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Ausgabe:

1909 Nr. 4

Spalte:

119-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burckhardt, G. Ed.

Titel/Untertitel:

Die Anfänge der geschichtlichen Fundamentierung der Religionsphilosophie. Grundlegende Voruntersuchung zu einer Darstellung von Herders historischer Auffassung der Religion 1909

Rezensent:

Zscharnack, Leopold

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119 Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 4. 120

folcher Reifen. Das muß überhaupt bei der Beurteilung
der Jofephinifchen Reformen flehender Grundfatz fein,
daß fie nicht ifoliert betrachtet fein wollen, fondern als
Abfchluß der auf die Babenberger zurückgehenden Pläne
zur Gründung einer öfterreichifchen Landeskirche zu gelten
haben. Mit diefem Grundfatz hat Kusej Ernft gemacht.

Er läßt fich in feinem Urteil über den Jofephinismus
weder irreführen durch die Polemik der Mönche, die über
die Klofterregulierung (vgl. S. 231 ff., 24.2Ü., 26aff.) empört
waren, noch durch die Unruhen im Volk (S. 321fr.), dem
die Aufhebung der vielen Feiertage und das Verbot der
kleidergefchmückten Madonnenbilder in den Kirchen
mißfallen hatte, während es von den rein politifchen
Reformen nichts verfland und fie ftill hinnahm. Sichereren
Boden für eine gerechte Beurteilung glaubt Kusey mit
Recht unter den Füßen zu haben, wenn er fieht, daß
Jofeph in der Diözefanregelung wie in der Neueinteilung
der Pfarrfprengel (S. 249fr.) längft begonnene Arbeiten
und vom Klerus gewünfchte Reformen mit Hilfe eben
diefes Klerus zu Ende führte. Obwohl der Sieg kein
fchlagender Beweis für die Güte der Sache ift, kann
Kusej fchließlich auch darauf hinweifen, daß die Gegenwart
nicht viel über Jofeph II. hinausgegangen ift und (ich,
wie die Tafeln 2 und 3 (vgl. auch S. 223 fr.) zeigen, nur
wenig von feinen Regulierungen entfernt hat.

Befondere Aufmerkfamkeit hat Kusej noch der Frage
nach der Mitwirkung Roms gefchenkt. Als Gegenftück
zur Gefchichte der Säkularifationen und der ftaatlichen
Klofterflürmerei ift von katholifchen Theologen öfter eine
Darfteilung deffen, was Rom zur Abwehr jener Räubereien
und zur Rettung der durch Staatswillkür gefchwächten
katholifchen Kirche getan hat, gefordert worden. Sie
foll fozufagen die Antwort auf die Frage, ob Staat oder
Kurie, erleichtern. In der öfterreichifchen Frage ift Rom
nicht läffig gewefen. Pius VI. hatte infolge feiner per-
fönlichen Intervention in Wien auch manchen Erfolg zu
verzeichnen, fand aber mit Ausnahme des Erzbifchofs
von Görz im gefamten Inneröfterreich keinen einzigen
Diözefanen als Fürfprecher der Rechte der Kurie. Trotzdem
hat Jofeph in Allem mit ihm verhandelt. Der Papft
mußte fchließlich verzichten auf Rechte, von denen Einzelnes
fchon unter Maria Therefia abgebröckelt war, und
mußte in den Dekreten von März-April 1787 (S. 340—349)
die ganze inneröfterreichifche Neuregelung gutheißen (vgl.
S. 61 ff., 7Öff, 2C-3ff.). Vielleicht wäre es wirkungsvoller
gewefen, wenn Kusej diefe Stellung Roms zum Jofephinismus
nicht passim, fondern in einem befondern Kapitel
behandelt hätte.

Als geringfügige Korrektur fei zuletzt erwähnt, daß
in der fonft fehr forgfältigen Bibliographie unter den
gedruckten Quellenwerken das i8bändige ,Handbuch aller
unter der Regierung des Kaifers Jofeph II. für die K. K.
Erbländer ergangenen Verordnungen und Gefetze' (Wien,

1785— 1790) einen Platz hätte finden follen und nicht
minder die die Vorgefchichte illuftrierende .Sammlung
aller K. K. Verordnungen und Gefetze 1740—80' (Wien,

1786— 87).

Berlin. Leopold Zfcharnack.

Burckhardt, G.Ed., Die Anfänge der gefchichtlichen Funda-
meniierung der Religionsphilofophie. Grundlegende Vor-
unterfuchung zu einer Darfteilung von Herders hifto-
rifcher Auffaffung der Religion. Berlin, Reuther &
Reichard 1908. (VI, 90 S.) gr. 8° M. 2.40

Es ift fchwer, einem noch nicht vollendeten Werk
in der Befprechung nicht unrecht zu tun, da man nicht
weiß, inwieweit das bisher Vermißte in den folgenden
Teilen der Arbeit nachgeholt werden foll. In diefer Lage
ift man der Studie Bürckhardts gegenüber. Er bezeichnet
fie felber im Untertitel als .Grundlegende Voruntersuchung
zu einer Darfteilung von Herders hiftorifcher Auffaffung

der Religion'. Aber er hat auch diefe Vorunterfuchung
nicht bis zu Ende gefuhrt, fondern fich befchränkt auf
die Skizzierung der .geiftesgefchichtlichen Vorbedingungen
für eine gefchichtliche Auffaffung der Menfchenwelt
überhaupt' (S. 12—42) und eine eingehendere Darfteilung
der .Entwicklung des Verhältniffes von Religion und Gefchichte
' (S. 43—89). Er nennt felber am Schluß weitere
Vorausfetzungen für die gefchichts- und religionsphilo-
fophifchen Gedanken Herders, die einer Erörterung innerhalb
der Vorunterfuchung bedürfen, das Kulturproblem
Rouffeaus und deffen Philofophie des Gefühls und des
Unmittelbaren, den Neuhumanismus Winckelmanns, die
Entwicklung der Göttinger hiftorifchen Studien, die kri-
tifche Theologie Semlers und Leffings und der andern
deutfchen aufgeklärten Theologen und Popularaufklärer,
endlich Hamann und Kant, — Größen, von denen er mit
Recht fagt, daß fie großenteils in unmittelbarerer Beziehung
zur Gedankenentwicklung Herders geftanden haben, als
die Mehrzahl der im vorliegenden Heft befprochenen.

Obwohl alfo diefe Vorunterfuchung fo ganz frag-
mentarifch vorliegt, foll doch dasErfcheinen diefes Anfangs
willkommene Gelegenheit geben, dem Verfaffer einige
Wünfche vorzutragen für die Fortfetzung der Studien.
Als Hauptmangel muß des Verfaffers Abficht empfunden
werden, auf engem Räume die Gefchichte aller Probleme
und Methoden bis zum Anfang zurückverfolgen zu wollen.
An Stelle der geplanten Darfteilung entfteht dadurch eine
Sammlung von Aphorismen, die für das Objekt der gegenwärtigen
Unterfuchung keinen direkten Wert haben. Rat-
famer als diefe fogenannte Vollftändigkeit in der Dar-
ftellung der Problemgefchichte wäre m. E. die Befchrän-
kung auf eine genaue Analyfe der Gedankenwelt derer,
die wirklich nachweisbar auf Herder Einfluß geübt haben.
Diefen Grundfatz wendet Burckhardt felber einmal S. 65
Anm. 3 an; er will von Spinozas religionshiftorifcher
Stellung in der weiteren Erörterung abfehen, weil nicht
diefer felbft, fondern die von ihm beeinflußte oder mit
ihm verwandte zeitgenöffifche Theologie auf Herder den
entfcheidenden Einfluß ausgeübt habe. Das ift ein gefunder
Grundfatz, der die Arbeit noch von manchem
Ballaft hätte befreien und fo Raum für Anderes hätte
fchaffen können. Pascal z. B. ift nicht weniger wichtig
als Vico, Hume, Shaftesbury, Voltaire und bedeutend
wichtiger als eine große Reihe der fonft befprochenen
Namen bis hin zu Heraklit, Hefiod, Polybius und Xeno-
phanes. Sollte aber Vollftändigkeit erreicht werden, dann
vermißt man ungern Namen wie Raimundus Lullus, Cardan,
vor allem aber eine eingehende Berückfichtigung der noch
unter der Herrfchaft der Orthodoxie gefchriebenen ,Re-
ligionsgefchichten' und der Ausführungen de religione
oder de theologia gentili in den dogmatifchen Syftemen.

Was die Einzelheiten betrifft, fo fcheint es erwünfcht,
daß unter den Vorbedingungen für eine gefchichtliche
Auffaffung der religiöfen Entwicklung neben der Entwicklung
der kulturgefchichtlichen Forfchung im 18. Jahrhundert
und außer der Durchbrechung des Supranaturalis-
mus und chriftlichen Partikularismus in der .deiftifchen'
Theologie die gefamte Entwicklung der .Wiffenfchaft vom
Menfchen' in demfelben Zeitalter eingehende Berückfichtigung
findet. Für diefe Darfteilung der anthropologifchen,
ethnologifchen, linguiftifchen, pfychologifchen Kenntniffe
der Auf klärungundzugleichauch derGefchichtsphilofophie
der Zeit wird Burckhardt der Studie von Felix Günther
über ,die Wiffenfchaft vom Menfchen' (Gotha, 1907) manche
Anregung entnehmen. Der einfeitigen Bevorzugung der
franzöfifchen Aufklärung gegenüber ift zu bemerken, daß
ein Bolingbroke doch wohl wichtiger ift als Voltaire, und
daß man neben den Engländern und Franzofen die
Holländer nicht vergehen kann, von denen nur der eine
Hugo Grotius von Burckhardt an einer Stelle flüchtig
genannt wird. Der Rückgang auf Renaiffance und Humanismus
, alfo über Deismus und Aufklärung hinaus, ilt dagegen
unbedingt zu loben. Zuletzt fällt auf, daß der