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Ausgabe:

1909 Nr. 4

Spalte:

121-122

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sérol, Maurice

Titel/Untertitel:

Le Besoin et le Devoir Religieux 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

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121

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 4.

122

Verfaffer die neueren Arbeiten zur Sache fo feiten einer
Erwähnung würdigt. Er nennt nicht einmal Troeltfchs
Studie über ,Religionswiffenfchaft und Theologie des 18.
Jahrhunderts' (Preuß. Jahrb. 1903). Kennt er diefe und
andere nicht?

Es follten Wünfche ausgefprochen werden. Die Be- I
urteilung, auch die der eingehenderen und dann oft gut j
geratenen Ausführungen über einzelne Philofophen und
Theologen, foll bis nach Erfcheinen der Fortfetzungen j
aufgefchoben werden.

Berlin. Leopold Zfcharnack.

Serol, Dr. Maurice, Le Besoin et le Devoir Religieux. (ß-ib-
liotheque apologetique. 7.) Paris, G. Beauchesne &
Cie. 1908. (216 p.) 8° fr. 2.50

Diefe Schrift bildet den fiebenten Band einer Biblio-
thcque apologetique, deren Verfaffer beinahe alle an dem
Institut catholique von Paris oder an der Ecole superieure
de Ideologie von Lyon in einem den ,Modernismus' bekämpfenden
Geilte wirkfam find. Daß fie indeffen felber
für die Frageftellungen und Grundfätze der modernen
Wiffenfchaft ein Verftändnis haben und in ihrer Weife
den Forderungen der Gegenwart nachzukommen fich
beftreben, erhellt aus dem intereffanten Buch des Schriftführers
der Revue de Philosophie, das ich hier zur Anzeige
bringen darf.

Die Schrift Serols will zunächft nachweifen, daß die
Natur (la loi naturelle) dem Menfchen die Glaubenspflicht
{le devoir religieux) vorfchreibt, hierauf verfucht fie, den
Inhalt diefer Pflicht zu beftimmen. Um zu diefem Ziele
zu gelangen, find drei Wege möglich: der metaphyfifche
Weg, welcher, von dem Begriff Gottes als des Schöpfers
und der Vorfehung ausgehend, zur Verpflichtung führt,
Gott zu dienen; der moralifchc Weg, welcher aus den
Schwierigkeiten der individuellen und fozialen Pflichten
die Notwendigkeit einer als Hilfe fich darbietenden
Religion ableitet; der pfychologifche Weg, der feinen
Ausgangspunkt in den menfehlichen Beftrebungen (ten-
danecs) nimmt, fofern diefelben die von der Natur gebotene
Zweckmäßigkeit anzeigen. Ohne die beiden erften Methoden
prinzipiell zu verwerfen, will der Verf. die dritte
zur Anwendung bringen.

Zur Löfung des in diefem Satze geftellten Problems
unterfucht S. zunächft die tendances natives de la natnre
humaine. Er führt diefelben auf zwei Gruppen zurück:
die aus dem Trieb der Selbfterhaltung und Selbftent-
wickelung flammenden individuellen Beftrebungen, und
die auf das Wohl der Gemeinfchaft ausgehenden altrui-
ßifchen oder fozialen Tendenzen. Diefes in der menfehlichen
Natur begründete Sehnen und Streben findet in
den vergänglichen Gütern der endlichen Natur nicht feine
wahre,' volle Befriedigung. Wohl haben die Menfchen
nach mancherlei Mitteln gegriffen, um den ihrer Welt-
ffellung anhaftenden Widerfpruch zu löfen und die innere
Harmonie zwifchen Wunfeh und Wefen herzuftellen. Aber
weder die Stoiker, welche die natürlichen Triebe gewalt-
fam zurückdrängen und in der arapagt'ß und äscaireia ihre
Zuflucht fuchen, noch der in verfchiedenen Formen auftretende
Peffimismus, der den Willen zum Leben auszurotten
fich beftrebt, noch der naturaliftifche Evolutionismus
eines Guyau oder Stuart Mi 11, die dem Individuum die
ideale Aufgabe der Vervollkommnung der Menfchheit
auf Korten der eigenen Befriedigung vorfchreibt, vermögen
die adequation des pouvoirs aux tendances zu vollziehen.

Während die ,naturaliflifchen Methoden' die menfehlichen
Beftrebungen niederhalten oder auf das Niveau der
natürlichen Vermögen und Gegenftände heiabdrücken auf
die Gefahr hin, das menfehliche Wefen zu verftümmeln,
fchlägt die .religiöfe Methode' einen entgegengefetzten
Weg ein. Diefe will den verhängnisvollen Konflikt dadurch
löfen, daß fie dem natürlichen Vermögen einen
Zuwachs an Kraft zuteil werden läßt und dem menfehlichen
Streben einen ihm entfprechenden Gegenftand gewährt
. Sie erfchließt dem unter dem Druck der irdifchen
Mächte feufzenden Gefchöpf eine Welt, in welcher es
nicht nur Schutz und Hilfe, Kraft und Troff erfährt, fondern
auch unvergängliche und felbft feine kühnffen Hoffnungen
überbietende Werte findet. Eine Wolke von Zeugen,
deren Ausfagen der Verf. gefchickt auswählt und verwertet
, beftätigt und bewährt die Richtigkeit des durch
die Religion erhobenen Anfpruchs: fie allein, in ihrer
höchffen Art und Stufe, als chriftliche Religion vermag
dem Lebensbedürfnis feine wahre Befriedigung zu geben
und dem in der Natur felbft begründeten Poftulate zu
entfprechen.

Damit ift behauptet, daß die Religion als praktifche
Angelegenheit des menfehlichen Geiftes eine actualisaiion
des tendances vitales (119) darftellt. Doch ihr Wefen er-
fchöpft fich nicht in der Löfung einer praktifchen Lebensaufgabe
. Dem Ausfpruch Leubas , The essence of religion
is a striving towards being, not towards knozving' kann
S. nicht beipflichten. Diefen auch von Sabatier, Flournoy
u. a. vertretenen ,biologifchen Agnoffizismus' bekämpft
er mit großer Energie, indem er den Satz aufffellt und
begründet: La Solution religieuse implique essentiellem, ut
une doctrme, et tkomme religieux normal et consequent
ne peut etre qiiun croyant (141). In der Durchführung
und Verteidigung diefer programmatifchen Erklärung gibt
fich der gläubige Katholik zu erkennen. Um die croyance
obligatoire zu entdecken und zu beftimmen, ift fövvohl
die durch den älteren Rationalismus angewandte Methode
der kritifchen Unterfuchung, als auch das myftifche Verfahren
des liberalen Proteftantismus der Gegenwart unzu-
| länglich. Es bedarf vielmehr einer übernatürlichen, von
Gott felbft gelüfteten und beglaubigten Lehrautorität, die
nicht im toten Buchftaben eines Buches beftehen kann,
fondern durch lebendige Organe, durch ein magistere
vivant fich betätigen muß. Mit nicht zu leugnender Gewandtheit
bemüht fich der Verf. um eine pfychologifche
Verteidigung einer folchen Methode, deren Recht und
Notwendigkeit er auch befonders durch den Hinweis der
im Lager des radikalen Proteftantismus herrfchenden dog-
matifchen Anarchie zu begründen fucht. In feiner mit
großer Entfcheidenheit und zugleich mit vornehmer
Courtoifie geführten Polemik ftellt fich S. auf den durch
die Enzyklika Pascendi feftgelegten Boden (152ff.).

Die im Vorhergehenden mitgeteilte Inhaltsangabe
geftaltet fich von felbft zur Charakteriftik der Behandlungsweife
und des Standpunktes des Verfaffers. Mit dem
durch die neueren Religionspfychologen, Starbuck, James
U. a. gefammelten Material weiß er der von ihm angewandten
Methode ein modernes Geficht zu geben und die
in Angriff genommenen Probleme mit dem zeitgenöfiifchen
Bewußtfein in Kontakt zu bringen. Die Methode felbft
erinnert in ihren Grundzügen fehr an Pascal's Apologie
und an einige Schriften des 1898 verftorbenen katholifchen
Philofophen Olle-Laprune: das Ausmünden der pfy-
chologifchen Strömung in den allen Stürmen entnommenen
Hafen der katholifchen Wahrheit, wir finden es hier in
einer nicht fo ergreifenden und tragifchen Form wie bei
Pascal, in einer zum Teil auch durch die proteftantifche
Wiffenfchaft bereicherten Ausftaltung, die dem Verfaffer
der Schriften La raison et le rationalismt; De la certitude
morale, Ce qu'on va chercher ä Rome, nicht zu Gebote
flehen konnte. Das Ergebnis feiner Darftellung hat er
felbft auf einen korrekt katholifchen und befonnenen
Ausdruck gebracht: ,L'autorite definitive, pourvu qu'elle
sott en tneme temps vivante et surnaturelle, demeure dans
la condition actuelle de Vhumanite, l'auxiliaire indispensable
de la raison et de l'experience individuelles, pour
assurer a toute ante de banne volonte le benefi.ee d'une
croyance ferme et d'une vie harmonieuse et Jeconde1 (197).
Straßburg i. E. P. Lob dein.