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Ausgabe:

1909

Spalte:

174-177

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Minges, Parthenius

Titel/Untertitel:

Das Verhältnis zwischen Glauben und Wissen, Theologie und Philosophie nach Duns Scotus. Dargelegt 1909

Rezensent:

Heim, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 6.

174

find. Die eigentümliche Art, in der in Ägypten die Eingeborenen
mit Altertümern handeln, bringt es mit fich, daß
Blätter derfelben Handfchrift von verfchiedenen Käufern
erworben werden. Und das hat wieder eine fehr unheilvolle
Folge: die Refte einer Handfchrift liegen oft in
fünf oder noch mehr Sammlungen. Es ift fogar vorgekommen
, daß im 19. Jahrhundert für die Parifer Nationalbibliothek
Stücke einer Handfchrift erworben wurden,
von der hundert Jahre früher einige Blätter in italienifchcn
Befitz gelangt waren. Die Schwierigkeiten, die hier beliehen
, hat in fehr glücklicher Weife vor allem Walter
E. Crum befeitigen helfen durch feinen großen Catalogue
0/ the Coptic manuscripts in the British Museum (London
1905): hier findet man bei jedem Stücke vermerkt, welche
anderen Sammlungen Teile derfelben Handfchrift befitzen.
Auch Henry Hyvernat, Profeffor an der katholifchen
Univerfität in Washington (D. C), hat durch feine fleißigen
Vorarbeiten für die koptifche Reihe des genannten Corpus
viel dazu beigetragen, die Schwierigkeiten zu heben. Aber
es ift begreiflich, daß fich unter diefen Umftänden das
Erfcheinen der koptifchen Schriftfteller verzögern mußte.

Es entfpricht dem gefchilderten Tatbefiande, daß zu-
erft bohairifche Texte veröffentlicht wurden. Bei diefen
tritt die erwähnte Schwierigkeit weniger in die Erfcheinung:
man findet da eher vollftändige Handfchriften an einem
Orte. Zuerft erfchien, Ende 1906, meine Ausgabe der
bohairifchen Befchreibung von Schenutes Leben. Für
diefen Text kam, außer drei kleinen Leipziger Bruch-
ftücken, nur eine vatikanifche Handfchrift in Frage. Das
handfchriftliche Material war alfo leicht zu befchaffen,
umfo mehr, als ich mich der Unterfiützung Abele's und
Crum's erfreuen durfte. Auch die vorliegende Veröffentlichung
von Baleftri und Hyvernat bietet bohairifche
Texte nach vatikanifchen Handfchriften.

Die Helden der mitgeteilten Märtyrerakten find die
folgenden: 1) Lakaron (14. Paopi); 2) Anatolius (11. Tobi);
3) Theodor der Morgenländer mit feinen Gefährten
(12. Tobi); 4) Sarapion (27. Töbi); 5) Apa Ttl (16. Epep);
6) Paphnüti (20. Pharmüthi); 7) Epime (8. Epep); 8) Theodor
der Feldherr (20. Epep, mit einem Anhange über
Theodors Wundertaten); 9) Anüb (24. Epep); 10) Apoli
(1. Mefure). Die Texte find, Dank der guten Befchaffen-
heit der Handfchriften, ziemlich vollftändig. Vielleicht
hätten fie fich mit Hilfe von Handfchriften andrer Sammlungen
noch etwas vervollftändigen laffen (zu Apoli vgl.
z. B. Crum's erwähnten Catalogue S. 155; auch die Leipziger
Codices Tischendorfiani würden wohl einige Ergänzungen
liefern). Aber wir find fehr dankbar für das
Gebotene, und was etwa noch nachzutragen ift, wird ja
gewiß die Fortfetzung des Werkes bringen. Da ich felbft
koptifche Texte herausgebe, weiß ich fehr gut, daß es
fchwer und oft unmöglich ift, das handfchriftliche Material
ganz vollftändig zu fammeln. Ich mache deshalb niemandem
einen Vorwurf, bei dem es in diefer Beziehung an
einer Kleinigkeit fehlt.

Die abgedruckten Martyrien fpielen fämtlich in der
Zeit Diokletians. Wer fie irgendwie als Gefchichtsquellen
für diefe Zeit verwerten will, wird freilich fehr vorfichtig
zu Wege gehen müffen. Die Herausgeber haben aber
dafür geforgt, daß dem Benutzer eine kritifche Stellungnahme
zum Inhalte der Texte erleichtert wird: fie haben
genau angegeben, wo wir griechifche, lateinifche, äthio-
pifche, fyrifche Parallelen zur bohairifchen Überlieferung
finden. Sehr wertvoll find die Texte für den, der das
koptifche Chriftentum des Mittelalters kennen lernen will.
Schon das ift bedeutfam, daß die Kopten fich für Märtyrerakten
befonders begeiftert haben: diefe machen einen
guten Teil der koptifchen Literatur aus (von den 48
geplanten Bänden der koptifchen Reihe des Corpus
werden 6 Märtyrerakten umfaffen). Ich erkläre mir diefe
Erfcheinung daraus, daß die Kopten im Mittelalter felbft
wieder Märtyrerzeiten durchlebten.

Auch fprachlich find die Texte von Wichtigkeit. Die
benutzten Handfchriften flammen (vgl. Crum, Egypt
Exploration Eund's Report 1907—08 S. 67 f.) aus der Zeit
um 900, find alfo verhältnismäßig alt und können deshalb
einen guten Ausgangspunkt bilden für eine genaue
Erforfchung der bohairifchen Mundart.

Die Namen der beiden Herausgeber haben einen
guten Klang in der ägyptologifchen Wiffenfchaft. Auch
ihr neues Werk ift in jeder Beziehung ausgezeichnet.
Die bohairifchen Texte find aufs forgfältigfte gedruckt,
fogar unter Berückfichtigung der Akzente und Striche.
Die Überfetzung ift fehr genau und wird Gefchichtsforfchern
die beften Dienfte leiften. Die angeführten Bibelflellen
find nachgewiefen. Ein Verzeichnis der vorkommenden
griechifchen Fremdworte foll dem letzten Bande beigegeben
werden: es fcheint mir befonders reiche Auf-
fchlüffe zu verfprechen.

Die nächften Bände der koptifchen Reihe werden
Schriften Schenutes und liturgifche Texte bringen.

Halle (Saale). J. Leipoldt.

Minges, P. DD. Parthenius, O. Fr. Min., Das Verhältnis
zwilchen Glauben und Willen, Theologie und Philolophie
nach DunsScotus. Dargelegt. (Forfchungen zur Chrift-
lichen Literatur- und Dogmengefchichte. VII. Band.
4/5. Heft.) Paderborn, F. Schöningh 1908. (XII, 204 S.)
gr. 8° M. 6.60

Diefe Schrift ift ein wertvoller Beitrag zur Korrektur
der befonders auf proteftantifcher Seite herkömmlichen
Auffaffung der Theologie des Duns Scotus und wird um
fo mehr Beachtung finden, als ihr weitere Bände über
das Verhältnis des Duns Scotus nicht nur zu Ariftoteles,
Auguftin und Thomas, fondern auch zu Luther und dem
Modernismus folgen follen. Es handelt fich um die An-
fchauung des Duns Scotus vom Verhältnis zwifchen
Glauben und Wiffen, Theologie und Philofophie im allgemeinen
. Nach B. Erdmann, Ä. Dorner, H. St. Chamber-
lain und anderen führt bei Duns das Auseinanderhalten
von Theologie und Philofophie faft zur Trennung. Es
kommt fogar vor, daß Duns fagt, ein Satz fei wahr für
den Philofophen, aber falfch für den Theologen. Diefe
auch von katholifchen Forfchern wie Schwane zugegebene
Scheidung von philofophifcher und theologifcher Erkenntnis
bei Duns hat nun aber, befonders auf feiten der
proteftantifchen Theologie, zu der Behauptung geführt,
bei Duns bahne fich bereits der Kantifche Gegenfatz
zwifchen theoretifcher und praktifcher Vernunft, ja die
moderne Unterfcheidung zwifchen wiffenfchaftlichem
Welterke nnen und religiöfen Glaubensgedanken an. So,
wenn R. Seeberg in feiner Darftellung der Theologie des
Duns Scotus fagt: ,Der Ort des religiöfen Erkennens ift
alfo nicht die theoretifche, fondern die praktifche Vernunft
'. ,Duns Scotus hat den Grundfatz von der Selb-
ftändigkeit der Theologie oder des religiöfen Erkennens
zum erftenmal klar ausgefprochen.' Zunächft wendet fich
Minges gegen die Meinung, daß nach Scotus Glaube und
Wiffen einander widerfprechen können und daß er kein
großes Gewicht auf den Nachweis der Harmonie zwifchen
Glauben und Wiffen legt. Die erften Argumente, die
Minges zur Widerlegung diefer Anfchauung vorbringt,
find wohl von geringer Bedeutung. Daß das Natürliche
die VorausfetzungdesÜbernatürlichen ift, daß die Glaubenswahrheiten
nicht bloß aus der Schrift und den Vätern,
fondern auch aus der Vernunft bewiefen werden, daß
z. B. auch Scotus die Trinität aus Analogien verftänd-
lich macht (gegen Harnack, Dogmengefch. III3 S. 470),
daß Scotus eine Menge apologetifcher Argumente vorbringt
, das würde an und für fich noch nichts gegen die
Erdmann'fche Auffaffung beweifen. Denn das find zum
großen Teil Dinge, die feit Alexander Halefius zum ge-
meinfamen Gedankengut der Scholaftik gehören und von