägt. Verdeht doch
der Autor unter einer Theodicee etwas anderes, als
man gewöhnlich damit bezeichnet. Er denkt, kurz ge-
fagt, an einen theoretifchen Beweis für das Dafein
Gottes als des Urhebers der Übereindimmung zwifchen
i natürlicher und fittlicher Welt und fieht in den darauf
| gerichteten Bemühungen den wertvollen Kern aller Philo-
I fophie, in dem ,Problem der Theodicee' ,das Problem der
! Philofophie'. Nun id zweifelsohne an diefer Einfehätzung
! etwas richtiges; und auch das id wahr, daß eine konfe-
quent und bis zu ihren letzten Folgen durchgeführte
Theodicee in einen Gottesbeweis ausmünden muß oder
einen folchen vorausfetzt. Immerhin pflegt der herr-
fchende Sprachgebrauch noch zwifchen jener und diefem
einen Unterfchied zu machen.

Hat der Verf. durch feine Begriffsbedimmungen das
Thema über das, was man gewöhnlich davon erwartet,
hinaus erweitert und es in gewiffem Sinne intereffanter
gedaltet, fo fchafft er fich außerdem einen Maßdab zur
Beurteilung der von ihm zu fchildernden Löfungsver-
fuche des Problems, indem er aus einer Kritik der möglichen
Verfahrungsweifen den Kanon ableitet: ,Es be-
deht . . . das Wefen einer wirklichen Theodicee darin,
von dem wahren Wefen der Welt, ihrer Ordnung und
Zweckmäßigkeit zu dem Begriffe des höchden Wefens
als des geidigen Urhebers diefer Schönheit und Ordnung
vorzudringen, die durch ihn und zu ihm aus einem ihm
urfprünglich heterogenen Subflrate hervorgehen'.

Im übrigen id der Gang der Dardellung etwa folgender
.

Zunächd wird ausgeführt, daß es ein bis ins Mittelalter
zurückreichender Konflikt id, der in den Bemühungen
des 18. Jahrhunderts um die Theodicee nach einem
Ausgleich ringt, nämlich der ,Kampf einer nach äußerer
Klarheit drehenden, zur Mathematik führenden und an ihr
fich fedigenden Weltanfchauungsweife mit einer anderen,

| die auch die verborgenen Tiefen des Wefens der Welt und
den auf feinem Grunde verborgenen Zwiefpalt finnend
und fchaffend zu umfaffen fucht, die Tiefe zur Klarheit
emporziehen, das an fich Irrationale, aber dem Gefühle
Gewiffe begreifen laffen will'. In anderer Art wieder
follen fich die Diskuffionen des Aufklärungszeitalters
über das Theodiceeproblem ankündigen in den philo-
fophifchen Streitigkeiten des 17. Jahrhunderts über die
Möglichkeit einer Wechfelwirkung zwifchen Geid und
Materie einerfeits, in den theologifchen Streitigkeiten der-
felben Periode über das Verhältnis von göttlicher Allmacht
und menfehlicher Freiheit andrerfeits.

Und nun folgt in drei Kapiteln (V, VI, VII) eine
von einer intereffanten Auseinanderfetzung über die Begriffe
der Möglichkeit und Notwendigkeit durchbrochene
und auch fond mannigfach abfehweifende, aber eingehende
und fcharffinnige kritifche Befprechung der Theo-

j dicee Leibniz', die zu dem Ergebnis gelangt, daß der Verflach
des großen deutfchen Denkers verfehlt fei, indem
er trotz des redlichden Strebens über eine mechanidifch-
mathematifche Auffaffung der Welt thatfächlich nicht
hinauskomme und fchließlich doch die menfehliche Freiheit
preisgebe. In einem gewiffen Gegenfatz dazu werden
(Kap. VIII) als beachtenswerte ,Reaktionen gegen die
mathematische Weltanfchauung' die Theorieen Cudworths
und Shaftesburys befchrieben.