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Ausgabe:

1909

Spalte:

113-115

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Otto

Titel/Untertitel:

Alexius Chrosner, Herzog Georgs von Sachsen evangelischer Hofprediger 1909

Rezensent:

Bossert, Gustav

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H3 Theologifche Literaturzeitung 190g Nr. 4. 114

Noch weniger freilich möchte ich den Ausführungen
folgen, in denen Z. das Schweigen der Bulle über das
Approbationsrecht des Papftes 1 und über die erzkanzleri-
fchen Rechte der geiftlichen Kurfürften für bedeutungslos
und ohne Spitze erklärt. Daß der Politiker Karl tatfachlich
gelegentlich auch anders gekonnt hat, ändert nichts
an dem Sinn der Bulle. Wie denn überhaupt die unbe-
ftreitbare Tatfache, daß der Kaifer felbft fpäter in drei
Fällen es für gut erachtete, fein eigenes Gefetz außer
Kraft zu fetzen (I, 228f.), fchlecht zu dem allzu hohen
Lob paßt, in das Z. am Schluß (I, 237 f.) feine Bewunderung
für den .größten deutfchcn Gefetzgeber des Mittelalters
' zufammenfaßt.

Straßburg i. E. Robert Holtzmann.

Clemen, Gymn.-Oberlehr. Lic. Dr. Otto, Alexius Chrosner,

Herzog Georgs von Sachfen evangelifcher Hofprediger.
Leipzig, M. Heinfius Nachf. 1907. (III, 70 S.) gr. 8°

M. 2 ■—

In bekannter Sorgfalt und mit dem gewohnten
Gefchick, auf Bibliotheken und Archiven aufzufinden,
was andern entgangen war, hat O. Clemen fich daran
gemacht, ,eine auf den erften Blick recht rätfelhafte
Epifode in Herzog Georgs fonft fo klarer Kirchenpolitik'
aufzuhellen. Ift es doch überrafchend, daß der energifche
Gegner Luthers am 2. Juli 1524 in Dresden den Magifter
Alexius Chrosner aus Colditz auffordert, ,fein Kaplan zu
werden und ihm das Evangelium zu predigen'. Und diefer
Magifter war doch der Mann, dem Luther 1520 feine
Ratio confitendi gewidmet hatte (Weim. A. 6,157), den
er ,omnibuspcnc fortunis similis Spalatino' genannt hatte,
welcher Chrosners Kollege als Kanonikus in Altenburg
und darum für Luther ein mit dem Magifter communis
atnicus war. Überdies war Chrosner 1512—19 Erzieher
des jungen Ernefliners Johann Friedrich gewefen. Clemen
zeigt, daß Chrosners Berufung nicht die Frucht von
Praktiken der Lutherifchen war, die ,durch ihn des
frommen Fürften Herzog Georgs Hof vergiften und zu
fich reißen wollten', wie Cochläus meinte (S. 5), aber
auch nicht Augenblicken freierer gutmütiger Stimmung
entfprang, um Zumutungen zu entgehen, wie Seidemann
wollte (S. 26). Ebenfo wenig ift ,die Berufung Chrosners
ein Zurückkriechen, eine Kapitulation des Herzogs oder
eine captatio bcncvolentiae gegenüber feinen evangelifchen
Untertanen'. Seinem Grundfatz: ,Gerade aus macht gute
Renner' ift der Herzog auch auf dem Gebiet der Kirchenpolitik
immer treu geblieben; fie ift von Anfang bis zu
Ende klar und konfequent und verfchmäht Winkelzüge'.
Damit hat Clemen ficher das Richtige getroffen. Ein
glücklicher Griff ift die Heranziehung eines Briefs Georgs
an Landgraf Philipp vom 6, März 1526, in dem er fagt,
feit er zur Vernunft gekommen, habe er das Evangelium
Chrifti angenommen und denke auch dabei zu bleiben,
wie es die chriftliche Kirche angenommen und approbiert
habe. Das entfpricht ganz dem Abfchied des Nürnberger
Reichstags von 18. April 1524, wornach das heilige
Evangelium und Gottes Wort nach rechtem wahren
Verftand und Auslegung der von gemeiner Kirche angenommenen
Lehre ohne Aufruhr und Ärgernis gepredigt
werden follte. Clemen hat diefen Zufammenhang, in
welchem Herzog Georgs Vorgehen erft ganz verftändlich
wird, überfehen. Der Herzog will dem Reichstagsab-
fchied gemäß handeln. Er läßt Chrosner freimütig von
der Reformbedürftigkeit der Kirche reden, aber diefer
muß hinzufetzen, daß nur die Kirche felbft durch ihre
verordneten Organe, Papft, Bifchöfe, Konzilien reformieren
könne. Hat Chrosner diefen Standpunkt nicht korrekt
genug gewahrt, dann muß er zum Herzog ins ,grüne

1) Über diefen Punkt vgl. jetzt auch die, zwifchen der Niederfchrift
und der Korrektur diefer Anzeige erfchienenen, m. E. zutreffenden Ile-
merkungen von G. Kentenich in der Hirt. Vierteljahrfchrift XI, 4. Heft.

Stüblein', oder diefer fucht feinen Hofprediger in feinem
.Studium' auf und hält ihn an, in der nächften Predigt
fich korrekt auszufprechen und zu limitieren.

Es konnte nicht ausbleiben, daß Chrosner von altgläubiger
Seite beargewöhnt und verdächtigt wurde und
mancherlei Anfechtungen erlitt. Seine Predigten mußten
.unklar und gewunden' ausfallen, da er einen andern
Standpunkt hatte, als fein Gebieter, und doch in feiner
Eitelkeit und Einbildung auf dem Porten blieb, indem
er insgeheim die ftolze Hoffnung hegte, den Herzog
allmählich zum Luthertum herüberziehen zu können. Der
alte Abt Bachmann von Altzelle hat nicht fo unrecht,
, wenn er fagte, Magifter Stulticius (Coldicius) fei wie die
; Katze um den heißen Brei herum gegangen.

Wir lernen feine Hauptgegner, Hier. Emfer und deffen
Ende im Zufammenhang mit Chrosners Abfchied, den
Dresdner Pfarrer Dr. Peter Eifenberg, Abt Bachmann und
den SekretärThomasvon der Heide, den Vater desLeipziger
; Poeten Joachim Myricianus näher kennen; ferner fehen
1 wir, wie Chrosner Hier. Dungersheim bei der Reftauration
des alten Wefens in Mühlhaufen von Herzog Georg bei-
j gegeben wird, wie er eigenartig über das Abendmahl
1 und die Kirche predigte und am 9. Nov. 1527 aus Dres-
I den fcheiden mußte, ohne eine Abfchiedspredigt halten
zu dürfen. Dann hören wir, wie er wegen des von Otto
v. Pack erfundenen Bündniffes auch in Verdacht kam und
j vom Annaberger Bürgermeifter und Stadtfchreiber, fei es
als beftellten agents provocateurs oder als freiwilligen
J Spionen, ausgeholt wurde, und diefe feine Ausfagen ver-
I drehten, worauf er fich vor dem Herzog, zugleich wegen
der Anklage auf Bruch des Faftengebots, verteidigte.
Aber feine Gegner ruhten nicht. Franz Arnoldi, der Pfarrer
in Cölln bei Meißen, hieß ihn einen Gottesdieb, weil er
einen Sammtpfühl geftohlen haben follte, worauf Chrosner
feine .Verantwortung' fchrieb, gegen deren Veröffentlichung
Melanchthon Einwendungen machte, denn er fah
| in ihr ein speeimen hominis sibi nimium placentis und
ineptiae. Luther aber forgte dafür, daß fie wenigflens
I nicht in Wittenberg gedruckt wurde, damit das Kurfurften-
tum nicht dafür verantwortlich gemacht werden konnte.
Die Schrift ift feiten, aber fehr lehrreich, wie Clemens
Referat beweift.

Großes Auffehen erregten die oben genannten 1531
veröffentlichten zwei Predigten, die Chrosner am 20. und
29. Juli 1527 in der Dresdner Schloßkapelle vor Herzog
Georg gehalten hatte, aber ,mit etlicher jrer Weiterung
j odder verbefferung' herausgab und dem Herzog Georg
zu widmen wagte. Der Herzog befaß eine Niederfchrift
der beiden Predigten, welche ihm Chrosner feinerzeit
übergeben hatte, und fand fogleich, daß Manufkript und
■ Druck fehr verfchieden waren. Um den Verfaffer öffent-
I lieh als Lügner zu überweifen, fandte er beides an die
Leipziger Jurirten Ge. von Breitenbach und Ludwig Fachs,
die fanden, daß im Manufkript die Angriffe auf die Häupter
und ,die gehorfame der chriftlichen Kirche' nicht fo
; heftig waren und die lutherifche Lehre nicht fo klar
I ausgefprochen war. Ganze Sexternen voll Bosheit feien
! mehr im Druck als im Manufkript und dagegen vieles
ausgelaffen. Mit Recht war der Herzog über den Fälfcher
entrüftet, der den Wittenbergern vorgaukeln wollte, daß
er in Dresden fchon ganz in ihrem Sinn gepredigt habe.
Cle men fand in der Bibliothek des Waifenhaufes in
, Halle a. S. wenigftens die Originalhandfchrift des einen
I Sermons von der Kirche, den er S. 37—69 mitteilt, indem
er in den Anmerkungen die Abweichungen des Drucks
j verzeichnet. Eine Vergleichung zeigt, wie richtig das
Urteil der beiden Leipziger war. Chrosner war fortan
gerichtet und fand auch bei den Wittenbergern keinen
Boden mehr. Er mußte fich mit dem Kanonikat in Altenburg
begnügen, das nicht mehr als 6ofl. trug. Er ftarb
aber fchon 1535.

S. 1 Z. 7 v. u. 1. dominum ftatt dominum. S. 20 Z. 5
! gar allein am bret fein wollen = das Spiel allein für