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Ausgabe:

1909

Spalte:

169-170

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer, Otto

Titel/Untertitel:

Die Entwicklung des Christentums 1909

Rezensent:

Mulert, Hermann

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169

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 6.

mäßig: fo leicht find diefe Widerftände denn doch nicht
aus dem Wege geräumt. Was fpeziell das Johannesevan- I
gelium anbetrifft, fo wird auch durch L.'s Ausführungen
der Satz keineswegs erfchüttert, daß fich Irenaeus auf
Polykarp als Zeugen für das vierte Evangelium nicht beruft
. Allerdings konflatiert L. eine folche Berufung.
Irenaeus fagt im Schreiben an Florinus (Euseb., H. e. V 20fi): ,
,0 üoXvxaQXoq aJirjyyeXXev otävxa ovucpojpa xaTg yQa(palqi. j
Nach S. 31—40 follen die ,yQct(pail johanneifche Erinnerungen
an Leben und Lehre Jefu fein, die in der Form
von .separate booklets' (S. 36) umliefen und fich dann
fpäter — Mitte des 2. Jahrhunderts — zu unferem Jo- J
hannesevangelium zufammenfchloffen — vielleicht unter
der Hand des Polykarp (S. 60). Man kann den Mangel
an Einheitlichkeit im Johannesevangelium fehr ffark empfinden
und glauben, daß hier das eigentliche Problem
liegt, den L.'fchen Beitrag zur Löfung der Frage nach der
Kompofition des vierten Evangeliums wird man fchwer-
lich mit Beifall begrüßen.

Die Unterfuchung über die Presbyterzeugniffe ftützt
fich auf die Arbeiten von Lightfoot, Harnack, Zahn, ohne
auf die neueren Verhandlungen, wie fie fich etwa an
den Namen P. Corffen knüpfen, einzugehen. L. kommt
zu demfelbcn Refultat wie Zahn, daß nämlich Irenaeus,
wenn er fich auf die Presbyter beruft, eine mündliche
Tradition gebrauche. So gewinnt er den Vorteil, der Erzählung
von dem Alter Jefu (Il 225) ,the transfiguratioii
qf all oral traditio/r als mildernden Umftand zubilligen
zu können. Seine Überzeugung von der Vortrefflichkeit
der auf Polykarp zurückgehenden Erinnerungen leidet
darunter nicht.

' Die letzten Zeilen der Schrift entfernen — gleichfam
beiläufig — einen fchweren Stein des Anftoßes. Irenaeus, 1
deffen genaue Kenntnis der afiatifchen Verhältniffe fo laut
gepriefen wird (S. 58), hat auch die Apokalypfe demZebe-
claiden zugewiefen, der fie ,erft in unferem Zeitalter am
Ende der Regierung Domitians gefchaut habe (V 303),
und fich betreffs ihrer auf Leute berufen, die den Johannes
noch von Angefleht gefehen haben (V3O1). L. hat die '
johanneifch-apoftolifche Autorfchaft bezüglich der Offenbarung
aufgegeben. Um nun die Ausfagen des Irenaeus
begreiflich zu machen, ohne feine Glaubwürdigkeit in
Sachen des Evangeliums zu fchädigen, dekretiert er: die
Apokalypfe wurde in Rom, jedenfalls im Werten, um die :
Mitte des 2. Jahrhunderts abgefaßt. Die Stellung, welche
Juftin (Dial. 81) diefem Buche gegenüber einnimmt, über- ;
hebt uns der Notwendigkeit, weitere Gegeninftanzen beizubringen
.

Marburg (Herten). Walter Bauer.

Pfleiderer, Prof. D. Otto, Die Entwicklung des Christentums.

München, J. P Lehmanns Verlag 1907. (IX, 270 S.) 8°
M. 4 —; geb. M. 5—; in Liebhaberbd. M. 6 —

Das vorliegende Buch bildet, obwohl für fich ver-
lländlich, doch im Sinn des Verfaffers ein Ganzes mit feinen
beiden anderen Werken: ,üie Entftehung des Chriftentums'
und .Religion und Religionen'. Deshalb, und weil er ein
populäres Werk fchaffen wollte, irt hier eine Auseinander-
fetzung über Einzelheiten weniger am Platze, als eine
allgemeine Charakterirtik. Billigung verdient, daß Pfleiderer
die Hälfte des Buches auf die Neuzeit verwendet
hat; ganz abgefehen von der anfechtbaren Frage nach
der .Wichtigkeit' der verfchiedenen Perioden der Kirchen- !
gefchichte wird man doch fagen müffen: Die Entwicklung
feit 1500 irt oder erfcheint uns komplizierter. Von be-
fönderem Intereffe irt natürlich die Frage: wie verhält
fich das Gefchichtsbild Pfleiderers, der fich auch hier als
Schüler Baurs und Vertreter der theologifchen Traditionen
bekennt, deren charakteriftifchrter Krbe in der Gegenwart
er in der Tat war, zu der Gefamtauffaffung der Gefchichte
des Chriftentums, die ihre ftärkrten Impulfe von A. Ritfehl
und Harnack her empfangen hat? Zunächrt: Pfl. polemi-

fiert gegen diefe Gefchichtsauffaffung nirgends ausdrücklich
, und nicht rtärker und öfter als gegen andere von
ihm abgelehnte Anflehten; überhaupt aber herrfcht die
ruhige Darftellung ohne polemifche Seitenblicke durchaus
vor. Gewiß find Differenzen da; man kann fie zu-
fammengefaßt finden in der verfchiedenen Schätzung
deffen, was das Hiftorifche und was das Ideale, das Philo-
fophifche für den Glauben bedeuten. Pfl. überläßt nicht
nur Jefus und das Urchriftentum der auf allen anderen
Gebieten geübten hiftorifchen Kritik in einer Weife, die
Ritfehl abgelehnt hätte, fondern es irt ihm auch eine folche
religiöfe Wertfehätzung einzelner gefchichtlicher Größen,
fpeziell Jefu, wie fie bei Herrmann oder in Harnacks Wefen
des Chriftentums zutage tritt, fremd. Auf der andern Seite
vermag er allerlei kirchlichen Lehrgebilden aus verfchie-
dener Zeit, die von neueren Theologen fcharf kritifiert
und als uns fremd abgelehnt werden, um ihres fpekula-
tiven Gehalts willen ein freundliches Verrtändnis entgegenzubringen
. Hingewiefen fei hier auf die Würdigung des
Paulus (S. 24 ff.), nur angedeutet die Frage, ob Pfl. in der
Art recht hat, wie er die Idee der Gottmenfchheit oder
der Lebensgemeinfchaft zwifchen Gott und Menfch als
religiöfe Zentralidee fchon in der urchriftlichen und altkirchlichen
Zeit vorhanden findet. Alle diefe Differenzen
erfcheinen aber, im Verhältnis zu dem Gegenfatz gegen
ein katholifches oder orthodox-proteftantifches Gefchichtsbild
, nur als folche des Grades. Hierhin gehört es, daß
die Bedeutung der Täufer der Reformationszeit und der
Sozinianer befonders hervortritt, daß die Religion unferer
Klaffiker mit Liebe behandelt wird. Zwifchen altem und
neuem Proteftantismus wird fcharf gefchieden. Daß im
19. Jh., während Baur und Rothe eingehend gefchildert
werden, Ritfehl gar nicht und von den Theologen der
kirchlichen Reftauration nur Hengftenberg erwähnt wird,
irt ja offenbar verkehrt; aber man gönnt Pfl. die Freude,
mit der er am Schluß das Zunehmen des Intereffes für
religionsgefchichtliche Forfchungen feftftellt, und freut fich
der Frifche, mit der er das praktifche Chriftentum, das
kirchliche Vereins wefen, alle fozialen und kulturdurchdringenden
Tendenzen im evangelifchen Chriftentum der
letzten Jahrzehnte begrüßt. Befonders kräftig irt der Ton
gegen den Ultramontanismus. Die Darftellung ift ftets gewandt
und lebendig, fodaß trotz kleiner Ungenauigkeiten
und Ungleichmäßigkeiten (z. B. wird der Pietismus als
Bewegung in der lutherifchen Kirche bezeichnet, und der
Janfenismus gar nicht erwähnt) das Buch als kurze Kirchen-
gefchichte namentlich auch für gebildete Nichttheologen
zu empfehlen ift.

Kiel. FI. Mulert.

Bach, Gymn.-Dir. Dr. Jofeph, Die Zeit- und Feltrechnung

der Juden unter befonderer Berückfichtigung der
Gauß'fchen Ofterformel. Nebft einem immerwährenden
Kalender. Freiburg i. B., Herder 1908. (48 S.)
4° M. 2 —

Der Verfaffer befchäftigt fich in diefer Schrift mit
einer populären Ableitung der bekannten Gauß'fchen
Formel zur Berechnung des jüdifchen Ofterdatums. Eine
folche populäre Ableitung ift gewiß für das Verrtändnis
weiterer Kreife ganz verdienftlich; dageg en find die Bemerkungen
des Verf. über die Beweife jener Formel
von Grefy, Hamburger u. a. unvorfichtig, denn diefe
Mathematiker wandten fich in ihren Schriften an einen
mathematifch gebildeten Leferkreis und hatten gar
nichts mit populärer Darfteilung zu tun. Verf. hat die
Ofterformel vereinfacht und ihr eine praktifche Geftalt
gegeben. Mittelft derfelben berechnet er eine Tafel
fämtlicher Ofterdaten von 4260 bis 6759 W. Ä. (500 bis
2999 n. Chr.). Ferner konfluiert er einen immerwährenden
Kalender, aus dem man mit Hilfe des Ofterdatums
das chriltliche Datum des Erften jedes jüdifchen Monats

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